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Geldströme und Korruption

Geld gewonnen, Land zerronnen (Mt 4, 1-11)

Predigt von Pfarrerin Rosa Grädel, Nydeggkirche, zur Eröffnung der ökumenischen Kampagne 2017 zum Thema "land grabbing"

Predigt (Auszüge):
I
Landgrabbing: das Zusammenraffen von Land durch grosse Konzerne: das ist das Thema der diesjährigen ökumenischen Kampagne, die heute beginnt.
Landgrabbing: Ein Prozess, der vielen Menschen weltweit buchstäblich den Boden unter den Füssen entzieht und damit ihre Ernährungsgrundlage.
Ich werde die Geschichte aus dem Matthäusevangelium, die wir gehört haben, mit Informationen aus dem Material der ökumenischen Kampagne in Verbindung bringen.
(...)

III
Schauen wir uns die erste Versuchung an: Steine zu Brot machen. Ist doch gut! Jesus, damit könntest du alle Hungernden satt machen. Der Mensch lebt schliesslich zuerst einmal vom Brot, dann vom Geist. Oder? Worin sollte da denn die Versuchung bestehen?

Es braucht mehr - meint Jesus vielleicht. Es braucht eine Veränderung der Verhältnisse und der Herzen. Es geht nicht nur darum, dass die Kinder mit den Hungerbäuchen kurzfristig Almosen bekommen. Das mag für den Anfang wichtig sein. Aber auf die Länge genügt das nicht. Dass die kleinen Bauern in Schuldsklaverei geraten, weil sie die Steuern nicht bezahlen können, dass ihr so oder so schon karges Feld von den römischen Soldaten als Exempel für alle Widerständigen abgebrannt wird, daran ändert sich nichts. Jesus verweigert sich dem Rausch des Machbaren, der das Übel nicht an den Wurzeln angeht.

Das ist aktuell, das gilt auch heute. ... Man kann fast alles. ... Aber wir kennen mittlerweile auch die Nebeneffekte dieses Machbarkeitswahns: Es werden so viele Lebensmittel vernichtet wie noch nie. Und Menschen verlieren ihre Lebensgrundlage.

Ich lese dazu Ausschnitte aus dem Erfahrungsbericht einer Bäuerin aus Kenia:
„Ich bin Bäuerin und produziere biologische Lebensmittel. Es macht mich stolz, etwas zu produzieren, was anderen gut tut. Doch unsere Regierung glaubt nicht an uns, sondern nur an die grossen Konzerne. Sie hat ein Gesetz erlassen, wonach das Saatgut nun den multinationalen Konzernen gehören soll. Das ist absurd. Saatgut war in Kenia immer in der Hand der Bäuerinnen. Ich habe es von meiner Mutter und meiner Schwiegermutter erhalten. Und ich bringe nun meiner Tochter bei, wie sie Saatgut auswählen und lagern soll."
(...)

V
Wie verlockend klingt die dritte Versuchung. Der Dämon sagt: Dies alles, den ganzen Erdkreis, werde ich dir geben, wenn du dich niederwirfst und mich anbetest. ...

Mit Geld kann man sich Macht kaufen – das erleben wir zur Zeit. Mit Geld kann man sich Meinungen und Wahrheiten kaufen. Mit Geld kann man die ganze Welt erobern. Menschen werden in diesem Machtspiel Humankapital. Pflanzen, Tiere das Meer, der Boden zu Waren, die man brauchen, auspressen, verwerten kann.

Auch hierzu ein Beispiel aus dem Kampagnenmaterial:
Für Bauernfamilien in Indonesien wird der Zugang zu Land immer schwieriger. Ausländische Investoren und Konzerne reissen immer mehr Landflächen an sich. Hunderttausende von Quadratkilometern sind von Land Grabbing und Abholzung für den Anbau von Ölpalmen betroffen. Auch Schweizer Banken investieren in die Ölpalmplantagen. 70% der Plantagen stehen auf ehemaligen Waldflächen, die für die Bevölkerung zentral waren für die Ernährungssicherheit.

