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Erntedankfest / 16. Sonntag nach Trinitatis / 27. Sonntag im Jahreskreis (6.10.19)

Erntedankfest / 16. Sonntag nach Trinitatis / 27. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Joh 11, 1 (2) 3.17-27 (28-38a) 38b-45 Hab 1, 2-3; 2, 2-4 2 Tim 1, 6-8.13-14 Lk 17, 5-10

Einführung

Lukas, der insgesamt einen Heiland der Armen und ein Evangelium der Armen bietet, das in jenem krassen Kontext erst so richtig zum Leuchten kommt, von dem Dorothee Sölle und Luise Schottroff wohl zu Recht annehmen, dass es 99% sozio-ökonomisch Abhängige und Mittellose unter den Israeliten seiner Zeit gegeben habe[1], schenkt uns in der katholischen Leseordnung ein auf den ersten Blick ziemlich sperriges Sondergut, das sich jedoch bei näherem Hinsehen in den Zusammenhang der offenbar für ihn virulenten Auseinandersetzung mit den Ton angebenden pharisäischen Gruppen seiner Zeit gut einfügt. Und für uns schon deshalb wieder aufschlussreich und sprechend zu werden sich anschickt, weil wir weltweit wieder in einer ebensolchen Situation angelangt sind, dass die weltweit 1% Superreichen die 99% der Zurückbleibenden sowie die ökologischen Zusammenhänge ebenso gnaden- wie humorlos an die Seite drängen[2], sodass französische Soziologen schon von einem „neuen Feudalismus“ sprechen und der sprachmächtige ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Ernährung, Jean Ziegler, der Auffassung zuneigt, niemals in der Geschichte hätten die aktuellen „neuen Feudalherren“ mehr Verfügungs­macht innegehabt als in unseren Tagen.

Nur dass es heutzutage kaum noch irgendeine relevante Art von Bewusstsein für solche Zusammenhänge auf den gut beschützten „Inseln der Seligen“ zu geben scheint, was wohl eines der besonderen Dramen unserer Zeit und eine spezifische Herausforderung für jede(n) PredigerIn in Deutschland darstellt. Zumal noch erschwerend hinzukommt, dass auch in diesem Land mittlerweile 45 besonders reiche Personen die ärmere Hälfte der Bevölkerung aufwiegen und sich selbst in Deutsch­land noch einmal die unteren 80% innerhalb einer noch immer im Wesent­lichen unan­greifbar erscheinenden Systemlogik auf eine geradezu extreme Weise enteignet vorfinden.[3] Und weil diese international wie national wiederkehrende Konstellation diskurs- und machtstrategisch erstens als unhinterfragbar gilt und zweitens als unab­änderbar ausgemacht ist, drittens massenmedial weiterhin nachhaltig tabuisiert bleibt und viertens für die allgemeine Öffentlichkeit wahrnehmbare „positive Kommunikations­leistungen“ (Herwig Büchele SJ) dem­gegen­über weitestgehend aus-bleiben, d.h. dieser Zustand folglich also auf breitester Front subjektiv so hingenommen wird, machen sich immer mehr Zeichen von Unlust, Un­zufriedenheit, immer massivere Regressionen[4], innere Zerrissenheit, Innenwelt­verschmutzungen und ein hoher Wellen­gang an Rechtspopulismus breit – und zeigen Wirkung bis weit in diejenigen Schichten hinein, die sich derzeit von den Kirchen an­gesprochen fühlen.

Was also heißt es auf dem Hintergrund einer solchen Weltzeit an einem Erntedanktag die frohe Botschaft von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, in denen universale Gerechtigkeit wohnt und von der seufzenden Schöpfung, die auf ihre Erlösung harrt, auszusagen?[5] Wenn damit nicht wirklich die Zeit für eine neue dialektische Theologie gekommen ist, so sollten wir mindestens wieder einmal etwas wagen – und darin hörbereit, neugierig und „mehrsprachig“ werden. Bereits die Vielfalt der Schöpfung lässt erahnen, wie vielfältig Gottes Wirken in dieser Welt ist. Doch vorerst zurück zur Aufschließung des katholischen Evangeliums-Textes.

