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Predigtsituation - Kirchenjahreszeit

Am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, dem Volkstrauertag, erinnern die Gemeinden an die Toten der Weltkriege und beten für den Frieden. In diese Zeit fällt auch die Ökumenische Friedensdekade, die in den zehn Tagen vor dem Buß- und Bettag begangen wird, in Deutschland seit 1980. In besonderer Weise widmen sich diese zehn Tage dem gemeinsamen ökumenischen Zeugnis für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

Apokalyptik

Die Texte aus der Offenbarung, dem Buch Daniel und Markus 13 sind der apokalyptischen Literatur zuzuordnen, die (in der unterschiedlichen zeitlichen Verortung ihrer Entstehung) ein nahes Ende der als schrecklich erfahrenen Welt beschreibt. Apokalyptik ist Kritik bestehender Unrechts- und Gewaltverhältnisse. Deren Ende wird aus der Sicht der Unterdrückten nicht als Bedrohung, sondern als Trost und Verheißung der Gerechtigkeit Gottes erfahren.

Offenbarung 2, 8-11

Exegetische Überlegungen
Die Offenbarung des Johannes ist etwa 95 n.Chr. in Kleinasien entstanden. Die Auseinandersetzung mit dem Imperium Romanum durchzieht das Buch, insbesondere mit dem Kaiserkult Domitians, aber auch mit der ökonomischen Ausbeutung der kleinasiatischen Provinzen durch die Besatzungsmacht - vor allem in Kap.17-18.1) Am Anfang der Offenbarung stehen Sendschreiben des Sehers Johannes an sieben Gemeinden in der Provinz Asia, deren bedrängte Situation er kennt und aufnimmt.

Der Predigttext, der Brief an die Gemeinde in Smyrna, dem heutigen Izmir, benennt die reale Armut der Gemeinde, und ihre Verfolgungssituation, die hier aber nicht näher gekennzeichnet ist. Die Verursacher dieser Leiden werden als "Synagoge des Satans" bezeichnet, Menschen, die fälschlicherweise behaupten, Juden zu sein. Und der Teufel selbst! Vorsicht vor einer Identifizierung mit der tatsächlichen damaligen jüdischen Gemeinde in Smyrna. Wer hier ursprünglich gemeint ist, kann nur spekuliert werden.2) Die Gemeinde wird zur Furchtlosigkeit, zur Glaubenstreue und zum Ausharren ermutigt. Dabei verschweigt der Verfasser nicht, welche Leiden noch auf sie zukommen werden: Gefängnis, Gewalt, auch Tod.

Nachhaltigkeitsbezug
Den Nachhaltigkeitsbezug dieses Textes sehe ich vor allem in den Hinweisen auf die Bedrängnis und die Armut der Gemeinde. Über die Perikope hinaus gilt es zu fragen, woraus die Armut resultiert und worin die Bedrängnis bzw. Verfolgung besteht. Das Imperium Romanum wird in der Offenbarung als Gewaltherrschaft wahrgenommen, aus der Perspektive derer "an den Rändern". Aus dieser Perspektive ist das römische Reich eines, das Unterwerfung fordert und die Güter der Region hemmungslos ausbeutet. Während Rom und die, die mit ihm Geschäfte machen, im Überfluss leben, herrscht in der Provinz Hungersnot. Wenn Christsein konsequent gelebt wird, droht Verfolgung. Christsein bedeutet: Die Weigerung, sich am Kaiserkult zu beteiligen. Die Weigerung, Götzenopferfleisch zu konsumieren, und sich dadurch gesellschaftlich zu desintegrieren. Am Ende der Offenbarung erscheint mit der Vision vom neuen Jerusalem das Gegenbild zur Gewalt Roms: Eine Stadt des Friedens, in der alle Völker mit ihrem Reichtum und in ihrem Licht einen Platz haben, eine Stadt mit offenen Toren, in der Gott selbst wohnt. Eine Stadt, in der nicht Ausbeutung, sondern ökonomische Gerechtigkeit herrscht, in der genug für alle vorhanden ist. Von dieser Vision her sollte der Text Offenbarung 2, 8-11 gelesen werden.

Predigtgedanken
Erscheint die Johannes-Offenbarung bei uns oft eher als ein Buch, auf das sich dubiose Sekten beziehen, so hat sie in vielen Gemeinden der Südhalbkugel eine andere Bedeutung. Dort, wo Verfolgung erlebt wird und Ausbeutung kein Fremdwort ist, spielte und spielt die Offenbarung eine besondere Rolle für die christliche Hoffnung auf Befreiung und Erlösung, beispielsweise in Südafrika zur Zeit der Apartheid, in Lateinamerika oder auf den Philippinen.3) Dass Menschen ermordet werden, weil sie sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, ist leider auf den Philippinen bis heute an der Tagesordnung. So wurde am 3. Oktober 2006 Alberto Ramento, Bischof der Iglesia Filipina Independiente, ermordet. Er hatte sich für die Menschenrechte der Arbeiter und Bauern eingesetzt. Er ist einer von mehr als neunhundert ermordeten Menschenrechtsaktivisten auf den Philippinen, viele von ihnen Pfarrer und Kirchenleute.4)

In Argentinien wurden "verschwanden" während der Militärdiktatur ca. 30.000 Menschen, darunter viele Christinnen und Christen. Noch immer sind nicht alle Schicksale aufgeklärt. Auch im Irak und anderen Ländern des Nahen Ostens wird die Situation der christlichen Minderheiten zunehmend schwieriger, auch sie werden Opfer von Bedrängnis und Gewalt.

