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Buß- und Bettag (21.11.18)

Buß- und Bettag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Offb 3, 14-22 Offb 4, 1-11 Lk 19, 11-28

Der Buß- und Bettag – ein schwieriger evangelischer Feiertag

Warum sollte man überhaupt heute Gottesdienst feiern?  Seit der Antikehat man Buß- und Bettage anlässlich aktueller Notsituationen und Gefahren angesetzt, zu denen man die allgemeine Bevölkerung zu Umkehr und Gebet aufrief. Im Mittelalter gab es Bußtage, die von der Obrigkeit angeordnet wurden, oder die sich – wie die Quatembertage – aus der kirchlichen Ordnung ergaben. Man verstand sie theologisch 1. als Fürbitte der Kirche für die Schuld der Gläubigen vor Gott, 2. im Sinne einer Wächterfunktion der Kirche gegenüber den Sünden der Zeit und 3. als Gelegenheit der Gewissensprüfung für jede/n Einzelne/n vor Gott.

Im 19. Jhd. zählte man in den deutschen Ländern bis zu 47 Bußtage an 24 verschiedenen Daten.Seit Ende des 19. Jhd.fasste man sie staatlicherseits (!) zusammen an einem einheitlichen Buß- und Bettag, begangen am Mittwoch vor dem Ewigkeitssonntag bzw. letzten Sonntag des Kirchenjahres. 1995 wurde er – außer in Sachsen – als arbeitsfreier Tag gestrichen, um Arbeitgebern die finanzielle Belastung der neu eingeführten Pflegeversicherung auszugleichen. Meist machen sich daher nach der Arbeit nurwenige Gläubige in der dunklen Jahreszeit auf den Weg zum abendlichen Bußgottesdienst.

Allerdings ist auch der Begriff Buße im allgemeinen Sprachgebrauch negativ besetzt („das wirst/musst du büßen“, Bußgeldbescheid, Bußgeldkatalog). Doch geht es nicht um Büßen für begangene Vergehen im Sinne einer Bestrafung, sondern um Reue für begangene Sünden, Umkehr und Gesinnungsänderungim persönlichen Verhältnis zu Gott. Daher ist Buße von jeher zentral für die christliche, vor allem protestantische Theologie und Frömmigkeit. So beginnen Martin Luthers 95 Thesen: „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: ‚Tut Buße etc.‘, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.“ Mit seinem Rufpoenitentiamagite!“ griff er eine Parole auf, die – wie LeserInnen von Umberto Ecos „Name der Rose“ wissen – spätestens seit der Bewegung der Apostoliker im 13. und 14. Jhdt. eine deutliche innerkirchliche Sprengkraft besaß.

Auch die Forschung sieht Buße relativ einmütig als Kern der Verkündigung des „historischen Jesus“ – zumindest, was das etc. betrifft, die Nähe der Gottesherrschaft. Sie ist nicht zu trennen vom Ruf zur Umkehr; Johannes der Täufer steht ganz in der Tradition der atl. Gerichtspropheten. Heute ist es an uns, die Beziehung zu Gott, den Mitmenschen, zur gesamten Mit-Schöpfung selbstkritisch zu reflektieren, umzukehren und sich neu auszurichten – auf ein menschen- und umweltfreundliches, „nachhaltiges“ Leben im Einklang mit Gott.

Es erscheint daher sehr passend, dass der Buß- und Bettag in Deutschland seit Mitte der 1980er Jahre stets die ökumenische Friedensdekade abschließt. In fast prophetischer Weise ruft sie jedes Jahr neu dazu auf, das eigene und das kirchliche Leben auszurichten auf Frieden im Sinne eines umfassenden Schalom. Sie feiert die Vision von einer besseren Welt. Das anhaltende, gemeinsame Gebet, in manchen Gemeinden durch alle zehn Abende hindurch, hat viel angestoßen, woraus Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung und eben Frieden wachsen konnten – die Voraussetzung für Nachhaltigkeit schlechthin.