Exegetische Anmerkungen zu Kontext und Skopus von Lukas 17, 5-10 auf dem Hintergrund biblischer theonomer Autonomie

Schon in Lukas 16, 14f. geht es gegen Geldgier und Selbstgerechtigkeit. Lukas 16, 19-31 hat den Himmel geerdet. Diese Dinge provozieren bis heute, vermutlich weil den meisten nicht an dem Armen liegt und vielen von ihnen im Grunde ihres Herzens klar ist, dass sie entweder der unbe­fragten Fortschreibung religiöser Traditionen oder den imperialen Gewohnheiten der globalen Konsu­mentenkaste näherstehen als dem Evangelium.[6] Im bald nach unserer Perikope folgenden Gleichnis vom Pharisäer und Zollpächter 18,9-14 werden selbstherrliche Überheblichkeit religiöser Deutungsansprüche aus dem Kreis der religiösen Eliten und eine evtl. Umkehrbereitschaft der ökonomischen Nutznießer in einer äußerst ange­spannten Imperiums-Situation verhandelt, auf die es biblisch gesehen beides ankommt. Das heutige Evangelium der katholischen Leseordnungformuliert in einem solchen Kontext recht abrupt und undiplomatisch: Aus all dem errettet offenbar nur ein einziger klarer, keines­wegs warm, weich und bürgerlich daherkommender, in seiner Unmiss­verständlichkeit gewiss quer durch die Zeiten anstößiger Gedanke: Der Mensch ist (kreatürlich, d.h.) geschaffen, um dem Willen Gottes zu dienen. Worin der alte Katechismus Recht hatte, es aber zu wenig lebenspraktisch zu explizieren vermochte: Darin findet sie/ er zu ihrer/ seiner höchsten Erfüllung. Nichts darunter vermag dies. Dieses sich geheimnisvoll in-Dienst genommen wissen ist die Erlebens­form, die befreit aus jener aktual absurden Weltzeit, welche alles mit Lähmung zu überziehen droht. (siehe Einführung). Insofern sind Mystik und Orthopraxie das Gebot der Stunde; gefragt sind weniger Lehr- als Lebemeister.

Das Evangelium stellt diesbezüglich wohl nicht umsonst die Verse 5f. noch voran, die vom Wachstum bzw. der Klärung des Glaubens sprechen. Sie gehören zwar nicht unmittelbar zum Gleichnistext. Da sie ihm aber offenbar bewusst vorgeordnet wurden, lassen wir uns einmal darauf ein, sie als eine Art Motto und Leseanweisung zu nehmen. Zum Ausgangs- und Samm­lungspunkt, zur Schale mit der der Ertrag der dann folgenden Rede/Beispielgeschichte Jesu einge­fasst wird, wird damit die Bitte, den Glauben zu „mehren“ (im Sinne von die Treue versammeln bzw. konzentrieren), weniger zu „verleihen“ (Münchner Neues Testament) oder zu „stärken“ (Ein­heitsübersetzung in Anlehnung an Luther). Das Motiv vom Glauben als winziges Senfkorn wird auf­genommen (Joh 13,9); selbst ein so unscheinbarer und schwacher Glaube wie derjenige, mit dem das Reich Gottes zu wachsen beginnt, ist fähig, das Unmögliche zu vollbringen und einen Baum ins Meer zu pflanzen. Die Apostelbitte, den Glauben hervortreten zu lassen, wirkt ähnlich derjenigen im evan­gelischen Perikopentext, den die Schwestern angesichts des vorzeitigen Todes ihres offenbar geliebten Bruders an Jesus richten, den Jesus doch auch liebgehabt habe. Er aber erweist sich, wenn man ihn existenziell erfragt, als die tiefste Nachhaltigkeit. Er ist die Auferstehung und das Leben. Wer daran glaubt, ist bereits in seiner Herrlichkeit, wird dort dann ein paar Verse später deutlich. Aus­gerechnet das Nutzlose und das Unscheinbare sind dazu erwählt, am Anfang dieses Reiches Gottes zu stehen. Es ist – entgegen der in heutiger Welterfahrung zentralen Figuren von Grüblern, Selbst­bezogenen, NarzisstInnen, Rechtspopulisten, Überforderten, Depressiven, Wut­bürgern und Protest­wählerInnen - kein Hindernis für das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, gerade hier anzusetzen.

