Heimat ist dort, wo du dein Geld verdienst
Karin Bassler


Biblische Perspektive: Der erste Flüchtling

Er ist wahrhaftig kein Sympathieträger, der - laut Bibel - erste Flüchtling der Menschheitsgeschichte: Kain, der Brudermörder. Er war Bauer, Ackermann, und mühte sich tagaus tagein mit dem Boden ab, der ihm Dornen und Disteln trug und schweißtreibende Arbeit abverlangte.


Dr. Karin Bassler, AKI
 

Daran war sein Vater Adam schuld. Ihm war der göttliche Fluch anzulasten, der auf dem Acker lag und Kain das Leben schwer machte. Es war mühsam, aber hungern musste er nicht - auch wenn es nur bescheidenes Kraut und Feldfrüchte waren, die er erntete. Die Adamah, die heimatliche Scholle, war zwar verflucht widerspenstig, aber sie nährte ihn doch treu wie eine Mutter. Ein Leben lang hätte sie ihm ihren Ertrag gegeben, wenn diese Sache mit dem Opfer nicht passiert wäre, die in Kain den heißen Groll aufsteigen lässt. Er lockt den Bruder hinaus auf seinen Acker und tränkt die Adamah mit Bruderblut. Dieses Blut schreit von der Erde zum Himmel. Gott ist sofort zur Stelle, belegt Kain mit einem Fluch, vertreibt den Ackermann von der Ackererde und macht ihn heimatlos: "Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden" (Gen 4,12).

Aktuelle Perspektive: Auf der Suche nach einer Lebensgrundlage

In der Heimat den Lebensunterhalt nicht mehr erwirtschaften zu können, zur Flucht gezwungen zu sein, schutzlos und vogelfrei, jeder Willkür und Gewalt ausgeliefert - das ist ein Schicksal, das selbst für einen Mörder zu hart ist. So urteilt bekanntlich Gott selbst, zeichnet den Brudermörder mit dem Kainsmal und stellt sein Leben unter seinen persönlichen Schutz, der auch in der Ferne, jenseits von Eden, wirksam ist. Dieses harte Los, das selbst ein Kain nicht verdient hat, teilen jedoch bis heute Millionen Flüchtlinge und Asylsuchende. Viele sind ihrerseits auf der Flucht vor Mördern oder sie fliehen, weil sie daheim keine Lebensgrundlage und keine Perspektive mehr haben. Was sie in der Ferne suchen, ist ein Leben ohne Bedrohung und einen Ort, von dem gilt: "Heimat ist dort, wo du dein Geld verdienst".

Historische Perspektive: Fremd im Ruhrgebiet

So hat Max von der Grün eine Kurzgeschichte aus dem Ruhrgebiet überschrieben.1 Sie spielt im Jahr 1951 und handelt von einem Wirtschaftsflüchtling, den es aus seiner fränkischen Heimat in eine Zeche und ein Bergarbeiterdorf in die Nähe von Unna verschlagen hat. Kein besonders langer und gefährlicher Fluchtweg liegt hinter ihm, Sprachprobleme gibt es auch keine nennenswerten und dennoch kämpft er mit unsichtbaren kulturellen Barrieren - und wenn es nur um den Umgang mit Tauben geht: Im Ruhrgebiet werden sie als Brieftauben hochgeschätzt, in Franken hält man sich Tauben, um sie als Spezialität in der Pfanne zu braten. Ein Kollege redet wochenlang kein Wort mehr mit ihm, als er ihn in seiner Unerfahrenheit bittet, ihm ein oder zwei Jungtauben zum Schlachten zu verkaufen.

Soziale Perspektive: Integration in den Arbeitsmarkt

Das sind Kleinigkeiten im Vergleich damit, was 2016 zwischen den nach Deutschland Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan und Marokko auf der einen Seite und den hier schon länger Einheimischen auf der anderen Seite steht. Diese Hürden der Verschiedenheit in Bezug auf Werte und Traditionen scheinen manchmal unüberwindbar, vor allem wenn es um Frauenbilder und -rechte geht. Wenn es etwas gibt, was sie schleifen kann, dann das Rezept, das auch im Ruhrgebiet der 1950er Jahre funktionierte: Arbeitsmarktintegration. Dafür braucht es einen langen Atem und die Mobilisierung vieler Ressourcen, aber zusammen mit Bildung kann sie das bewirken, was Max von der Grün über sein Bergarbeiterdorf schreibt:

    Ich wurde einer seiner Bewohner, war nicht mehr Gast auf Abruf. Viel später ist mir erst bewusst geworden, dass ich zu der Zeit schon begann, meine fränkische Heimat abzustreifen, Heimat Ruhrgebiet mir anzuziehen, auch wenn meine Mutter in ihren Briefen an mich stets schrieb: Hast du denn deine Heimat ganz vergessen? Dabei lebte ich doch nur nach ihrem ureigensten Satz, dass Heimat dort ist, wo man sein Geld verdient.2

Handlungsperspektive: Kirchliche Initiativen

Die Caritas stellt detaillierte Fachinformationen über den Zugang von Flüchtlingen zum Arbeitsmarkt zur Verfügung.3 In den einzelnen Landeskirchen hat der jeweilige Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA) verschiedenste Projekte zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt initiiert. Eine Übersicht zu den aktuellen Vorhaben findet sich auf der Website des Ev. Verbandes Kirche Wirtschaft Arbeitswelt:4 Flüchtlingspaten, die Brücken in den Arbeitsmarkt schlagen, Orientierungsschauen zu Berufen und Ausbildungen, Kooperationen mit Arbeitgebervertretern und Handwerkskammern etc. ergänzen die zunehmend emotional geführte Flüchtlingsdebatte auf eine wohltuend nüchterne Weise. Jenseits von Eden, aber ohne ständige Angst um Leib und Leben seinen Lebensunterhalt zu erwirtschaften - das hat Gott Kain, dem ersten Flüchtling, bestimmt. Millionen sind wie er auf der Flucht, aber auch ihre Zukunft kann unter einem guten Zeichen zu stehen kommen:

    Finden Asylsuchende und Flüchtlinge erfolgreich Arbeit, dann ...[wird] der soziale Zusammenhalt gestärkt, denn Arbeit hängt eng mit anderen Integrationsbereichen zusammen. Für jeden Einzelnen ist Zugang zum Arbeitsmarkt wichtig. Arbeit hilft, das Selbstwertgefühl wieder herzustellen. Arbeit ist entscheidend für menschliche Würde, sie erleichtert die Gesundung nach traumatischen Erlebnissen, sie ermöglicht finanzielle Unabhängigkeit.5

Es ist gut, dass Kirchen, Diakonie und Caritas Wert auf diesen pragmatischen Aspekt legen, denn Heimat, das ist nicht Blut und Boden und nicht in erster Linie Gefühl und Tradition, sondern ganz unsentimental der Ort, wo man sein Geld verdient.

1 Max von der Grün: Heimat ist dort, wo du dein Geld verdienst, im gleichnamigen Band, hg. von Horst Hensel und Heinrich Peuckmann, Dortmund 1986.
2 A.a.O., S. 143.
3 http://www.caritas.de/fuerprofis/fachthemen/migration/zugang-von-fluechtlingen-zum-arbeitsmarkt
4 http://www.kwa-ekd.de/blog/2016/01/integration-von-fluechtlingen-in-den-arbeitsmarkt
5 Ausschuss für Migration, Flüchtlinge und Displaced Persons der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, in:
Studie_IB_Die_Arbeitsintegration_von_Fluechtlingen_in_Deutschland_2015.pdf, S. 4.