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Mareike Haase: Corona aus der Perspektive von Brot für die Welt

Haase SL20180129a0773 b 600Mareike Haase, Brot für die Welt

Referentin Internationale Gesundheitspolitik (1.07.2021)

Durch die Corona-Pandemie werden überall auf der Welt soziale Ungleichheiten sichtbarer. Am schlimmsten sind die Folgen der Pandemie dort, wo das Virus auf schwache Gesundheitssysteme trifft, wo es schon vor der Pandemie an Personal mangelte, nicht ausreichend wirksame Medikamente oder kaum Gesundheitseinrichtungen gab. Vielerorts sind Menschen zudem durch armutsbedingte Lebensbedingungen gefährdeter für das Virus – weil sie mangelernährt sind und dadurch ihr Immunsystem geschwächt ist, oder weil sie auf engsten Raum leben und arbeiten und sich kaum vor einer Ansteckung schützen können.

Bisher haben sich über 180 Millionen Menschen nachweislich mit dem Corona-Virus infiziert. Mehr als 3,8 Millionen Menschen sind an Covid-19 gestorben. Die Dunkelziffer ist hoch, weil in vielen Ländern die Testmöglichkeiten begrenzt sind. Nachdem die weltweiten Infektionszahlen in den letzten Wochen gesunken waren, steigen sie seit Ende Juni 2021 erneut an, vor allem in Lateinamerika und in Afrika, aber auch in europäischen Ländern. Eine niedrige Impfrate und neue Virusvarianten befördern dies.

Neben den direkten Folgen einer Corona-Infektion, berichten alle Länder, dass sie auch ihre reguläre Gesundheitsversorgung durch die Pandemie einschränken müssen. Das geht so weit, dass Länder mit einem niedrigen Einkommen und schwachen Gesundheitssystemen zwischen 75-100% der Gesundheitsdienste reduzieren mussten, weil es nicht genug Gesundheitspersonal gab oder es durch die Lockdowns zu Lieferengpässen bei Medikamenten und Schutzmaterialien kam. Viele Patient:innen kamen auch gar nicht mehr in die Gesundheitseinrichtungen, aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus. Die Versorgung von Menschen mit HIV/ Aids und Malaria wurde eingeschränkt, genauso wie die Betreuung von Geburten und Kinderimpfungen. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass in den nächsten drei Jahren als Folge der Pandemie bis zu 1,4 Millionen mehr Menschen an Tuberkulose sterben werden.

Schließlich hat die Pandemie neben den gesundheitlichen auch gravierende sozioökonomische Auswirkungen. Über 70% der Weltbevölkerung fehlt ein Schutz durch soziale Sicherungssysteme. Es gibt also kein Krankengeld und kein Arbeitslosengeld, wenn von einem auf den anderen Tag durch die Lockdowns das Einkommen wegbricht. Keine Krankenversicherung bezahlt die medizinische Versorgung. In Ländern, in denen Menschen als Tagelöhner:innen von der Hand in den Mund" leben und kaum Erspartes haben, bedeutet dies unmittelbar Not und Armut. Im Umkehrschluss heißt das, auch bei relativ niedrigerer Inzidenz, wie bisher in Afrika, hat die Pandemie verheerendere Auswirkungen als in Industriestaaten, wo die meisten Menschen durch soziale Sicherungssysteme geschützt sind. Entwicklungspolitiker:innen gehen davon aus, dass einige Länder auf dem afrikanischen Kontinent um Jahrzehnte in ihrer Entwicklung zurückgeworfen werden.

Warum ist es in ärmeren Ländern bislang nicht gelungen, eine robuste Gesundheitsversorgung aufzubauen? Bisher wurde vorrangig auf die Behandlung von einzelnen Krankheiten gesetzt und die Gesundheitsversorgung nur einseitig sichergestellt. Wenig Geld ging in den Aufbau von allgemeinen Versorgungsstrukturen, wie die Ausbildung und den Erhalt von Personal, was sich nun in der Pandemie rächt. Neben knappen nationalen Geldern und einer falschen Prioritätensetzung hat auch die internationale Entwicklungszusammenarbeit nicht auf nachhaltige Strukturen gesetzt. So wie der Aufbau von sozialen Sicherungssystemen erschien dies als zu komplex, zu langwierig und nicht finanzierbar. Zukünftig muss es ein Umdenken geben. Gesundheitssysteme müssen so gestaltet werden, dass die Regelversorgung und die Reaktion auf Gesundheitskrisen gewährleistet ist. Durch den Aufbau von sozialen Sicherungssystemen müssen Gesundheits- und andere Notlagen aufgefangen und Menschen vor existentieller Not geschützt werden. Die internationale Entwicklungszusammenarbeit trägt die Verantwortung, gemeinsam mit den nationalen Regierungen, die richtigen Schwerpunkte zu setzen.

