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1. Sonntag nach Weihnachten / Fest der Heiligen Familie (29.12.19)

1. Sonntag nach Weihnachten / Fest der Heiligen Familie

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Hiob 42,1-6 Sir 3, 2-6.12-14 (3-7.14-17a) Kol 3, 12-21 Mt 2, 13-15.19-23

Allgemeine Erwägungen

An diesem Sonntag steht in der Dramaturgie des Kirchenjahres Simeon, der auf „Israels Trost“ wartet, im Mittelpunkt. Nach den jüdischen Vorschriften wird das Baby Jesus in den Tempel gebracht. Simeon erkennt in ihm den Heiland. Er erinnert sich an die Weissagung, die er vom Heiligen Geist erhalten hat und entdeckt, dass alles , was die Propheten zum kommenden Messias gesagt haben, mit der Geburt Jesu erfüllt ist.

Glaube und Spiritualität, die sich auf Jesus Christus gründen, könnten mit diesem Gottesdienst und den Worten aus Hiob 42 Stärkung und Ermutigung für ein nachhaltiges, demütiges Leben erhalten. Zusätzliche Vergewisserung erhält der Sonntag in den Lesungen der Kath. Ordnung durch die Verknüpfung mit der „Heiligen Familie“. Martin Uder erwähnt im liturgischen Lexikon die Bedeutung dieser Familie für unsere Frömmigkeit und verweist darauf, dass Gottes Gnade und sein Friede Familien begleiten. Schließlich erhält die Stellung des Festes im Weihnachtsoktav durch die Verwendung einer der drei Weihnachtspräfationen als Eröffnung des Hochgebetes ein besonderes Gewicht.

Gedanken zu den einzelnen Bibelworten

Mit Hiob 42 begegnen wir dem Ende des Hiobbuches. Wir lernen jemand kennen, der im Ringen um Gottes Nähe zweifelt, abzufallen droht und schließlich in seinem Glauben an Gott seinen Trost findet. Er bereut, mit Gott gestritten zu haben und spürt, wie die Erkenntnis in ihm reift, dass tatsächlich bei Gott nichts unmöglich ist. Wunder, die wir nicht entschlüsseln können, gibt es.

Es wäre vermessen, nun anzunehmen, dass Gott doch einfach alles ändern, retten, erneuern könnte, würden wir nur richtig glauben. Interessant ist dennoch zu vernehmen, wie das „Hören“ und „Sehen“ Hiobs ihn verändert.

Ich wage mal den Gedanken, dass die Aufbrüche der „fridays for future“, unsere pfälzischen Wege zum Einsparen von CO2, Trendsetter-Weltretter u.v.a.m. den Vers 4 aufnehmen. Es könnten erste Ideen sein, nachhaltig zu leben und verantwortlich in und mit der Schöpfung umzugehen. Wenn dem so ist, würde das Ringen des Hiob in unserer Spiritualität Früchte tragen. Das klingt sehr vermessen, passt dennoch zum Grundgedanken dieses Sonntages. Im Erkennen, dass sich mit der Geburt Jesu Gottes Weissagung erfüllt, öffnet sich ein anderer Weg, in der Schöpfung zu leben. Dafür könnte dieser Sonntag mit seinen Gottesdiensten werben.

In Sir. 3,2-6.12-14 (3-7.14-17a) vernehmen wir Mahnungen, die im 2. Jahrhundert vor Christus geschrieben wurden. Ob sich heute jemand wagt, so zu schreiben? Damals schien es gängige Praxis zu sein, die Familie so aufeinander zu beziehen. Vermutlich diente die „Heilige Familie“ wie eine Folie, um daran Lehre und Weisung zu entwickeln. Ein direkter Bezug ist jedoch nicht zu erkennen. Respekt und Achtung werden eingefordert und stellen damit eine deutliche Anfrage an unser generationenübergreifendes Zusammenleben. Nicht intendiert ist wohl der Gedanke, dass frühere Generationen „besser“ miteinander umgegangen sind. Eher geht es darum zu entdecken, dass sich Lebensweisen ändern müssen und es nicht einfach um ein krampfhaftes Festhalten überkommener Regeln geht. Bedenken wir in diesem Zusammenhang c. 1, 12, steht am Anfang der Weisheit die Gottesfurcht. Daraus entwickelt sich wiederum die Frage nicht nur nach dem menschlichen, gesellschaftlichen Zusammenleben, sondern auch nach dem Umgang mit unserer natürlichen Umgebung. Wenn Eltern Respekt verdienen, wie viel mehr verdient die uns umgebende Schöpfung unsere Achtung? Und wenn im Vers 12/13 der Sohn um Sorge für den Vater bis ins hohe Alter gebeten wird, wage ich mit Blick auf die Schöpfung die Hoffnung, dass wir auch bereit sind und lernen, sorgsam mit der Schöpfung umzugehen. Die Schöpfung ist für mich ein Teil dieser „Heiligen Familie“, die Respekt und Achtung verdient.

