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3. Adventsonntag (15.12.19)

3. Adventsonntag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Lk 3, (1-2)3-14(15-17)18 (19-20) Jes 35, 1-6a.10 Jak 5, 7-10 Mt 11, 2-11

Keine Antwort ist auch eine Antwort? – Mt 11,2-11

Da ist ein Mensch, der aufgrund seines Redens und Handelns im Gefängnis sitzt. Und der in dieser existenziellen Situation seines Lebens Klarheit über einen anderen Prediger verlangt und braucht: den Jesus von Nazareth. Johannes schickt seine Gefährten raus, um eine Antwort auf die bohrende Frage einzuholen, ob dieser wirklich der erwartete Messias sei. Und Jesus reagiert nicht im Sinne eines „Ja oder Nein“, sondern er verweist die Jünger des Johannes auf das, was sie wahrnehmen. Was man auf den ersten Blick im Sinne eines „keine Antwort ist auch eine Antwort“ deuten könnte, lässt sich beim zweiten Hinsehen als Forderung der religiösen Kompetenz der Jünger auslegen: Als „Glaubensexperten“ sollten sie sich nicht von einem einfachen „Ja, ich bin es“ – das jeder sprechen könnte – leiten lassen, sondern ihre Kompetenz soll sich daran messen lassen, was sie sehen und wie sie es beurteilen. Die Dynamik des Textes ist von einer tiefen Endzeitstimmung geprägt. Und gerade in dieser emotionalen Aufgewühltheit ist es nicht entscheidend, was jemand sagt. Sondern es geht darum, was geschieht: Wunder(bares) oder Zustände, welche die Welt an ihr Ende bringen.
Denn anders, als eine Sachinformation nur zu hören, setzt ganzheitliches Wahrnehmen eine hinreichende Sensibilität und Empathie voraus – für Zustände wie für Menschen. Die Verwundung des Anderen und der Erde wird dann zur eigenen Verletztheit, die nach innen wie nach außen zielt: ins Mitleiden wie in die Aktion, dagegen anzugehen. So kann sie auch zu einer mystischen wie zu einer politischen Dimension werden. Hieran in einer Predigt anzusetzen, fordert und fördert die empathische, religiöse und auch gesellschaftspolitische Kompetenz der Hörerinnen und Hörer – anstatt in der Verkündigung (wie zu oft zu hören) auf „Moralin“ zu setzen.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt? – Jes 35,1-6a.10

