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Christvesper / -nacht bzw. Hl. Abend / Hl. Nacht (24.12.18)

Heiliger Abend und Heilige Nacht / Christvesper und Christnacht

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Hl. Abend: Jes 9, 1-6
Hl. Nacht: 1 Tim 3, 16
Hl. Abend: Jes 62, 1-5
Hl. Nacht: Jes 9, 1-6
A.: Apg 13, 16-17.22-25
Nacht: Tit 2, 11-14
Abend: Mt 1, 1-25
Nacht: Lk 2, 1-14

Im Zentrum von Weihnachten steht ein Neugeborenes. Grund genug, das Feld der Geburt zu erkunden und dem Neuanfang, der jeder Geburt anhaftet, nachzuspüren.

Die Einzigartigkeit jeder Geburt

Als Kind lauschte ich jedes Mal neugierig und fühlte mich dabei ungeheuer wichtig, wenn über meine Geburt geredet wurde. Dutzend Malliess ich mir von meiner Mutter erzählen, wie ich nach meiner Geburt in einen grossen Korb gelegt worden sei, weil alle Bettchen in der Säuglingsabteilung schon besetzt waren. Es gab offenbar nichts, was mir im Zusammenhang mit meiner Geburt nicht geheimnisvoll und erzählenswert erschien.

Ob eine Geburt gut, abenteuerlich oder dramatisch verlaufen ist, ob sie von Euphorie, Hoffen, Bangen oder Verzweiflung begleitet war – jeder Geburtsgeschichte haftet etwas Besonderes und Einzigartiges an, das nur auf diese Geburt zutrifft. Einmalig wie das neugeborene Kind ist auch dessen Geburtsgeschichte.

Das Widerfahrnis der Geburt

Der Geburt eines Kindes haftet nicht nur eine gewisse Geheimnishaftigkeit an, sondern Geborenwerden ist auch etwas, das dem Menschen widerfährt, ob es ihm passt oder nicht. Dass deshalb der Sinn der eigenen Geburt durchaus in Frage gestellt werden kann, zeigt der Prophet Jeremia, der angesichts seines Unglücks verbittert schreibt: „Verflucht der Tag, an dem ich geboren wurde; der Tag, an dem meine Mutter mich geboren hat, sei nicht gesegnet“ (Jer 20,14).

Fragen nach dem „Woher“

Die Geburt eines Kindes berührt häufig ganz fundamentale Fragen. Nicht nur angesichts des Sterbens und drohenden Todes, sondern auch während der Schwangerschaft und bei der Geburt eines Kindes stellen sich oftmals existenzielle Fragen. Der Anblick eines Neugeborenen lässt fragen nach dem, was Leben sei und wo es herrühre. Fragen stellen sich nach dem Anfang des Lebens, nach dem „Woher“ des Menschen. Daran vermögen auch die unaufhaltsamen Fortschritte der Reproduktions–technik nichts zu ändern. Auf die Frage nach dem „Woher“ hat der Autor von Psalm 139,16 eine eindeutige Antwort: „Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.“ Biblisch gesprochen liegt der Anfang des Menschen bei Gott. Von Gott als dem Schöpfer nimmt das Geschöpf seinen Ausgang.

Fragen nach dem „Warum“

Der Anblick eines Neugeborenen kann ausser der Frage nach dem „Woher“ auch jene nach dem „Warum“ aufwerfen: In unerträglicher Härte stellt sich diese Frage dann, wenn neugeborenes Leben unmittelbar dem Tod entgegengeht. In einem solchen Moment wird auf schmerzhafte Weise deutlich, dass es auf die Frage nach dem „Wohin“ des Menschen keine Antwort geben kann, ohne dass diese orientiert wäre an der Frage nach dem „Woher“ des Menschen. Umgekehrt kann die Frage nach dem Jenseits der Geburt nicht losgelöst werden von der Frage nach dem Jenseits des Todes.

Fragen nach dem „Wer?“

Der Anblick eines Neugeborenen kann schliesslich die Frage nach dem „Wer“ aufwerfen: „Wer bist du?“ schwingt im ersten Augenkontakt von Mutter und Kind mit. Sie stellt sich aber auch überall dort, wo das Staunen gross ist über das kleine Geschöpf, das daliegt, zerbrechlich, vollkommen abhängig, angewiesen auf Zuwendung. Wer ist dieser Mensch in seinem nackten Dasein, um den sich die Eltern und andere Menschen kümmern müssen, wenn nach der Geburt nicht unmittelbar der Tod folgen soll? Wer ist dieser Mensch, der am Ende seines Lebens genauso passiv daliegen wird wie zu Beginn seines Lebens?

Geburt als Neuanfang

Wie von einem Kind gesagt wird, dass es zur Welt kommt, so erzählt die Weihnachtsgeschichte, dass Gott zur Welt kommt.Das Geborenwerden Jesu ist das gleiche Geschehen, das allen Menschen widerfahren ist: Gott kommt als Kind zur Welt. Und wie jeder Geburt der Glanz und Zauber des Neuanfangs anhaftet, so fängt mit der Geburt des Kindes Jesu eine neue Geschichte Gottes mit den Menschen an. Die Geburt des Kindes in der Krippe markiert einen Neuanfang, der den Fluss des Vorhersagbaren unterbricht: Die Nacht wird plötzlich hell, „der Glanz des Herrn“, wie es in Lk 2,9 heisst, umstrahlt diewachenden Hirten. Mit der Geburt des Kindes in der Krippe verbindet sich der Zuspruch, dass fortan die Hoffnung stärker sein wird als die Angst.

Dr. Béatrice Acklin Zimmermann, Zürich

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