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19. Sonntag nach Trinitatis / 27. Sonntag im Jahreskreis (7.10.18)

19. Sonntag nach Trinitatis / 27. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Jak 5, 13-16 Gen 2, 18-24 Hebr 2, 9-11 Mk 10, 2-16

Jak 5, 13-16

Welchen Platz nimmt das Gebet in unserem Leben ein? Warum sollte es nur den dunkleren Stunden unseres Lebens vorbehalten sein? Sind auch glückliche und unbeschwerte Momenten Anlass, Gott anzurufen oder gar „Loblieder“ zu singen? Jakobus verdeutlicht zunächst, dass das Gebet die Funktion eines ständigen Begleiters in allen Lebenslagen einnehmen kann und hält damit ein Plädoyer gegen die Attitüde der Selbstverständlichkeit, mit der das Leben gelebt wird. In diesem Sinne entfaltet das unverkrampfte, im Alltag eingeübte Zwiegespräch mit Gott eine befreiende Wirkung. Jakobus bringt uns darauf, sowohl die „Hochzeiten“ unseres Lebens als auch die Zeiten der Krankheit, sei es an Körper oder Seele, als Gelegenheit wahrzunehmen, ganz neu auf sich und Gott zu schauen, die Beziehung zu Gott auf eine neue Ebene zu stellen und damit in der Beziehung zu Gott als Mensch weiter zu reifen.

In Zeiten der Krankheit sind wir auf Solidarität angewiesen, auf die Hilfe, den Zuspruch, die Nähe zu anderen Menschen. Jakobus’ Hinweise sind an dieser Stelle eindeutig: Weil Krankheit für Menschen zu einem inneren und äußeren Gefängnis werden kann, gehören Kranke in die Mitte der Gesellschaft. Sie müssen aktiv aus ihrer Isolation herausgeholt, in das gemeinsame Gebet eingeschlossen und so in das Leben zurückgeholt werden. Um die tiefe Verunsicherung, die Krankheit in jedem Menschen auslöst, überwinden und Heilungsprozesse anstoßen zu können, braucht es also die Sicherheit und die Geborgenheit der Gemeinschaft. An dieser Stelle können sicherlich viele kritische Rückfragen an die Gesundheitssysteme moderner Gesellschaften gestellt werden. Dabei lässt sich in den durchrationalisierten Prozedere, beispielsweise im Umgang mit den chronisch Kranken oder alten Menschen, durchaus eine gewisse Abstellgleismentalität ausmachen.

Dass das Gebet nicht nur Körper und Seele zu heilen vermag, sondern auch eine unmittelbare soziale Dimension beinhaltet, legt Jakobus durch seinen Verweis auf die Sünde dar: Basierend auf einer hypothetischen Idealsituation, in der die Menschen sich gegenseitig mit Offenheit und Transparenz begegnen und wahrhaftig voreinander und vor Gott eingestehen, was sie falsch gemacht haben, entwirft er ein umfassende Vision vom Frieden: Das reziproke Bekenntnis der Sünden voreinander verbunden mit dem Gebet füreinander stellt sozusagen die ultimative vertrauensbildende Maßnahme dar. Damit wird der Grundstein für Vergebung und Versöhnung zwischen den Menschen, aber auch zwischen den Menschen und Gott gelegt.

Gen 2, 18-24 (insbesondere Gen 2, 18-20)

Das Verhältnis von Mensch und Tier heute ist ein höchst ambivalentes. Einerseits betreiben wir einen sehr großen Aufwand, damit es Haustieren wie Hunden oder Pferden, also jenen Tieren, die wir als unsere Gefährten auserkoren haben, an nichts fehlt. Ja, die Menschen haben im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte eine tief verwurzelte emotionale Bindung zu Tieren aufgebaut, die in unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen fester Bestandteil unseres Lebens geworden ist. Andererseits sind Millionen, um nicht zu sagen Milliarden von domestizierten Tieren rund um den Globus schlicht namenlose Lieferanten von Fleisch, das für viele Menschen zum unverzichtbaren Bestandteil ihrer alltäglichen Ernährung geworden ist.

Gott schuf die Tiere und „[...] führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen.“ In Gen 2, 18-20 wird noch einmal deutlich, welches Verhältnis sich Gott zwischen Mensch und den Tieren wünscht. Der Mensch soll den Tieren Namen geben, d.h. er soll sie aus ihrer Anonymität herausholen, ihnen durch ihre Namen Wertschätzung zu teil werden lassen und ihre gottgegebene Würde damit unterstreichen. Wie steht es in diesem Sinne also um die Würde der Tiere?

Schauen wir uns die moderne Massentierhaltung, die industrielle Produktion von Fleisch und das distanzierte, geradezu entfremdete Verhältnis vieler Menschen zur Herkunft ihrer tierischen Nahrung an, so sind durchaus kritische Nachfragen angebracht. Behandeln wir uns Mitgeschöpfe in Würde? Geben wir ihnen tatsächlich die Namen, die sie verdienen? Die ungebremste menschliche Entwicklung, unsere Art zu leben und zu wirtschaften hat offensichtliche Konsequenzen für die Tiere und den ganzen Globus, davon zeugen fundierte wissenschaftliche Analysen zum Klimawandel, dem Artensterben und der Verschmutzung unseres Planeten. Vor diesem Hintergrund stellt die Schöpfungsgeschichte der Bibel dem Menschen mitnichten einen Freibrief dafür aus, sich die Erde uneingeschränkt untertan zu machen. Nein, sie liefert uns eher einen überdeutlichen Wink mit dem Zaunpfahl, über die eigene Hybris nachzudenken. Wenn uns Menschen also nahelegt wird, den Tieren Namen zu geben, dann werden wir damit indirekt gefragt, ob wir ihnen die Bedeutung und Würde zukommen lassen, die ihr Schöpfer ihnen einst zugedacht hat. Eine nüchterne Betrachtung des menschlichen Umgangs mit Tieren (und der Schöpfung insgesamt) lässt wenig Zweifel daran, dass sie in ihrer Integrität, ihrer Existenz und Freiheit als Mitgeschöpfe Gottes bedroht sind.

