Die Autorin geht auf die ev. Predigtperikope und die kath. 1. Lesung ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Klimagipfel, polit. Brandherde - Chancen werden "letztzeitlich" vertan; Kirche und christl. Einrichtungen stellen sich dem Trend entgegen
Spruch der Woche: Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe jetzt ist der Tag des Heils (2 Kor 6, 2b)

Der Monat November mit seinen letzten Sonntagen des Kirchenjahres bietet sich durch den Weg auf das Ende des Kirchenjahres dazu an, um über ‚den Ernst des Lebens' nachzudenken. Der Sonntage steht im Angesicht der Entscheidung von Tod und Leben.

In der allgemeinen Wahrnehmung wird der Monat eher unbeliebt sein mit seinen grauen und immer kürzer werdenden Tagen und der damit verbundenen Stimmung, die schon seit Allerheiligen und Allerseelen an das Ende gemahnt. Vielleicht wird unbewußt auch deshalb die Adventszeit immer weiter nach vorne gezogen. Es bietet sich damit die Möglichkeit auch dieses Gegenüber zu thematisieren.

Der Text, der in der evangelischen Predigtordnung als alttestamentliche Lesung und Predigttext vorgegeben ist, Hiob 14,1-6, scheint genau in die düstere Novemberstimmung zu passen, greift er doch die Hinfälligkeit des menschlichen Daseins auf. Sieht man ihn aber im Zusammenhang mit der alttestamentlichen Lesung aus dem katholischen Lesejahr, sowie mit dem Wochenspruch und den im Evangelischen Gottesdienstbuch vorgeschlagenen Gebeten, so wird deutlich, dass der Sonntag eigentlich prädestiniert ist für eine Predigt zum Thema Nachhhaltigkeit.

Jetztzeit - das klingt mir als Thema durch die Texte dieses Sonntags hindurch.

Jetztzeit der Gnade, d.h. am Ausgang des Kirchenjahres, wo die Zeichen auf Ende stehen, fällt ein klarer Blick auf das Jetzt. Jetztzeit ohne die Letztzeit aus dem Auge zu verlieren.

Wir sind jetzt dran, zu achten, dass nicht alles aus dem Ruder läuft. Wir sollten uns dabei klar sein, dass wir nicht nur vor uns selber stehen. Der Blick in den Spiegel auf mich selbst und mein Tun ist da, aber da ist auch noch der ganz andere Blick, von dem bei Hiob deutlich die Rede ist: Der Mensch vom Weibe geboren, sterblich, wie es eben seine Natur ist, ist wie ein Schatten, aber ein Schatten, der vor Gottes Augen liegt. So flüchtig das menschliche Wesen auch sein mag - sein Leben verläuft unter Gottes Augen. Der Mensch, der in der Jetztzeit lebt, hat sich vor der Letztzeit zu verantworten.

Aber: Im Angesicht von Tod und Leben kann es nur eine Entscheidung geben! Die Entscheidung für ein Leben JETZT im Angesicht des Gottes des Lebens.

Im Blick auf die Jetztzeit kann man sich nicht herausreden - "siehe doch, ich hab ja nichts" (Witwe von Sarepta). Das würde ja letztlich heißen: Siehe, mein kleines kurzes Leben, nur einige Sommer vor der Ewigkeit, nur eine kleine Weile angesichts des Ganzen, wer könnte da von mir verlangen, dass ich etwas Entscheidendes verändere. Und: So wie ich, sind ja auch die nach mir nur kurze Schatten vor der Ewigkeit...

Dann wäre die Forderung nach Nachhaltigkeit ein Popanz, eine überhebliche Forderung. Schließlich können wir mit unserem kurzen Dasein nicht für die Ewigkeit schaffen und errichten und leben. Nachhaltigkeit heißt aber, dass ich Verantwortung für die Jetztzeit übernehme im Angesicht der Ewigkeit - natürlich in dem Wissen, dass es nicht nur an mir liegt und dass ich ohne die Gnade Gottes nichts zu erreichen vermag. Aber: Jetzt ist eben auch die Zeit der Gnade, die mir zuteil wird, so dass jetzt der Tag des Heils sein kann. Alles, was zum Unheil führt, widerspricht dem. Die Vorschläge für das Tagesgebet aus dem Evangelischen Gottesdienstbuch greifen dies in verschiedenen Themen auf: Die zerstrittene Welt, die sich nach Frieden sehnt, die Sehnsucht nach der Erneuerung unserer Welt sowie die Sache der Armen und Schutzlosen und die Gerechtigkeit, die mit Füßen getreten wird.

