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Reformationstag (31.10.18)

Reformationstag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Gal 5, 1-6 /
Rev. 2014: Mt 5, 1-10(11-12)
Eph 6, 1-9 Lk 13, 22-30

Gal 5, 1 – 6

Das zentrale Thema dieses Abschnittes ist die Freiheit von den jüdischen Kultgesetzen, die eine viel weiter gehende Freiheit nach sich zieht, weil die Christinnen und Christen sich als unter der Gnade Gottes stehend begreifen können. Diese Freiheit und das Vertrauen auf die Gnade Gottes münden jedoch in die Liebe. Freiheit ist keine zügellose Freiheitz, sondern eine durch die Liebe bestimmte. Martin Luther hat dies in seiner Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen ausgeführt, die am heutigen Reformationsfest als ein historischer Zwischenschritt zwischen dem Bibeltext und der Predigt angesehen werden kann. Freiheit und Liebe gehören zusammen, das gilt auch für den Umgang des Menschen mit der Schöpfung, aus der er hervorgegangen ist. Die Liebe zu den Mitgeschöpfen, Tieren und Pflanzen, aber auch Boden, Wasser und Luft führen zu einer Selbstbeschränkung des Menschen. Die Mitschöpfung, von der wir leben müssen und leben dürfen, hat Anspruch auf einen liebevollen Umgang. Rituale bei manchen Jägervölkern, die sich bei dem erlegten Tier entschuldigen, deuten auf ein Wissen darüber hin, dass das eigene Leben immer nur auf Kosten anderen Lebens erhalten werden kann. Es ist aber auch die Nächstenliebe zu den fernen Nächsten, deren Leben wir durch unseren exzessiven Lebensstil beschränken oder unmöglich machen, die unser Tun bestimmen sollte. Und dann auch die Liebe zu den nächsten Generationen.

Mt 5, 1 – 12

Am Beginn der Bergpredigt stehen keine Forderungen, keine Neuauslegungen alter Gesetze, sondern Verheißungen. Sie sind sozusagen die Überschrift über die folgenden beiden Kapitel. Zugleich sind diese Verheißungen eine Utopie, denn es gibt keinen Ort, an dem es die hier Seliggepriesenen leben. Kein Mensch lebt so, die die hier Gepriesenen, auf jeden Fall nicht ohne Einschränkungen und Fehltritte. Aber wie jede positive Utopie geben sie Ziel und Richtung vor. Sanftmut und Barmherzigkeit sind elementare Haltungen im Umgang mit der Mitschöpfung. Gerechtigkeit und Frieden sind die Folgen eines entsprechenden Verhaltens. Frieden ist nur durch Gerechtigkeit zwischen den Menschen und Völkern möglich. Ein freier Zugang zu sauberem Wasser und zu gesunden Nahrungsmitteln sind die elementaren Voraussetzungen für Gerechtigkeit. Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung gehören untrennbar zusammen. Wer übermäßig Ressourcen verbraucht nimmt sie anderen weg. Nur ein weltweiter Ausgleich der Ressourcen kann zu Gerechtigkeit und Frieden führen. Nachhaltiges Leben bedeutet also zugleich, die Voraussetzungen für Gerechtigkeit und Frieden zu schaffen. Wer so lebt, der kann darauf hoffen, dafür einmal seliggepriesen zu werden.

Eph 6, 1 – 9

Diese sogenannte Haustafel, in der es um Anweisungen zum Verhalten derer geht, die in der Antike in einer Hausgemeinschaft miteinander lebten, zitiert in Vers 3 die Begründung der hebräischen Bibel für das Gebot, die Eltern zu ehren. Diese Begründung – „auf dass dir’s wohlgehe und die lange lebst auf Erden“ – gilt für alle Weisungen dieses Textabschnittes. Das hier geforderte Verhalten soll dazu dienen, dass ein gemeinsames Leben im Wohlergehen aller möglich ist. Die Konkretionen sind zeitgebunden und entsprechen den allgemeinen Vorstellungen der Antike. Wir würden es heute anders formulieren und dürfen es auch anders formulieren. Besonders die Anweisungen an die Sklaven sind aus heutiger Sicht schwer verständlich, auch wenn sie im Kontext der Anweisungen an die Herren gelesen werden. Systemveränderungen waren nicht das Anliegen der ersten Christengenerationen. Was sie jedoch innerlich bewegte hat im Laufe der Geschichte zu vielen Systemveränderungen geführt, auch zur Abschaffung der Sklaverei. Wichtig ist jedoch, dass nach diesem Text das Wohlergehen aller vom Verhalten der Menschen in der kleinsten Lebenseinheit, der Familie bzw. der Hausgemeinschaft abhängt. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung beginnen in der Familie. Hier lernt man gegenseitige Achtung, liebevollen Umgang miteinander und auch einen nachhaltigen Lebensstil, der nicht nur die Kinder und damit die kommende Generation prägt, sondern auch über die Erwachsenen vorbildhaft in die ganze Gesellschaft ausstrahlt.

Lk 13, 22 – 30 (31)

Für ein gelassenes Vertrauen auf die Bewahrung durch Gott wollen diese Zeilen werben. Sie laufen damit dem menschlichen Streben nach Selbstsicherung diametral entgegen. Genau das fällt uns Menschen so schwer, einfach darauf zu vertrauen, dass es morgen schon irgendwie weiter gehen wird. Veranlagung und Erziehung bringen uns vielmehr dazu, viel zu tun, um unser zukünftiges Leben so weit möglich abzusichern, dafür zu sorgen, dass genügend Geld und Hilfe da sein werden, wenn es mal nicht mehr so glatt geht wie heute. Weil wir nicht im Schlaraffenland leben und weil wir krank werden können, sorgen wir vor. Das ist klug, hat aber nichts mit Vertrauen zu tun. Selbst die Kirche sorgt vor, auch die kirchlichen Mitarbeiter tun es. Diese Tendenz zur Selbstsicherung ist gefährlich, wenn es nicht gelingt, immer auch wieder von ihr abzusehen. Deshalb ist der ausgesparte Vers 31 besonders wichtig und sollte nicht weggelassen werden. Er fordert einen Perspektivwechsel – von sich selbst wegschauen auf das, was wichtiger ist als man selbst. Er enthält zudem die Verheißung, dass gerade dann, wenn Selbsterhalt und Selbstsicherung aus dem Blick verloren werden, das Leben in besonderer Weise als ein Geschenk erfahren wird. Das gilt für Individuen wie für Gemeinschaften. Das größte Problem der Kirche ist Streben nach Selbstsicherung und Selbsterhalt. Das lässt sie lau und profillos werden. Dann kann sie Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung weder fordern noch selbst leben.

Dr. Michael Gärtner, Speyer

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