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Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr / 32. Sonntag im Jahreskreis (10.11.19)

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr / 32. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Lk 6, 27-38 2 Makk 7, 1-2.7a.9-14 2 Thess 2, 16 - 3, 5 Lk 20, 27-38

Sonntag

Der drittletzte Sonntag des Kirchenjahres am 10. Nov. 2019 liegt mitten in einer Zeit besonderer Ereignisse: Die Wahl in den USA und die Erinnerung an 30 Jahre Mauerfall werden sicher Themen im aktuellen Geschehen sein und Fragen zur internationalen Friedenssicherung und Gewaltfreiheit im politischen Handeln aufwerfen.Vermutlich wirdauch die Situation im Nahen Osten (Krieg in Syrien und die Auswirkungen auf die Region, Folgen der Aufkündigung des Atom-Abkommens mit Iran im Frühsommer 2018) Gegenstand der politischen Diskussion sein. Dazu ist vielleicht für unseren Themenbereich interessant, dass am 6.11. der „Internationale Tag für die Verhütung der Ausbeutung der Umwelt in Kriegen und bewaffneten Konflikten“ begangen wird sowie die Aktion „Ökumenische FriedensDekade“ beginnt, die bis zum Buß- und Bettag dauert, und umfangreiches Materialien zu Friedenssicherung und Gewaltfreiheit generell sowie auch Angebote zu aktuellen Konflikten und friedenspolitischen Aktivitäten bereitstellt. Die Entwürfe zur Eröffnung der Friedensdekade könnten ein Rahmen für den Gottesdienst an diesem Sonntag sein (vgl. die aktuellen Materialien).

Textauswahl

Lk 6 aus der Feldrede Jesu stellt klare Forderungen an das Verhalten der Nachfolger Christi im Konfliktfall. 2. Makk 7 konfrontiert uns mit einer Geschichte brutaler Gewalt; allerdings liegt der Fokus auf der Darstellung der Stärke der Glaubenden, die zur Verteidigung ihres Glaubens mit dem Hinweis auf ihre Auferstehungshoffnung den Märtyrertod in Kauf nehmen (2.Makk 7,9b). Die Bedeutung der Auferstehung kommt auch in Lk 20 mit einer Detailfrage der Sadduzäer an Jesuszum Tragen. Jesu Antwort stellt Gott als den „Gott der Lebenden“ (Lk 20,38) in den Mittelpunkt. 2.Thess 2ff. betont dagegen die Treue Gottes in Streit und Konfliktfällen, die vor dem Bösen bewahrt und die Glaubenden stärkt (2.Thess 3,3).

Im Zusammenspiel der aktuellen Geschehnisse mit den Texten erscheint mir die Feldrede Jesu aus Lk 6zum Thema Feindesliebe eine gute Möglichkeit, Fragen der Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit dem Frieden zu thematisieren.


Ideen und Anregungen zu Lk 6, 27-38

Kapitel 6 setzt mit der Darstellung zweier Begebenheiten ein, bei denen Jesus den Ungehorsam gegenüber dem Gesetz in bestimmten Situationen billigt. Beide Male ist das Leben des einzelnen Menschen sein Argument gegen die blinde Befolgung von Gesetzen. Nach der Berufung der Jünger

beginnt die Feldrede mit einer Kurzzusammenfassung der Heilungen, die durch Jesus geschehen, sowie den Seligpreisungen und Weherufen. In Vers 27 spricht Jesus seine Zuhörer und Zuhörerinnen nochmal explizit an: „Ich sage euch, die ihr zuhört:“ Es geht um ein neues Verhalten, eine Neuinterpretation des Verhaltens in Streitfällen, die offenbar alle Zuhörer – vermutlich im Zusammenhang der Besatzung durch die Römer – gut kannten. Eine Auslegung unter dem Stichwort „Der dritte Weg Jesu“ von Walter Wink nimmt diese Konfliktsituation auf und denkt die Worte Jesu in diesem Rahmen konsequent weiter. Damit kann Wink darstellen, wie wenig es hier um eine Aufforderung zur Widerstandsverweigerung geht. Im Gegenteil kann er überzeugend zeigen, dass Jesus zum Widerstand aufruft; allerdings lehnt er Gewalt ab. Die Antwort der Zuhörerinnen und Zuhörer (die „Armen“ aus 6, 20b) soll sich nicht an der Gewalt der Feinde bzw. Gegner orientieren, sondern den Kreislauf der Gewaltspirale gerade durchbrechen (vgl. Walter Wink, Verwandlung der Mächte, S.90ff. zur Parallelstelle in Mt 5, 39-48). Die Handlungsanweisungen Jesu zielen darauf ab, die (Macht)unterschiede in der damaligen Gesellschaft aufzudecken und die gesetzlichen Strukturen in ihrer Lebensfeindlichkeit zu entlarven. Es geht um eine Reaktion auf Augenhöhe, die mit zivilem Ungehorsam und Gewaltfreiheit möglich ist. „Tatsächlich lehrt Jesus uns aber nicht die Unterwerfung unter das Böse, sondern die Weigerung, dem Bösen mit seinen eigenen Mitteln zu begegnen. Wir sollen nicht zulassen, dass der Gegner uns die Methoden unserer Gegnerschaft diktiert. Er bestärkt uns darin, über Passivität wie auch Gewalt hinauszugehen und eine dritten Weg zu finden, einen Weg, sich durchzusetzen und dennoch Gewalt zu meiden.“ (S. 91-92). Es geht bei Jesus weder um Unterwerfung noch um Angriff, weder um Kampf noch um Flucht, sondern um einen Weg, der den handelnden Personen jetzt, im Moment, ihre Menschenwürde sichert. Ein Mindestmaß an Initiative der Bedrängten, ihre Ablehnung der Ohnmacht, zwingt auch die Mächtigen zu einem neuen Blick auf die Bedrängten. Um Frieden zu erreichen, müssen letztlich beide Seiten gewinnen (vgl. S. 99 Mitte).