So wird zur Frage an uns Heutige: Woran machen wir uns derzeit fest, und zwar unsere Aus­einander­treiber, unsere Mittelklassen und unsere Abgehängten? Aber auch unsere kultur­prägenden Kräfte, unsere bevorzugten Weisen des Zusammenlebens, unser ökolo­gi­sches Bewusst­sein: An Marduk – Zeus – Jupiter – Baal,d. h. an ausschweifender und ruhm­süchtiger, gedankenlos-gnadenloser Luxurierung, der immerfort externalisierenden und aus­blen­dungs­bereiten Bewirt­schaf­tung der Natur und der Zeit, d.h. an Erfolg, an Rendite/Profit, an Wachs­tum, Wissenschaft und Technik? Auf einer individuellen Ebene wären die entsprechenden Orientierungs­punkte dann Lebensstandard, Ansehen, politische (Verfügungs-)Macht, Karriere, Einfluss, Lobby? Und die Glaubens­sätze dazu wären: «Alles ist möglich!» / «Neben uns die Sintflut» / «Wir können alles und es steht uns auch ununterbrochen und immerzu zu..» / «Unser Lebensstil steht nicht zur Disposition.»!Oder aber gelingt es uns als lebbar und attraktiv, als erlösend und emanzipatorisch zugleich zu erweisen: die Existenz festmachen am „Zusammenhalt“, am Projekt Gottes einer geschwisterlichen Welt, an der herrschaftsfreien Herrschaft des «Reiches Gottes»? Wenn ich das alles „persönlich“ ausdrücke, dann heisst es „Ich glaube an bzw. ich setze meine Karten auf Wirtschaftsstärke, Macht, politische Herrschaft, gesellschaftliches Ansehen etc. – oder aber ich setze meine Karten auf Zusammenhalt, auf Geschwisterlichkeit aller mit allen, auf die Gestaltung einer ganzheitlichen (Human-)Ökologie, wie Papst Franziskus dies so beredt anmahnt![7]

Es scheint derselbe Gedanke, der gut jüdisch in der Mischna gegenüber der Weisung Gottes in seiner Tora auch bereits existierte, lediglich hier nochmals eine christliche Form annimmt: Das Verhältnis des Knechtes zu seinem Herrn bestimmt, wer er ist und wozu er gut ist. Die Beziehung zum Herrn macht insofern ganz frei zum Dienst, als es ja jener Jesus Christus ist, der sich wiederum selbst erniedrigt, um wie die Menschen ein Knecht und Sklave zu sein – eben δοῦλος (Phil 2,7).

Was davon berührt, ist: Erst wenn wir zur Lebensfreude eines Lebens mit Gott erwacht sind – und dies zu wecken, darauf kommt es an - können wir diese Art von dialektischer Theologie wohl verstehen – und annehmen. Dann jedoch macht es Sinn – und befreit auf einer höheren Ebene des Seins, lässt eine christliche Spielart jener heute so vielfach ersehnten Lebenskunst entstehen, die bereichert, weil sie befreit. Noch dazu sind wir dann zu etwas anderem in der Lage, nämlich allen heutigen allzu oft von Schwäche und Unterlegenheit gegen die Mächte, Herren und Gewalten dieser Welt gekennzeichneten Bemühungen um ein nachhaltiges Lebenszeugnis anstatt Zerrissenheit und Trippelschritten Selbstannahme und Tiefgang, weil (Heils-)Gewissheit und damit Nachdruck zu verleihen. Biblische Weisheit hat immer zur Voraussetzung, dass wir erkennen, dass etwas Wert hat. Dann kommen wir ins Lot. Fällt dies jedoch aus, wird der Sinn verfinstert, beginnt das Leben an zahllosen Bruchstellen auseinanderzufallen. Da hilft das „Evangelium des Nettseins“ wenig.[8]