Die hier angesprochenen Themen machen deutlich, wie die Zeit der Gnade JETZT nachhhaltig in Gebetsanliegen übersetzt werden kann.

Jetztzeit als Thema der beiden Haupttexte dieses Sonntags (Hiob 14, 1 Kön 17)

HIOB 14,1-6
Während die Grundschicht der Rahmenerzählung des Hiobbuches als eine weisheitliche Lehrerzählung zu bezeichnen ist (Kaiser), ist die in den Kapitel 12 - 14 geschilderte Antwort Hiobs auf den Einwand seines Freundes Zophar eine im parallelismus membrorum formulierte poetische Rede. Der vorliegende Abschnitt stellt dabei die Kulmination des dreimaligen Redewechsels Hiobs mit seinen drei Freunden dar. Die Aussage über die Kürze und das Elend des menschlichen Daseins betont die Hinfälligkeit und Sterblichkeit des Menschen im Sinne der ganz normalen menschlichen Fortpflanzung (‚von einer Frau geboren'). Charakteristisch für das menschliche Leben ist es, dass die Sterblichen nur eine bestimmte Spanne des Lebens haben, die festgelegt ist, dass ihr Leben durch Elend und Unruhe gekennzeichnet ist und dass sie wie die Blumen aufblühen aber auch schnell wieder vergehen. Das Ermutigende ist, dass es Hiob angesichts dieser Erkenntnis über sein Leben nicht bei einer resignierenden Klage belässt, sondern sich direkt an Gott wendet. Er macht Gott deutlich, dass er darum weiß, dass Gottes Auge auf ihm ruht und wendet sich an ihn mit der Aufforderung, Gott möge sein Auge, das Hiob sehen kann wie sonst niemand, doch abwenden von ihm, damit er wenigstens seine kleine Lebensspanne ohne dauernden Beunruhigung und mit Luft zum Atmen leben kann. "His cry is for God to give miserable mortals, including himself, some breathing space before their paltry few days on earth are ended" (Habel)

Nicht die Frage der Daseinsberechtigung als solcher stellt sich hier, sondern wie das Jetzt des Daseins zu verstehen ist angesichts seiner Kürze im Angesicht der Ewigkeit Gottes. Trotz der unbehaglichen Grundstimmung bleibt als Aussage bestehen: Hiob begreift sich, den exemplarischen Sterblichen, als Gegenüber zum Du Gottes. Auch wenn dieser als bedrohliches Gegenüber geschildert wird: Gott ist einer, dem gegenüber Klage möglich ist und der dieser Klage zuhört. Ja mehr noch, Gott lässt sich sogar von dieser Klage herausfordern. Unausgesprochen steht dahinter wohl die Erwartung, Gott möge sich als der Gott des Lebens erweisen. Umgekehrt wird damit aber auch deutlich, dass sich Hiob und mit ihm die sterblichen Menschen nicht einfach auf sich selbst geworfen erleben. Hinfällig ja, aber nicht fallen gelassen. Sterblich ja, aber nicht auf die Letztzeit beschränkt.