Buße tun (oder umkehren) ist etwas Dynamisches, bei dem sich etwas tut und etwas geschieht: In den Schriften des NT finden sich neben 22 Belegen für das Substantiv Buße (µɛτάνοια) auch 34 Verwendungen des Verbs µɛτανοέω – und zwar signifikant gehäuft in lukanischen Doppelwerk und in der Offenbarung des Johannes (um 95 n.Chr.), aus denen die Perikopen des diesjährigen Buß- und Bettages stammen.

Buße tun im Sinne von µɛτάνοια / µɛτανοέω hat dabei mehrere Aspekte:

  • Vor allem geht es um das Verhältnis von Gott / Christus und dem Menschen; er tut Buße, um eine positive, gelingende Beziehung zu Gott aufzunehmen. Der Aufruf richtet sich bei Lk. an Juden und Christen, in Offb. an christl. Gemeinden, sich von Gottlosigkeit ab- und Gott zuzuwenden.
  • Gott / Christus sind nicht unbeteiligt; sie verhalten sich komplementär: Bleibt µɛτάνοια aus, folgen göttliche Strafen; wer sich Gott zuwendet, darf Gutes von ihm erwarten (s. Offb. 3,19f).
  • Esbedarf eines Verkündigers, um Menschen zur Buße zu motivieren: Johannes, Jesus, Petrus und Paulus in den lk. Erzählungen, den Verfasser der Offb.
  • Der Verkündiger predigt nicht aus sich selbst heraus, sondern handelt im Auftrag Gottes / Christi.
  • µɛτάνοια wirkt sich auch aus auf das Verhalten gegenüber den Mitmenschen / der Mitwelt, was sich in an den (nachhaltigen) „Werken“ erkennen lässt (z.B. Offb 2,5).

Ev. Predigttext: Offb 3,14-22: Sendbrief an die Gemeinde in Laodizea

Das Verb µɛτανοέω –ausschließlich das Verb!– kommt allein zwölfmal in der Johannesoffenbarung vor, in den sieben „Sendbriefen“ als Imperativ. Der letzte dieser Briefe, gerichtet an die Gemeinde in Laodizea,weist zuerstauf den Anfang der Schöpfung hin. Die Bedeutung des Daseins als Geschöpf ist aber nur zu erfassen, indem man „umkehrt“. Es gilt, „echte“ Schätze zu erwerben, die göttliche Wahrheit zu erkennen und danach nicht „lau“, sondern überzeugt und überzeugend einen Gott zugewandten und also nachhaltigen Lebensstil zuleben. Als Belohnung für die damit verbundenen Mühen winktein Leben „in Tischgemeinschaft“ mit Gott, dem wir nahe sind, und der uns nahe ist.

Kath. 1. L: Offb 4,1-11: Der thronende Gott im Himmel – Grund unseres Seins

Der Text schließt unmittelbar an die evangelische Predigtperikope an und entwickelt die Vision eines thronenden Schöpfer-Gottes. Vom Thron Gottes gehen Blitze, Stimmen und Donner aus – Gott hat Macht über die Naturgewalten. Um ihn herum stehen 24 weitere Throne auf denen die 24 Ältesten sitzen: Die gesammelte Weisheit der Menschheit ist versammelt und huldigt Gott, erleuchtet von sieben Fackeln. Die auf Ezechiel (1,10) zurückgehende Lebewesen – Löwe, Stier, Mensch, Adler–, wurden vielfach interpretiert und im 4. Jhd. zu Symbolen für die vier Evangelisten. In ihrer Vierzahl repräsentieren sie gewissermaßen auch die ganze Schöpfung (vier Himmelsrichtungen), die ihren Schöpfer und seine Herrlichkeit lobt und preist. Mit sechs Flügeln (wie die Cherubim in Jes 5) sind sie zugleich Teil des Gott huldigenden himmlischen Hofstaats.