Bleibt die Frage: Welche „Katastrophen in Raten“ werden wir heutzutage brauchen, um Jetzt-Zeit-Propheten erstehen zu lassen und vor allem ernsthaft Hörbereite, aber auch Klagende, die nachhaltig ausrufen: Warum wird Tag für Tag das Recht verdreht, ohne dass sich die Täter fürchten müssen? Warum nur dürfen die 1% weltweit und national sich mit Gott verwechseln? Diese Fragen gelten unseren heute besonders tief eingeprägten Vorerwartungshaltungen, die unsere Normalitäts­erwartungen so sehr prägen. Und sie gelten bis heute dem, was wir „Gott“ nennen. Und „Gott selbst“ antwortet in der katholischen Leseordnung Habakuk, seinem angesichts von fortwährendem Unrecht und Leid entsetzten Propheten, mit einem Wort, das zum Schlüsselwort im Judentum und im Christentum geworden ist. Der Gerechte wird wegen seiner Treue, durch sein Gottvertrauen, leben (vgl. Hab. 2, 4b). Paulus beruft sich später auf diesen Satz. (Röm. 1, 17; Gal. 13, 2), aber auch der Hebräerbrief (Hebr. 10, 37ff.). Die Rabbiner finden in diesem Wort gar die gesamte Tora mit ihren 613 Einzelgeboten wieder. Gott vertrauen, das bedeutet, der Gerechtigkeit treu bleiben, sich in der Treue versammeln, sich nicht vom Unrecht zum Unrecht verführen lassen, wider den Anschein am Glauben festhalten, selbst noch angesichts von uneingeschränkt herrschender struktureller Gewalt und den damit einhergehenden verengten Horizonten im Denken, Fühlen und Handeln die Treue halten - dem treuen Gott, d.h. annehmen können, was angesichts unserer Vorprägungen so schwerfällt, dass nämlich ein Sklave Gottes ein Freier für die Menschen ist.

Lebensbewährung in heutigen Zeitläuften als ganz besonderen Focus in den Blick nehmen

Eindringliche Berücksichtigung muss meines Erachtens an dieser Stelle vor allem eines finden: Heute sprechen wir als Prediger in eine historisch sich noch einmal zur Gewöhnung an das Übel hin wandelnde Weltzeit hinein. Zum zentralen Drama unserer Zeit ist geworden: Das, was an sozio-ökonomischer Unordnung und ökologischer Überdehnung wie ein Alp auf der Welt lastet – der Rest der Menschheit besitzt weniger als einige immer weniger werdende Superreiche und der „world overshoot day“ kommt jedes Jahr früher – besetzt nun in gewisser Weise als anerkannter Normalismus eines imperialen Lebensstiles auch noch die Innenräume – und droht, wachen und kreativ werden wollenden Wider­stands­geist zu ersticken.

Zum Beleg kann angeführt werden: Emanzipation und Erlösung sind heute so etwas wie ein getrenntes Geschwisterpaar, das als „traurige Tropen“ fungiert und sich im realen Leben im Recht jedes und jeder Einzelnen zu erschöpfen scheint, sich von den anderen zu unter­scheiden. Eine „Gemeinschaft der Herausgeputzten“ tritt das Erbe einer solcherart „privatisierten Moderne“ an (Zygmunt Baumann). Emanzipation und Erlösung werden tragischerweise mehrheit­lich nicht mehr als etwas verstanden, was wir durch Gesellschaft erlangen, sondern von der Gesellschaft. Das Ziel ist demzufolge auch nicht länger die „Verbesserung“ der Gesellschaft oder die Vollendung der Menschen bei Gott, sondern die Verbesserung der eigenen Stellung in der Gesellschaft. Konkurrenz, nicht zusammen stehen in Treue vor Gott; wird zum privilegierten Modus des gesellschaftlichen Miteinanders, womit an die Stelle gemeinsamer Erträge aus kollektiven Bemühungen der individuell angeeignete Wettbewerbsgewinn und das Abschirmen davon, dass dies nur auf Kosten anderer möglich ist, tritt. [9]

In jedem Fall wirft dies mit den Augen des Glaubens betrachtet mit aller nur vorstellbaren Macht die Frage danach auf: Wohin ist denn Gott – und was hilft dem Menschen? Die biblischen Texte des heutigen Sonntags halten eine beeindruckende Antwort darauf bereit, wenn mansiein diesem Kontext liest. Ob wir die Gnade der Dienstbereitschaft als Generalrichtung annehmen und uns gegenseitig dazu verhelfen können, sie in unser demgegenüber oft so fremd gewordenes Leben einzubauen, das nicht mehr an Erlösung glauben mag und post-emanzipatorischen Bedingungen unterworfen ist, erscheint nicht einfach. Es wäre indes die Anstrengung des Lebens wert. Und dabei ebenso dynamisch zu werden wie Gott selbst es bereits ist, in dessen Haus viele Wohnungen sind – und auf dessen Erde viele Heilswege.

