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Altjahrsabend / Silvester (31.12.18)

Altjahrsabend / Silvester 2018


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. Evangelium
Jes 51, 4-6 1 Joh 2, 18-21
Hl. Silvester I: Ez 34, 11-16
Joh 1, 1-18
Hl. Silv.: Mt 16, 13-19

Joh 1,1-18

Thema: Was schaut Ihr nach oben? – mit Johannes ins neue Jahr

Weihnachten ist verklungen, vielleicht durfte der eine oder die andere ein wenig von dem spüren, was Rose Ausländer so schön mit dem „Pochen des Himmels in unseren Herzen“ beschreiben konnte. Andere - oder, will man Umfragen Glauben schenken, die meisten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen - sind womöglich froh, diese Zeit der hohen Erwartungen wieder „überstanden“ zu haben. Ein neues Jahr, mit neuen Pläne, Wünsche und auch Vorsätzen, steht ins Haus. Der Johannesprolog, der so gewichtig scheint, dass er nach dem ersten Weihnachtstag hin und wieder (je nach Lesejahr) erneut in der (katholischen) Leseordnung auftaucht, bietet die Möglichkeit, nach je eigenen Erfahrungen und Gefühlen der letzten Wochen in eine tiefere Be-Sinn-ung einzustimmen.

Predigtanregung: Das Evangelium des Johannes gibt sich allein deshalb anders als das der Synoptiker, weil es nicht den Blick auf das Leben des historischen Jesus von Nazareth richtet, sondern dessen Botschaft in die philosophischen Strömungen der Zeit hineinstellen will. Schon der Prolog ist bestimmt von der Auseinandersetzung mit der Gnosis, die den einzig selig machenden Weg des Menschen darin sah, dass er vom fleischlichen Menschen zum geistigen wird: Während das biblische Judentum noch davon ausging, dass - im Bild gesprochen - Gott immer wieder an einzelnen Punkten - den Offenbarungserfahrungen - die Welt „berührt“ hat, trennte eine wesentliche Richtung der griechischen Philosophie, gegenüber der sich der neue christliche Glauben zu behaupten hatte, den göttlichen Bereich radikal vom weltlichen ab – so sehr, dass alles Weltliche zum „Abfall“ wurde.

Auch in der ‚Die Schule von Athen‘ von Raffael werden wir an diesen alten Grundsatzstreit erinnert: Da ist ein Philosoph, der strikt nach oben zeigt, in das Reich der Ideen. Der andere zeigt konsequent nach unten, zur Erde. Ersterer ist Platon, der zweite Aristoteles. Spannend ist vor diesem Hintergrund, wie der Evangelist, dem es anders als den anderen Evangelisten nicht um das Wie der Menschwerdung geht, mit den in der Gnosis grundgelegten Dualismen umgeht. Wer den Text mit dem Original bei Johannes vergleicht, der wird feststellen, dass auch der Evangelist mit Gegensatzpaaren arbeitet: Licht gegen Finsternis, Transzendenz gegen Welt, Wort gegen Fleisch.

Doch Johannes lässt diese Dualismen nicht nebeneinanderstehen, er löst sie auf geniale Weise auf, und zwar, indem er sie verbindet: „Und das Wort ist Fleisch geworden“ – dort steht Fleisch (sarx), nicht Mensch (anthropos). Denn genau dies feiern wir an Weihnachten: die Fleisch-Werdung Gottes, mit allem, was zur Leiblichkeit gehört: Freuden und Leiden zu erfahren, Schmerzen zu durchstehen, in Krankheiten und Verlusterfahrungen nach dem Sinn seines Lebens zu suchen, existenzielle Finsternisse und seelische Abgründe zu erleben, Angst zu spüren und auszuhalten – bisweilen Lebensangst. Und wir feiern, dass dieser Gott mit hineingegangen ist in diese leibliche, damit anfällige menschliche Existenz. Nicht nur am Fest seiner Menschwerdung. Täglich. Mit schlauen Formulierungsvorschlägen Jugendlicher haben wir diese Sätze des Johannesprologs in einem Adventsworkshop so umformuliert:

Bevor alles war,

die Suche des Menschen nach Sinn,

die Flucht des Menschen vor sich selbst,

bevor alles war,

vor allem Anfang,

war das göttliche Wort.

Durch dieses erst ist alles geworden,

alles Leben ist durch das göttliche Wort geworden,

herausgerissen hat es die Menschen aus ihrer Dunkelheit,

aus der Angst, der Zerstreuung, der Unruhe, dem Unfrieden.

Hell hat es das Leben gemacht,

mitten in die Dunkelheit der Welt ist es eingebrochen.

