Der Verfasser greift Gedanken zur Bedeutung des letzten Sonntags des Kirchenjahres auf und stellt einen Zusammenhang her. Detailliert werden die ev. Predigtperikope und der Text zur 1. kath. Lesung betrachtet. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Visionen einer für alle lebenswerten Zukunft; Traumatisierung und Depresssion angesichts von Missständen vs. Ermutigung (2 Jes 65); Menschlichkeit ist "Heimat" - angesichts von Ausbeutung, Gewalt und Versklavung (2 Dan 7)
1. Ewigkeitssonntag / Sonntag vom jüngsten Tage / Totensonntag / Gedenktag der Entschlafenen / Christkönigssonntag

Der letzte Sonntag im Kirchenjahr wird in den Gemeinden unterschiedlich begangen. Katholische Gemeinden feiern ihn als ‚Christkönigssonntag'. Ihrer Verstorbenen haben sie bereits an Allerheiligen gedacht. Dies geschieht jedoch in den evangelischen Gemeinden überwiegend am ‚Totensonntag' bzw. ‚Gedenktag der Entschlafenen', früher auch ‚Sonntag vom jüngsten Tage' genannt. Liturgie und Predigt setzen deshalb unterschiedliche Akzente. Gemeinsam aber bleiben die Themen der Ewigkeit und der Wiederkehr Jesu Christi als Weltenrichter bzw. das Jüngste Gericht und des Aufblühens einer neuen Welt in ewigem Frieden. - Damit schließt sich der liturgisch geordnete Jahreskreis. Er führt von der Geburt Jesu und seiner irdischen Geschichte über seine Aufnahme in die Ewigkeit seines himmlischen Vaters bis zur erwarteten Wiederkunft am Ende der Zeiten. Die Vergänglichkeit allen Lebens auf Erden ist damit auf die Ewigkeit Gottes bezogen.

Die für den Sonntag vorgesehenen biblischen Texte setzen allerdings durchaus unterschiedliche Akzente. Tritojesajas Vision entwirft vor allem ein diesseitiges Friedensreich Gottes für Israel (65, 18-24), auch wenn 65, 17+25 darüber hinaus die Perspektive einer universellen, paradiesischen Welterneuerung nahelegen. - Daniel schaut am Ende apokalyptischer Schrecken ein universelles messianisches Reich. In beiden Fällen wird der Blick von den Leiden der Gegenwart in die Zukunft gelenkt. Vor allem die konkrete, detaillierte Beschreibung des künftigen Friedensreiches durch Tritojesaja bietet einen klaren Maßstab für nachhaltiges Wirtschaften und Regieren als Weg in ein menschenwürdiges Leben. Daniels Text ist stärker an politischen Strukturen der Gewalt orientiert.

Die Impulse für Nachhaltigkeit werden einerseits im Leiden an ungerechten und lebensfeindlichen politischen und gesellschaftlichen Missständen geboren, andererseits aber vor allem in der Vision einer lebenswerten Zukunft. Beispielhaft dafür hat die Gruppe "Aufbruch - anders besser leben" im Stadtpark der schwäbischen Stadt Murrhardt ein "Denk-Mal Zukunft" aufgestellt. Im Halbkreis wurden Bäume um einen großen Naturstein gepflanzt. Neben dem Stein steht ein Informationskasten mit Empfehlungen für ein nachhaltiges zukunftsfähiges Handeln. (Sehens- und lesenswerte Informationen unter www.denk-mal-zukunft.de)

2 Jes 65, 17-25: Ein neuer Himmel und eine neue Erde

"Im Geheimnis eines Seufzers
Kann das ungesungene Lied des Friedens keimen."


