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9. Sonntag nach Trinitatis / 17. Sonntag im Jahreskreis (29.7.18)

9. Sonntag nach Trinitatis / 17. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Jer 1, 4-10 2 Kön 4, 42-44 Eph 4, 1-6 Joh 6, 1-15

Innere Freiheit: Geschenk und bleibende Aufgabe

Wird man als Tourist durch den Bereich der früheren kleinasiatischen Stadt Ephesos - in der heutigen Türkei - geführt, erstarrt man auch heute noch vor dem gewaltigen und stolzen Ausmaß dieser Anlage. Allein der Umstand, in solch einer einflussreichen Metropole des Mittelmeerraumes mit der christlichen Botschaft buchstäblich „landen“ zu können, macht Eindruck. Gleichzeitig ist unschwer nachvollziehbar, dass eine florierende Hafen- und Handelsstadt auch Einflüsse mit sich bringt, die Paulus - auch nach Jahren aus der Ferne - als Bedrohung der neuen christlichen Lehre begreift. Wie dieser Impetus als Verantwortung einer Führungspersönlichkeit für das angesehen werden kann, was diese initiiert und aufgebaut hat, so können seine Ratschläge auch als basale Gedanken der christlichen Botschaft - und damit auf andere soziale Kontexte übertragbar - verstanden werden. Ähnlich verhält es sich mit der Theologie des Johannesevangeliums.

Paulus und Johannes haben, im je eigenen Stil, Christozentrik theologisch entfaltet und nachhaltig geprägt. Die Erinnerung daran, woher der „Christenmensch“ (Luther) seine innere Freiheit letztlich - alleinig - „nimmt“, kann - im Nachgang des Reformationsgedenkjahres - die Verantwortung für zentrale und gemeinsame Glaubensinhalte im Bewusstsein halten.

Lebensführung auf dem Prüfstand (Eph 4,1-6)

Die 2. katholische Lesung zitiert einen Text mit paulinischen und christlichen Kerngedanken. Der Brief an die Epheser wird als Schreiben des Apostels ausgegeben, der dieses aus seiner Gefangenschaft heraus entworfen habe. Die neuere exegetische Forschung indes geht aufgrund sprachlicher Eigenheiten (wieder) von Schreibern aus dem Kreis der Paulusschüler aus. So könnte ein - sich auffallend stark auf seinen Lehrer berufender - hellenistischer Judenchrist diesen Text verfasst haben. Paulus hatte während seiner dritten Missionsreise zwei oder auch drei Jahre in der kleinasiatischen Metropole gewohnt, doch für diesen Hintergrund erscheint der Stil des Briefes relativ unpersönlich, was ein weiteres Argument für die deuteropaulinische Verfasserschaft liefert.

In der Forderung unmissverständlich deutlich setzt der Schreiber gleich zu Beginn in Kapitel 4 an. Was man hier liest und hört, ist keine Bitte, sondern eine mahnende Forderung – die jenes Autoritätsargument, im Duktus des Paulus zu formulieren, verinnerlicht hat: „… ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging“ (Eph 4,1). Auch, wenn der Brief an eine konkrete Gemeinde adressiert war und nunmehr fast 2000 Jahre alt ist, so erinnert er - die ersten Gemeinden wie auch die Christen nach einer langen Zeit der Kirchengeschichte - wieder an ethische Werte und praktische Haltungen für das Leben in der Gemeinde („Ekklesia“/ Kirche): sich „demütig, friedfertig und geduldig“ zu zeigen und „einander in Liebe“ zu „ertragen“ – um der „Einheit des Geistes“ willen, „durch den Frieden, der euch zusammenhält“ (V. 2 u. 3). Die Assoziationen, die zu Predigten auf der Basis dieser Bibelstelle einladen sollen, sind aufgrund des Redaktionsschlusses zwar Betrachtungen aus der Vergangenheit. Die Grundthesen können aber leicht mit aktuellen Anlässen in Abgleich gebracht und konkretisiert werden:

  • Die aufgelisteten Kategorien für ein „dem Ruf gemäßes“ (christliches) Leben wirken auch, und insbesondere, heute noch universell – jedoch oft schneller und tiefer bei Fällen negativer Aufmerksamkeit. So fügte es der Kairos, dass zeitgenau mit der Arbeit an dieser Predigtskizze die (katholische) Kirche mit einem (erneuten) Skandal im Vatikan Schlagzeilen machte: Die Nachrichten der italienischen Tageszeitung Il Fatto Quotidiano (vom 05.07.2017) über eine „homosexuelle Orgie mit Drogenmissbrauch“ in der Wohnung eines Kardinals, hatten sich über Nacht in den sozialen Netzwerken weltweit verbreitet. Die besondere Situation in Deutschland bestand zeitnah in der positiven Abstimmung des Deutschen Bundestages zur „Ehe für alle“ und bereits einzelnen kirchlichen Stimmen gegen diesen Beschluss. Besonders Kinder und Jugendliche sind für die Brisanz solcher Meldungen empfänglich, und stellen die Glaubwürdigkeit der Kirche (an sich) nachvollziehbarer Weise dann schnell in Frage. Schweigen und Aushalten wirken dann - das haben die jahrelangen Diskussionen um die Missbrauchsfälle gezeigt - wie Zustimmung oder zumindest Billigung. Aufgabe und Auftrag von Predigerinnen und Predigern wie gleichermaßen von Religionslehrerinnen und -lehrern kann es daher auch sein, jungen Menschen auch Nachrichten und Vorgänge vor Augen zu führen, die - wenn auch auf den zweiten Blick - mit dem jeweiligen Skandal in einer gewissen Nähe stehen. Im zeitlichen Kontext beider Anlässe war zum Beispiel Kardinal Müller von Papst Franziskus freigestellt worden. Dieser hatte, neben anderen Meinungsverschiedenheiten mit dem Papst, eine systematische Aufklärung der Missbrauchsfälle durch hartnäckigen Verweis auf vermeintliche „Einzelfälle“ immer wieder konterkariert, und eine systemische Verantwortung der Kirche und ihrer Vertreter in Abrede gestellt. Stattdessen war er, mit Begriffen wie einer vermeintlichen „Progromstimmung“ gegen die katholische Kirche in eine apologetische Haltung gegangen. Die Mahnung zu „Liebe“ und „Einheit“ des Epheserbriefes - so kann man Franziskus deuten - hieß für den Papst offenbar nicht, die Einheit des Kardinalskollegiums - als System und Organisation - nicht zu gefährden. Geschwisterliche Liebe schließt für ihn Ermahnung (in der Tradition der correctio fraterna, vgl. Mt 18,15-17) ein, und wenn diese nicht fruchtet, offensichtlich auch Konsequenzen. Wenn die Verpflichtung zur „Einheit“ - wie sie sich explizit auch in der Verpflichtung eines neu geweihten Bischofs findet, „am Aufbau der Kirche mit(zu)wirken und stets ihre Einheit (zu) wahren…“ - aber nicht (mehr) vorrangig auf das System Kirche hin verstanden werden muss, hat Papst Franziskus einmal mehr für eine ausbaufähige Korrektur in der Mentalität der katholischen Kirche gesorgt: Weg vom Glaubenskollektiv als erster Größe, zurück zur Tradition der Schrift und hin zur Einheit in der biblischen Lehre – als „norma normans non normata“ (vgl. Dei verbum).
  • Dem paulinischen Grundgedanken folgend, geht es hier konkret - und auch heute offensichtlich immer wieder in solchen Disputen - um die Frage: „Gesetz oder Gnade?“ Paulus hat diese, ebenso wie später Luther durch Rekurs auf den Apostel, wie heutzutage der aktuelle Papst, eindeutig beantwortet. Dieser biblische Maßstab sollte allen innerkirchlichen Debatten als vorgelagertes, gnadentheologisches Axiom voranstehen. Somit gefährden nicht die „postmodernen“ gesellschaftlichen Fragestellungen unserer Zeit die Freiheit der Kirche - und ihrer Vertreter wie auch die innere des Predigers und der Predigerin -, sondern Hardliner und ewig Gestrige. Sich davon nicht wie „unmündige Kinder“ in einem - wörtlich - „Spiel der Wogen umherwerfen“ zu lassen, mahnt der Apostel - oder sein Schüler - nachfolgend (in V. 13 u. 14) an. Hier lassen, wörtlich übertragen, Begriffe wie „Arglist“, „Würfelspiel“ und „betrügerische Falschheit“ aufhorchen – verstecken sich doch nicht selten solche „Spielchen“ hinter der Rubrik des - wo, durch wen und warum auch immer erlassenen - Buchstaben des Gesetzes. Das „räumliche Weltbild“ (Schnelle) des Epheserbriefes begreift - und vermittelt - Jesus Christus als alle Äonen verbindende Größe: „Die (…) Gnade riss die Mauer zwischen Juden und Christen nieder und ermöglichte die eine, universale Kirche.“ (ebd., S. 359) Diese - und ihre Vertreter - indes kommen an dem paulinischen „Prüfstand“ des Epheserbriefes nicht „vorbei“. Vielmehr scheint dieser konstitutiv, und lässt zudem die hier noch vorliegende Zweiteilung in Juden und Christen - aufbauend auf dem mittlerweile 50 Jahre alten wegweisenden Konzilstext Nostra aetate - auch in aktuelle Kontexte hinein sich öffnen. Eine solch biblisch fundierte Kirche hat es selbst in der Hand, die Menschen, statt als „Entmündigte“, als selbstbestimmte Bürger zu behandeln und ein Gegenmodell zum „Widerstreit der Meinungen“ und zum „Betrug der Menschen“ und ihrer „Verschlagenheit“ (vgl. oben) zu leben. Dann wirkt sie alternativ, glaubwürdig und nachhaltig zugleich: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ (Mt 7,16)

