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13. Sonntag nach Trinitatis / 24. Sonntag im Jahreskreis (15.09.19)

13. Sonntag nach Trinitatis / 24. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Mk 3, 31-35 Ex 32, 7-11.13-14 1 Tim 1, 12-17 Lk 15, 1-32

Vorbemerkung

Alle Texte dieses Sonntags sprechen nicht explizit davon, wie Teilhabe gestaltet werden soll und wer dabei an was teilhat. Auf einer zweiten Ebene bieten die Texte aber Erfahrungen damit, wodurch Teilhabe geprägt werden kann, wozu der Wunsch danach hinführen mag und was das motivationale Grundgerüst ist, sich um Teilhabe zu sorgen.


Mk 3,31-35

Familienerfahrung prägt Teilhabe

Jesu Wirken bereitet seinen Angehörigen („die Seinen) Bauchschmerzen und lässt sie aktiv werden (V. 21). Sie brechen auf, ihn zu suchen. Sie halten ihn von allen guten Geistern verlassen – obwohl die „Zwischen-Perikope“ (V. 22-30) erkennbar macht, dass er Gottes Geist in sich trägt, weil er wirkt, was er zugunsten des Reiches Gottes wirken soll/muss. In seiner Zeit gehört Jesus lebenslang zu seiner Sippe. Es ist gesellschaftlich verbürgtes Recht, auf ihn Anspruch zu erheben und zu benennen, dass traditionellen Strukturen ihn zurück in die tradierten familiären Pflichten fordern. Wenn die Seinen sich aufmachen, ihn zu ergreifen, bleibt doch die Frage, ob sie ihn auch begreifen können. Als sie ankommen bleiben sie draußen vor – nur deswegen, weil das Haus von der zusammen gelaufenen Menge erfüllt ist?

Jesus muss mit-geteilt werden, dass seine Familie (Mutter und Brüder, Schwestern) da sind und ihn suchen. Seine Reaktion irritiert herkömmliche Familienansichten. Aber passt es nicht zu anderen Verhaltensweisen, die befremden und vielleicht entfremdend wirken: seine Zeit in der Wüste, sein Wanderpredigerdasein, seine Radikalität der Gottbezogenheit. Aus der Perspektive der Späteren wissen wir, es hat seinen tieferen Grund darin, dass sich so die neue Möglichkeit auftut, an Gottes Verheißung von Gerechtigkeit, Leben, Solidarität Teilhabe zu schaffen. Diese neue Möglichkeit ergreifen die, die der Ansage und dem Anbruch des Reiches Gottes in Jesu Wort und Tun folgen.
Wer bereit ist, Herkömmliches hinter sich zu lassen um Raum für die Teilhabe an Neuem und End-Gültigem zu gewinnen. Ins Reich Gottes gelangt man nicht durch einen Automatismus, nicht weil man die ‚richtige‘ ethnische, soziale, religiöse oder eine andere weltliche Kategorie durch Geburt erfüllt. Zugehörigkeit und damit Teilhabe kommt aus dem Folgen auf den Ruf. Ein Ruf, der herausruft aus alten Größen („das war schon immer so“) und hineinruft in das Reich Gottes. So Gerufene können nicht mehr bloß mitlaufen; wirklich teilhaben kann ein/e Gerufene/r nur im Zusammenstimmen zum Wollen und Handeln. Gottes Ruf geschieht durch Jesu Wort und Tat und Teilhabe daran zum Für-Einander-Leben (Pro-Existenz): sich engagieren für die realen Notwendigkeiten des Lebens, Einsetzen für gerechte Verhältnisse zwischen den Menschen, Sorge um das Leben in einer bewohnbar gehaltenen Schöpfung, die grundlegende Haltung des Zu- und Miteinander im Frieden. Jesus lehnt Familie nicht generell ab. Er weiß, welch wichtige Impulse Familienerfahrung bietet für tragfähige Solidarität, das Mittragen in Not, das Mittrauern und für den Rückzug zum Aufatmen in der Gastfreundschaft. Jesu Botschaft vom Reich Gottes braucht familienerfahrene Menschen. Aber sie kapseln sich nicht ein auf geburtliche Familienbande, sondern lassen sich für neue Gemeinschaft öffnen.
Hier zeigt sich das Wirken des Geistes Gottes, der (johanneisch gesprochen) die Kinder Gottes zu Geschwistern verbindet. Die sich von diesem Geist leiten lassen, die handeln nach dem Willen Gottes, der Vater aller Menschen ist und sein will. Sie sind die Zugehörigen und die Angehörigen und bleiben nicht draußen, sondern bilden drinnen um Jesus die Familie aus Brüdern, Schwestern. Und sie sind einander Mutter. Die neue Familie, die aus der Ansage des Reiches Gottes durch Jesus entsteht, die schafft Teilhabe füreinander und für andere aus der Mitte des Herzens, das hört, sieht und an und mit denen handelt, denen das Reich Gottes verheißen ist.