Das erste Jesajabuch schließt mit satten Strömen eines nahezu überschießenden Glücksgefühls ab. Der Autor sieht die Vision eines ewigen Friedensreiches vor Augen, das er mit farbenfrohen Bildern ausmalt und veranschaulicht. Seine Aufgabe als Prophet bestand naturgemäß in der Kritik an den Verhältnissen seiner Zeit, die nicht den von Jahwe gewollten Zuständen auf Erden entsprach. Und diese Kritik verstand Jesaja bisher auch durchaus deutlich zu formulieren. Am Ende des ersten Buches jedoch überwiegen Hoffnung und Zuversicht. Mehr als das: Es ist eine unüberbietbare Begeisterung dafür, dass am Ende der Herr der Geschichte und der Gerechten das letzte Wort haben wird. Und so wird, grammatikalisch betrachtet, aus dem „Sollen“ zu Beginn für Jesaja das feststehende „Werden“ im weiteren Verlauf seiner Verheißung. Wer ebenso begeistert (und dabei authentisch) predigt, der steckt an. Denn hirnpsychologisch wirkt nicht das Vertiefen eingefahrener Spuren, sondern das Ändern bisheriger Musterzustände.
Das weiß jeder gute Pädagoge, das wissen Eltern ebenso: Wer immer nur die Regelverstöße betont, für den werden sie unbewusst so sehr zur negativen Realität, dass er selbst nicht mehr an Veränderung glauben kann. Menschen jedoch können ihr Verhalten verändern, sind zur Einsicht fähig – wer nicht mehr daran glaubt, der sollte besser nicht (mehr) in sozialen Berufen arbeiten. Denn sein Frust wirkt sich verstärkend auf Negativzustände aus. Vielmehr braucht eine verletzte Welt die Vision einer besseren Erde, wie alle Kreatur die (gesunde) Luft zum Atmen. In Veränderungsprozessen gehört es zum typischen Verlauf, dass nicht mehr weiter als bis zum gegenwärtigen Zustand gedacht werden kann.
In der Prozessbegleitung wende ich in solchen Dynamiken Kreativitätstechniken an, damit das Team oder auch die ganze Organisation buchstäblich weitersehen kann. So lassen sich zum Beispiel mit der Walt-Disney-Strategie, die von Robert Dilts entwickelt wurde, neue Perspektiven entdecken: Dilts sah in dem berühmten Kollegen „drei Walts“, die ihn nicht nur sehr erfolgreich gemacht hatten, sondern mit denen er sich immer wieder selbst übertraf: den Träumer („the dreamer“), den Realisten („the realist“) und den Kritiker („the spoiler“). Realisten und kritische Geister wird man in schwierigen Zeiten immer finden. Sie sind sofort zur Stelle, um auch noch das vermeintlich Letzte zu retten. Ihr Leitsatz ist ein: „Das hat noch nie geklappt …“ oder – beim Kritiker das: – „Das kann nicht funktionieren …“ Ausgesprochene Muster aus dieser Sicht besitzen eine große Energie und sind in der Lage, den begonnenen Prozess der Veränderung wieder aufzuhalten – verrückte und quergedachte Ideen, die auch bereits im Raum sind, buchstäblich zu spoilern. Sie wollen „lieber den Spatz in der Hand“ halten, als an die „Taube auf dem Dach“ zu glauben. Je mehr es (vermeintlich) noch zu klammern gibt an „Altbewährtem“, je stärker fällt das Echo auf diese Fraktion aus. So überlebenswichtig Angst auch ist, um nicht in neue Fallen zu tappen, diese ursteinzeitliche Emotion blockiert Areale im Gehirn, die für kreatives Denken essenziell sind. Daher sind es die „spinnerten“ Querdenker und Freigeister, auf die man in Veränderungsprozessen an diesem Punkt am meisten setzen sollte.
Denn sie vermögen es, über den Tellerrand zu schauen und damit bisherige Musterzustände zu durchbrechen. Sie können einem System eine neue Brille leihen, um auf die aktuelle Herausforderung zu blicken. Wobei es freilich den Mut braucht, diese einfach mal aufzusetzen. Von daher eignen sich spielerische Rollenspiele für den „träumerischen“ Zugang am besten. In der obengenannten Redewendung: Sie sehen die Taube auf dem Dach nicht als unerreichbares und nicht verfügbares Objekt, sondern sie entwickeln Ideen, wie man sie locken und einbinden könnte. Wie man ihre Freiheit für die Organisation nutzen könnte, um eine neue Identität, zum Beispiel einen neuen Markenkern zu entwickeln. Die Walt-Disney-Methode kann auch von einer Person allein angewandt werden. Entsprechend des „Inneren Teams“ nach Schulz von Thun finden sich auch in jedem Menschen verschiedene und sich widersprechende „Teamplayer“. Da ist der, der mit einem bestimmten Arbeitsfeld schlechte Erfahrungen gemacht hat und dort auf keinen Fall wieder tätig werden will. Da ist ein anderer, der immer wieder erlebt hat, dass es sich lohnt, sich auf Unbekanntes und auch mal Unsicheres einzulassen.
Weil es ungeahntes Neues hervorbringt und das Leben bereichert. Und da sind die durch die eigene Erziehung und Prägung mitgegebenen starken Glaubenssätze, wie: „Nur wer sich auf sich selbst verlässt, wird nie verlassen …“. Im Coaching zum Beispiel werden diese Player des inneren Teams sichtbar gemacht, verbalisiert. So gelingt es dem Klienten, in die Metaperspektive zu wechseln, die Dynamiken seines inneren Teams zu reflektieren – und im weiteren Prozess neue Handlungsstrategien mit veränderten inneren Teamkonstellationen zu entwickeln. Ob in der Arbeit mit einem Arbeitsteam oder mit einer Einzelperson: Der Wechsel der einzelnen Positionen – in der Regel mit drei Stühlen für die drei Rollen entsprechend Walt Disney – setzt in jedem Fall Assoziationen frei, die bisher unbewusst, verborgen, unausgesprochen waren.
Diese werden nun in einen Austausch zwischen den drei Perspektiven gebracht. Wichtig ist, dass in der Prozessbegleitung jeder Position dieselbe Bedeutung zukommt, denn jede hat ihre Berechtigung und ihren Wert für die Zielfindung. Und nicht selten hat der „Spoiler“ im Nachgang voller Respekt anerkennen müssen, das das, was der „Träumer“ sich zu denken – und vielmehr auch auszusprechen getraut – hat, den Prozess erst richtig in Fahrt gebracht hat. Denn anders als von Altkanzler Schmidt postuliert, können Visionen – und Visionäre – heilend und heilsam sein. Indem sie gedanklich und emotional eine mögliche Zukunft vorausnehmen und so den Blick nur in eine Richtung richten: nach vorn.
Sie sind daher für einen verwundeten und geschundenen Kosmos wichtiger denn je. Für eine Predigt mit dem Pathos eines Jesaja könnte die Botschaft heißen: Legt nicht zu schnell (weil erkannte Not auch immer Aktionismus freisetzt) die nächsten Handlungsschritte fest, sondern entwerft zuerst Visionen. Malt sie euch aus, hört sie, seht sie, fühlt sie und spürt ihre Kraft. Dann entwerft von diesen her erst eure Ziele. Und sie werden getragen sein von der Power eurer Vision.

Dr. Thomas Hanstein, Ulm

Literatur

https://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-innere-team (Zugriff: 06/2019)
Klein, Z. M. (2008): Kreative Geister wecken. Kreative Ideenfindung und Problemlösungstechniken – Ein Seminarkonzept für Trainer. Bonn: managerSeminare.
Hanstein, Th. (2018): Selbstmanagement mit Coachingtools – Ressourcen erkennen, nutzen und pflegen. Baden-Baden: tectum.

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