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Imperiales Denken

Imperiale Haltung / imperiale Strukturen

Die meisten Verletzungen des Planeten Erde und der Schöpfung, die sich in den zurückliegenden Jahren dramatisch häufen, können auf eine innere Haltung zurückgeführt werden, die mit "imperialem Denken" bezeichnet wird. Sie ist bei politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen zu finden, aber genauso im Verhalten von Konsumentinnen / Konsumenten. "Imperium" (lat. imperare: befehlen, gebieten) bedeutet ein mächtiges, zusammengehöriges Gebiet unter zentraler Herrschaft. Allgemein bekannte Begriffe dazu sind: das "Römische Imperium", "British Empire" oder auch "Wirtschaftsimperium".

"Imperialismus" bedeutet in diesem Sinne ein Handeln, das darauf abzielt, über andere Länder, Völker und Kulturen wirtschaftlichen und politischen Einfluss zu erhalten, bis hin zur Unterwerfung und Marginalisierung der vorhandenen Strukturen. Imperialismus geht über Kolonialismus hinaus. Bei Imperialismus geht es nicht nur um formale Herrschaft und Macht über ein Gebiet, sondern auch darum, das Herrschaftsgebiet durchgehend politisch und kulturell im Sinne des Imperators zu prägen.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, spricht in seiner Weihnachtsbotschaft 2019 von Leitplanken, die eine Gesellschaft braucht, "damit die Menschen einigermaßen gut zusammenleben können". Der Gedanke der Leitplanken für gutes Zusammenleben lässt sich auf das imperiale Denken übertragen. Zu den Leitplanken gehört in diesem Fall der Vorrang des Gewinnstrebens gegenüber der Nächstenliebe und das Überleben der Mächtigeren. Dabei ist die Grenze enger gezogen, wer zum inneren Kreis der Menschen gehört, die "einigermaßen gut zusammenleben", als in der erwähnten Weihnachtsansprache. "Gut zusammenzuleben" meint dabei zunächst nur das gute Zusammenleben der Industrieländer. Wie wenig zeitgemäß eine solche Perspektive in 2019 ist, hebt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, zur Weihnachtsbotschaft hervor. Man „darf nicht mehr nur das eigene Ich, die eigene Nation sehen und die eigenen Interessen im Blick haben".

zur Weihnachtsansprache des EKD-Ratsvorsitzenden: auf www.ekd.de / als PDF-Datei (70 kB)
zur Weihnachtsbotschaft des DBK-Vorsitzenden: auf www.dbk.de / als PDF-Datei (60 kB)

a) wirtschaftlichen / politischen Einfluss erhalten und Unterwerfung / Marginalisierung vorhandener Strukturen

Beispiel Amazonien, Südamerika, Afrika

Die genannten Merkmale des Imperialismus bzw. eines imperialistischen Denkens, wirtschaftlichen / politischen Einfluss erhalten zu wollen und vorhandene Strukturen zu unterdrücken, zeigen sich in der Zerstörung von Existenzbedingungen durch Einflüsse und Eingriffe von Industriestaaten, also von außen, besonders in Südamerika und Afrika. Der Nutzen für die fremden Staaten liegt auf der Hand: kostengünstiger Zugriff auf Rohstoffe, um den gewohnten, konsumorientierten Lebensstil fortführen zu können.