Zum Beispiel Familie A. in Kalimantan:

Bauer A. wollte vor Jahren zusammen mit seinen Verwandten eine eigene kleine Ölpalmplantage anlegen. Dann tauchte die Bumita-Gruppe auf und belegte ohne Begründung ungefähr einen Drittel des Landes der kleinen Bauerngenossenschaft. Mittlerweile wachsen die Ölpalmen der Plantage um sein Haus jedes Jahr etwa einen halben Meter höher. Wo heute noch Maniok und anderes Gemüse wächst, wird es unter dem düsteren Blätterdach bald schwer werden, noch Landwirtschaft zu betreiben. Kommt hinzu, dass auf der Plantage viel Dünger eingesetzt und das Unterholz weggeräumt wird. Bereits jetzt hat sich deswegen das Wasserniveau gesenkt und Bauer A. musste mit einem Schlauch tiefer in den Boden graben. Der Staat schützt die Konzerne. Unterstützt werden die Bäuerinnen und Bauern von Walhi, einer Partnerorganisation von Brot für alle.
(...)

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Geld – Schuld – Nachhaltigkeit

Karin Bassler

 

Geld wird in der Bibel häufiger thematisiert als oft vermutet: Mehr als 2500 Textstellen handeln von Gold, Silber, Münzen, Kauf und Verkauf, Abgaben und Steuern, Preisen, Zinsen, Schulden, Löhnen, Bestechung, etc., „eine ganze Welt von Vorgängen der Geldverwendung, des Einsatzes von Geld und seinen Risiken, Chancen und Problemen begegnet uns in den kanonischen biblischen Überlieferungen“.[1] Nur eine Stelle davon – wenn auch zweifellos eine sehr bedeutende - ist der Satz Jesu in der Bergpredigt: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.[2] Allein damit lässt sich jedoch die theologisch-ethische Fragestellung nach dem Wesen des Geldes und dem verantwortlichen Umgang damit nicht beantworten. Der Dualismus „Gott oder Mammon“ und die daraus abgeleitete Dämonisierung des Geldes als Götze ist ebenso wenig biblisch begründbar wie die entgegengesetzte Extremposition einer Vergottung des Geldes - etwa in der Form des Wohlstandsevangeliums, das finanziellen Erfolg mit Gottes Gunstbeweisen gleichsetzt.

In der Bibel wird immer wieder deutlich, dass Geld als soziale Tatsache und Institution verstanden wird, die ihren verschiedenen physischen und materiellen Ausprägungen vor und nach der Erfindung von Münzen vorangeht und zugrunde liegt. Geld ist ein „bestimmender Faktor menschlicher Existenz“[3] und ebenso wie die Institutionen Familie oder Staat aufs Engste in die Geschichte und Entwicklung der Menschheit hineinverwoben. Darum lässt sich die biblische Auffassung vom Geld auch nicht mit einigen wenigen Versen wiedergeben. Was die Bibel zum Thema Geld sagt, ergibt sich erst aus der Zusammenschau zahlreicher Fundstellen im Alten und Neuen Testament, die ihre jeweils eigene Perspektive beitragen. [4]

Daraus entsteht jedoch kein Bild der Beliebigkeit, sondern es lassen sich folgende Leitlinien ausmachen: Geld ist eine potente menschliche Erfindung, die Beziehungen zwischen Menschen (und zeichenhaft auch zwischen Mensch und Gott) vereinfachen und gewaltfrei regeln, aber auch gefährden kann. Im Kern ist Geld die Institution, mit der Schuld getilgt werden kann, ohne einerseits auf dauerhafte persönliche Bindungen oder andererseits auf eskalierende Gewaltmaßnahmen angewiesen zu sein. An sich ist Geld wie Sprache weder gut noch böse, sondern ein Mittel zum jeweiligen Zweck. Nach Georg Simmels Philosophie des Geldes ist es nicht nur ein Mittel unter anderen, sondern wegen seiner nahezu unbegrenzten Verwendbarkeit das Mittel schlechthin.[5] Allerdings wohnt ihm gerade wegen seiner vollendeten Funktionalität eine Tendenz inne, sich klammheimlich im Denken und Streben der Menschen über Gebühr einzunisten und auszubreiten. Auf diese Weise kann es vom Mittel zum Zweck werden, und Geldgier kann die Liebe zu Gott und den Mitmenschen und ethisches Verhalten verdrängen.

Aus diesem Grund sind die Institution Geld und eine funktionierende Finanzwirtschaft sinnvoll und unverzichtbar, aber der Umgang mit Geld ist durch weitere Institutionen wie Gesetze, Regeln und Selbstverpflichtungen einzudämmen. Wesentlich dabei ist die Verpflichtung zu Offenheit und Transparenz. Außerdem müssen der Nachweis der Mittelfunktion des Geldes und seine Verwendung für ethisch-nachhaltige Zwecke sowohl von Geschäftspartnern gegenseitig als auch von Regulierern immer wieder neu eingefordert werden.