Deshalb ruft Jesus zum Gebet für die Verwandlung der Feinde auf.

Neben der Feindesliebe ist Jesus beim Umgang mit dem Nächsten ganz allgemein die Barmherzigkeit wichtig. Wir erleben Barmherzigkeit von Gott und sind deshalb in der Lage, auf Urteile zu verzichten, die andere abwerten, und Vergebung zu gewähren.

Sowohl in der Bergpredigt als auch in der Feldrede Jesu geht es um eine ethische Fragestellung: wie können wir zusammenleben, möglichst friedlich und gerecht? Angesichts der herrschenden Besatzungssituation stehen für Jesus und seine Zuhörerinnen und Zuhörer die bisherigen „Spielregeln“ auf dem Prüfstand. Taugen die Gesetze und Vorschriften für ein gutes Miteinander? Oder sind sie eher hinderlich? Im Blick auf die besonderen Umstände der Besatzungssituation und damit dem Machtgefälle in vielen Konflikten ist Jesus sehr kritisch. Ihm scheint hauptsächlich die Situation des Einzelnen wichtig zu sein. Er soll leben können – in Gerechtigkeit und Frieden. Was jeder und jede selber dazu tun kann, dafür genau will Jesus seine Zuhörerinnen und Zuhörer zurüsten. Nachhaltige Friedensarbeit könnte so funktionieren.

Konkrete Predigtideen

Unsere Situation heute ist konkret nicht von Besatzung oder gewalttätigem politischem Konflikt geprägt, so wie es die Zeitgenossen Jesus kannten. Gleichzeitig ist unsere Welt inzwischen globalisiert und die Konfliktlinien verlaufen international. In Europa sind wir in Deutschland mit Flüchtlingsfragen ebenso beschäftigt wie Griechen, Italiener und Spanier.Mit unseren Smartphones gehen uns auch die Arbeitsbedingungen in Minen in Afrika oder Fabriken in Asien etwas an, genauso wie die Rüstungsexporte aus Deutschland in fast die ganze Welt uns mit den Kriegen und Konflikten dort verbinden.

Die Friedensdekade könnte den Rahmen des Gottesdienstes bilden. Die Aussagen und Aufforderungen Jesus in Lk 6 geben uns zwei Richtungen: für einen gewaltfreien Umgang in macht-ungleichen Konflikten und für nachhaltige Möglichkeiten der Friedenssicherung. Für den ersten Bereich können die oben genannten Gedanken weiterführend sein. Ich finde aber auch den Gedanken überlegenswert, inwieweit Jesus durch diese Aufforderungen nach Liebe, Wohltat und Segen für Gegener und Feinde auch eine „nachhaltige Kultur der Friedenssicherung“ begründen können. Die „Goldene Regel“ (Lk 6,31) als Abschluss dieses Abschnitts weist ja deutlich darauf hin, dass dieses Handeln auf Gegenseitigkeit angewiesen ist. Wer Frieden will, ist nicht frei in der Wahl seiner Methoden. Sie müssen zu dem Ziel der Lebenserhaltung, einem Leben in Gerechtigkeit und Frieden passen. Feinden Gutes tun, nämlich ihre Erwartung positiv durchkreuzen, sie segnen und sie damit vor Gott stellen – also letztlich auf Augenhöhe mit mir selbst -, das erscheint mir durchaus als eine mögliche Strategie, um langfristig und damit nachhaltig Frieden zu schaffen und zu erhalten.  

Claudia Barth, Kaufungen

 

Literatur

Ökumenische FriedensDekade, unter www.friedensdekade.de können im Shop die Materialien des aktuellen Jahres bestellt und zum Teil auch heruntergeladen werden

Walter Wink, Verwandlung der Mächte, deutsch Regensburg 2014

Zur Zivilen Konfliktbearbeitung vgl. auch Reinhard Voß (Hrsg.) „Versöhnungsprozesse und Gewaltfreiheit“, Reihe Probleme des Friedens, Idstein 1999, mit Vorträgen der Fachtagung gleichen Titels

Neuere Publikationen nehmen den Begriff der Konflikttransformation auf. Als Beispiel sei genannt: „Gewaltfrei streiten für einen gerechten Frieden – Plädoyer für zivile Konflikttransformation“, Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden e.V. (Hg.), Oberursel 2008

Die Diskussion um gerechten Frieden ist inzwischen abgelöst durch die Auseinandersetzung mit dem „Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens“, zu dem vom ÖRK aufgerufen wurde, und wo es ausführliche Abschnitte zur Gewaltlosigkeit und zur Etablierung von Zivilen Friedensdiensten gibt. Entsprechende Dokumente sind auf der Seite des ÖRK zu finden: www.oikoumene.org

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