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Palmarum / Palmsonntag (25.3.18)

Palmarum / Palmsonntag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Jes 50, 4-9 Jes 50, 4-7 Phil 2, 6-11 Mk 11, 1-10
oder Joh 12, 12-16

Jesaja 50, 4 – 9

Was für eine Predigtperikope, wenn man sie auf dem Hintergrund nachhaltiger Entwicklungen liest! Man erfährt von einem unbestimmten, anonym bleibenden Propheten, der wie ein Jünger hört und handelt, dessen Lebens- Wirkens- und Leidensgeschichte in vier kurzen Liedern beschrieben wird und der Zukunft haben wird, obwohl er – am Ende des vierten Gottesknechtslieds – bereits ge-storben ist. Dennoch wirkt dieser Prophet in die folgenden Jahrtausende hinein. Die Begrenztheit des eigenen Lebens scheint unwesentlich, also so, wie es bei Jesus Christus auch war: Mit den Augen einer oberflächlich urteilenden Welt betrachtet ist er gescheitert, aus den Augen der Christenheit betrachtet ist er in seinem Werk-, seinen Aussagen und seiner Vorbildfunktion aber von ewiger Präsenz-, gibt dem Leben der Nachfolger Orientierung und Richtung.

Die Gottesknechtslieder sind in ihrer Gesamtheit zu betrachten, berichten von der Berufung des „Knechtes“ und seiner Vorstellung vor dem himmlischen Thronrat, von seinem Auftrag, der globale Wirkung haben soll (Heil, das „bis an die Enden der Erde“ reicht)-, von seinen Selbstzweifeln und Auseinandersetzungen mit Gegnern bis zur Beurteilung im vierten Gottesknechtslied.

In der evangelischen Perikopenordnung ist das dritte Gottesknechtslied untrennbar mit dem Palmsonntag verbunden; der letzten Station Jesu Christi auf dem Weg zum Martyrium; dem Auftakt der heiligen Woche. Bei einer Auslegung sind die liturgischen Aspekte zu berücksichtigen; das Wochenlied (EG 87 „Du großer Schmerzensmann“) sowie der Wochenspruch aus Johannes 3, wobei die Erhöhung am Kreuz gemeint ist-, das Leiden; nicht die Erhöhung zur Herrlichkeit. Zur Deutung des Wochenspruchs sollte die Erhöhung der ehernen Schlange (Num 21, 6 – 9) mitbedacht werden und stimmt in der Aussageabsicht überein. Die Zuordnung der Perikope Jesaja 50, 4 – 9 zum Anlass des Palmsonntags legt nahe, die Aussagen über den Gottesknecht hier mit dem Leben von Jesus Christus in Beziehung zu setzen, wobei eine christologische Deutung derart, dass die Gottesknechtslieder auf Jesus Christus hin gedacht und in ihm ihre endgültige Erfüllung erfahren hätten, falsch wäre. Dann wäre die Auslegung letztlich eine Christusverherrlichung, die weder zu Israel hin offen- noch auf Nachfolge und Zukunft geöffnet wäre.

In ihrer Gesamtheit stellen die vier Gottesknechtslieder des Jesajabuches einen Propheten dar, der nicht mit Jesaja identifiziert werden kann-, überzeitlich ist und verschiedene Identifikationsmöglichkeiten offen lässt; in der im Text Jesaja 49,3 vorliegenden Identifizierung mit Israel ist ein Nachtrag mehr als wahrscheinlich. In der Wirkungsgeschichte hatten sich sowohl Israel- als auch nach Auskunft der Evangelien Jesus Christus selbst mit dem gehorsamen und leidenden Gottesknecht identifiziert; auch später waren die Gottesknechtslieder von der Christenheit auf Jesus Christus-, sein Wirken und seinen Leidensweg; bezogen. Damit hatte sich die Christenheit auf einen verheißenen Messias bezogen und festgelegt, der im schroffen Gegenüber stand zu den anders gelagerten Messiaserwartungen des Alten Testaments und des Judentums.

Nachhaltige Auswirkung hatten die Gottesknechtslieder insbesondere auf die Verkündigung der Christenheit insgesamt-, können in neutestamentlichen Aussagen als Hintergrund mitgedacht werden, etwa in Aussagen der Bergpredigt, deren Einfluss wiederum nicht nur die Verkündigung der christlichen Kirchen bestimmte, sondern darüber hinaus auch das Denken und Handeln in Politik-, Literatur und auch in anderen Religionen prägte, etwa dem Reformhinduismus in seinen verschiedenen Ausprägungen. Durch ihren prägenden Einfluss auf die Entstehung und Entwicklung des Christentums als Weltreligion stehen die Gottesknechtslieder mittelbar auch im Hintergrund der geistesgeschichtlichen Entwicklung einer späteren säkularen westlichen Welt und ihrem Selbstverständnis. In der vorliegenden Perikope fordert der Gottesknecht seine Gegner trotz erkennbarer Unterlegenheit zum Rechtsstreit heraus.