Ex 32,1-11.13-14

Teilhabe in der Solidarität mit den Schuldigen

Wie soll sich ein Volk gegenüber anderen, größeren und machtvolleren Staaten und Völkern behaupten, wenn es den für die eigene Identität wichtigen Glauben nicht auch durch machtvolle Symbole nach außen vertritt? Gerade in Zeiten der Verunsicherung sind solche Demonstrationen von Macht doch hilfreich, die Masse zusammen zu halten. Das Volk in der Wüste ist durch die lange Abwesenheit von fast 40 Tagen in diese Unsicherheit geraten. In der diachronen etwas komplexen Geschichte von Ex 32 tut das Volk Israel etwas menschlich Nachvollziehbares: es schafft einen Kultcorpus, der Vitalität, Stärke und Potenz ausstrahlt. Ein Goldenes Kalb. Aus dem geschichtlichen Rückblick mag hier gerade mit dem Mitbedenken der prophetischen Kritik eine gewisse Karikatur erscheinen, wenn von der Gestalt eines Kalbes gesprochen wird, das noch abhängig ist vom Muttertier, und die Herstellung durch Sammlung von Gold und dem Gießen das Formen durch Menschenhand voraus geht.
Der markante Bruch der Beziehung entsteht, wo dem Bild selbst die Befreiungstat zugeschrieben wird und damit die symbolische und verweisende Dimension verlassen wird. Einen von Menschen gemachten Gott zu verehren heißt letztlich nicht auf Gott, sondern auf sich selbst zu vertrauen, auch wenn es vermittelt ist in einem Symbol. Das Volk leugnet augenscheinlich, dass die Wirkungsmacht des verborgenen Gottes in seiner Geschichte präsent wurde und ist. Sein wollen wie alle anderen, teilhaben um jeden Preis an Macht und Gehabe geschieht hier. Im Gespräch Gottes mit Mose geschieht dann das Erschreckende: Gott nennt das Volk nicht mehr das seine, er spricht distanziert und es scheint nichts Verbindendes zwischen beiden vorhanden zu bleiben. Oder vielleicht doch? Da ist der Zorn, gleichsam die Gegenseite der Medaille von Liebe und Zuwendung.
Gott ist es also nicht gleichgültig. Und dort setzt Mose Bitte an. Er wird zum Fürsprecher des Volkes, weil er selbst lernen musste, Teil von diesem Volk zu sein. Und weil er Gott daran erinnert, dass dessen lange zurückreichendes Tun (Abraham, Isaak und Jakob/Irael) eigentlich auch Teilhabe am Geschick dieses Volkes ist. Teilhabe, die immer schon nicht nur auf die schönen, problemlosen Seiten des Weges mit den Gerufenen beschränkt blieb. Und in der sich Gott immer als der Treue erwiesen hat. Mose Engagement in diesem Bittgespräch basiert auf der Teilhabe an Gottes Beziehung zum Volk, das an den Gottesberg geführt wurde. Aus dieser Teilhabe entsteht die Möglichkeit, sich für andere einzusetzen, für solche, die sich aus den Umständen heraus verführen ließen und am Bruch mit Gott schuldig geworden sind.
Mose gelingt es, den distanzierten Gott sich wieder zu seinem Volk zu erinnern und zu bekennen. Mose wird hier zum Beispiel der Teilhabe durch Solidarität. Sein solidarisches Eintreten – er hätte auch die Chance ergreifen können, dass er selbst zum Urvater eines großen Volkes werde – ist Verzicht auf den eigenen Vorteil und das Mittragen der Verantwortung, auch ohne eigenes Schuldigwerden. Im Erinnern an die Befreiungstat und an das Versprechen der Landverheißung wird Sinn gestiftet und fortgesetzt, damit alle befreiten und ins das verheißene Land berufenen mit Gott das Leben teilen können.