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Die Ausbeutung der Rohstoffe bzw. die Ausbeutung der Menschen zum Zweck der Rohstoffausbeutung ist ein Thema, mit dem sich "Brot für die Welt" vertiefend befasst. "Das Unrecht beginnt mit der Ausbeutung" ist der Leitgedanke der differenzierten Analyse auf der "Brot für die Welt"-Themenseite "Rohstoffe". Als wesentlicher aktueller Treiber von Ausbeutung und Zerstörung wird dort die exzessive Smartphonewirtschaft herausgestellt: "Die Lebensgeschichten, die in einem Smartphone stecken, sieht man ihm nicht an. Es braucht Rohstoffe wie Kupfer, Gold oder Tantal, das aus Coltan gewonnen wird. In den Coltan-Minen des Kongo müssen Kinder arbeiten, die Goldminen in Brasilien vergiften Flüsse und Menschen mit Arsen, für Kupferminen in Peru werden ganze Dorfgemeinschaften zwangsumgesiedelt." Die Verletzung der Menschenrechte und Würde wird bei der Sucht nach immer neueren Smartphones mit immer mehr Funktionen aus dem Bewusstsein weltweit ausgeblendet. Dabei steht die eigene Würde zur Disposition, wenn korrupte, zerstörerische Strukturen durch den eigenen Konsum unterstützt werden. Zwar sind Smartphones ein neuer Anlass, aber die imperiale Haltung ist dieselbe, die bereits die Sklaverei gerechtfertigt hatte, im alleinigen Interesse des eigenen Wohlstands und Gewinns. Was zu tun ist, wird am Ende der Seite zusammengestellt.

SynodoAmazonicoDie Amazonien-Synode, zu der Papst Franziskus im Oktober 2019 Bischöfe aus der ganzen Welt nach Rom eingeladen hatte, stellt am Beispiel einer Region und so in einem überschaubaren Rahmen die Ausbeutung und Zerstörung heraus, die Christinnen und Christen in der ganzen Welt in Kauf nehmen, obwohl sich Jesus an die Seite der Schwachen und nicht an die Seite der Ausbeuter stellte. Dabei stehen die sozialen Strukturen der kleinbäuerlichen Gemeinschaften ebenso im Blickpunkt wie die Zerstörung der Umwelt und des Amazonas-Regenwalds in seiner einmaligen Schönheit und ökologischen Funktion für die Erde.

AusschnittIm 78-seitigen Abschlussdokument der Synode weist die Formulierung "NEUE WEGE FÜR DIE KIRCHE UND FÜR EINE GANZHEITLICHE ÖKOLOGIE" gleich auf der Titelseite auf die Brennpunkte hin, die sich am Beispiel Amazonien für Christinnen und Christen überdeutlich abzeichnen. Die verschiedenen Wege einer pastoralen, kulturellen, ökologischen und synodalen Umkehr ergeben sich aus dem Hinhören auf die Wirklichkeit: "Amazonien ist heute ... eine verwundete und entstellte Schönheit, ein Ort von Gewalt und Leid. Die Attentate gegen die Natur haben Konsequenzen für das Leben der Völker. Diese einzigartige sozial-ökologische Krise fand ihren Widerhall in den vorsynodalen Anhörungen, in denen die folgenden Bedrohungen für das Leben beschrieben wurden: Enteignung und Privatisierung von Naturgütern, sogar von Wasser; legale Waldkonzessionen und das Eindringen von illegalen Holzfirmen; ausbeuterisches Jagen und Fischen; nicht-nachhaltige Großprojekte (Wasserkraftwerke, Waldkonzessionen, massives Abholzen von Bäumen), Monokulturen, Straßen, Wasserstraßen, Eisenbahnen, Bergbau- und Erdölprojekte, die durch extraktivistische Industrie und städtischen Müll verursachte Verseuchung und vor allem der Klimawandel."  Dass hier durch wirtschaftlichen und politischen Einfluss vorhandene Strukturen in einem fruchtbaren Zusammenspiel zerstört wurden und werden, zeigt die imperiale Dimension der Einflussnahme auf Amazonien - und auf andere Länder und Regionen - auf.

b) das Herrschaftsgebiet durchgehend politisch und kulturell im Sinne des Imperators prägen

Das zweite oben genannte Merkmal von Imperialismus, die durchgehende politische und kulturelle Prägung im Sinne des Imperators, ist auf den ersten Blick nicht unbedingt erkennbar. Die Tatsache, dass es in den betreffenden Regionen auch zuständige Regierungen und politsch Verantwortliche gibt, verdeckt die Art der Einflusses und wer eigentlich dieser Imperator ist. Der Imperator ist keine Person oder anderer Staat, sondern eine Art des Denkens, das von der industriellen Gesellschaften ausgehend das "Herrschaftsgebiet" zu prägen und zu durchdringen bemüht ist. Es ist ein Denken in Gewinn- und Leistungskategorien, ein Höher-Schneller-Besser-Mehr, das längst die spielerische Dimension hinter sich gelassen hat und tödlich geworden ist. Es ist eben gerade kein christliches Denken, keine christliche Haltung, auch wenn Rainer Bucher in seinem Buch "Christentum im Kapitalismus" darauf hinweist, dass der genannte Imperator auch hier schon lange mit der Prägung seines "Herrschaftsgebiets" vorangeschritten ist.

