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2. Adventsonntag (08.12.19)

2. Adventsonntag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Lk 21, 25-33 Jes 11, 1-10 Röm 15, 4-9 Mt 3, 1-12


Every Day for Future oder: Eine neue Welt wird möglich sein

Die biblischen Texte des zweiten Sonntags im Advent beschreiben die Wiederkunft Jesu Christi und das nahende Reich Gottes. Beides wird bezogen auf das nachhaltig friedvolle und gerechte Handeln in dieser Welt.  Der wiederkehrende Jesus Christus wird dargestellt als gerechter Richter, der die Welt auf den Prüfstand stellt, der Menschen richtet, aufrichtet und rettet. Die Reich - Gottes - Erwartung ist geprägt von einer umfassenden Friedensvision und der Sehnsucht nach einer Gerechtigkeit, die Menschen und Tieren gleichermaßen gilt. So feiert der zweite Advent die kommende Erlösung – das evangelische Wochenlied EG 6 singt ein Lied davon.

In den kommenden Absätzen möchte ich  exegetische Überlegungen zu den vorgeschlagenen Bibeltexten des zweiten Adventssonntags zusammenfassen und einige Predigtgedanken formulieren.


Exegetische Überlegungen

Lukas 21:25-33

Der evangelische Predigttext muss im Zusammenhang mit Lukas 21:7 gelesen werden: Von der Beschreibung der Zeitgeschichte herkommend, eröffnet Lukas jetzt eine Zukunftsperspektive und prognostiziert eine Zeitenwende, die mit der Frage nach endgeschichtlichen Zeichen einhergeht. Im Unterschied zu anderer frühchristlicher Apokalyptik geht Lukas jedoch nicht auf diese Zeichen ein, sie tragen keine Bedeutung in sich, sondern leiten die Zeit der Ankunft des Menschensohnes und die Zeit der Erlösung ein. Die Wolke ist Zeichen der Gotteserscheinung (siehe auch Lukas 9:34). Sie greift ein beliebtes biblisches Motiv auf, in dem Kraft und Herrlichkeit Attribute göttlicher Majestät sind. Die Wolke, in der die Ankunft Jesu Christi Gestalt annimmt, entspricht auch die Wolke der Himmelfahrt (Apostelgeschichte 1:9,11). Sie wird so zu einem „Zeichen der effektiven Präsenz Gottes“.1

 „Das Kommen Jesu in einer für die Menschheit ausweglosen Weltsituation, die den Beginn des Endgerichts über die Völker anzeigt, ist für Jesu Jünger Zeichen ihrer jetzt bevorstehenden Erlösung… Mit dem Ende der beharrlich durchgestandenen Bedrückung und Demütigung, während der man den Kopf einziehen und sich ducken musste, ist für sie jetzt die Zeit gekommen, sich erleichtert aufzurichten und erhobenen Hauptes ihrem Erlöser entgegen zu sehen“.Seht auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht: Der Höhepunkt des Predigttextes ist auch der Wochenspruch der beginnenden Woche und gehört für viele Gottesdienstbesucher*innen zum guten Ton des zweiten Advent.

Was folgt daraus?

Lukas 21:29-31 leitet den ermahnenden Schlussabsatz ein: „Das von Lukas wie üblich eingeführte Gleichnis aus dem Naturleben fordert zur Achtsamkeit auf die Zeit auf“.3 Vers 33 betont die bleibende und nachhaltige Autorität Jesu: „Meine Worte werden nicht vergehen“! Wenn Lukas in diesem Absatz des 21. Kapitels über das zukünftige Reich Gottes spricht, dann beschreibt er einen Wechsel des Herrschaftsgeschehens, der sich nicht im Gericht, sondern in der Erlösung der beteiligten Menschen Ausdruck verschafft. Hier lässt sich eine Analogie zum Daniel-Buch erkennen, die auch an anderer Stelle bei Lukas deutlich wird. Lukas erweist sich als ein „beweglicher Stilist“. 4