Ein Vers aus dem Gedicht "Chor der unsichtbaren Dinge" von Nelly Sachs. Was die Dichterin beschreibt, geschieht in der Vision des für uns namenlosen Propheten (von der Wissenschaft Tritojesaja genannt). Er tritt in der Zeit nach dem babylonischen Exil auf. Die Menschen sind in die verwüstete Heimat zurückgekehrt. Nun gilt es, Jerusalem, das Land, den Staat wieder aufzubauen. Der Prophet hört das Weinen und Klagen (V.19b); er sieht Trümmer und Mühsal. "Aber er hatte es als Prophet doch auch mit schweren Missständen zu tun, mit nahezu katastrophalen sozialrechtlichen Verhältnissen (Jes 57, 1 ff.) und mit einer versagenden Regierung (Jes 56, 9 ff.)," so Gerhard von Rad. Woher sollen die Menschen die Kraft nehmen, wie einen guten Weg in die Zukunft finden? Die Vergangenheit in der Gefangenschaft und die mühsame Gegenwart lasten in ihren Seelen. Heute würden wir von Traumatisierung, von Depression sprechen. Die prophetische (und homiletische!) Aufgabe lautet deshalb: Ermutigung. Und so erklingt in die Verzagtheit hinein das grandiose Lied von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, - der Traum von einem künftigen geheilten, guten Leben. Damit steht der Predigttext der Epistellesung des Sonntags (Offb.21) sehr nah.

Sechsmal erklingen die Worte "Freude" bzw. "Wonne" in den Versen 18+19! Geboren aus dem Seufzen des Volkes erklingt das bisher "ungesungene Lied des Friedens": Von Jerusalem und Israel ausgehend entsteht eine neue Welt. Sie kennt keine Ausbeutung, keine schamlose Bereicherung auf Kosten der einfachen Leute. Kinder werden nicht mehr früh sterben. Allerdings ist ein ewiges Leben, ist Unsterblichkeit nicht das Ziel. Jedoch wird ein hohes Lebensalter die Regel sein; und dieses Leben steht unter dem Vorzeichen "genießen" (V.22). So bleibt die Vision durchaus diesseitig; sie ist irdisch gedacht und integriert den Tod als Abschluss eines erfüllten Lebens. (Lediglich V. 25, ein Zitat des "ersten" Jesaja (11, 6-9), öffnet die apokalyptische Dimension eines neuen Paradieses.)

Nicht nur das Jesajabuch, die Bibel Alten und Neuen Testaments insgesamt, endet mit einem "Denk-Mal Zukunft". (Offb. 21 ff.) Es transzendiert das Wissen um die Endlichkeit allen Lebens und der Welt. Denn, so Günter Böhm, "am Totensonntag wird uns die eigene Endlichkeit, unser Sein zum Tode hin, besonders hart bewusst. Wir leiden an diesem Tage doppelt an der Trennung von uns nahen Toten, und wir sind besorgt über unser eigenes Hinfälligwerden, auch über den drohenden sozialen Tod lange vor unserem physischen Ende. Hier kann die Predigt den Segen Gottes nach Jes 65,23 neu zusprechen." Diese seelsorgerliche Perspektive nimmt das Leid der Trauernden ohne klischeehafte Vertröstungen auf, sondern ermutigt sie, sich in Gottes Zukunft geborgen zu wissen.

Zitate: Nelly Sachs, Das Leiden Israels, Frankfurt 1964, S.103; Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testaments, Bd.II, 2. Aufl. München 1960, S.292; Günter Böhm, Vertrauen, dieses schwerste ABC. In: Predigtstudien für das Kirchenjahr 1999/2000, Zweiter Halbband, Stuttgart 2000, S. 236 f.

