Der Autor betrachtet schwerpunktmäßig die Jeremia-Perikopen. Dort streicht er die Bezüge zu den biblischen Schöpfungsberichten heraus, die in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (nicht nur) Israels Gültigkeit haben. Nachhaltige Stichworte: Bebauen und bewahren, Gebet in der und für die Schöpfung, Bäume Pflanzen, Kraft des Lobpreises, Rückführung der Schwächsten in die Gemeinschaft, mit der Schöpfung leiden, der Schöpfer öffnet Augen für die Schöpfung.
Stellung im Kirchenjahr

Der 21. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest fällt in diesem Jahr auch auf den Tag der Apostel Simon und Judas (liturgische Farbe rot). Reformationsfest und Allerheiligen kündigen sich an.

Jeremia 29,1.4-7.10-14

Bislang konnten sich im Jeremiabuch die wenigen Heilsansagen (3,14-18; 12,15f; 16,5) nicht gegen das (drohende) Unheil durchsetzen. Im literarisch eingebundenen Brief Jeremias an die Weggeführten in Kapitel 29 tritt eine deutliche Wende zur Ansage des Friedens ein, gefolgt von der Trostrolle (30-31) und den darauf folgenden Heilskapiteln.

Der Brief Jeremias (Kapitel 29) weist Gott mehrfach als Sprecher aus, was die prophetische Autorität erhöht und die Wende zum Heil unterstreicht. Gott redet in 29, 4-7: Aufforderung zum Leben in Babel, in 29, 10-14: Ankündigung neuer Gemeinschaft und der Rückführung und in 29, 16-20: Aufforderung zum aufmerksamen Hören. Im Briefeingang (29,1-3) werden die 597 v. Chr. nach Babel Exilierten als Empfänger genannt.

Jeremia 29 erinnert an die biblischen Schöpfungsberichte in der Urgeschichte:
Die Aufforderung in V. 5, Häuser zu bauen, Gärten zu pflanzen und von deren Früchte zu essen, erinnert an den Auftrag in Gen 2,15, die Erde zu bebauen und zu bewahren, wie auch Gott selbst den Garten Eden pflanzte (Gen 2,8), und von den Früchten im Garten zu essen (Gen 3,2ff). Der Auftrag zum Neuanfang der Exilanten im Zweistromland führt so zurück zu den allen gemeinsamen Wurzeln im Zweistromland-Paradies. So entspricht die Aufforderung in V.6, sich Frauen zu nehmen, der Mehrungsaufforderung im priesterschriftlichen Schöpfungsbericht (Gen 1,28) und der Ur-Zugehörigkeit von Mann und Frau in der Adam-Eva-Erzählung.

Die Erfahrung des Falls und aller negativen Folgen sollen überwunden werden. Häuserbau ist nach Dtn 20,5 ein Ausschlussgrund zum Kriegsdienst. Friedenszeiten brechen an. Deshalb wird hier Babel als Aggressor auch verschwiegen. Gott macht sich selbst zum neuen Subjekt der Geschichte: Er hat Israel zurück ins Zweistromland geführt, um seinen Leuten dort die Möglichkeit zu einem Neuanfang zu geben, zum Leben im Einklang mit der Schöpfung und zum Frieden unter den Menschen.

Während Dtn 23,7 noch verbot, den Frieden mit Ammon und Moab zu suchen, fordert nun Gott Israel dazu auf, nach dem von ihm gesetzten Neuanfang am Ort des Urbeginns nun auch in Babel den Frieden zu suchen (V.7). Dabei ist der "Friede der Stadt" (der Stadt Bestes) eine einmalige Formulierung und bezieht sich ausdrücklich nicht auf die Tempelstadt Jerusalem. Ist das eine Vortypologie auf das überregionale neue Jerusalem (Offenbarung 21) quasi als eine Art Reich Gottes wider die bislang anders erfahrene Wirklichkeit? Das Beten für Feinde zumindest ist die dichteste vorstellbare Versöhnungsaufforderung (vgl. Mt 5,44!) mit einem dreifachen Schalom (Frieden) in der Begründung: Sucht den Frieden, ... denn in ihrem Frieden wird euer Friede sein.

Neben diese präsentische Eschatologie (Jer 29,4-7) stellt Jeremia in der zweiten Gottesrede eine futurische (V.10-14): Nach 70 Jahren (entsprechend der drei Generationen aus V.6) wird Gott als handelndes Subjekt das Exil beenden. Denn Gott selbst denkt in den Kategorien von Frieden, Zukunft und Hoffnung (V. 10f), in der ein Neues Zusammenleben mit Gott möglich ist (12-14): direkte Kommunikation und unmittelbare Begegnung (Vgl. Dtn 4,29 und Mt 7,7!)

V. 14 thematisiert die Umkehr des unabänderlich geglaubten Schicksals: Die Rückkehr aus allen Orten an den Ausgangsort - äußerlich Jerusalem - innerlich zurück ins Paradies

Nachhaltiges:
Jeremia 29 zeigt auf, wie der Schöpfungsauftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren um friedlich und segensreich auf Ihr zu leben trotz Fall und Zusammenbruch neue Geltung bekommt. Die Gefangenschaft der Schöpfung und der Kinder Gottes (Vgl. Röm 8) findet ihr Ende nicht erst als futurisch-eschatologische Hoffnung, sondern schon als Anbruch des Reiches Gottes und des neuen Jerusalems inmitten der gefallenen Welt. Jeremia fordert dazu auf, dazu aktiv dazu beizutragen.

Die Befreiung der Schöpfung könnte mit vielfältigen Beispielen illustriert werden: Pflanzen von Gärten und Bäumen in der Gemeinde, Vernetzung von Lebensräumen, Rückführung des Treibhausgasausstoßes, Gebet in der Schöpfung und für die von uns erfahrene Welt.

