Der Autor betrachtet die genannten Tagesperikopen in einem Kontext der Freiheit, den er unter dem Gesichtpunkt der Nachhaltigkeit - auch - kritisch auf die Idee der Reformation und ihre Umsetzung projiziert (Freiheitsrecht, soziale Teilhabe, Umgang mit Ressourcen).
Welche Freiheit?

Das Freiheitspathos von Gal. 5, 1 ff. hat in der abendländischen Geschichte eine besonders weitreichende Wirkung entfaltet. In der Kirche, aber auch in der Politik und in der Kultur hat dieses Freiheitsversprechen, das der Apostel in Christus begründet sieht, dazu beigetragen, sehr unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit anzuregen und zu entwerfen. In der modernen und aufgeklärten Gesellschaft gilt Freiheit als das Zauberwort schlechthin. Am Reformationstag erinnert sich die evangelische Kirche an das Verständnis, das Martin Luther diesen Versen aus dem Galaterbrief gegeben hat. In einer seiner berühmten Schriften aus dem Jahr 1520, als er bereits vom Papst mit der Bannbulle belegt worden war, mit dem Titel "Von der Freiheit eines Christenmenschen" hält er in zwei sich widersprechenden Sätzen die Vorstellung christlicher Freiheit fest: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." Um diesen Widerspruch zwischen Freiheit und Dienstbarkeit verstehbar zu machen, führt Luther aus, dass der Mensch in eine geistliche und eine leibliche Natur geteilt ist, die sich in einem ständigen Kampf miteinander befinden. Der Geist sucht den Leib zu beherrschen und der Leib mit seinen Begierden untergräbt die Anstrengungen des Geistes. Christus hat diesen Kampf zugunsten des Geistes entschieden und den Menschen dazu befreit, sein Heil nicht mehr in frommen oder guten Werken suchen zu müssen. Alle von Menschen selbst formulierten Heilsansprüche - seien sie ideologischer, moralischer oder idealistischer Art - sind damit in ihre Schranken gewiesen. Freiheit ist Freiheit von solchen Heilsansprüchen. Luther nennt diese Befreiung von den eigenen Heilsansprüchen "Rechtfertigung des Menschen allein aus Glauben". Gottes Barmherzigkeit und Güte vertrauen die Menschen mehr als ihrem eigenen Tun und Denken. Gerechtigkeit gibt es allein aus Gnade; alle menschliche Gerechtigkeit, die als Übereinstimmung mit einem Gesetz verstanden wird, ist höchst unvollkommen und defizitär. Aber eine so verstandene "Freiheit von" bedeutet nicht, dass der Mensch nun tun und lassen kann, was er will. Er ist in seiner Freiheit stets gebunden an Gott und den Mitmenschen. Am Ende seiner Schrift schreibt Luther: "Aus dem allen folgt der Schluss, dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und in seinem Nächsten: in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben aufwärts zu Gott, von Gott fährt er wieder abwärts durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und der göttlichen Liebe." Freiheit gibt es nur in verantwortlicher und anspruchsvoller Bindung. Freiheit ohne solche Verantwortung wäre Willkür. Das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit erweist sich im barmherzigen Umgang untereinander. Individuelle Freiheitsrechte, wie sie in der Charta der Menschenrechte gegen alle totalitären Ideologien und Institutionen als unaufhebbar festgehalten sind, verlangen nach einer Gesellschaftsform, in welcher die Grundbedürfnisse befriedigt und die soziale Teilhabe aller Mitglieder so weit wie möglich garantiert wird. Heute gehört zur verantwortlichen Freiheit ein ökologisches Bewusstsein, dass den Weg der willkürlichen Ausplünderung der Schöpfung hinter sich lässt und nach der Schonung ihrer Ressourcen, nach der Minderung ihrer Belastung und nach ihr angepassten Formen der Energiegewinnung fragt. Die Freiheit des Menschen, die Natur nach bestimmten selbst gesetzten Zielen und Interessen zu nutzen, findet ihre Grenze im Recht der Natur, auch für künftige Generationen erhalten zu werden und einen eigenen Wert zu besitzen. Wenn die Meere im Jahre 2050 leer gefischt sein werden oder der Klimawandel zu verheerenden Auswirkungen im Blick auf Trockenheiten und Überschwemmungen führt, dann hat sich die menschliche Freiheit als unverantwortlich erwiesen. Wirtschaftliches Wachstum und freie Marktwirtschaft haben dann die Bindungen aus dem Blick verloren, innerhalb derer sie nur als frei gelten können. Wachstum wird zum Zwang und der Markt zum Despoten. Die Grenzen des Wachstums und die Regeln des Marktes setzen dagegen auf eine anspruchsvolle Freiheit, die nicht notwendigerweise mit Gewalt, Willkür und Herrschaft verbunden ist. Wenn Freiheit stets mit der Möglichkeit verbunden ist, aus unterschiedlichen Alternativen wählen zu können, dann stellt sich immer die Frage, worin die Gründe für die jeweilige Wahl bestehen. Bloße formale Wahlfreiheit kann auch Beliebigkeit und Gleichgültigkeit bedeuten. Weil es angesichts der Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima nicht egal ist, ob der Ausstieg aus der Kernenergie vernünftig ist oder nicht, deshalb wird politisch und ökologisch so vehement um eine Antwort gerungen. Freiheit, welche die Verantwortung für solche Entscheidungen übernimmt, lässt sich nur demokratisch legitimieren. Dass in China, einem der Erdbeben gefährdetsten Gebiete der Erde, die meisten Kernkraftwerke ohne nennenswerten Protest geplant und gebaut werden, hängt mit dem totalitären System zusammen, das die Freiheit des Einzelnen massiv einschränkt und ihm die damit verbundene Verantwortung vorenthält.