Kol. 3,12-21 ziehet nun an, bekleidet euch mit ... hört sich für mich wie eine Aufforderung an, Altes abzulegen und bereit zu sein, dem Neuen zu begegnen. Unterstrichen wird dies dadurch, dass dem Ökum. Heiligenlexikon zufolge zu Beginn der Industrialisierung in der Kath. Kirche (und auch Werteordnung) nicht alles, was als alt galt, schlecht ist. So wurde die Familie als erhaltenswert betrachtet und mit dem Bild der „Heiligen Familie“ sozusagen ein Vorbild geschaffen.

In der Diskussion um Nachhaltigkeit stellt sich die Frage, welche Werte die Industrialisierung überdauert haben und was es gilt, als technischen Fortschritt so zu nutzen, um den Wandel zu einem gerechten Leben in und mit der Schöpfung zu ermöglichen.

Neue Kleider könnten gerecht produzierte Waren sein, mit gerechter Entlohnung. Nur dieses Beispiel zeigt, wie aktuell Kolosser 3 ausgelegt werden kann.

Mt. 2, 13-15.19-23 Das Evangelium betont, dass Jesus ganz im Dienst der Gerechtigkeit steht, und dazu schlägt es zwischen alten und neuem Testament einen Bogen. In diesem Bogen drängt sich das Bild eines zweiten Mose auf, und zugleich wird die Erzählung zur Vorbereitung auf das Kommende im Leben Jesu.

Stellt sich die Frage, was in unseren Lebensentwürfen vorbereitet wurde und was da alles auf uns zu kommt?

Aus meiner eigenen Zeit im Kindergottesdienst ist mir in Erinnerung, wie damals erzählt wurde, wie wichtig es ist, aufzubrechen, Angestammtes zu verlassen, neu zu beginnen, sich darauf einzulassen, dass nicht nur Angst so einen Weg begleitet. Heute in der Rückschau sehe ich diese Verse wie eine Folie, gerade heute erlittene Fluchterfahrungen nicht einfach abzutun, sondern ins Gespräch mit alten Erfahrungen zu bringen. Und weiter betrachtet, könnte dies der Impuls sein, unsere biblischen Narrative zu nutzen, um heutige Aufbrüche zu beschreiben, um sie ein wenig davon wegzubewegen, als seien wir auf der Flucht. Vielmehr gilt es, die Klima-Fluchterfahrungen unserer Tage einzubinden in die große Bewegung hin zu einem gerechten Leben in und mit der Schöpfung.

Tatsächlich ist Mt. 2 wie eine Hilfestellung für unser Erzählen und zwar aus dem Blickwinkel derer, die wissen, wie diese Fluchtgeschichte weitergegangen ist. Da flüchtet jemand, dessen Leben im Dienste der Gerechtigkeit steht, damit dieses Leben überhaupt erst möglich wird. Aus dieser Perspektive ergeben sich viele Beispiele aus den aktuellen Fluchtgeschichten, die uns helfen können, neue Wege einzuschlagen und Lebensweisen zu ändern.

Zusammenfassend

Die Texte der Ev. und Kath. Lesereihe zum 1. Sonntag nach Weihnachten und Fest der Heiligen Familie gruppieren sich um die Frage nach Glauben und Spiritualität.

Die in diesen biblischen Schriften niedergelegten Gedanken enthalten Narrative, die geeignet sind, unsere heutigen Erzählungen zu beeinflussen. Wenn es bei „nachhaltig predigen“ um die Umkehr zu einem „guten Leben für alle“ geht, sind diese alten Narrative gerade die, welche es ermöglichen, nicht einem kurzfristigen Aktionismus nachzueilen. Sie bieten sozusagen Folien, um heutige Erfahrungen einzubinden, Wert zu schätzen und eine Bewusstseinsänderung voranzubringen.

Mit Hiob 24 gilt es aus unserem „Hören“ und „Sehen“ neue Schlüsse zu ziehen. Dazu passen die Mahnungen aus Sirach und ebenso die Frage der Lebensentwürfe aus Matthäus 2. Wenn der Kolosserbrief danach fragt, Neues anzuziehen, wird uns die Frage gestellt, ob wir tatsächlich bereit sind, neuanzufangen, also Altes aufzugeben. Eine lohnende Frage, im Weihnachtsfestkreis zu überlegen, was mit der Geburt Jesu tatsächlich die Radikalität besitzt, das Leben neuzuordnen. Darauf können/sollten Predigten zu diesem Sonntag Antworten versuchen.

Detlev Besier, Speyer

Literatur

Die Bibel, dt. Bibelgesellschaft Stuttgart, 1985
www.domradio.de – Beitrag von M. Uder
Tagesimpuls – Erabtei Beuron (www.erzabtei-beuron.de)
www.bibelwissenschaft.de/bibelkommentar

 

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