wieviel

Pfingstsonntag (9.06.19)

Pfingstsonntag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Joh 14, 15-19 (20-23a) 23b-27 Vorabend: Gen 11, 1-9 od.
Ex 19, 3-8a.16-20b od.
Ez 37, 1-14 od.
Joel 3, 1-5
Tag: Apg 2, 1-11
(V:) Röm 8, 22-27
(T:) Röm 8, 8-17 od.
1 Kor 12, 3b-7.12-13
(V:) Joh 7, 37-39
(T:) Joh 20, 19-23 od.
Joh 14, 15-16.23b-26

Nachhaltigkeitsgedanke: Der Hl. Geist ist das unüberbietbar nachhaltige und schöpferische Prinzip Gottes - Völkerverständigung kann Wirklichkeit nachhaltig verändern - aus der Liebe Gottes resultiert dauerhafter und echter Frieden

Joh 14, 15-19 (20-23a).23b-27

Jesus stellt keine Bedingungen, formuliert seine Botschaft nicht als unterschwellige emotionale „Erpressung“. Zwischen Gottes Liebe und dem Einhalten der Gebote besteht kein „Wenn-dann-Zusammenhang“ im Sinne zu erfüllender Leistungen, sondern ein echter, innerer Kausalzusammen-hang: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ (14,15) Das ist einfach so, als innere Logik des Herzens. Wer liebt, hält schon das Gebot Gottes, anders geht es gar nicht. Umgekehrt gilt genauso: „Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht.“ (14,24) Auch hier gilt: Es gibt einen genuinen inneren Zusammenhang, keine Drohung mit Liebesentzug.

Wer sich auf Jesu Liebe einlässt, die gleichbedeutend mit der Liebe zu Gott ist, wird Teil einer großen Bewegung, die die Welt nachhaltig verändern wird. Denn Jesus verspricht allen, die mit ihm in Liebe verbunden sind: Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ (14,27a) Das ist wohl mit die schönste Bedeutung von Nachhaltigkeit, denn es geht um das Ziel aller Bemühungen: Eine Welt, in der die Menschen friedlich miteinander leben können, schließt auch alle anderen Bedingungen ein, die das Leben lebenswert machen: Eine Welt im nachhaltigen Frieden kennt keine Gewalt, nicht unter Menschen und Völkern, nicht gegenüber Tieren, nicht gegenüber den Ressourcen der Erde. „Frieden und Gerechtigkeit“ (vgl. Ps 85,11) sind von alters her untrennbar miteinander verbundener Teil von Gottes Verheißung. Wer sich darauf einlässt, lebt in einem besonderen Geist, den wir gerade an Pfingsten bewusst feiern! Jesus verspricht den Heiligen Geist als „Beistand, den der Vater senden wird.“ (vgl. 14,26) Und das dauerhaft! Dem Geist des Friedens geht niemals der Atem aus, denn Gottes Geist bleibt stets gegenwärtig. Nachhaltiger geht es wohl kaum…

Apg 2, 1-11

Die Pfingsterzählung gehört wohl zu den bekanntesten Perikopen des Neuen Testaments. Ihre starken Metaphern haben Menschen seit 2000 Jahren berührt und zahlreiche Künstler inspiriert, das hier geschilderte Geschehen im wahrsten Sinne des Wortes „ins Bild zu setzen“. Feuerzungen, Sturm, machtvolle Worte – Teil der Urelemente, die zur Schöpfung gehören. Wenn Gott im Schöpfungshymnus spricht: „Es werde Licht!“ (Gen 1,3), verbindet dies die erhellende Funktion des Feuers mit der Wirkmacht seiner Schöpfungsworte. Gott spricht – und es wird. Ganz ähnlich die Worte, die die Jüngerinnen und Jünger am Pfingsttag durch Gottes „Anfeuerung“ sprechen – sie wirken nachhaltig, verändern die Welt! Mit diesen Worten, inspiriert durch Gott, den Schöpfer alles Lebens, wird aus einem verängstigten Häuflein plötzlich die Keimzelle der Gemeinschaft, die bis heute als Kirche ihren Weg durch die Zeiten geht.