3 Dan 7, 2a.13-14: Das Reich des Menschensohnes

"Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat." (Ernst Bloch)

Gefangene träumen von der Zukunft, von Freiheit und Glück. Aber sie werden auch von den Gespenstern der Gegenwart heimgesucht und von Albträumen überfallen. Das 7. Kapitel des Danielbuches ist ein anschauliches Beispiel dafür. Es spiegelt die Leidenszeit Israels im zweiten vorchristlichen Jahrhundert unter dem hellenistischen Herrscher Antiochus IV. Epiphanes. Die Handlung ist jedoch fiktiv in die Zeit der Könige Nebukadnezzar, Belschazzar und Kyros verlegt. Denn die Sprache der Unterdrückten ist indirekt. Sie verschlüsselt den aktuell erlittenen staatlichen Terror und die Leiden des Volkes sowie die Sehnsucht nach einer besseren, einer gerechten Welt ohne Angst. Diese durchaus politische Sprache ist von einem unerschütterlichen Gottesglauben, einem Vertrauen auf künftige Erlösung bestimmt. Denn das letzte Wort der Weltgeschichte gehört Gott und seiner Gerechtigkeit. Deshalb ist der Anbruch der messianischen Zeit Fluchtpunkt aller Hoffnung.

Die ausgewählten Verse der Perikope müssen vor dem dunklen Hintergrund des ganzen Kapitels 7 gelesen werden; damit gewinnen sie Inhalt und Kontur. Daniel wird als privilegierter Untertan im babylonischen Exil geschildert; er ist Seher, Traumdeuter und Visionär am königlichen Hof. Er träumt, wie vier Ungeheuer dem aufgewühlten Meer entsteigen: ein geflügelter Löwe, der sich in einen Menschen verwandelt, ein gefräßiger Bär, ein vierköpfiger geflügelter Panther und schließlich ein schreckliches Tier mit eisernen Zähnen und zehn Hörnern. Sie symbolisieren vier antike Weltreiche - und ihre Verurteilung im Jüngsten Gericht. Dafür steht der schneeweiß gekleidete "Hochbetagte" auf einem Thron aus Feuerflammen. Unser populäres Gottesbild - der im Himmel thronende alte Mann im weißen Gewand - ist deutlich durch diese Vision geprägt. Der "Hochbetagte" ist vermutlich mit El Eljon ("der Höchste", Dtn 32,8; Dan 4,14) gleichzusetzen. Er überträgt seinem Messias, dem "Menschensohn", auf ewige Zeit die Weltherrschaft. In seinem Reich werden alle Völker ein für alle Mal in Frieden und Gerechtigkeit leben.

In der Gestalt des Menschensohnes steht das Bild des wahren Menschen gegen die vier bestialischen Tyrannen. Menschlichkeit triumphiert über Ausbeutung, Gewalt und Versklavung. Damit zeichnet die Vision Daniels einerseits ein realistisches Bild der Menschheitsgeschichte als Geschichte ausbeuterischer Imperien, andererseits das messianische ‚Prinzip Hoffnung' auf eine endgültig befriedete und geeinte Welt, auf "etwas, das allen in die Kindheit scheint, und worin noch niemand war: Heimat", so das berühmten Schlusswort Ernst Blochs im "Prinzip Hoffnung". Die Menschen werden endlich auch mit der Natur Frieden geschlossen haben, denn, so Paulus "auch die Schöpfung soll von Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes." (Röm 8,21) - Anhand aktueller Konflikte und Katastrophen sowie den vielfachen Initiativen des Aufbruchs in eine bessere Zukunft für das Leben auf unserem blauen Planeten kann die Predigt diese Impulse aufnehmen. An der Schnittstelle zwischen altem und neuem Kirchenjahr, zwischen Ewigkeit und Advent leistet sie damit einen Vorblick auf das weihnachtliche "Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen".

Zitat: Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Bd.3, Frankfurt 1967, S. 1628.
Dr. Wolfgang Herrmann, Geilnau
Denn das letzte Wort der Weltgeschichte gehört Gott und seiner Gerechtigkeit …
DrHerrmann
(© Wikimedia Commons/Conrad Nutschan)
zurück zur Übersicht (KJ 2011/12)

Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B           letzter Sonntag im Kirchenjahr /
Christkönigssonntag | 25.11.12


evang. Reihe IV:
Jes 65, 17-19 (20-22) 23-25
kath. 1. Lesung:
Dan 7, 2a.13b-14
kath. 2. Lesung:
Offb 1, 5b-8
kath. Evangelium:
Joh 18, 33b-37