Der Autor geht ausführlich auf den ev. Predigttext, aber auch auf die kath. Texte ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: überbordende (Auto-)Mobilität und Fleischkonsum, Konsummuster von "Gutmenschen" (Röm 7); Milch und Honig fließen für die, die achtsam sind; Doppelgebot der Liebe als auch interreligiöser Nachhaltigkeitsansatz
Röm 7, 14-25a

Die Abgrenzung des Textes ist unmöglich. Man versteht v25a nur durch 8,1-4, wie überhaupt Röm 7 und 8 nur als Einheit verstanden werden können. Ich schlage vor, mit einer genauen Lesung von Röm 3-8 die Predigtvorbereitung zu beginnen. Und zwar nicht mit dem gewohnten Luthertext oder der Einheitsübersetzung, sondern mit der Übersetzung von Claudia Janssen in der "Bibel in gerechter Sprache (BigS)". Die Verfremdungen wie Tora für nomos, Geistkraft statt Geist, Messias statt Christus u.a. machen gerade Röm 7 ganz neu plastisch.

Exegetische Hinweise
"Den roten Faden durch den Brief bildet die Darstellung der Gerechtigkeit Gottes als Ermöglichung von Leben (Kap. 1-5). ...Maßstab für das Leben ist die Tora, sie ist ‚heilig, gerecht und gut' (7,12; vgl. 3,31; 13,10)." Die zerstörerischen Kräfte der Sünde (und des Todes) machen es dem Menschen jedoch unmöglich, den Weisungen der Tora zu folgen - so sehr sie auch darum ringen (Kap. 7). Konkret ist es die den Alltag bestimmende "Erfahrung des Imperium Romanum, unter dessen Herrschaft Leben nach der Tora unmöglich geworden ist." Dem Paulus (und uns) eröffnet aber die durch Jesus vermittelte Geistkraft Gottes "neue Lebensmöglichkeiten nach der Tora" (Kap. 6; 8 und 12-15). (C. Janssen, in BigS, S. 2080f.)

Röm 7,14-24 ist ein Ausschnitt, der in besonderer Weise den Versklavungs-Mechanismus der Sündenmacht darstellt. Die Sünde benutzt die gute Tora, um ein Handeln gemäß der Tora zu verhindern. Dass die Tora nicht das Böse, das wir tun, sondern das Gute, das Leben, will, wird mehrfach herausgestrichen (14a. 16b. 21. 22). Ebenso der Gegenrefrain, dass die Sündenmacht es ist, die das Tun der Tora verhindert (14b "verkauft unter die Gewalt der Sündenmacht". 17. 20b. 23). Dabei spielt Paulus in v23 und in 8,2 mit dem Begriff nomos (Gesetz), der im Griechischen nicht nur Übersetzung von Tora sein kann, sondern auch als Gesetz im Sinn von "Gesetzmäßigkeit" aufgefasst werden kann, was wir im Deutschen nicht nachahmen können.

Der Abschnitt endet in einem verzweifelten Frage/ Klage-Schrei v24 "wer rettet mich?" und dem Dank für die Rettung v25, denn "die Tora der lebenschaffenden Geistkraft hat dich im Messias Jesus vom Gesetz der Sündenmacht und des Todes befreit" (8,2)

Befreit auch zur Nachhaltigkeit! Befreit auch die gesamte Schöpfung (8,21)!

Predigtgedanken
Von da aus kann sich für die christlichen Kirchen trotz aller Rückschläge der Mut und die Kraft ergeben, auch nachhaltige Lebensweisen und Politikstile sowie alle konkreten Maßnahmen der Nachhaltigkeit immer wieder neu in Angriff zu nehmen.