Dies braucht wahrhaftig einen langen Atem – der pfingstliche Geist, die Ruach im Hebräischen, ist nichts anderes als der Lebensgeist, den Gott in der Darstellung der zweiten Schöpfungserzählung dem Menschen durch die Nase einbläst und ihn dadurch zu „einem lebendigen Wesen“ macht (Gen 2,7). Ein weibliches, schöpferisch-lebensspendendes Prinzip Gottes! Und ein kommunikatives Prinzip, ein Prinzip der Verständigung. Wenn der Mensch bis auf seinen schöpferischen „Urzustand“ zurückgeht, wird eine gemeinsame Basis erreicht, die von Angst und Missverständnissen befreit – als Ebenbilder Gottes sind wir fähig zur Verständigung, unabhängig von der jeweiligen Landessprache. Das ist der Zustand, den Gott eigentlich für die Menschen will: „Gott sah, dass es gut war“ (Gen 1). Pfingstlich erneuert heißt das: Verständigt Euch! Das ist gut. Denn es wird die Wirklichkeit nachhaltig verändern.

Röm 8, 8-17

Hier wird auf den bekannten Gegensatz zwischen „Fleisch“ und „Geist“ angespielt. Bereits bei Platon und anderen Philosophen der Antike spielt er als „Leib-Seele-Dualismus“ eine wichtige Rolle, im frühen Christentum begegnet die Auseinandersetzung damit ebenfalls häufig. Und bis heute hält sich im Sprachgebrauch das Sprichwort: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“, das auf Jesu Ausruf im Garten Getsemani zurückgeht, als er seine Jünger in der Stunde seiner größten Not schlafend vorfindet (vgl. Mt 26,41). Wir kennen das Phänomen wohl alle: Eigentlich wissen wir ja um unsere Verantwortung – zum Beispiel auch für eine lebenswerte Zukunft der kommenden Generationen. Das „schwache Fleisch“ steht in diesem Zusammenhang wohl für Bequemlichkeit, Trägheit, Gleichgültigkeit oder auch Profitgier der Reichen auf diesem Planeten. Damit auch für unseren westlichen Lebensstil, der, wie wir alle „vom Geist her“ wissen, verantwortlich ist für Hunger, Ausbeutung und Umweltzerstörung. Der Geist hingegen, der uns mit dem heutigen Pfingstfest eindringlich als Gottes Geist vor Augen geführt wird, wird hier im Römerbrief so kurz wie prägnant charakterisiert: „Der Geist aber ist Leben aufgrund der Gerechtigkeit“ (8,10). Gerechtigkeit als zentrale Kategorie von Nachhaltigkeit ist das, was Gottes Geist ausmacht. Der Römerbrief appelliert daran, in der Kraft des auferweckten Jesus Christus nach dem Geist der Gerechtigkeit zu leben.

Joh 20, 19-23

Während die Apostelgeschichte von den Sprachbarrieren erzählt, die an Pfingsten durch Gottes Geist niedergerissen wurden, wählt Johannes in dieser Perikope eine andere Metapher für die Kraft Gottes, die jede Grenze überwindet: Jesus betritt den Raum trotz verschlossener Tür (20,19). Er erscheint seinen Jüngern am Osterabend und haucht ihnen den Heiligen Geist ein. Ostern und Pfingsten sind von ihrer theologischen Botschaft her eine Einheit - so wie Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist eins sind. Auch dieses trinitarische Bekenntnis hat Johannes hier sorgfältig aufgenommen: Es spricht Jesus, der Sohn Gottes (20,19.21a), er beruft sich auf seine Sendung durch den Vater (20,21b) und schenkt den Heiligen Geist (20,22). Die symbolische Handlung dabei ist wiederum das Anhauchen – in Anspielung auf den Lebensatem der Schöpfungserzählung Gen 2. Bis heute gehört das Anhauchen bei jeder Taufe zu den ausdeutenden Riten und versinnbildlicht den Empfang des Heiligen Geistes, die Lebenskraft Gottes. Diese Kraft Gottes befähigt die Menschen zum Frieden, wie Jesu doppelter Gruß in der vorliegenden Textstelle zeigt (20,19b.21a). Gerade in der gegenwärtigen politischen Situation mit einem Europa, das auf Kosten von Menschenleben neue Grenzen aufzieht, statt sich seiner Verantwortung zu stellen, wird an Pfingsten ein eindringliches Gegenbild entworfen: Geöffnete Türen statt ängstlicher Abschottung, Völkerverständigung statt nationaler Abgrenzung – mit einem großen Ziel: der nachhaltige Frieden Gottes!

Agnes Molzberger, Limburg

Nach oben