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"Geschuldete" Gerechtigkeit

Fragen des sozialen und ökologischen Friedens holen uns von allen Seiten ein. Sind wir "schuld" am Klimawandel, an zur Neige gehenden Ressourcen auf diesem Planeten (Rohstoffe, saubere Luft, Trinkwasser, ...), schuld an Gewalt-, Wirtschafts- und Umweltflüchtlingen? Oder sind es Weichenstellungen der Vergangenheit, eben die "Umstände", die wegen früherer Weichenstellungen so geworden sind? - "Schuldig, Euer Ehren", oder "nicht schuldig"?

Schuldig oder nicht schuldig?

Es ist der "juristische" Schuldbegriff, der hier gleichzeitig Zustimmung und Ablehnung auslöst und für Verwirrung sorgt. Wir sind gewohnt, zugewiesene Schuld nur dann anzuerkennen, wenn wir an einem Umstand selbst mitgewirkt haben und die Verantwortung dafür tragen. Das ist bei Strukturen, die für Ungerechtigkeit sorgen, oft nicht der Fall. Fragt man stattdessen nach "Unschuld", wird Vieles klarer:

Schuldig oder unschuldig?

"Oh, du Lamm Gottes, unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet ..." - Unschuldslämmer sind wir "weiß Gott" nicht!

Wir sind nicht unschuldig an der Situation, so viel lässt sich sagen. Wir sind auch nicht ganz unschuldig an den Strukturen, die wir akzeptiert haben, aber in denen offensichtlich der Wurm steckt, sieht man genauer hin, und die eine Ausbeutung der Ärmsten an vielen Orten der Welt bewirken. Globale Gerechtigkeit ist das Gebot der Stunde, und auch das der "Sustainable Development Goals" der UN.

Gerechtigkeit: ethisch (aus-)gerichtet sein

Kruip-02In der Bibel bedeutet "Gerechtigkeit" das Ausgerichtetsein von Handlungen und sozialen Strukturen auf Gott. „Gerechtigkeit bezeichnet ... im Neuen Testament nicht zuerst die Tugend der Gerechtigkeit im Sinne der griechischen Ethik, sondern in der Folge der alttestamentlich-jüdischen Begriffsgeschichte das Gerechtsein und tun Gottes und des Menschen im Verhältnis zueinander." (Karl Kertelge, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. IV, Sp. 501). Wenn Christinnen und Christen ihre Verantwortung für die Gestaltung der Schöpfung wahrnehmen, müssen ihre "Inputs" auf globaler Ebene diesem Ausgerichtetsein auf Gott "gerecht" werden.

Um dieses Ausgerichtetsein auf die Handlungsebene zu übertragen, bedarf es, zusätzlich zu einer inneren Einstellung, die die Bibel vermittelt, verbindende und praxisbezogene ethische Grundlagen. Prof. Dr. Gerhard Kruip, Sozialethiker an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, stellte hierzu den Artikel "Umweltethik und Nachhaltigkeit in christlicher Perspektive" für "nachhaltig predigen" zur Verfügung. Er reflektiert auf die Rolle der Kirche(n) in der Umweltbewegung seit Ende der 60-er Jahre und stellt sie in ihren aktuellen Zusammenhang. Dabei werden Gerechtigkeitsansätze in einen christlich-sozialethischen Bezug zum Prinzip der Nachhaltigkeit gebracht. Es wird deutlich, dass diese Art der Umweltethik Gott geschuldet ist.

» zum Artikel "Umweltethik und Nachhaltigkeit in christlicher Perspektive" (G. Kruip) bzw. alternativ » als PDF-Datei

Geschuldetsein

Eine interessante Perspektive auf "unsere christliche Schuld" eröffnet der Begriff des Geschuldetseins. Auch wenn jemand nicht persönlich Schuld an vielen der Umwelt- und strukturellen Probleme ist, schuldet er / sie als Christin und Christ der Welt eine bestimmte Einstellung und Haltung zu diesen Problemen (s.a. oben: "gerecht" im Sinne von Ausgerichtetsein auf Gott). Unschuldig sind wir natürlich nicht, denn wir schöpfen seit Jahren unsere Möglichkeiten z.B. in Bezug auf Klimawandel und globale Gerechtigkeit nicht konsequent aus. Persönliche Schuld laden Christinnen und Christen auf sich, wenn sie nicht die Haltung einnehmen, die Gott - und besonders Jesus - von ihnen in Bezug auf diese Probleme fordert, die Haltung, sie ihm schulden.

Persönliche Schuld laden insbesondere auch verantwortliche Vertreter und Vertreterinnen der kirchlichen Institutionen auf sich, wenn sie zwar auf ihre jeweiligen Institutionen im Sinne einer "strukturellen Schuld" im Einzelfall verweisen können, aber nicht die Haltung einnehmen, die sie Jesus, der dafür am Kreuz gestorben ist, in aller Konsequenz schulden: nämlich die Dinge zu ändern.

Auf diesem Denkansatz baut auch die Enzyklika Laudato si' auf. Sie verurteilt uns nicht und sie spricht uns nicht schuldig. Aber sie zeigt die Gründe der Ökologischen Krise auf und nennt die Strukturen der Schuld, die wir (manchmal gutgläubig-naiv) tolerieren. Sie lässt aber das Geschuldetsein ganz klar durchblicken: die Schöpfung spricht uns in schwindender Schönheit an, und Gott erwartet es - wir schulden es ihm - und der Schöpfung, durch die er zu uns spricht.

 

Sünde?

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