Vorher muss es aber gelingen, die Pandemie überall einzudämmen. Neben den allgemeinen Schutzmaßnahmen, dem Testen und der Nachverfolgung und Behandlung von Infektionen, ist die vielversprechendste Methode die Impfung. Zum Glück ist es gelungen, in weniger als einem Jahr mehrere sichere Impfstoffe zu entwickeln. Das ist der jahrelangen öffentlichen Forschung an Coronaviren, dem finanziellen Beitrag durch Regierungen und dem Engagement von Pharmaunternehmen zu verdanken. Auch Proband:innen haben sich in Europa, Lateinamerika oder Afrika, meist unentgeltlich, an Tests zur Wirksamkeit der Impfstoffe beteiligt.

Bis heute sind knapp 3 Milliarden Dosen verimpft worden – gerecht verteilt hätten diese ausgereicht, um in jedem Land diejenigen zuerst zu impfen, die am meisten gefährdet sind: Gesundheitspersonal und alte Menschen. Tatsächlich sind jedoch 75% der Impfstoffe in nur zehn Länder gelangt, vor allem die USA, China und die Europäische Union. In den ärmsten Ländern, in denen jeder 10. Mensch lebt, kamen bisher weniger als 0,5% aller Vakzine an. In Afrika sind weniger als 1% der Bevölkerung geimpft.

Die Produktion von Impfdosen kommt nicht nach, um alle Länder gleichermaßen zu versorgen. Statt wie ursprünglich von der Weltgesundheitsorganisation vorgesehen zuerst die Risikogruppen zu impfen, haben sich zudem Deutschland und andere reiche Länder weit über diesen Bedarf Impfdosen gekauft. So haben sich die wohlhabenden Staaten den Löwenanteil der verfügbaren Impfdosen gesichert, und ärmere Länder gehen weitestgehend leer aus. Während wir in Deutschland aller Voraussicht nach bis Winter 2021 die Herdenimmunität erreichen werden, müssen ärmere Länder bei aktueller Impfgeschwindigkeit noch 57 Jahre auf einen Schutz warten. Das bedeutet millionenfaches Leid. Zudem werden bereits erzielte Impferfolge aufs Spiel gesetzt. So sehen wir bereits heute vielerorts, wie sich Virusmutationen schneller ausbreiten und die Infektionsraten trotz hoher Impfquoten wieder ansteigen.

Bisher hat die internationale Gemeinschaft in der Impfgerechtigkeit versagt, jeder war sich selbst der Nächste. Um schneller weltweit eine höhere Impfrate zu erreichen, sollten Länder wie Deutschland schnell Anteile ihrer Impfdosen an die Weltgesundheitsorganisation abgeben, die diese dann fair auf die Regionen verteilt. Es gibt bereits eine Vielzahl an Ländern in Europa, die dies tun.

Aber Impf-Wohltätigkeit reicht nicht aus! Um zu Impf-Gerechtigkeit zu kommen, müssen außerdem die Länder des Globalen Südens selbst Impfstoffe produzieren dürfen. Es gibt vielerorts Unternehmen, die in wenigen Monaten die Herstellung aufbauen können. Aktuell ist ihnen dies aber nicht erlaubt, da die alleinigen Rechte an den Impfstoffen bei einer Handvoll Pharmaunternehmen liegt – obwohl Staaten durch Steuergelder und insofern auch die Gesamtbevölkerung zu den Impfstoffen beigetragen haben. Brot für die Welt fordert deshalb zusammen mit über 100 Regierungen und tausenden Gesundheitsexpert:innen, dass die Rechte und das Wissen um die Produktion von Impfstoffen geteilt werden. Dafür müssen Patente und der Schutz weiterer geistige Eigentumsrechte aufgehoben werden – so lange, bis die Pandemie eingedämmt werden konnte. Nur so können alle Menschen geschützt und weitere soziale und wirtschaftliche Folgen abgewendet werden.

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