1 KÖN 17
Die Witwe von Sarepta ist eine der Erzählungen aus dem Elija-Zyklus. Sie stand im Zentrum einer der Bibelarbeiten zum Weltgebetstag 2010. Im Rahmen der Königsgeschichten, die wohl aus dem Nordreich Israel stammen werden, jedoch anders als vielfach vermutet erst in die spätere Zeit nach dem Untergang des Nordreichs zu rechnen sind, bildet die Geschichte der Witwe, die Elija gegenübergestellt wird, einen wichtigen Schwerpunkt, in dem gleich mehrere Themen verhandelt werden. Einmal geht es um die Anerkennung des Propheten Elija durch eine Ausländerin. Dann bietet die Geschichte eine Aussage über die Wirkmacht Jahwes angesichts des Untergangs Israels. Schließlich wird die Witwe geradezu selbst zur Prophetin, da sie diejenige ist, an der Elija wieder neu die Macht des Wortes Gottes erkennt. Geht er doch im Auftrag Gottes nach Sarepta zu der Witwe, die ihn - ihrerseits im Auftrag Gottes - versorgen wird. Außerordentlich dicht wird in dem Dialog geschildert, dass die Witwe nur noch ein letztes Stück Brot hat, das sie und ihren Sohn vom Tode trennt. Für sie scheint es nur noch um die letzten Dinge zu gehen. Durch die Anrede Elijas aber wird deutlich: Jetzt geht es darum, im Angesicht Gottes zu leben! An das ‚Fürchte dich nicht' schließt sich aus dem Mund des Propheten eine in Gottes Wort begründete Anweisung und unmittelbar eine heilvolle Verheißung an: Fürchte dich nicht. Geh und tu nach deinem Wort, doch mach mir zuerst ... ein kleines Gebäck und bring es mir heraus. Aber für dich und deinen Sohn bereite es hernach. Denn so spricht Jhwh, der Gott Israels: Der Mehltopf soll nicht leer werden und die Ölflasche soll nicht versiegen bis zu dem Tag, an dem Jhwh Regen geben wird auf die Erde.

Fürchte dich nicht, kann dies auch heute heißen, fürchte dich nicht, auch wenn es nur noch um die letzten Dinge zu gehen scheint: Jetzt ist die Zeit der Begegnung mit dem Gott des Lebens, der dir die Gelegenheit gibt, die Hände nicht in den Schoß zu legen, sondern immer wieder das zu tun, was lebensförderlich ist, in dem Bewusstsein, unter seiner Verheißung zu leben. Im Angesicht von Leben und Tod fällt auch hier die Entscheidung: Jetzt ist die Zeit der Gnade, heute ist der Tag des Heils.

Ausblick

Im Angesicht der Spannung von Jetztzeit und Letztzeit stellen die beiden alttestamentlichen Texte eine wesentliche Aussage in den Vordergrund: Das Dasein des Menschen hat aus sich selbst keinen Bestand. Es bedarf der immer neuen Verheißung Gottes. Ebenso klar ist aber auch: Das Dasein des Menschen steht unter der Überschrift: Du bist sterblich. Dein ganzes Wesen ist gekennzeichnet von deiner Hinfälligkeit. Es bietet sich an, an diesem Sonntag den Bezug zum Sonntagsevangelium der evangelischen Leseordnung herzustellen, Lukas 17, 20-21. Denn mit diesem Evangelium wird der Blick noch einmal entscheidend erweitert: Das Reich Gottes ist seit Jesus mitten unter uns, d.h. Gott selbst ist mitten unter uns. Hinfälligkeit bedeutet also das Gegenteil von Fallenlassen. Gott lässt den Menschen nicht fallen, und der Mensch soll sich selbst nicht einfach fallen lassen. Ja, der Mensch ist sterblich, sein Leben ist von kurzer Dauer, nur ein Hauch angesichts der Unendlichkeit Gottes, aber er ist Gott unendlich wichtig; ihm wird in seiner Kürze die ganze Fülle der Liebe Gottes zuteil. Mitten im Reich Gottes kann er leben und dabei einen Hauch der Unendlichkeit am eigenen Dasein erfahren.