Christliche Freiheit weiß sich gebunden: an Gottes Güte, an die Zuwendung zum Nächsten und in der Verantwortung für die Schöpfung. Deshalb stellt die Freiheit auch keinen Gegensatz zum Gesetz Gottes dar, wie Paulus im Zuge antijudaistischer Interpretationen oft verstanden worden ist. Nicht das Gesetz ist das Problem. Es ist und bleibt die Weisung Gottes zum Leben. Wo der Mensch allerdings glaubt, seine unvollkommene Befolgung des Gesetzes mit dessen heilsamer Funktion zu verwechseln, da fällt er aus Gottes Gnade, auf die er angesichts seiner eigenen Schwächen und Fehler angewiesen ist. Auch an der Beschneidung ist das Heil nicht festzumachen. Frei ist der Mensch dort, wo er seine eigenen Taten und Werke, seinen Glauben und seine Ideen nicht rechthaberisch oder so gar fundamentalistisch als Wege zu seinem Heil und dem aller anderen verteidigen muss. Die Fähigkeit, eigene Fehler einzusehen und einzugestehen, gehört zur Freiheit des Menschen. In der Bindung an Gott und den Nächsten übernimmt der Christ Verantwortung, die auch die Erkenntnis von Schuld einschließt. Denn Schuld gibt es nur dort, wo Verantwortung nicht wahrgenommen und verfehlt wird. Von Schuld befreit oder freigesprochen sind nur diejenigen, denen vergeben worden ist. Im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit im gekreuzigten und auferstandenen Christus erkennen Christen einerseits ihre Schuld und andererseits dieses große Verzeihen Gottes. Ihre Freiheit ist begründet in einem Freispruch, der sie auf Gerechtigkeit hoffen lässt. In diesem Sinne sucht die Freiheit stets die Gerechtigkeit: für den Nächsten, für die Schöpfung und für sich selbst. Der Reformationstag als Fest der evangelischen Freiheit kann heute nur überzeugend gefeiert werden, wenn sich die befreite Kirche ihrer sozialen und ökologischen Verantwortung stellt.

