Kultur des Maßes

Von Weihbischof em. Paul Wehrle

Seit etlichen Jahren wird von der notwendigen Nachhaltigkeit in verschiedensten Lebensbereichen und Abläufen gesprochen. Für die katholische Soziallehre war vielleicht das Wort, aber nicht der Sachverhalt neu. Denn bei einer nachhaltigen Lebenspraxis geht es nicht zuletzt um die auf der Zeitschiene verlängerte Solidarität. Diese aber ist neben der Subsidiariät unverzichtbar für ein gelingendes Miteinander über den konkreten Tag hinaus.

Es wird freilich darauf zu achten sein, dass das Anliegen der Nachhaltigkeit nicht wie andere elementare Anliegen (zum Beispiel der Bildung) zunehmend unter wirtschaftlichen Kategorien gedacht und gefördert wird: Nachhaltigkeit nur als Kostenfaktor – oder mehr?

Nachhaltigkeit ist eine umfassende Herausforderung sowohl für gesellschaftliche und so selbstverständlich auch wirtschaftliche Aktivitäten wie auch für die persönliche Lebensgestaltung. Denn Nachhaltigkeit ist die Kultur des rechten Maßes in einer solidarischen Verantwortung über das Heute hinaus. Nachhaltigkeit wird zu einer Hilfe für Navigation und Orientierung in vielfach unübersichtlicher und oft auch kurzatmiger Zeit. Nachhaltigkeit als Lebenspraxis ist fachübergreifend und gilt für ökologische, ökonomische, soziale und auch wertbezogene Aspekte gesellschaftlichen Miteinanders. Sie kann deshalb auch für den in weltanschaulich pluraler Gesellschaft dringend notwendigen Diskurs ein hilfreiches, weil vermittelndes Anliegen sein.

Nachhaltigkeit als Leitmotiv ist nicht konservierend im Sinne von Stillstand und entwicklungshemmend wie mitunter vermutet wird; Nachhaltigkeit als Handlungsperspektive ist vielmehr innovativ für eine gemeinwohlverträgliche Entwicklung. Denn sie wird zum Impuls von einer nur quantitativ ausgerichteten Fragestellung zu einer qualitativ orientierten Praxis zu kommen. Sie lässt den Unterschied von „Lebensstandard“ (zum Beispiel am Bruttosozialprodukt abgelesen und dann nur zahlenmäßig verglichen) und von „Lebensqualität“ erkennen. Diese aber bezieht sich vor allem auf Lebenswerte und Lebenssinn … Hier ist dann auch der Ort, auf die immer wieder aus dem Glauben an Gott als den „Freund allen Lebens“ gespeiste Sinnquelle zu verweisen und durch die eigene Lebenspraxis glaubwürdig werden zu lassen – bis hin zur Einsicht: weniger kann mehr sein! Erst aus einer solchen Haltung heraus kann positiv in eine „Freiheit zum Verzicht“ gefunden werden, weil ich so nicht einfach nur verliere, sondern ein Mehr an Lebensqualität gewinne.