Für eine Predigt über die vorliegende Perikope wäre die Gesamtheit der Gottesknechtslieder, die eine Summe des prophetischen Amtes darstellen, und ihre Wirkungsgeschichte innerhalb des neuen Testaments und der Christenheit mit zu bedenken; ihre Unbestimmtheit, die einerseits ihre Identifikation mit Jesus Christus ermöglicht und für die Christenheit nahe legt; andererseits aber auch Raum für spätere Identifikationen gibt bis hin zur Erfahrung der Jünger Jesu in der Vergangenheit und Gegenwart; den Auftrag der Christenheit und jedes einzelnen Christen; das ermutigende Beispiel, das lehrt, Grundüberzeugungen auch im Widerspruch zu anders gelagerten Mehrheiten zu folgen-, das Ohr zu öffnen für die Belange der Menschen-, die Belange der Zeit-, mit Ohr und Zunge Seelsorge zu üben; sensibel und angemessen; Entscheidungshilfen zu geben-; Jünger zu sein und als Jünger zu handeln; einen Lebenssinn darin zu sehen, dem Auftrag- bzw. den Grundüberzeugungen zu folgen, trotz widriger Umstände und in Aussicht stehenden Rückschlägen; trotz der Niedergeschlagenheit, die sich einstellen mag, wenn das eigene Tun und Mühen vordergründig betrachtet vergeblich erscheinen mag. Lehrt uns das nicht auch die Geschichte?! Zahlreich und kaum zu erschöpfen scheinen die Beispiele für diese Lebenshaltung, die zu nennen wären. Annette von Droste Hülshoff, die sich gewünscht hatte, dass ihr Werk nicht zu Lebzeiten gelesen und gewürdigt würde, aber nach 100 Jahren! Die englischen Landschaftsparks, die heute wunderschön- und Orte von großer Lebensvielfalt sind, weil sie vor 300 Jahren aufwendig angelegt wurden mit dem Ziel, für spätere Zeiten geschaffen zu sein. Oder die Erfahrung der kirchlichen Umweltarbeit, bei der festzustellen ist, dass die, die sich vor Jahrzehnten schon und teils gegen erhebliche (innerkirchliche) Widerstände darum bemüht haben, jetzt die Früchte ihrer eigenen Arbeit ernten: dass strittige Fragen von damals in unserer Zeit nicht mehr strittig sind. Dass ein Umdenken stattgefunden hat. Dass manches, wie etwa kirchlicher Klimaschutz, längst institutionalisiert worden ist in den Landeskirchenämtern. Oder die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft, deren Gründung seinerzeit belächelt wurde und die sich in unserer Zeit längst etabliert hat?! Das Beispiel des leidenden Gottesknechts lehrt uns am Palmsonntag, dass ein vordergründig erscheinendes Scheitern am Ende ein nur scheinbares Scheitern ist; dass das Mühen nicht vergeblich war. Als Lied nach der Predigt schlage ich EG 98, 1 – 3 vor.

Philipper 2, 6 – 11

Der Abwärtsbewegung folgt eine Aufwärtsbewegung; der Selbsterniedrigung folgt die Erhöhung; dem freiwilligen Opfer folgt die Achtung aller derer, die im Himmel-, derer, die auf der Erde und derer, die unter der Erde sind; wir begegnen am Ende dem Pantokrator, dem Herrscher des Alls, dem kosmischen Christus, dem allezeit herrschenden König; ein mythisch anmutender Text!

Der Apostel Paulus hat das Christuslied in der Tradition vorgefunden und zitiert daraus, einem Christushymnus, den er an nur einer Stelle geringfügig erweitert durch die paulinische Formulierung in V. 8 „ … ja zum Tode am Kreuz“. Darauf kommt es ihm in besonderer Weise an; wir begegnen hier der Kreuzestheologie des Apostels.

Der Hymnus hat die Funktion, in kurzer und knapper Form und formelhaft wie in einem Bekenntnis alles zusammenzufassen, was die Christenheit über den Erlöser glaubt, seine Vergangenheit, seine Geschichte, seine Gegenwart nach den Ereignissen um Christi Himmelfahrt, seine immerwährende Herrschaft. Die Christenheit weiß, dass damit eine demütige Herrschaft gemeint ist, die Herrschaft des geschlachteten Lammes, dessen, der am Ende deshalb so wertgeachtet ist, weil er alles gegeben hatte, was er geben konnte, sein Leben.

Auch andere Menschen waren bereit, ihr Leben für eine Sache dahinzugeben; denken wir an Sokrates, dem es um die edlen Werte ging; um die Wahrheit. Jesus Christus bildet dazu einen Gegensatz, weil er sein Leben nicht für edle Werte-, für gute und edle Menschen- für seine geliebten Anverwandten gab, sondern gerade für die, die nicht wertgeachtet waren in einer auf Ansehen und Status bedachten Kultur: Er war bereit, für die zu sterben, die ganz unten sind. Und genau das ist der Grund, dass die Knie aller sich beugen sollen, weil zu guter letzt alle die selbe Wertigkeit haben; alle befreit worden sind: Die Befreiung der Menschen durch den Eingriff Gottes: das sind Urbekenntnisse Israels und auch der Christenheit; das Bekenntnis der Befreiung ist Schwerpunkt und Urdatum des Glaubens: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland. Aus der Knechtschaft, geführt habe. (Ex 20,2)

Obwohl der Perikopentext mit V. 6 beginnt, ist er in seiner Aussageabsicht untrennbar mit Vers 5 verbunden, der damals den Philippern und heute der Christenheit gilt: Bereitschaft zum Opfer für die Gemeinschaft; das Absehen von nur eigennützigen Interessen, von der Selbstverwirklichung als Trend der Nachkriegszeit, von Werdeaussagen, wie dem Slogan „Geiz ist geil“; das ist jedenfalls keine christliche Lebenshaltung. Sondern vielmehr die Nachfolge-, die Selbstverleugnung-, die Buße, die ernsthafte Selbstbesinnung-, die Umkehr. Die Orientierung an Jesus Christus im Handeln. Nachhaltigkeit umfasst hier im Sinne der Predigtperikope die gesamte christliche Existenz des Einzelnen und der Gemeinschaft der Gläubigen in all ihren Aspekten, und zwar auf der Grundlage des befreiten Lebens.

Uwe G. W. Hesse, Frankenberg

 

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