In den beiden katholischen Lesungen zum Reformationstag wird die so verstandene christliche Freiheit auf die Probe gestellt. In Epheser 6,1-9 soll sie sich im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern und zwischen Sklaven und Herren bewähren. Was auf den ersten Blick als konventionell erscheint, der geforderte Gehorsam in den sozialen Beziehungen, verändert sich beim zweiten Blick. In einer patriarchalischen Gesellschaft sollen die Väter die Kinder nicht zum Zorn reizen, d.h. sie nicht autoritär und selbstgerecht, sondern in Liebe und mit Verständnis erziehen und die Herren sollen den Sklaven mit Respekt begegnen und ihr Wohlergehen fördern, weil auch sie dem Herrn im Himmel unterworfen sind. Irdische Herrschaftsverhältnisse werden relativiert und begrenzt. Die Sklavenhaltergesellschaft wird zwar nicht in Frage gestellt, aber ein neuer Geist der Freiheit vor Gott wird erkennbar, der im Laufe einer langen Geschichte von Freiheitskämpfen der Würde und dem Recht der Einzelnen zum Durchbruch verhelfen wird.

Die zweite Lesung in Lukas 13,22-30 betont die Bindung der Freiheit an die Vorstellung endzeitlicher Gerechtigkeit. Die Menschen können auch den Zeitpunkt verpassen, an dem sich die verantwortliche Freiheit zu bewähren hat. Die Stunde der Umkehr auf den Wegen der Naturbeherrschung und der Schöpfungsverwüstung ist nicht beliebig vorhanden. Sie kann auch verschlafen werden. Dann schließt sich die enge Tür, die zu Gottes Reich führt. Das Bild von der endzeitlichen Tischgemeinschaft der Völker, ein Bild für weltweiten Frieden und globale Gerechtigkeit, fordert im Hier und Jetzt Entscheidungen. Die ökologische Krise markiert den engen Zeitraum, in dem wirksame Entscheidungen für die Erhaltung der zerbrechlichen Umweltgleichgewichte getroffen werden müssen. Die christliche Freiheit weiß, dass es für bestimmtes Handeln auch zu spät sein kann. Die Optionen sind zeitlich nicht beliebig erweiterbar. Freiheit kann durch Verantwortungslosigkeit verspielt werden. Was dann bleibt, ist "Heulen und Zähneklappern". Die reformatorische Erkenntnis von der Freiheit eines Christenmenschen erweist sich heute darin, dass sie einer ökologischen Gerechtigkeit dient und den Zwängen von Beherrschung und Unterwerfung der Natur widersteht. Die befreiten Geschöpfe leiden und seufzen mit aller Kreatur und sehnen sich nach einer Kultur, die im Spiel mit der Natur ihre eigene Kreativität entfaltet. Kirche ist nur dann "Kirche der Freiheit" (so der Titel des Positionspapiers der EKD für das Jahr 2030), wenn sie ihre eigene "babylonische Gefangenschaft" in einer Zivilisation rücksichtsloser Naturbeherrschung erkennt und sich von Gott als dem Schöpfer aller Geschöpfe befreien lässt. Freiheit verwirklicht sich in der Umkehr von alten ausgetretenen und aussichtslosen Wegen. In der ständigen selbstkritischen Erneuerung der Kirche (ecclesia semper reformanda) ist der Geist der christlichen Freiheit lebendig.
Werner Schneider-Quindeau, Frankfurt am Main
… wenn sich die befreite Kirche ihrer sozialen und ökologischen Verantwortung stellt.
Schneider-Quindeau
(© MEV)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 Reformationstag | 31.10.12

evang. Reihe IV:
Gal 5, 1-6
kath. 1. Lesung:
Eph 6, 1-9
kath. 2. Lesung:
-
kath. Evangelium:
Lk 13, 22-30