Da der Ansatz und Anspruch des Epheserbriefes zu einem „nachhaltigen ethischen Interesse“ (Schnelle, S. 360, Bezug nehmend auf Sellin) führt, kann er als biblische Basis für eine Predigt zum Thema „innere Freiheit aus Gnade und Christozentrik“ dienen. Ein thematischer Brückenschlag zum EKD-Text ist über den Aspekt des Propheten möglich: Was in Jer 1,4-10 über die Berufung des Jeremia ausgesagt wird, gilt hier für jede und jeden – entsprechend des auch je individuell empfangenen Charismas.

Den Überfluss weitergeben (Joh 6,1-14)

Das so genannte Speisewunder ist aus den synoptischen Evangelien gut bekannt. Da Johannes vieles aus diesen nicht übernommen, sondern vielmehr „seine“ eigene Theologie und Christologie entwickelt hat, lohnt sich ein exegetischer Blick auf die Besonderheiten dieser Stelle bei ihm umso mehr. Auffällig scheinen speziell folgende Beobachtungen zu sein:

  • Nur der Evangelist Johannes nennt Gerstenbrote, die ein Junge mit sich führe. Diese Brote erinnerten die früheren Hörer und Leser an das Brotwunder des Propheten Elis(ch)a (in 2 Kön 4,42-44). Und auch zum heutigen EKD-Text kann durch diese Beobachtung Bezug genommen werden: zu Jeremia, der doch „noch so jung“ gewesen sei, als der Ruf an ihn erging (Jer 1,6). Der dreifache Diminutiv ist nicht zu übersehen, mit dem Johannes die Bedeutung der Speisung zusätzlich unterstreicht: Erstens sind es nicht einfach Brote, sondern minderwertige Waren, die auch zum Füttern des Viehs hätten Verwendung finden können. Zweitens kommen diese von einem namenlosen Kind, das auch weiter keine Rolle spielt. Drittens ist es, analog zu den minderwertigen Futterbroten, ein - wörtlich - „Fischlein“, welches der Junge noch dabei hatte. Das Kleine und das Wenige - bzw. das weniger wert Geschätzte - wird im johanneischen Bericht zum Vielen und Schmackhaften. Hier fällt (in V. 12) der Begriff des „Überflusses“, der zudem mit der symbolischen Zahl „12“ versinnbildlicht wird.