Heb 2, 9-11 (insbesondere Heb 2, 11)

Abstammung ist ein antiquiertes Wort. Wenngleich im deutschen Staatsbürgerschaftsrecht das „Recht des Blutes“ (ius sanguinis) als Abstammungsprinzip (noch) Anwendung findet, so ist das Denken in Kategorien wie Blutlinie und Rasse, auch und gerade vor dem Hintergrund der Nazi-Rassenideologie, zurecht aus den Köpfen der Menschen, jedenfalls der allermeisten, verschwunden.

In einem Satz liefert uns Heb 2, 11 ein sehr stichhaltiges Argument, all die kleinlichen Überlegungen und Theorien zu Abstammung und Herkunft zu entkräften, die sich die Menschen im Laufe ihrer Entwicklung ausgedacht und zur Grundlage ihrer sozialen Organisation in Ethnien, Nationen und Staaten gemacht haben und die bis heute die kleinen und großen Konflikte dieser Welt befeuern: Alle stammen von dem einem ab! Es gibt keine Outsider, nur Insider. Alle gehören zur Familie, und zwar zur Familie der Menschheit. Und Jesus scheut sich nicht einmal, uns alle Geschwister zu nennen – uns, die wir ihn damals (und heute) verraten, verleugnen und ihn allzu oft alleine lassen... Fantastisch!

Noch einmal: Alle Menschen stammen von dem einen ab – und sind damit Schwestern und Brüder in einer großen Menschheitsfamilie. Angesichts der vielen leidenden Menschen in dieser Welt müssen wir heute jedoch einmal mehr feststellen, dass es unserer Familie nicht gut geht. Es geht ihr sogar sehr schlecht in einer globalen Wirtschaftsordnung, die weite Teile der Familie auf vielerlei Weise systematisch ausschließt. In diesen Tagen gibt es noch viele alte und bedauerlicherweise auch neue Grenzen, Zäune und Mauern, zwischen Menschen in Nord- und Südkorea, zwischen Palästinenser*innen und Israelis, zwischen Europäer*innen und Migrant*innen oder zwischen Protestant*innen und Katholik*innen in den Stadtteilen von Belfast, um nur einige wenige zu nennen. Ganz zu schweigen von den Mauern in den Köpfen der Menschen, die womöglich ungleich schwieriger zu überwinden sind.

Was macht also eine gute Familie aus? Es heißt, in einer guten Familie soll jeder das tun, wozu er in der Lage ist, und jeder bekommt dann das, was er braucht. Nur eine schöne Utopie? Der Leitsatz „Alle stammen von einem ab“ weist uns nicht nur darauf hin, dass es denklogisch keine Unterschiede zwischen Menschen geben kann, er nimmt uns auch in die Verantwortung, all die menschengemachten, imaginierten Unterschiede zu beseitigen. So könnte Gott ausgehend von Heb 2, 11 jede/n einzelne/n sagen: Bitte hilf mit dabei, meine Idee der Menschheitsfamilie Wirklichkeit werden zu lassen. Hilf mir, dass diese Welt mehr Mitgefühl und Großzügigkeit zeigt. Hilf mir dabei, dass diese Welt solidarischer und gerechter wird.

Markus 10, 2-16 (insbesondere Mk 10, 2-12)

Angesichts von Ehen, die in die Krise geraten sind oder gar zu scheitern drohen, bietet Mk 10, 2-12 nicht unbedingt eindeutige Antworten auf alle Fragen, die wir uns heute im Bereich der Psychologie, der Soziologie und der Politik rund um das Thema Partnerschaft beschäftigen. Gleichwohl gibt die Reaktion Jesus auf den abermaligen Versuch der Pharisäer, ihn auf rechtlich-moralisches Glatteis zu führen, Anlass dazu, sich mit Jesus (Neu-)Konzeption des Verhältnisses der Geschlechter zu befassen. Damit ist eine höchst relevante Facette gesellschaftlichen Friedens angesprochen. Auch im Verhältnis der Geschlechter gibt es durch die Geschichte der Menschheit hindurch strukturelle Gewaltverhältnisse, d.h. tradierte, kulturell gewachsene Diskriminierung, insbesondere von Frauen, die bis heute ein Hindernis auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Frieden darstellen. Mit seinem (eigentlich selbstverständlichen) Hinweis, dass Gott die Menschen als Frau und Mann geschaffen hat (Mk 10, 6) , betont Jesus, dass beide Geschlechter vor Gott auf einer Ebene stehen und zeigt sich damit als eindeutiger Anhänger der Gleichberechtigung von Frau und Mann. In diesem Zusammenhang gibt uns Markus auch mit auf den Weg, dass Gott an der Dauerhaftigkeit und der Verlässlichkeit menschlicher Beziehungen gelegen ist und dass sie, einmal in Form einer von wahrhaftiger Liebe und Vertrauen getragenen Partnerschaft eingegangen, ein sehr hohes Gut darstellen, das nicht kurzfristiger Beliebigkeit geopfert werden darf. Mk 10, 11 und 12 ist daher eine logische Konsequenz: Wer den Partner aus der Ehe entlässt, begeht Ehebruch. Ehebruch – und das unterstreicht erneut den emanzipatorischen Anspruch – ist in beide Richtungen möglich.

Richard Bösch, Bistum Rottenburg-Stuttgart

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