Homiletische Anregungen

  • Die Zeichen stehen auf Letztzeit: Die Umweltprobleme, die unsere Erde bedrohen, werden immer offensichtlicher. Den Klimawandel wird niemand mehr abstreiten. Naturkatastrophen nehmen zu und selbst in Mitteleuropa ist eine signifikante Veränderung des Wetters zu beobachten, die sich auf die Ernte auswirkt. Aber trotzdem wird wohl bei keinem der sogenannten Klimagipfel eine entscheidende Wendung erzielt werden.
  • Die Zeichen stehen auf Letztzeit: Die politischen Brandherde im Nahen Osten, rund um das Mittelmeer und die Konflikte in Folge des Irak-Krieges und des Afghanistan-Einsatzes kommen nicht zur Ruhe. Der Friedensprozess in Israel ist zum Erliegen gekommen, die durch den Aufbruch in der arabischen Welt mögliche Chance wurde vertan, die höchst komplexen politischen und sozialen Verhältnisse in Afghanistan sind durch Lösungsmuster nach westlichen Vorstellungen nicht in den Griff zu bekommen.
  • Die Zeichen stehen auf Letztzeit: Wichtige ethische Fragen beherrschen die Diskussion: Eine sogenannte Bio-Ethik- Konvention erlaubt die Forschung zugunsten Dritter an wehrlosen Patienten. Das kann jeden von uns treffen. Die Frage nach der Zulässigkeit von PID steht immer wieder neu im Raum. Die Gentechnik hat sich als weiße und rote Gentechnik längst ihren Platz gesichert, inwieweit bei der grünen Gentechnik langfristig Einhalt geboten werden kann, muss fraglich bleiben.
Wie aber reagieren Christen in solchen Zeiten? Wie stellen wir uns zu den Problemen dieser Welt und welche Antworten können wir geben? Angesichts der Texte dieses Sonntags kann die Antwort nur lauten: Wir leben als Christen in der Jetztzeit! Unsere Entscheidung fällt für ein Leben JETZT im Angesicht des Gottes des Lebens.
  • Die Zeichen stehen auf Jetztzeit: Die Kirche kann nicht einstimmen in die Vorstellungen des Weltuntergangs. Das machen die Verlautbarungen der EKD-Synode und der Bischofskonferenz ebenso deutlich wie die Äußerungen einzelner evangelischer Landesbischöfe und katholischer Erzbischöfe: Die Kirche mischt sich nicht unter den Chor derer, die den Untergang voraussagen. Sie nimmt deutlich Stellung zu gesellschaftlichen Fragen, zur Frage nach wissenschaftlicher Forschung in der Bioethik und zu den politischen Krisenherden in der Welt.
  • Die Zeichen stehen auf Jetztzeit: Die Kirche macht deutlich, woran wir gewiesen sind in der Nachfolge des Evangeliums. Sie bewahrt ihre prophetische Existenz und ruft zur Umkehr auf. Ist sie nur eine weitere Stimme unter den vielen, die sich zu Gesellschaft und Politik äußern? Nein, die Kirche hat eine besondere Berechtigung und Beauftragung. Es ist die Botschaft vom Reich Gottes! Wir Christen stellen in der Spannung von Jetztzeit und Letztzeit die Frage nach dem Reich Gottes.
  • Die Zeichen stehen auf Jetztzeit: Die Frage nach dem Reich Gottes weckt die Sehnsucht nach einem Leben in Rücksicht und Frieden, nach einem Leben in einer erneuerten Welt, nach einem Leben im Geist Gottes. Menschen, die danach fragen, erwarten etwas von Gott für ihre Welt. Sie geben die Hoffnung nicht auf angesichts ihrer Hinfälligkeit und überlegen: Wo können wir in dieser Zeit den Gott finden, der Interesse hat an unserer Welt und der sie verändern will? Welche Welt hält er für uns bereit? Woran erkennen wir die Spuren seines Reiches? Wo können wir selbst Verantwortung übernehmen?


TEXTBEIGABE:
Worauf warten wir. Jahr um Jahr. Tag für Tag. Heute. Jetzt.
Oder warten wir auf nichts.
Kennen wir den, der kommen wird
oder den, der wiederkommt
oder den, der immer da war.
Oder wartet er auf uns?
Arnim Juhre (EG bei Lied 153)
Dr. Ulrike Schorn

Literatur:
Ulrike Bechmann, Die Witwe von Sarepta. Gottes Botin für Elija. Stuttgart 2010
Evangelisches Gottesdienstbuch. Agende für die EKU und für die VELKD, Berlin 2000
Göttinger Predigt-Meditationen, 3.Heft 2006, OP IV 14. Sonntag nach Trinitatis bis Letzter Sonntag des Kirchenjahres, Göttingen 2006
Habel, Norman C., The Book of Job, London 1985 (Old Testament Library), Zitat S. 241
Kaiser, Otto, Einleitung in das Alte Testament, 5. überarb. Aufl., Gütersloh 1984
Verantwortung für die Jetztzeit übernehmen …
DrSchorn
(© Raja Patnaik)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B      drittletzter Sonntag im Kirchenjahr /
32. Sonntag im Jahreskreis | 11.11.12


evang. Reihe IV:
Hiob 14, 1-6 1
kath. 1. Lesung:
Kön 17, 10-16
kath. 2. Lesung:
Hebr 9, 24-28
kath. Evangelium:
Mk 12, 38-44