Röm 7 kann in diesem Zusammenhang als Thematisierung der Vergeblichkeits-erfahrungen verstanden werden, die sich bei den Nachhaltigkeitsthemen wieder und wieder einstellen. Da haben wir die tollen Beschlüsse von Kyoto, von Rio und viele andere - aber was tut sich in der Wirklichkeit? Viel zu wenig, um die Gefahr der Klimakatastrophe zu bannen. Da wissen wir alle, dass unser total überzogener Energieverbrauch, unsere total überrissene (Auto)mobilität, unser total aus dem Ruder gelaufener Fleischverbrauch schleunigst gestoppt werden müssen - aber selbst wir "Gutmenschen" bleiben doch immer wieder in den vertrauten Konsummustern hängen. Mit schlechtem Gewissen, aber was hilft das der bedrohten Schöpfung und all ihren Geschöpfen?

Ich halte eine solche "Nachhaltigkeitsauslegung" des Röm 7-Textes für möglich, möchte aber darauf hinweisen, dass sie auf den Widerstand der klassischen protestantischen Römerbriefausleger des 20. Jahrhunderts stößt. Da ist man gegen jede "Ethisierung" oder "Psychologisierung" von Röm 7 (Bultmann, Käsemann, Wilkens u.a.). Und in der Tat muss man ja fragen, ob die Diskrepanz zwischen Wollen und Vollbringen, die wir fraglos immer wieder erleben, nicht kleinkariert ist gegenüber der Totalperspektive von Tod und Leben in Röm 6-8. Aber: Geht es in der Nachhaltigkeitsbemühung nicht auch um Leben und Tod?

Trotz solcher Fragen können wir als Christen das Engagement für Nachhaltigkeit nicht vermindern. Wir können vielleicht etwas realistischer werden und drohende Katastrophen nicht hochjubeln. Ethik, auch die der Nachhaltigkeit, entsteht nicht aus der Drohung mit Katastrophen, sondern aus dem Mut, der in Röm 8 bezeugt ist, aus dem Geist Gottes. Das zeigen auch die Worte des Paulus in Röm 12-15.

Dtn 6, 2-6 und Mk 12, 28b-34

Die Dtn-Verse gehören zum Kerngebot des Judentums, das zugleich sein Bekenntnis zu Gott ist. Dieses Sch'ma Jisrael wird täglich im Morgen- und Abendgebet gesprochen. Die Verheißung des Landes - das von Milch und Honig überfließt, also nachhaltig ist - gehört denen, die "achtsam" sind (v3) - d. h. die Tora halten.

In Mk 12 bestätigt Jesus das Kerngebot des Judentums und fügt ihm das ebenfalls in der jüdischen Tradition schon vorgegebene Gebot der Nächstenliebe hinzu. So entsteht das Doppelgebot der Liebe. Wenn etwas nachhaltig ist, dann dieses Gebot.

Wichtig ist, dass diese beiden Texte in jüngster Zeit eine prominente Rolle in der Dimension der interreligiösen "Nachhaltigkeit" spielen: Der "Brief der 138 muslimischen Gelehrten" von 2007 hebt ausdrücklich darauf ab, dass das Sch'ma und das Doppelgebot der Liebe sich nicht nur in AT und NT sondern auch im Koran finden. Dieses Gesprächsangebot ist in unseren Gemeinden noch kaum bekannt.

Hebr 7, 23-28

Dies ist ein pointiert christologischer Text, der nicht auf die ethischen Konsequenzen abhebt.
Dr. Gerhard Liedke, Heidelberg

Literatur:
Bibel in gerechter Sprache (BigS)", 2006, Römerbrief S. 2081 ff.
ACK in Baden-Württemberg, Impulse zum Gespräch 1, Arbeitshilfe zum Brief der 138 muslimischen Gelehrten "Ein Wort, das uns und euch gemeinsam ist", 2011 (darin der Text des Briefes S. 9 ff. auf Deutsch), erhältlich bei ACK-Stuttgart Tel. 0711/243114.
Beschlüsse von Kyoto, von Rio und viele andere - aber was tut sich in der Wirklichkeit …
DrLiedke
(© MEV)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 22. Sonntag nach Trinitatis /
31. Sonntag im Jahreskreis | 4.11.12


evang. Reihe IV:
Röm 7, 14-25a
kath. 1. Lesung:
Dtn 6, 2-6
kath. 2. Lesung:
Hebr 7, 23-28
kath. Evangelium:
Mk 12, 28b-34