Mehrsprachig werden

Daher sei das in diesen Predigtgedanken Angelegte zum Abschluss noch einmal in den Worten einer anderen ernst zu nehmenden Heils­sprache unserer Zeit zum Ausdruck gebracht, die den Vorteil bietet, dazu angetreten zu sein, manche Vernarbungen, emotionalen Rucksäcke, Gewalt­behaftetheiten und anderweitige Ver­karstungen des religiös-kirchlichen Zugangs der Vergangenheit in Quellen umzuwandeln. Dann hört sich dies z. B. so an: Jeden Tag begegnen wir den Wundern und den Wunden der Welt; manchmal ohne es überhaupt zu bemerken. Nur wenn wir die Geschenke der Erde als solche erkennen, können wir dankbar und zufrieden mit ihnen sein. (biblisch-theologisch: „Geschöpflich­keit, Gotteskindschaft“) Und allein das ist ein revolutionärer Akt (dienen) in einer Gesellschaft, die auf emotionalen Mangelkulturen, Konsum und Wachstum basiert. Nur wenn wir den Schmerz der Erde und ihrer Bewohner hören, können wir darauf antworten und verantwortlich werden. (biblisch: „auf die Lazarusse hören“, „Auferstehung und Leben schmecken“) Es ist längst klar, dass unend­liches Wachstum auf einem endlichen Planeten nicht möglich ist, aber auch, dass Machtverhältnisse auf beiden Seiten VerliererInnen erzeugen (biblisch: Überheblichkeit und Selbstherr­lichkeit schaden auch demjenigen, der vordergründig „gewinnt“.) und auch dass weiter machen wie bisher keine Option mehr ist. (biblisch: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“)

Indes: Der Wind des Wandels weht bereits und erreicht so langsam Sturmstärke. (Pfingsten) Einigermaßen sicher ist, dass z. B. „transition town“, „Permakultur“, „buen vivir“, „dragon dreaming“, „authentic relating“, das Leitbild des „gerechten Friedens“ oder „der stumme Aufstand“ als Methoden und Praktiken sehr viel mehr Kulturbildendes hervorbringen und die Städte sehr viel schneller "infizieren" werden, sobald wir gemeinsam daran arbeiten, Lebensfreude zu generieren und die Zwangsjacken unserer emotionalen Mangelgesellschaft abzulegen. (neuer Seins­modus als Dienende, neues Erntedankbewusstsein) Die neuen kulturellen Bewegungen können den Umgang mit sich selbst und mit anderen in der Gesellschaft grundlegend verwandeln und nicht nur den allgemeinen Umgang mit Umweltgütern und nicht nachwachsenden Ressourcen. Ein solcher Potentialentfaltungs­prozess macht sehr viel Sinn, weil der Fokus zunächst auf Empathie und liebevoller Gemeinschaft liegt. (El statt Baal). Da haben allzu viele unter uns noch sehr viel Potential nach oben, weil so viele Emotionen verschüttet sind oder unter der Oberfläche schwelen. Das ist zugleich ein enorm herausfordernder Prozess, der sehr viel tiefer geht als die bisher üblichen Selbstumkreisungen. Damit jedoch erst wird der Boden bereitet für das gemeinsame Herausfinden von der Berufung – Gerald Hüther nennt das Hoch­begabung - jedes aktiven Mitglieds; ein Prozess, der auf völlig andere Art genauso spannend ist. Dann erfolgt die Transition, damit die große Transformation rund wird: Alle unterstützen sich gegen­seitig, in ihre jeweilige Berufung hineinzuwachsen. Dazu braucht es enorm dringend empathischer und liebevoller Weggemein­schaften. Wichtig dabei: Eine solche Gemeinschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie das, was in dir und in deinem Kontrahenten abgelaufen ist, als Hilferuf und nicht als nervig zu verstehen imstande ist. Sie wächst dadurch näher zusammen statt auseinanderzudriften. Solcher Art Vergemeinschaftung brauchen wir – ob mit oder ohne Scott Peck, der dazu neuerdings stets herhalten muss.