Wieso muss man überall auf Gedeih und Verderb nach Gewinn und materiellen Werten streben? Die indigenen Völker und die durch "land grabbing" in ihrer sozialen und auch biologischen Existenz bedrohten Kleinbauern machen vor, dass es auch anders gehen kann. Warum machen Christinnen und Christen dabei mit - Stärke auszuspielen, auszubeuten, dem materiellen Besitz das Wort zu reden, das Herrschaftsgebiet im Sinne des Imperators zu prägen? Eine Erklärung ist: Das Notwendige zu tun würde verwirren ... Deswegen wird lieber das Denken der Anderen angepasst. Eine Umkehr im Sinne des oben genannten Abschlussdokuments ist so nicht möglich. Die christliche Botschaft verwirrt im Kern auch manchmal, sie erscheint nicht immer alltagstauglich. Aber man müsste es vielleicht trotzdem versuchen.

c) Christsein / Christentum und Imperialismus

Dass Christentum und Imperialismus schon einige Male in der Geschichte ein Unheil bringendes Verhältnis eingegangen sind, ist unübersehbar. Die Plünderung der Goldschätze im Zuge einer gewaltsamen Missionierung nach der Entdeckung Amerikas ist hier ebenso zu nennen wie die Kreuzzüge, bei denen es weniger um den Schutz des heiligen Grabes ging als um Macht und wirtschaftlichen und politischen Einfluss in Europa.

Doch selbst wenn man sich auf den Kern des Christseins bezieht - Gebote der Nächstenliebe, des sozialen Miteinanders, der Sorge für die Schwachen und Verletzten: Ist die Verbreitung dieser Botschaft und die Bekehrung anders Denkender nicht in gewisser Weise auch eine "durchgehende Prägung im Sinne eines Imperators"?

"Wölfe im Schafspelz" wird es immer geben. Aber Glück und Erfüllung liegen - christlich - nicht in der Bekehrung, sondern in der Nächstenliebe selbst, im gelebten eigenen Beispiel und in der persönlichen Ausstrahlung, die sich damit verbindet. Der Geist der Nächstenliebe müsste von hier bis nach Amazonien reichen, vermittelt durch nachhaltigen Konsum - weniger Fleisch, weniger Smartphones, weniger Energieverbrauch, mehr Hinhören, mehr Verständnis, mehr wirkliche Hilfe im Sinne der Verletzten und Verwundbaren.

Was ist zu tun, wie lässt sich die imperiale Haltung ändern?

Eine wichtige Voraussetzung, um eine unbewusste imperiale Haltung aufzubrechen, ist die Kenntnis von Lieferketten. Welche Produkte werden von wem und wie hergestellt, wer verdient daran und wer wird dabei ausgebeutet?

"Fairer Handel" ist kein neuer Begriff, er muss aber von Fair-Trade-Kaffee auf Smartphones und die Coltan- und Goldgewinnung für elektronische Geräte und Leiterplatten ausgedehnt werden. "Konfliktrohstoffe kommen beispielsweise aus der Demokratischen Republik Kongo. Mit dem Kauf von Gold, Zinn oder Coltan aus solchen Gebieten finanzieren Unternehmen und deren Kunden ziemlich direkt Warlords und Kriege.", schreibt dazu "Brot für die Welt". Marktwirtschaft und Konsum bedeuten Verantwortung und die bewusste Wahrnehmung von Verwundungen, Zerstörung und Verwundbarkeiten.

Auch Nachrichten haben Lieferketten. Besuchen Sie regelmäßig die Internetseiten von Brot für die Welt, Misereor etc.

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