So richtet der Text auch uns wieder aus auf den Grund unseres Seins – unseren Schöpfer, in und von dessen Schöpfung auch wir als seine Geschöpfe ganz und gar leben und von ihr abhängen.

Kath. Ev. Lk 19, 11-28: Das „Kapitalistengleichnis“ – mutig in die Zukunft der Schöpfung investieren

Der Evangelist Lukas hat theologisch eine Vorliebe für die µɛτάνοια: Während der Johannes der Täufer bei Matthäus (Mt. 3,8) die Zuhörenden auffordert, „der Buße entsprechende Frucht“ hervorzubringen – zu beziehen auf die gesamte Lebensführung –, spricht Lukas von „Früchten der Buße“, was „bußgerechte“ Verhaltensweisen oder Taten assoziiert. Vorhandensein oder Ausbleiben von „Frucht“ bzw. „Früchten“ ist Kriterium für Gottes Gericht, die Taufe (Lk 3,3) ein Bußakt zur Sündenvergebung.

Auf diesem Hintergrund ist auch das „Kapitalistengleichnis“ dieser Evangelienperikope zu lesen. Dem furchtsamen Diener wird alles Geliehene wieder genommen, weil er nicht investiert, denn: „Wer hat, dem wird gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“ (V. 26) Bilder der Banken- und Weltwirtschaftskrise vor zehn Jahren steigen in mir auf –verzockte Milliardenbeträge, die Millionen von Menschen in soziale Not gestürzt haben. Heute sind es Spekulationen um Land, um Ackerfrüchte und Rohstoffe (Stichwort LandGrabbing), die uns die so explizite Aufforderung, zu ernten, wo wir nicht gesät haben, unheimlich werden lässt.

Doch ist all das nicht gemeint. Vielmehr sind wir aufgefordert, mit den uns anvertrauten Mitteln mutig in unsere Zukunft in der Schöpfung zu investieren…

  • z.B. durch Einsatz für einen arbeitsfreien Feiertag zur Reflexion und Begegnung am Ende des Kirchenjahres: als Zeichen für unsere Gesellschaft, nachdem über Jahrzehnten die Ökonomisierung immer weiter fortgeschritten ist (und für Eltern, deren Kinder oft schulfrei haben);
  • z.B. in die Energiewende: Das kann ganz praktisch eine thermische Solaranlage oderein Blockheizkraftwerk sein, mit dem wir die alte Heizung für Gemeinde-, Pfarrhaus und Kirche ersetzen – die eingesparten Heizkosten bzw. Erlöse aus der Stromerzeugung ersparen der Gemeinde langfristig mehr Ausgaben, als sie in den Einbau investiert hat.
  • z.B. in die Öffnung der Gemeinde: Es können Umbaumaßnahmen im Gemeindehaus sein, die es (mit Café, Serviceeinrichtungen, Räumen für Kinderbetreuung, interkulturelle Urban Gardening-Projekte u.a.) der breiteren Öffentlichkeit zugänglich und zu einem „Quartierzentrum“ macht – einem Ort für Jung und Alt, an dem sie Projekte planen und gestalten können, wo Kirche auch in die politische Gemeinde hinein ihre lebendige, vielleicht missionarische Strahlkraft entwickelt.

Anregungen zur Weiterarbeit in der Gemeinde über den Sonntag hinaus gibt der Ökumenische Prozess „Umkehr zum Leben – den Wandel gestalten: http://www.umkehr-zum-leben.de

Christina Mertens, München

Literatur:

Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ) 34 (2017)/1: Buße. 184 S. Evang. Verlagsanstalt Leipzig. ISSN 0724-6137. Mit Beiträgen von H.Bezzel, N. Neumann, M.Ohst, M.Greschat, E. Neubert, M.Leiner, D. Korsch und P. Zimmerling

www.friedendsdekade.de: Informationen, Gottesdiensthilfen und Hintergrund-Materialien zur Friedensdekade:

www.ekiba.de/html/content/buss_und_bettag.html: Buß- und Bettag. Ein Tag, der zu einer Haltungsänderung führen kann

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