In kirchlichen Worten wird darauf hingewiesen. 2009: „Die Wirtschaft ist um des Menschen willen da, sie ist kein Selbstzweck. Wo das Geld zum Mittelpunkt wird, wird das Wirtschaften unmenschlich. In Zukunft bedarf es sowohl einer robusten Regulierung der Weltfinanzmärkte als auch einer wirksamen Regelung für die Haftung der ‚Verantwortlichen’. Freiheit, die von der Verantwortung entkoppelt ist, zerstört sich am Ende selbst.“[6] 2014: „Ob der notwendige Neubau unseres Wirtschaftssystems gelingt, wird sich nicht zuletzt daran entscheiden, ob dem Geld der Stellenwert zukommt, der ihm gebührt: eine strikt dienende Funktion. Kapital dient der Realwirtschaft und damit den Lebensmöglichkeiten der Menschen – noch präziser: aller Menschen. Wo dieser dienende Charakter verloren geht, geht das Vertrauen der Menschen in die Wirtschaft verloren.“[7]

Dr. Karin Bassler ist Pfarrerin und Diplom-Kauffrau und Geschäftsführerin des Arbeitskreises Kirchlicher Investoren in der evangelischen Kirche in Deutschland (AKI)


[1] Michael Welker in: Gott, Geld und Gabe, 2004, S. 57f.

[2] Mt 6,20 und Lk 16,9.

[3] Stefan Beyerle/Michael Roth (Hg.): Geld als bestimmender Faktor menschlicher Existenz, 2006.

[4] Beispiele:

- Als Alternative zu Rauben und Geschenkt-Bekommen werden das erste Stück des verheißenen Landes ebenso wie der Tempelplatz in Jerusalem gekauft (und eben nicht gewaltsam erobert): Gen 23/Gen 33,19/Jos 24,32/2Sam 24.

- Kaufen mit und ohne Geld als prophetisches Zeichen für den künftigen Friedenszustand: Jes 55,1f/Jer 32

- Abgaben/Zehnter als Ausdruck der Gottesbeziehung: Gen 14,20/Gen 28,22/Lev 23,30ff/Mal 3,8ff/Mt 23,23.

- Über Steuern und Zölle hängen die Institutionen Geld und Staat zusammen; sie sollen nach Gottes Willen nicht minimiert und hinterzogen werden: Mt 22,15ff/Röm 13,6f.

- Kollekte zur gegenseitigen materiellen und geistlichen Unterstützung der Gemeinden: 1Kor 16/2Kor 8f.

- Gerechtfertigtes und ungerechtfertigtes Gewinnstreben: Gen 41/Gen 47/Ex 18,21/Jer 8,10/Jes 33,15/Am 8,5/Spr 31,18/Jak 4,13.

- Zinsnahme ist an sich neutral, aber dann gegen Gottes Willen, wenn Konsumtivkredite in Schuldknechtschaft und Verarmung führen: Ex 22,24/Lev 2535ff/Dtn 23,20f/Ps 15,5/Hes 18,8/Spr. 31,18/Mt 25,27.

- Geldgier zerstört das Verhältnis zu Gott und Mitmenschen: Ps 119,72/Hi 31,24f/Pred 5,9ff/Lk 16/Apg 5,1ff/1 Tim 6,17ff.

- Beendigung eines Schuldverhältnisses durch Lösegeld, Loskauf, Auslösung, Erlösung: Ex 21-22,16/Lev 27/Num 3,40ff/Mk 10,45/1Kor 6,20/1Pt 1,18.

- Reichtum je nach dem als Mittel, Gefahr und Segen: Gen 13,2/Dtn 8,11ff/1Kön 3,13/ Pred 5,9-6,9/Sir 13,30ff/Mk 10,17ff/Lk 12,16ff /Jak 5,1ff.

[5] Georg Simmel, Die Philosophie des Geldes, 1989, S. 265.

[6] Wie ein Riss in einer hohen Mauer, http://www.ekd.de/download/ekd_texte_100.pdf , 2009, S. 15.

[7] Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft, https://www.ekd.de/download/gemeinsame_verantwortung_gt_22.pdf , 2014, S. 16.

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