Das göttliche Wort, es wurde Mensch.

Gott wurde Mensch.

Gott nahm sie an,

diese Welt

und ihre Fragen,

Rätsel,

Abgründe.

Gott durchlebte sie selbst.

Gott wurde einer von uns –

Mensch aus Fleisch und Blut.

In dieser Verbindung der Gegensätze besteht für Johannes - und für uns Christen - der christliche Glaube an einen „Menschen aus Fleisch und Blut“. Buchstäblich ver-rückt ist dieser Schluss und folgenschwer: Das Christentum glaubt, dass Gott - vor der gnostischen Folie - in diesen „Abfall“ des Weltlichen hineingegangen ist, mehr noch, zum „Abfall“ geworden ist, in der „letzten“, „stinkenden“ Ecke eines Stalls. Radikaler geht es nicht, existenzieller ist die Solidarisierung Gottes mit der Welt nicht zu denken – und nicht zu glauben. Dieser Grundgedanke bietet sich für die Frage nach der Behandlung der bei uns angelandeten Menschen ebenso an wie für die Frage nach den Adressaten unseres seelsorglichen Handelns. Er lässt sich gar ausweiten auf die strukturelle Frage nach dem Geltungsbereich einer Kirchengemeinde oder Seelsorgeeinheit und der Bindung an die jeweilige Konfession bei seelischer und materieller Bedürftigkeit eines Menschen – woher er auch kommen oder ob und wo auch immer er getauft sein mag.

Johannes kann uns bereits mit dem Auftakt seines Evangeliums aber auch mit der Frage ins neue Jahr begleiten, wie wir Menschen mit dem eigenen „Fleisch“ - kann heißen: mit den Kräften und Ressourcen des Körpers und der Seele - umgehen oder auch, ob wir diese Energien entsprechend des Evangeliums bei unseren Mitmenschen, Kollegen und Mitarbeitern einfordern. Oder aber, im Hinblick auf die jährlich neu erschreckenden Zahlen von Amnesty International, welche Würde diesem, - durch die Menschwerdung Gottes - „vergöttlichten Fleisch“ weltweit zukommt bzw. auch danach, welchen Kriterien dessen „Wert“ bestimmt wird. Denn so philosophisch, so „steil“ der Johannesprolog auch angelegt sein mag, er führt uns - mit diesem anthropologischen Ansatz und im Blick auf den Fleisch gewordenen Gott - die existenzielle Grundspannung des menschlichen Daseins vor Augen: den Ausgleich zu bewältigen zwischen Geist und Leib, zwischen „Vor-Sätzen“, „Ver-Sprechen“, „Leit-Gedanken“, Idealen, und der je realisierbaren Wirklichkeit: in der Institution Kirche, der Gemeinde, am Arbeitsplatz, der Gesellschaft, in Beziehungen und Familien, und in den eigenen Ansprüchen – an uns selbst wie an die Mitmenschen.

Bleiben wir nur bei dem erstgenannten Ort: Welche Auswirkungen zu hohe, zu „entweltlichte“, zu vergeistigte Ideale zeitigen können, erleben wir beispielhaft in der anhaltenden Distanzierung Jugendlicher von der Kirche. So beeindruckend für Schülerinnen und Schüler das „lockere Auftreten und die soziale Ader“ von Papst Franziskus auch wirkten, so sehr zeigen sie sich immer wieder befremdet bei Themen, „die schlichtweg kein normaler Mensch heute mehr versteht“. Bei der Abfertigung dieser Vorlage war es zum Beispiel der leidige und leidvolle Streit um die Frage der Kommunionzulassung evangelischer Partner zur Kommunion in konfessionsverbindenden Ehen. Die Perikope kann auch hier zur Einladung werden, den Hintergrund, den Zweck und vor allem den Sinn vermeintlicher Ideale zu prüfen, sie letztlich an gelingendem Leben zu messen und gerade nicht - neuplatonisch - die eine gegen die andere Komponente auszuspielen. Wo dies unterlaufen wird, geht es um alles andere - um die eigene Tradition, Kultur und auch um die Angst vor dem Schwund dieser - als um den Mensch gewordenen Gott aus Fleisch und Blut. Wen kann es da wundern, wenn junge Menschen sich von humanistischen Gedanken mehr angesprochen fühlen als von der Welt und den zuweilen eigen(artig)en Gedankenspielchen der Kirche? Sie wollen konkrete Antworten auf ihre Lebensfragen anstatt vergeistigte scholastische Philosophie. Und das ist ihr gutes Recht.

Dr. Thomas Hanstein, Ulm

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