Er greift apokalyptische Rede auf und modernisiert sie, indem er sie mit Ereignissen und Hoffnungen seiner Zeit verknüpft. In seiner Theologie endet die Endzeit nicht im katastrophalen   Gericht, sondern in der lebensermöglichenden Erfahrung göttlicher Weisheit. Wer von ihr weiß, weiß auch, was Leben retten kann auf dieser Erde. Das Verhältnis zum Menschensohn als dem Gegenstand der Naherwartung bei Lukas beschreibt Heinz Eduard Tödt so: Man verhält sich ihm gegenüber recht, wenn man auf Erden betet und wach ist.5 Aus der eschatologischen Heilserwartung resultiert eine alltagstaugliche Ethik: „Nach dem Verständnis der Bibel intendiert warten, bzw. Ruhe nicht die Untätigkeit des Menschen, sondern Hoffnung, in der verantwortliches Handeln möglich wird.6  

Römerbrief 15:4-9

Im Kapitel 15 schließt Paulus den Abschnitt in seinem Brief ab, der sich mit der Ethik und den Anforderungen des alltäglichen Christseins beschäftigt. Zusammenfassend beschreibt er die Möglichkeiten, die wir als starke Christenmenschen haben, nach Gottes Willen zu leben. Er zeichnet aber auch die Schwächen und Brüche nach, die christliches Leben ausmachen. Der Imperativ „Nehmet einander an!“ (Röm. 15:7) darf dabei nicht isoliert verstanden werden. Er bezieht sich auf den Indikativ der Zuwendung Gottes, den Paulus in den ersten elf Kapiteln seines Römerbriefs beschreibt. Am Anfang die gute Nachricht und das Angenommen sein bei Gott und dann die Bewährung in den konkreten Spannungen und Konflikten der Zeit. Unterschiede in der Gemeinde werden von Paulus dabei nicht nivelliert, doch fordert er zum Respekt im Umgang mit ihnen auf: in respektvoller Achtsamkeit vor einander kann gemeinsames Lob Gottes erklingen.

Jesaja 11:1-10

„Wenn sich Gewalt in Recht wandelt“: so beschreibt Bernd Obermayer den Herrschaftswechsel, der bei Jesaja zu einer beeindruckenden Friedensvision gerät.7 Die Friedensvision zeigt, dass die Folgen einer von Gerechtigkeit durchtränkten Herrschaft tiefer greifen, als ein einfaches Schweigen der Waffen.8

Tatsächlich bedeutet Frieden in der Vision des Jesaja weit mehr als die Abwesenheit von Krieg. Wenn Gott eingreift, hat das Folgen für das Zusammenleben von Mensch und Tier, von Welt und ganzer Schöpfung. In Jesaja 11:6-9 wird die ganze Schöpfung zum Akteur. Tiere und die ganze Natur führen vor, wie eine gemeinsame Zukunft möglich sein kann. Ein mögliches Anthropozän  erhält neue Maßstäbe. Der heilige Berg Gottes wird zu einem Safe Space (Jes. 11:9): Ein Ort ohne Bosheit und Schaden.

Matthäus 3:1-12

Im Matthäusevangelium wird der Gedanke der Umkehr betont, der mit der Erwartung des Reiches Gottes zusammenhängt. Tut Buße, denn das Himmelreich ist nah herbeigekommen. Matthäus blickt dabei auf Johannes den Täufer zurück, der in seiner prophetischen Rede auf Jesus und über Jesus hinausgeht. Hubert Frankemölle hat daraufhin formuliert: „Die Einbindung Jesu in das prophetische Judentum kann nicht deutlicher formuliert werden. Nach Matthäus führt Jesus die Botschaft Johannes des Täufers weiter. Wie jener fordert er Früchte des Glaubens, um dem Zorn Gottes zu entrinnen… Ihren Glauben müssen Juden und Nichtjuden im Tun be-glaubigen“ 9

Das Bild des Baumes verbindet Matth. 3 mit Luk.21; aber während der grünende Feigenbaum bei Lukas zu einem Bild gelingenden christlichen Lebens wird, betont Matthäus auch die Möglichkeit des Scheiterns, denn: Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen (Matth. 3:10).