Gerade am Volkstrauertag möchte ich nicht nur der deutschen und europäischen Gefallenen der Weltkriege gedenken, sondern in ökumenischer Weite und Verbundenheit der Menschen, die in den heutigen Kriegen und Gewaltverhältnissen sterben. Die ökumenische Friedensdekade mit den jährlichen Materialien kann hier gut miteinbezogen werden.

Daniel 12, 1-3

Exegetische Überlegungen
Der Text findet sich am Ende des Daniel-Buches und beschreibt, wie sich mitten in größter Bedrängnis und Trübsal die Auferstehung der Toten und der Lebenden sowie das Endgericht ereignen werden. Denen, die gerecht geblieben sind, wird verheißen, dass sie leuchten werden wie der Glanz des Himmels und die Sterne. Hintergrund der Entstehung ist die Aufhebung des Jerusalemer Kultes durch König Antiochus 167 v. Chr. und sein Versuch der gewaltsamen Hellenisierung des Judentums. In dieser Situation der Bedrängnis will das Buch Daniel ermutigen und die jüdische Gemeinde in ihrem Glauben stärken.

Nachhaltigkeitsbezug
Auch in diesem Text wird deutlich, dass Gott parteilich auf der Seite der Verfolgten steht, auf der Seite derer, die an ihrem Glauben festhalten. Ähnlich wie in der Johannes-Offenbarung wird das Gegenbild einer friedvollen und gerechten Zukunft gezeichnet. Das Gericht wird nicht gefürchtet, sondern herbeigesehnt, da es die Veränderung der unerträglichen Verhältnisse bringt.

Markus 13, 24-32

Exegetische Überlegungen
Markus 13, ein apokalyptischer Text im Rahmen des Markus-Evangeliums, thematisiert die christliche Naherwartung. Das Kommen des Menschensohnes wird von ungewöhnlichen Naturphänomenen begleitet sein (Feigenbaum, Sonnenfinsternis etc.). Der Text unterstreicht, dass das Reich Gottes unerwartet und überraschend hereinbrechen wird: "Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater." Allein Gottes Wort wird darin Bestand haben.

Nachhaltigkeitsbezug
Immer wieder wurden apokalyptische Text politisch instrumentalisiert - ein gutes Geschäft, um Menschen Angst zu machen. So wurden apokalyptische Bilder vom amerikanischen Präsidenten Bush verwendet, um den Irak-Krieg zu rechtfertigen. Gerade dieser Bibeltext sperrt sich gegen jede Instrumentalisierung: Niemand außer Gott selbst kennt den Zeitpunkt des Endes, niemand sollte sich anmaßen, darüber zu spekulieren. Eine Herausforderung für Christinnen und Christen heute ist die unumstößliche Sicherheit, mit der es heißt: "Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen." Viele von uns setzen sich mit großem Engagement für Klimagerechtigkeit ein, dafür, dass wir Menschen die Welt nicht zerstören. Aber der Text ist keineswegs fatalistisch gemeint - so, als sei alles Engagement ohnehin umsonst und lohne nun nicht mehr. Auch hier gilt: Es ist Gott allein, der Herr über Anfang und Ende ist. Und unsere Aufgabe, dafür zu streiten, dass wir Menschen die Welt nicht vor der Zeit zerstören.

Predigtgedanken
Ich möchte die Zumutung der apokalyptischen Texte auch in unserem deutschen Kontext ernst nehmen. So sehr sie für Menschen, die unter Verfolgung leiden, Hoffnungstexte sind: Sind sie auch für uns Hoffnungstexte? Oder müssen wir das Gericht fürchten? Der Text ruft mich in das Hier und Jetzt, warnt davor, das Leben aufzuschieben. Er fordert mich zu Entscheidungen heraus: Wo stehst Du? Wem gilt Deine Solidarität? Was ist Deine Mission als Christin heute? Wer bedarf Deines Trostes und Deiner Unterstützung? Wo ist es nötig, anzuklagen und wachzurütteln?

Ich möchte der Gemeinde diese Fragen zumuten, weil die Texte sie uns zumuten. Ich nehme den Mut zur Zumutung aus Gottes Versprechen: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.
Heike Koch, Dortmund

1) Zur Offenbarung des Johannes: Jürgen Roloff, Die Offenbarung des Johannes, Zürich 2001(3); Elisabeth Schüssler-Fiorenza, Das Buch der Offenbarung. Vision einer gerechten Welt, Stuttgart 1994; Klaus Wengst: "Wie lange noch?" Schreien nach Recht und Gerechtigkeit - eine Deutung der Apokalypse des Johannes. Kohlhammer, Stuttgart 2010.
2) Vgl. Schüssler-Fiorenza, S. 161 ff.
3) Allan Boesak, Schreibe dem Engel Südafrikas. Trost und Protest in der Apokalypse des Johannes, Stuttgart 1988.
4) Hinweise z.B. bei Franz Segbers, "… bis ans Ende der Erde." (Apg 1, 8). Imperium, Globalisierung und die Wiederentdeckung der Katholizität der Kirchen, in: Marlene Crüsemann / Carsten Jochum-Bortfeld (Hg.), Christus und seine Geschwister, Gütersloh 2009, S.241-259.
Er fordert mich zu Entscheidungen heraus: Was ist Deine Mission als Christin heute …?
H. Koch
(© Bild 1-3: Heike Koch)




































H. Koch












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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B        vorletzter Sonntag im Kirchenjahr /
33. Sonntag im Jahreskreis | 18.11.12


evang. Reihe IV:
Offb 2, 8-11
kath. 1. Lesung:
Dan 12, 1-3
kath. 2. Lesung:
Hebr 10, 11-14.18
kath. Evangelium:
Mk 13, 24-32