wieviel

19. Sonntag nach Trinitatis / 30. Sonntag im Jahreskreis (27.10.19)

19. Sonntag nach Trinitatis / 30. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Joh 5, 1-16 Sir 35, 15b-17.20-22a 2 Tim 4, 6-8.16-18 Lk 18, 9-14

An-Sehen schafft Recht schafft Teilhabe

Die Texte mahnen auf den ersten Blick sehr verhalten, den einzelnen Menschen anzusehen – so wie er / sie ist. Dadurch wird es möglich, jemandem „gerecht“ zu werden, weil Vergleichen, übervorteilen oder Vorurteile nicht mehr zum Zug kommen. Menschen bekommen Teilhabe an Gerechtigkeit, weil man ihnen gerecht wird. Dieser Blick auf den /die Andere/n kommt aus dem Herzen.
Weiter gedacht mahnen uns die Texte, einander dieses Ansehen zuteil werden zu lassen, um zu einer Gemeinschaft, einer Glaubensgemeinschaft zu werden, die Gottes Blick auf uns immer neu an jedem einzelnen Menschen realisiert. Politisch hätte solch ein Herzensblick weitreichende Konsequenzen. Teilhabe lässt Abschottung, Abgrenzung, Vorurteile und Selbstgerechtigkeit nicht zu.


Joh 5,1-16 (Heilung eines Kranken am Betesda-Teich)

Was für eine berührende Erzählung! 38 Jahre lang ist der Mann schon krank und wartet seit langer Zeit darauf, dass ihn jemand in den Teich trägt. Nur mit Hilfe der anderen hat er überhaupt eine Chance, geheilt zu werden. Doch immer sind die anderen schneller, vor ihm – er kann nicht mithalten.
Das erträgt man eine Weile. Aber auf Dauer? Jedesmal wird deutlich, dass man selbst keine Möglichkeit hat, wieder dazu zu gehören. Dazu reicht die eigene Kraft einfach nicht aus.
Andererseits ist es doch verständlich, dass jede*r zuerst einmal nach sich selbst schaut und sich erst dann um andere kümmert. Jeder ist sich selbst der Nächste – das darf doch auch einmal sein.
Jesus trägt den kranken Mann auch nicht in den Teich. Er spricht einfach ein Wort, das Wort, das den Kranken gesund macht. Jetzt kann dieser wie all die anderen in den Tempel gehen, muss nicht mehr warten, bis ihm jemand hilft. Jetzt gehört er dazu.
Was stört die Frommen an Jesus? Dass er dem Mann hilft? Dass er Wunder wirken kann? Dass er ihn ermahnt, nicht zu sündigen? Nein. Sie stören sich daran, dass er all das aus Gottes Kraft heraus tut, dass er deutlich macht, dass Gott am Sabbat sich seiner Schöpfung zuwendet, sie heilen möchte, wo sie gebrochen, gelähmt, krank ist. Dass es Gott selbst ist, der heilend an Leib und Seele wirkt. Das zu glauben, ist gar nicht so leicht. Weil dieser Glaube die üblichen Regeln sprengt.
Die Geschichte hält uns den Spiegel vor: wo haben die Starken die Schwachen aus dem Blick verloren? Wo sagen wir: schau selbst, wie du weiter kommst, ich kann dir nicht helfen. Und nicht nur das? Glauben wir wirklich daran, dass Gott hilft? Den Kranken und den Gesunden? Weil alle Teil seines Schöpfungswerkes sind und durch ihn heil werden können. Darüber könnte man sich vor allem freuen.

Sir 35,15b-17.20-22a

So stellen wir uns Gott vor: ein Gott des Rechts, unbestechlich, aber parteiisch, wenn es um Arme und Unterdrückte geht. Ein hörender Gott, wenn es die Not der Menschen zur Klage gebracht wird und ein eingreifender Gott, der selbst das Recht schafft und als Richter tätig wird.

Der knappe Text benennt alle Hoffnung, die wir in Gott legen. Insbesondere dann, wenn wir den Eindruck haben, dass wir Unrecht und Not aus eigener Kraft nicht verändern können. Gott schafft Recht – darauf setzen die Menschen. Sie vertrauen seiner Kraft, seiner Barmherzigkeit, durch die er uns nahe kommt und alle Distanz überwindet.

Recht ermöglicht Teilhabe. Zu allen Zeiten haben Menschen dies gewusst. Und sie wissen auch, dass wir Menschen nicht immer imstande ist, das Recht so zu schaffen, dass Teilhabe für alle möglich wird. Nach wie vor sind viele ausgeschlossen vom Wohlstand, von Selbstbestimmung und sozialer Gemeinschaft. Die Klage darüber darf nicht verstummen. Aber wir müssen auch in Sinne Gottes tätig werden und Strukturen des Rechts schaffen, die dazu dienen, Teilhabe zu ermöglichen. Dann wird Gottes Eingreifen sichtbar und spürbar, dann wird Gott selbst gegenwärtig.

2 Tim 4,6-8.16-18

Welche Hoffnung legen wir in die Ewigkeit? Wie viel Lohn erwarte ich schon jetzt? Und wie gehe ich damit um, wenn ich ungerecht behandelt werde oder gar von allen im Stich gelassen werde? Woraus schöpfe ich Hoffnung, wenn alles so sinnlos scheint?
Manchmal hilft nur noch die Hoffnung auf das Jenseits, wenn auf Erden keine Einsicht möglich scheint. Wenn niemand mehr wahrnimmt, was ich hinter mir habe, welche Aufgaben ich treu und mit Hingabe auf mich genommen habe, wenn ich ausgeschlossen werde von Gerechtigkeit, Dank, Vertrauen. Wenn das Böse stärker ist als das Gute, dann bleibt nur noch der Glaube, dass Gott selbst gerecht und barmherzig ist und sein Urteil entsprechend ausfällt.
Vielleicht sind es gerade die Ohnmachtssituationen, die uns auffordern, von dieser Hoffnung zu erzählen, die die Zeiten überdauert. Sie klingt manchmal wie ein billiger Trost und doch kann sie die Sinnhaftigkeit begründen, auf die Frage nach dem Warum eine Antwort sein, die weiter reicht als unser Denken. Hoffnung gewährt uns schon hier Anteil am Jenseits. Sie öffnet und weitet den Blick in den Himmel hinein.