 

Predigtgedanken

Fridays for Future!

Während ich im heißen Sommer 2019 Adventstexte reflektiere, gehen an jedem Freitag Kinder und Jugendliche auf die Straßen, um für mehr Klimaschutz und gegen die aktuelle europäische Klimapolitik zu demonstrieren. Ihr Ruf nach einer nachhaltig ökologischen Verantwortung und nach einem verantwortlichen politischen Meinungsbildungsprozess wird unüberhörbar. Eltern und Großeltern reihen sich ein, Fridays for Future wird zu einer weltumfassenden Protestbewegung für mehr Klimagerechtigkeit.

Every Day for Future: Die biblischen Texte des zweiten Advent entwickeln eine vergleichbare Zukunftsperspektive. Ausgehend von den entmutigenden Zeichen der Zeit werden im Alten wie im Neuen Testament Zukunftsmodelle entworfen, die mehr Gerechtigkeit und Frieden für die ganze Schöpfung beinhalten. Die Erwartung des kommenden Gottesreichs motiviert dazu, schon jetzt Regeln eines gerechten Zusammenlebens zu gestalten und Schritte hin zu einer lebenswerten Zukunft zu gehen. Every Day for Future! Eine neue Welt wird möglich! Ausgehend vom Wochenspruch und den biblischen Textes des Sonntags werden wir ermutigt, den aufrechten Gang zu üben und gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten – wissend um die Freude der Erlösung, die jetzt schon spürbar ist. „Die Adventszeit lehrt uns zu beten und dazu, Gerechtes zu tun weil, obwohl und indem wir auf Gottes Zeit warten“10. So richtet der zweite Advent den Blick auf das was zählt und auf die Schritte der Gerechtigkeit, die jetzt schon möglich sind. Im Predigttext und in den biblischen Lesungen wird deutlich, wie Gott und Mensch sich einander entgegenstrecken, wie Himmel und Erde sich miteinander verbinden. So beschreibt der zweite Adventssonntag neue Farben und neue Gerüche, neue Sehnsüchte und eine große Erwartung. Die Erwartung der Erlösung geht mit der Suche nach guten Lösungen für alltägliche Fragen einher -  es wird Zeit, sich neu auszurichten an einer Welt, in der Frieden und Gerechtigkeit sich küssen.

Als weiterer biblischer Text kann im Gottesdienst auch Psalm 63 aufgegriffen werden: Meine Seele dürstet nach dir! EG 6 und EG 18 nehmen Gedanken der biblischen Texte auf. Ebenso das Lied „Wir strecken uns nach dir“.

Beate Heßler, Dortmund

Literatur 

1. Wilfried Eckey: Das Lukasevangelium Band 2; Neukirchen Vluyn 2004 S. 865
2. Wilfried Eckey ebd. S. 865
3. Wilfried Eckey ebd. S. 866
4. Lukas Borman: Recht, Gerechtigkeit und Religion im Lukasevangelium; Göttingen 2001 S. 330
5. Heinz Eduard Tödt: Der Menschensohn in der synoptischen Überlieferung; Gütersloh 1984 S. 102
6. Matthias Käser-Braun: Der adventliche Vorbehalt. Oder: Warum die Adventszeit uns (polyphon) beten lehrt, in: David Plüss/Matthias Zeindler (Hg.): «In Deiner Hand meine Zeiten …». Das Kirchenjahr in reformierter Perspektive mit ökumenischen Akzenten (reformiert! Bd. 4), Zürich 2018, S. 42
7. Bernd Obermayer: Göttliche Gewalt im Buch Jesaja ; Göttingen 2014 S. 84
8. Bernd Obermayer: ebd. S. 85
9. Hubert Frankemölle: Das Matthäusevangelium; Stuttgart 2010 S. 30
10. Matthias Käser-Braun, s.o., S.54

 

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