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2. Adventsonntag (9.12.18)

2. Advent 2018

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Jes 35, 3-10 Bar 5, 1-9 Phil 1, 4-6.8-11 Lk 3, 1-6

Die Verfasserin nimmt in der Perspektive der Adventszeit auf alle Perikopen der katholischen und der evangelischen Leseordnung Bezug, mit Schwerpunkt auf Jesaja 35,3-10 und Baruch 5,1-9. Die Erwartung der Heimkehr in diesen Texten wird auf die Situation von Flüchtlingen und Vertriebenen bezogen. Jesaja 35 bietet aber auch die Möglichkeit, die Heimkehr auf bedrohte Tierarten in einen geschützten Lebensraum auszuweiten. Philipper 1,4-6; 8-11zeigt für das ethische Handeln an sich die Rahmenbedingungen paulinischer Theologie auf.

Advent ist die Zeit der freudigen Erwartung auf etwas Grosses, Gutes, Beglückendes, auf einen geschenkten Neuanfang. Advent ist die Zeit, sich für Wunder zu öffnen und dem Staunen Raum zu geben.Advent ist die Zeit der aktiven Vorbereitung, Hoffnung wachsen zu lassen und der Mutlosigkeit und Gleichgültigkeit entgegenzutreten.

Jesaja 35,3-10, Baruch 5,1-9 und Lukas 3,1-6 sprechen zu Menschen, die Unterdrückung erleben. Zu verschiedenen Zeiten bekräftigen die drei biblischen Texte das Gleiche: Das soll und wird nicht so bleiben. Gott wird dafür sorgen, dass das ein Ende hat! Und die Menschen, die ganze Schöpfung - alle sollen sich darauf vorbereiten.

Im Jesaja- und im Baruch-Text ist das ersehnte Wunderdie Heimkehr des Volkes Israel: Auf sicheren, ebenen Wegen in die Heimat zurückkehren (Jesaja 35,7b-9; Baruch 5,7-8); heil werden von allen Verwundungen und Einschränkungen (Jesaja 35,5-6a); reichlich Wasser und Lebensgrundlagen für den Neuanfang erhalten (Jesaja 35,6b-7); Würde und Ehre zurück erhaltenund die Lebensfreude wiederfinden (Baruch 5,1-9, v.a. Verse 2-3 und 6b): Zuhause sein!

Menschen, die heute vonFlucht und Vertreibung betroffen sind, können in diesenalten Textenihre eigenen Erfahrungen und Hoffnungen wiederfinden. Die Gefahren, Erniedrigungen und Verletzungen, die sie auf ihrer Flucht, als Landvertriebene und als Flüchtlinge in der Fremde erleben, sind unsäglich. Die Sehnsucht, zurückzukehren und ein würdiges, sicheres, gutes Leben zu führen, ist herzzerreissend. Der Wunsch, Gott möge eingreifen und dieses Wunder ermöglichen, ist übermächtig. Die Texte sprechen aus dem Herzen, wecken dann aber die Frage: Warum greift Gott denn bei uns jetzt nicht ein? Oder wie greift er vielleicht doch ein? Und was sollen wir tun?

Um an diesem Punkt nicht steckenzubleiben, können die Texte den Blick auch in eine andere Richtung lenken: Gott sagt zu, dass er den Vertriebenen ein Zuhause geben will - ein gutes, heiles, sicheres, würdevolles Leben –, auch wenn das Wann und Wie offen bleiben. Diese Zusage stellt sich quer zum Sog der Hoffnungslosigkeit und Gleichgültigkeit. Sie kann für die Betroffenen eine Quelle für Mut und Kraft sein, um in der aktuellen Lebenssituation bestehen zu können. Sie ist aber gleichzeitig auch eine Aufforderung an alle, das Menschenmögliche zu tun, um dem Wunder Raum zu geben und den Weg zu ebnen. Im Sinne der adventlichen Vorbereitung auf die grosse, von Gott versprochene Heimkehr geht an alle der Aufruf, Flüchtlingen sichere Wege zu schaffen; ihnenhier und jetzt ein Stück Heimat zu ermöglichen, wo sie Sicherheit, Heilung, Würde und einen Neuanfang erleben können; aber auch den Wiederaufbau zu unterstützen, wo eine Rückkehr möglich wird.

Und noch ein anderer Aspekt zu Jesaja 35,3-10: Aufdem Heimweg der Erlöstensind keine Schakale, Löwen oder andere Raubtiere zu finden. In der Erfahrungswelt des Volkes Israel ist dies ein Zeichen für Schutz und Sicherheit auf dem Weg. In unserer heutigen Erfahrungswelt steht das Fehlen solcher und anderer Tiere nur noch selten für Sicherheit, sondern meistens für die Bedrohung der Tier- und Pflanzenwelt durch menschliches Tun. Tiere und Pflanzen sindheute ebenfalls Vertriebene, deren Lebensgrundlage zerstört wurde – wie das Volk Israel. In einer neuen Sicht auf die erwähnten Raubtiere kann das im Advent erwartete, von Gott zugesagte Wunder in unserer Zeit mit einschliessen, dass sie als selber Bedrohte zusammen mit anderen Tier- und Pflanzenarten in ihre Lebensräume heimkehren dürfen - in ein sicheres, lebensförderliches Zuhause, bei dem Kummer und Seufzen der Schöpfung entfliehen (Jesaja 35,10; Römer 8,22). Auch dafür gilt es in der adventlichen Vorbereitung Wege zu ebnen und sich für Umkehr und Neuanfang einzusetzen (Lukas 3,3-5).

Wie das genau und konkret geschehen soll, dafür hat das Neue Testament weder Rezepte noch eine Regelsammlung. In Philipper 1,9-10a schreibt Paulus: Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird, damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt. Jeder Einsatz für Menschenrechte, Ökologie und Nachhaltigkeit bewegt sich in einer komplexen Welt, wo es schwer fällt, das Gute eindeutig zu benennen und zu tun. Das fängt schon da an, dass bei jeder Hilfe, bei jeder Spende und bei jeder Kampagne gleichzeitig so viele Menschen und Themen nicht berücksichtigt werden können, die genauso von Not betroffen sind. Dass wir uns davon weder lähmen noch abstumpfen lassen, dafür sorgt laut Paulus die Liebe, die wir von Gott als Geschenk bekommen haben, das von uns auf andere weiterwirkt (Galater 5,6). Damitin dieser Liebe das Bestmögliche getan werden kann (worauf es ankommt), braucht es Einsicht und Verständnis. Die sind nicht selbstverständlich, sondern ebenfalls Geschenke, um die wir genauso bitten dürfen wie Paulus. So kann unser adventliches Handeln vielleicht Teil eines guten Werkes werden, das Gott bei uns begonnen hat und vollenden wird (Philipper 1,6).

Bettina Lichtler, Zürich

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