Lk 18,9-14

Die Geschichte klingt so leicht; die Rollen sind eindeutig und klar, Pharisäer und Zöllner. Fast jedesmal falle ich beim Hören darauf rein, denn selbstverständlich verstehe ich mich als Zöllner*in, die sich nicht über andere erhebt, die sich ihrer Schuld und ihrer Fehler bewusst ist und diese auch vor Gott in aller Ehrlichkeit bekennt. Selbstverständlich weiß ich mich unter den Kleinen, die der Gnade Gottes bedürfen und danke Gott, dass er mir immer wieder und immer auf‘s neue diese Chance gibt. Pharisäer*in bin ich auf keinen Fall und dafür bin ich dankbar.

Und schon bin ich mitten unter den Pharisäern gelandet. Nun, sie sind ja nicht so schlimm, wie wir immer denken. Sie sind fromm, geben von ihrem Einkommen ab und kümmern sich in der Regel auch um Schwache und Kranke, weil es ihre Religion ihnen so vorgibt. Solche Regeln und Verhaltensweisen sind in einer Gemeinschaft nötig und ermöglichen denen Teilhabe, die sonst ausgeschlossen würden. Was also stört uns an den Pharisäern bzw. an dem Pharisäer, von dem dieses Gleichnis erzählt? Seine Überheblichkeit und Arroganz? Er äußert ja seine Gedanken nicht öffentlich, sondern denkt sie für sich. Seine sehr eingegrenzte Selbstwahrnehmung? Wie würden wir den Pharisäer beurteilen, wenn er nicht gleichzeitig mit dem Zöllner beim Beten im Tempel wäre? Hätte er dann womöglich ganz anders gebetet?

Ja, es ist schon seine Überheblichkeit, die mich so stört; die ich fast unerträglich und auch verachtenswert finde. Und in dem Moment denke ich in gleicher Weise wie der Pharisäer. Das passiert ganz oft im Lauf eines Tages, einer Woche. Wie oft denke ich, dass mein Verhalten viel besser ist als das meiner Kolleginnen und Kollegen. Wie oft finde ich meine Denkweise bestens begründet und deshalb letztendlich doch die einzig richtige? Wie oft wird bei Handlungsoptionen nur eine einzige Möglichkeit praktiziert, bewährt und tradiert über viele Jahre, ohne je hinterfragt zu werden? Es ist nicht einfach, Selbstgerechtigkeit kritisch zu hinterfragen und ein anderes Denken einzuschlagen.

Da ist aber auch noch der Zöllner, dem ich mich viel näher fühle. Was reizt mich an seiner Person? Dass er so ehrlich sein kann? Dass er sich im Gegenüber Gottes seiner selbst bewusst wird und dann sagen kann: ich bin ein Sünder? Ist es besonders gut, wenn man sich klein macht? Wie war er vorher? Gehörte er zu denen, die die Menschen ausbeuten so gut sie können oder hat er eher sehr willkürlich agiert? Womöglich sogar nach seiner Lust und Laune am jeweiligen Tag?

Jesus stellt mit diesem Gleichnis unsere Bereitschaft, in aller Selbstverständlichkeit die eigenen Vorurteile zu pflegen, völlig in Frage. Aber er tut es nicht nur in Bezug auf den Pharisäer, auch wenn es zunächst so klingt. Das wäre zu einfach. Seine Frage lautet eher: wohin führt mich der Blick Gottes? Führt er mich zur Selbstgerechtigkeit oder zur Selbsterkenntnis?
Pharisäer und Zöllner sind Teil einer Gruppe, deren Normen und Ansichten sie verinnerlicht haben. Genauso werden sie ihnen aber auch von außen zugeschrieben. Gottes Blick aber hebt diese Unterschiede und Zuschreibungen auf. Weil nicht mehr der Fromme, der Richtige, der Wissende, der Oben oder der Unten, der Sünder, der Ausbeuter jeweils das Gegenüber ist, sondern der Mensch an sich, wie er vor Gott steht, wie er von Gott gesehen wird. Dieser Blick Gottes sieht den Menschen mit seinen Möglichkeiten. Im Angesicht Gottes werde ich mir meiner selbst bewusst und kann Fehler und Schwächen, Stärken und Talente eingestehen, ohne in den Vergleich mit anderen zu gehen. So wie ich bin darf ich zur Gemeinschaft der Glaubenden gehören. Es gilt, den Blick auf sich selbst so zu verändern, dass er nicht automatisch zur Abgrenzung und Unterscheidung führt. Das wäre einander und sich selbst mit den Augen Gottes sehen zu lernen. Das führt zur Teilhabe im unfassenden Sinn, weil Aus- oder Abgrenzung dann kaum mehr möglich ist. Die Andere, den Fremden, die Nächste mit dem Herz anzusehen, lässt Teilhabe zu an dem, was mir wichtig und von Bedeutung ist und an dem, was dem und der Anderen wichtig ist. Miteinander zu glauben im Vertrauen auf die Gnade Gottes.

Barbara Janz-Spaeth, Stuttgart

Nach oben