Wenn wir uns verwurzeln in Dankbarkeit, Ver­letzlichkeit, Dienstbereitschaft und Verbundenheit und dabei flexibel und un­dogmatisch bleiben, dann werden wir sturmfest werden und unsere Lebensmuster an Beständigkeit zunehmen; zum Beispiel mit Hilfe von Methoden aus der Tiefenökologie (die Arbeit, die wieder verbindet, Joanna Macy), mit Hilfe von Heilungsritualen, aber auch dem „cultural mentoring“, der Erleb­nis­pädagogik oder Naturverbundenheit (Jon Young). Mit Offenheit für „radical honesty, liebevoll-radi­kalen Wider­stand, Ritual- und Körperarbeit, spiritueller Heilung sowie politischer Bildungs­arbeit werden wir einen Rahmen schaffen, indem wir uns fragen können: Was wird mein (neuer) Weg im Wandel sein?“ „Unsere Berufung zu entdecken bedeutet, genau den Punkt zu finden, wo unsere eigene tiefe Freude sich trifft mit dem tiefen Verlangen der Welt.“ (Frederik Büchner)[10] Nur aus einer solchen Tiefenarbeit - ob sie nun nominell christlich ist oder nicht - wird echte Nach­haltigkeit hervorgehen. Vorausgesetzt, dass wir den Geist wirken lassen, wo er will und selbst dabei mehrsprachig werden und bleiben; alles prüfen, das Beste aber behalten. Mit Gottes Hilfe. Amen.

Peter Schönhöffer, Mainz

 

[1] Dorothee Sölle/Luise Schottroff, Jesus von Nazaret, München 2000.

[2]Nach Oxfams Recherche gingen 82% des globalen Vermögenswachstums im letzten Jahr an das reichste Prozent, wohingegen die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – rund 3,7 Milliarden Menschen – leer ausging. Ein Prozent der Welt­­bevölkerung besitzt mehr als die Hälfte des Weltvermögens. Vgl. https://www.oxfam.de/unsere-arbeit/themen/soziale-ungleichheit

[3] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/vermoegen-45-superreiche-besitzen-so-viel-wie-die-halbe-deutsche-bevoelkerung-a-1189111.html

[4] Eindrucksvoll und aufschlussreich dazu: Heinrich Geiselberger (Hg.), Die große Regression: Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit, Frankfurt 2017

[5] Herrlich unbelastet von den europäischen und durch die CSU auch nach Deutschland hineingetragenen „Kleinkriegen“ um Überbietungswettläufe an Unmenschlichkeit Geflüchteten gegenüber finden sich dazu eine Menge ernsthafter Anregungen, die mit der bundesdeutschen Kleingeistigkeit des Sommers 2018 so gar nichts gemein haben, in: Franz Gmainer-Pranzl, Sandra Lassak, Birgit Weiler (Hg.), Theologie der Befreiung heute, Innsbruck 2017.

[6] Vgl. T. R. Peters OP, Gott ist ein Zeitwort. Weltliche Schriftauslegungen, Ostfildern 2012, 100.

[7] Diese Grundgedanken knüpfen an Pfr. B. Bollhalder an.

[8] Vgl. Johannes Hartl, Gott ungezähmt. Raus aus der spirituellen Komfortzone, Freiburg 2016, 37, 51.

[9] Die Gedankenfolge inspiriert sich an: Sabine Hark, Linke Trauerarbeit. Über die (Un-)Möglichkeit von Solidarität in post-emanzipatorischen Zeiten, in: medico international Rundbrief 2/18, 44ff., hier: 44.

[10] Kompilation aus einer Ausschreibung nach Schwäbisch Hall für den Sommer 2018 sowie ähnlichen Aufrufen und Erkenntnissen aus den zahlreichen neuen kulturellen Bewegungen jenes Sommers.

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