  • Der Auftrag „Lasst die Leute sich setzen…“ (V. 10) wirkt als retardierendes Moment: Da kommt zu Beginn „eine große Volksmenge“ (V. 2), die nun, im sich Setzen, zählbar scheint. An dieser Stelle taucht im Johannesevangelium auch erst die beeindruckende Zahl „Fünftausend“ auf. Die Diskussion um den Terminus der fünftausend „Männer“ kann hier aufgenommen werden, oder stattdessen das sich Lagern betrachtet werden: Begründet wird die Aufforderung dazu nicht mit der Zählung dieser Vielen - was einleuchtend gewesen wäre, um den Bedarf an Nahrung einschätzen zu können -, sondern schlichtweg damit, dass es „dort nämlich viel Gras“ gab (V. 10). Dadurch gelangt, bei aller Aufgeregtheit und vielleicht auch Hektik unter den Jüngern, eine Entschleunigung in die Szene. Psychologisch kann gar von einer Musterzustandsänderung gesprochen werden: Wer sich darauf eingelassen hat sich zu setzen, der kann besser warten und ausharren. Sein Körper nimmt buchstäblich eine andere Haltung an, der Heilige um ihn herum - und „das Heilige in allem“ (Hanstein) - wird neuartig erfassbar. Spätestens hier fällt auch die Entscheidung: Lasse ich mich auf diese Verrücktheit ein oder gehe ich lieber, setze mich also nicht mit den anderen? Wer sich hier setzt, drückt aber bereits jetzt, bei allem Zweifel - den es auch gegeben haben mag und der zum Glauben gehört wie die Kruste zum Brot - Vertrauen, oder zumindest Zutrauen in diesen Jesus aus. Wer sich hungrig setzt, steht so schnell nicht mehr auf, er liefert sich gewissermaßen aus, zeigt sich abhängig.
  • Anders als in der markinischen Ersterwähnung dieser Wundererzählung bleibt der Handelnde Jesus. Auffallend ist zwar - und wäre eine zusätzliche Auslegung wert -, dass der Hinweis auf den Jungen mit den Broten auf den Praktiker Petrus zurückgeht, doch hat Johannes den Auftrag „Gebt ihr ihnen…“ (Mk 6,37) nicht übernommen. Er stellt es so dar, als ob Jesus das Brot allein ausgeteilt haben könnte - auch die praktische Unterteilung der Menge in kleinere Einheiten wird von Markus nicht übernommen. Die Jünger bekommen erst wieder den Auftrag, die Brotstücke einzusammeln. Diese werden damit zwar zu direkten Zeugen des Überflusses, den sie mit eigenen Händen nun haptisch (er)fassen können. In der Zeichenhandlung selbst nimmt Johannes jedoch eine klare Zentrierung auf Jesus vor. Und auch, wenn die Zahlen - fünf Brote, zwei Fische, fünftausend Menschen, zwölf Körbe - aus der Vorlage des Schreiberkollegen Markus übernommen worden sind, so ist es in der johanneischen Theologie Jesus allein, der Lebenshunger stillen kann. Gerahmt von den „Ich-bin-Worten“ Jesu (von Kap. 6 bis 15) ranken um diese Erzählung „bildhafte Ausdrücke wie ‚hungern‘, ‚dürsten‘, ‚kommen zu‘ (oder) ‚gegeben werden‘“. Damit will der Evangelist ausdrücken: „Um eigentliches, wahres (…) Leben zu erlangen, muss der Mensch an Jesus, den Gesandten Gottes, glauben.“ (Porsch, S. 58). Durch die hier bereits vorliegende Andeutung auf das „Lebensbrot“ verschwand bei Johannes auch die Erwähnung der Fischreste. Bei ihm sammeln die Jünger ausschließlich die „übriggebliebenen Brotstücke“ ein. Von „Resten“ ist bei ihm indes keine Rede, was ebenfalls im übertragenen Sinne gedeutet werden kann: Den „Überfluss“ (V. 12) zu bewahren, ist den Jüngern aufgetragen – und damit auch die Beziehung zum „Brot des Lebens“ (V. 35 u. 48) zu pflegen und weiter zu geben. Erst hier greift der Auftrag „Gebt ihr ihnen…“ nach Markus – jedoch weit über diese Wundererzählung hinaus, wird er vielmehr zur grundsätzlichen - die Situation und den Tag überdauernden - Sendung.

Paulus - und seine Schüler - wie Johannes machen auf je eigene Weise deutlich, worin sich die innere Freiheit des „Christenmenschen“ verdankt. Es ist und bleibt der Auftrag jeder Christin und jedes Christen, sich diese - zum einen - weder inner- noch außerkirchlich „ausreden“ zu lassen, wie - zum anderen - die geschenkte innere Freiheit dann auch auszustrahlen. Denn die innere Haltung vermag es, die äußere somatisch nachhaltig zu formen. Freilich, beiden Aufgaben stehen jeden Tag aufs Neue Äußerungen, Ereignisse und auch Skandale entgegen. Diese „Skandala“ aber als Imperativ und bleibende Herausforderung anzunehmen, ist ebenfalls paulinisch (vgl. 1 Kor).

Dr. Thomas Hanstein, Ulm

 

Literaturhinweise:

Grana, F.: Vaticano, festino gay con droga, in: Il Fatto Quotidiano, Roma 5 Iuglio 2017. 

Hanstein, Th.: Das Heilige in allem hören, Leipzig 2016.

Lohse, E.: Paulus. Eine Biographie, 2. Auflage, München 2009.

Porsch, F.: Johannesevangelium (Stuttgarter Kleiner Kommentar 4), Stuttgart 1988.

Schnelle, U.: Einleitung in das Neue Testament, 8. Auflage, Göttingen 2013 (Zitation teilw. aus der 4. Aufl., 2002).

Sellin, G.: Die Paränese des Epheserbriefes, in: Brandt, E et. al.: Gemeinschaft am Evangelium, Leipzig 1996.

Theobald, M.: Herrenworte im Johannesevangelium, Freiburg 2002.

Vatikan (Hrsg.): Dei Verbum. Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung, in: www.vatican.va (Zugriff 07.07.2017).

Vatikan (Hrsg.): Nostra aetate. Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, in: www.vatican.va (Zugriff 07.07.2017).

 

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