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Quinquagesimae - Estomihi / 6. Sonntag im Jahreskreis (11.2.18)

Quinquagesimae - Estomihi / 6. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Am 5, 21-24 Lev 13, 1-2.43ac.44ab.45-46 1 Kor 10, 31 - 11, 1 Mk 1, 40-45

Der Autor betrachtet den Predigttext der EKD Reihe Am 5,21-24: Das Einstehen für Gerechtigkeit in verschiedener Hinsicht ist der gebotene Gottesdienst. Es folgen Gedanken zum Evang.Mk 1, 40-45, ein Text wider die Apathie. Der Heiler Jesus hat keine Berührungsängste gegenüber den Ausgesonderten. Bei den Texten der beiden Lesungen hat sich kein unmittelbarer Bezug zur Trias Gerechtigkeit, Frieden, Schöpfung nahegelegt.

Amos 5, 21-24: Wider einen gottlosen Gottesdienst

„Leben ist ein Recht, an der Seite der Armen zu stehen, ist eine Pflicht“, so lautet das Motto an der Wand des Versammlungsraums einer brasilianischen Basisgemeinde.

Auf den Punkt gebracht, ist das die unmissverständliche Klarstellung, die Amos, der zum Propheten berufene Bauer, als den Willen Gottes dem Treiben des Volkes Israel entgegenstellt.

Mit drastischen Worten gei0elt er die tiefe Kluft zwischen der Gottesdienstpraxis einerseits und dem gottlosen Verhalten andererseits. Der üblich vollzogene Festkult am Jahweheiligtum mit Opfern und Musik ruft bei Gott Abscheu, Hass und Verachtung hervor. Gott soll durch den entarteten Kult dazu gezwungen werden, dem Volk Gnade und Segen zu erweisen. Das gottlose Wesen, das sich im Volk breit gemacht hat, äußert sich in der zutiefst beklagenswerten Schieflage der sozialen Verhältnisse: Eine in schamlosem Luxus lebende Oberschicht von Reichen beutet die ländliche Bevölkerung gnadenlos aus. Landlose werden in Schuldsklaverei getrieben, die Rechtsprechung ist völlig korrupt. Für das gottwidrige Verhalten soll das Volk deshalb zur Rechenschaft gezogen werden. Amos kündigt dessen vernichtenden Untergang an. Der mit Füßen getretenen göttlichen Ordnung gegenüber stellt Amos unzweideutig fest: „Möge das Recht sich ergießen und die Gerechtigkeit wie ein Fluss sein, der nicht versiegt.“ (Kein Wadi in der Wüste, auf dessen Wasserführung kein Verlass ist.) Die Wahrung des Rechts und der Gerechtigkeit ist für das Gelingen des Zusammenlebens von Gemeinschaften von elementarer Bedeutung. - Der Gottesdienst am Sonntag steht im Dienst des Gottesdienstes im Alltag der Welt (vergleiche Röm 12,1.2). Die gottesdienstliche Liturgie wird in der Liturgie und Praxis der Diakonie fortgeführt.

Das Ringen um Verwirklichung von Gerechtigkeit ist Christenpflicht

-  Konkrete und aktuelle Beispiele für die Dringlichkeit des Skopus des Textes aus Amos finden sich in großer Zahl:Erinnert sei an die Oxfamstudie 2017 über die Verteilung des Reichtums in der Welt: Die acht Reichsten (selbst wenn es ein paar mehr sein sollten) verfügen über Besitz, der größer ist, als das, was die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung von 3,7 Milliarden Menschen besitzt. Auch in Deutschland gibt es ein Gerechtigkeitsproblem, wenn man die Kluft zwischen dem ungleich schneller wachsenden Reichtum einer Minderheit und dem Besitzstand des ärmerenTeils unserer Gesellschaft in Betracht zieht. Im Bildungsbereich gibt es ebenfalls ein massives Ungleichgewicht der Chancen zwischen den Bessergestellten und den sozial und wirtschaftlich Benachteiligten in unserem Land.

-  Über die Hälfte der Weltbevölkerung hat keinen Zugang zur Justiz und damit die Möglichkeit, Rechte einzuklagen.

-  Im subsaharischen Afrika haben nur 32% Zugang zu Strom und 50% Zugang zu sauberem Wasser.