1 Tim 1,12-17

Teilhabe lebt aus verwandelter Haltung

Paulus bietet den Hörenden des Briefes eine schonungslose Offenheit über seine Vergangenheit. Er stellt sich als Primus vor, nicht weil seine Lebensseite ein Ruhmesblatt wäre, sondern weil sein Leben eine existentiell radikale Verwandlung getroffen hat. Paulus deckt den Adressaten auf, dass seine erstarrte Haltung die wirkliche Zugehörigkeit zu Gott unmöglich macht, ja dass sie sogar negativ für das Miteinander mit anderen wirkt. Da hinein erlebt er aber einen treuen Gott, der ihn trotz seine Haltung nicht fallen lässt oder ignoriert, sondern eine überwältigende Zuwendung (Gnade) zeigt, die in diesem Menschen Paulus Glauben und Liebe, Beziehungsfähigkeit und Beziehung zu Gott und den Gott suchenden Menschen erweckt.
Paulus zeigt sich als Prototypen des Sünders und des Gerechtfertigten; er muss nichts von seiner Vergangenheit verstecken oder verleugnen, weil ihm die befreiende Wahrheit des gekreuzigten und auferweckten Christus die Zukunft eröffnet hat. Diese neue Lebenserfahrung behält er nicht für sich, die kann er nicht für sich behalten, weil sie auch auf die Beziehung zu Menschen hin angelegt ist. Deshalb lässt er die Menschen an seinem Leben teilhaben, damit sie sich ebenfalls vom neuen Lebensweg Gottes berühren und verändern lassen.
Die Menschen sollen teilhaben an einer menschlichen Gemeinschaft, in der Menschen durch die Proexistenz Christi geprägt werden. Solches Teilhaben, das in der persönlichen Veränderung der Haltung zu Gott und dem Nächsten beginnt, ermöglicht Teilhabe zu leben, wo gerechte Verhältnisse notwendig sind, wo ein bewahrender und fürsorglicher Umgang mit der Schöpfung auch die Teilhabe der kommenden Generationen im Blick hält und wo Frieden umfassender gelebt werden kann als in krieg- und konfliktfreien Zeiten. Es fängt mit dem Stehen zur eigenen Vergangenheit an, es entfaltet sich um Zulassen einer verwandelnden Teilhabe am Geschick Jesu. Dann versteht sich auch, warum solche Veränderung bedankt und gelobt sein wird.


Lk 15,1-32

Der Verkündigungstext fasst das Doppelgleichnis und die Parabel vom Vater mit den beiden Söhnen zusammen. Dies ermöglicht eine Wahrnehmung, in der in der Parabel nicht so sehr der Blick auf den ‚selbstverständlich‘ barmherzigen Vater gelenkt wird, sondern der Blick auf die Haltung und das Verhalten des älteren Sohnes geht. Und mit diesem Blick wird wieder der Bogen zurück geschlagen auf den Anfang des 15ten Kapitels, d.h. auf den Anlass: dass eine religiöse Gruppierung sich nicht einfühlen kann in das wieder gewinnende Teilhabenlassen an der Güte Gottes, das Jesus durch sein Verkünden in Wort und Tat wirklich werden lässt.
Alle drei Texte (Schaf, Drachme, Sohn) haben den Blick dafür, dass dieses Wiederfinden, Wiedergewinnen mit Mühe und Dramatik verbunden ist. Die beiden ersten Texte zeigen aber, dass bei diesem Wiederfinden mehr geschieht als nur seine Sachen wieder beisammen zu haben. Die Akteure teilen ihr Glück, sie lassen andere an ihrem Leben und an der Freude über ein erfüllteres Leben teilhaben. Teilhabe ist damit mehr als wieder geordnete Verhältnisse herzustellen. Teilhaben lassen entwickelt Kräfte, die den Menschen wachsen lassen. Vorausgesetzt, seine Haltung zu dem, was wiedergefunden wird, stimmt. Es muss schon mehr als ein bloßes Aufrechnen.
Es braucht eine tieferliegende, empathische Beziehung – nicht nur zu den Dingen, vielmehr zu den Menschen, zu denen jemand positioniert ist. An der Parabel zeigt sich, dass eine bloß physische familiäre Beziehung noch nicht die Freude des Wiederfindens, der erneuerten Teilhabe weckt. Es braucht wie beim Vater eine mutterleiblich geprägte emphatische Hinneigung (Erbarmen vom hebr. rächäm, was die Bedeutungsspanne von Erbarmen und Mutterleib hat). Das ist aber eine grundsätzlich positive Haltung zu anderen Menschen: die ermöglicht ein Teilhaben, nicht weil der andere Teil meines Kalküls ist und sein Verhalten nach menschlichen Wertmaßstäben bilanziert wird.
Teilhabe entfaltet ihre schöpferische Kraft da, wo sie (etwas verkürzt gesagt) vom Bauchgefühl her bestimmt wird, also vom Blick auf die Lebensquelle gestaltet wird. Wer sich selbst nur in Zahlen, Fakten, Normen und alltäglichem Allerlei bewegt, dem kann es leicht passieren, Teilhabe eng eingegrenzt zu erfahren und zu geben. Dem entgeht die Freude des Lebens, dem entgeht auch die Fülle des Lebens, die aus der Teilhabe in der Beziehung Gottes steckt. Vielleicht sind die daheimgebliebenen ‚Söhne/Töchter‘ ja die, die noch das Verloren-gehen erlernen müssen, um auch die Freude der Teilhabe mit anderen zu teilen.

Christoph Schmitt, Rottenburg

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