-  Immer noch müssen 2,4 Milliarden Menschen ohne sanitäre Anlagen Tag für Tag auskommen, das heißt z.B. für 60% der Inder, dass sie ihre Notdurft im Freien verrichten müssen. Gandhi: „Wenn man die Gesellschaft verändern will, dann muss man mit den Toiletten anfangen.“

-  Der Marschallplan der derzeitigen Bundesregierung für Afrika (vor der Bundestagswahl)) ist hauptsächlich darauf angelegt, die Zahl der nach Europa / nach Deutschland kommenden Flüchtlinge zu limitieren. Die Fluchtursachen sind primär wirtschaftliche Aussichtslosigkeit. Es rächt sich auch, dass die EU schamlos den eigenen Wirtschaftsinteressen Vorrang vor denen etlicher afrikanischer Länder gegeben hat. Das lässt sich zeigen mit Blick auf die den Bauern in Europa gewährten Exportsubventionen für Geflügel, bei der Milchwirtschaft (Milchpulver), bei Tomatenprodukten. Die künstlich verbilligten Erzeugnisse aus Europa erschweren massiv den Aufbau einer lokalen Agrarindustrie bzw. eigene Unternehmen haben kaum eine Chance.

Der Friedensnobelpreisträger und frühere Erzbischof Desmond Tutu, Kapstadt, hat sicher recht, wenn er sagt: „Wir werden nie, nie den Krieg gegen den Terror gewinnen, solange Menschen in Teilen der Welt unter Umständen leiden, die sie verzweifeln lassen.“

An einer Wand im Gebäude der UN in New York ist dieses Gemälde zu sehen. Es macht anschaulich, um was es in der Weltgemeinschaft geht. Die Nationen der Erde sollen zusammenstehen, damit die Brandherde und ihre Ursachen von Kriegen, Hunger, Armut, Klimawandel und Flucht eingedämmt und überwunden werden.

Markus 1, 40-45 Jesus durchbricht die Ausgrenzung eines Aussätzigen und heilt ihn

Aussätzige sind seit jeher aus der Gemeinschaft ihres Volkes ausgeschlossen und müssen in Isolation leben. Für Rabbiner galten Aussätzige als lebendige Tote.Aussatz wurde auch als Folge persönlicher Verfehlung, als Strafe Gottes und als Fluch verstanden. „Unrein, unrein“, was auch kultische Unreinheit implizierte, muss der Kranke von weitem rufen, um Menschen, die sich ihm nähern, auf Abstand zu halten. Ein Aussätziger missachtet diese Ordnung, nähert sich Jesus vertrauensvoll und bittet ihn um Heilung. Jesus hat Mitleid, tiefes Mitgefühl („und es jammerte ihn“), berührt sogar den Aussätzigen und spricht das vom Aussatz frei machende Wort. Nach Prüfung durch die Priester wurde der Geheilte wieder kultfähig und in die soziale Gemeinschaft eingegliedert.

Mit der Geschichte von der Heilung des Aussätzigenwird von Jesus zeichenhaft deutlich gemacht, dass Menschen durch die damals unheilbare Krankheit in zweifacher Weiseden nicht von Gott gewollten, lebensfeindlichen Kräften ausgesetzt sind. Einerseits durch denfortschreitend zerstörerischen Aussatz und andererseits durch die religiöse und soziale Stigmatisierung. Wenn Jesus Menschen heilt,wird die von Jesus proklamierte kommende Gottesherrschaft schon wirksam.

Gesellschaftliche und religiöse Apathie überwinden

Aussatz ist eine uralte Geißel der Menschheit. Bei einem Aussätzigen sind die von der Krankheit befallenen Stellengefühllos. Schmerzen werden nicht empfunden, Apathie stellt sich ein. Gefühllosigkeit, fehlende Empfindsamkeit sind Phänomene, die sich im sozialen Umfeld in der Nähe und Ferne vorfinden. Menschen mit körperlichen, psychischen, geistigen und sozialen Behinderungen in unserem Land erleben nicht selten Formen von Abkehr und Berührungsängsten. Auch gibt es Gruppen in unserem Land, die ein Entgegenkommen mit Blick auf ethnisch und kulturell andersartig geprägte Menschen, zu Fremden, ablehnen. Es sind oft schon kleine Gesten, die Distanzen überbrücken können. Eine afrikanische Redensart lautet; „Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln.“

Auf weltweiter Ebene besteht zwischen den Gesellschaften ein tiefer Graben zwischen den Möglichkeiten, Zugang zu moderner Medizin und Pflege oder nur zu einer minimalen Gesundheitsversorgung zu erhalten. Ungleichheit ist schon im relativ reichen Deutschland offenkundig. Seriöse Studien sagen, dass Menschen in prekären Verhältnissen eine um etliche Jahre kürzere Lebenszeit haben als die wirtschaftlich gutgestellten.

Ein Schnitzwerk in einer christlichen Gesundheitseinrichtung in einem traditionellen Dorf auf der Insel Sumatra zeigt Jesus als den Heiler. Er ist dem Kranken ganz zugewandt und lässt ihn seine heilende Kraft spüren. Die Haltung des Kranken bringt das Jesus entgegengebrachte Vertrauen zum Ausdruck.

Gerhard Fritz, Landau


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