Jeremia 31,7-9

Jeremia 31 formuliert den Jubel über die in Kapitel 29 angekündigte Rückführung aus dem Exil. Die in sich literarisch einheitliche Trostrolle (Kapitel 30-31) ist in ihren Themen und Bezügen ganz auf das übrige Jeremiabuch bezogen. Alles läuft auf die Trostrolle hinaus, das "Lebenszentrum" (Fischer 120) und Herzstück Jeremias, das "Tod, Leid und Unheil" umzukehren vermag. Die im Text fehlende konkrete historische Anbindung und die durchgehende Gottesrede lassen diese im oder am Ende des Exils ausgesprochenen Worte überzeitlich erscheinen.

In V. 7 setzt die fünfte aufeinanderfolgende Gottesrede der Trostrolle ein. Mit fünf Imperativen fordert Gott zum Lobpreis auf: Jubelt - jauchzt - verkündet - lobsinget - erzählt von eurer Rettung!.

V. 8 zeigt den besonderen Charakter der Errettung und Heimführung des Volkes aus dem Exil: Blinde, Lahme, Schwangere und Wöchnerinnen sind aus eigener Kraft nicht zur Rückkehr in der Lage. Aber besonders die Schwächsten liegen Gott besonders am Herzen. Sie werden von ihm persönlich zurück in die Gemeinschaft geführt. Er verwandelt Tränen zu Freudentränen, lässt Wasserbäche in der Wüste quellen und ebnet den krummen Weg, der Israels ins Exil geführt hatte (V.10). Am Ende steht das Geschenk eines neuen, vertieften Gottesverhältnisses zwischen Vater und Kind.

Nachhaltiges:
Die Kraft des Lobpreises der Schöpfung in den Psalmen oder bei Franz von Assisi im Sonnengesang nimmt die Schwächsten in der Gesellschaft und der einen Welt mit auf den Weg zurück in die Gemeinschaft und zurück in ein inniges Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf.

Einsatz für die Schöpfung darf nicht zum Luxusgut für wenige verkommen, sondern muss alle mitnehmen und die ganze Welt im Blick haben. Bäche in der Wüste - das sind der Paradies- oder Tempelstrom (Hesekiel 47; 0ff 22). Ich denke an die französische Legende über einen in wüster Gegend einsam lebenden Mann, der Samen sammelt und über Jahrzehnte in den Boden steckt, bis wieder Bäche in einer daurch intakten Umwelt emporquellen und sich wieder Menschen ansiedeln. Es gibt aus China und anderen Ländern entsprechend echte Erfahrungsberichte.

Hebräer 5,1-6

Der Hohepriester ist im Hebräerbrief eine Schlüsselfigur, mit der uns der unbekannte Verfasser, der in dieser Tradition mit Paulus, Markus oder dem Johannesevangelium übereinstimmt, bekannt macht. Es geht im Zentrum um die im Kreuzestod und in der Auferstehung des Sohnes Gottes vollzogene Sühne. In 4,14-5,10 wird Jesus als Hohepriester eingeführt. "5, 1-4 benennt die beiden grundsätzliche Sachverhalte, die das hohepriesterliche Amt charakterisieren, nämlich die Mitleidsfähigkeit und Berufung durch Gott; 5,5-10 endlich wendet die genannten Kriterien in umgekehrter Reihenfolge (sachlicher Chiasmus!) auf den Dienst Jesu an (Strobel 51). Ps 2,7 und Ps 110,4 unterstreichen die Wesenseinheit des besonderen Hohenpriesters Jesus als Sohn Gottes mit seinem himmlischen Vater.

Im Blick ist hier die Aufgabe des Hohenpriesters am großen Versöhnunstag, Jom Kippur (Kap 9; Lev 16f), die versehentlich begangenen Sünden des Volkes zu vergeben und sühnen.

Jesus hat analog dazu den von Leid und Schuld geplagten Menschen angenommen, um ihn durch den Tod hindurch zurück ins Leben zu führen. So hatte der Hohepriester das Blut des Opfertieres, in das in einem Akt inkludierender Stellvertretung das Leben des Volkes übertragen worden war, im Allerheiligsten mit Gott in Verbindung gebracht.

Nachhaltiges:
Gottes Sohn leidet mit den Menschen. Gottes Sohn leidet mit der Schöpfung und identifiziert sich im Leben wie im Leiden mit uns, um uns zurück ins Leben zu führen. So sind nun auch wir dazu befreit, Mensch und Schöpfung im Namen Jesu zurück ins Leben zu führen.

Markus 10,46-52

Die Blindenheilung des Bartimäus ist nicht nur eine medizinische Wunderheilung, sondern beschreibt gleichzeitig auch das Wunder, das ein Mensch in Bezug auf Jesus "sehend" wird und in dessen Nachfolge tritt.

Der Blinde hält sich an kein Stillschweigeabkommen, er ist töricht, wenn er seinen Mantel von sich wirft, ehe er sehen kann. Wie sollte er ihn je wieder finden? Seine Hoffnung muss also unvernünftig groß sein. Jesus wirft nicht mit Wundern um sich. Er fragt den Blinden, was er denn will und bezieht diesen mit in den Heilungsprozess mit ein. Bislang saß der Blinde am Weg - nun begibt er sich in der Nachfolge auf den Weg.

Nachhaltiges:
Wer im Bezug auf Klimakrise, Verlust der Artenvielfalt und Bedrohung durch atomare Versuchung als Zuschauer bewegungslos verharrt, ist wahrhaftig blind. Wer dagegen von der Nähe Jesu inspiriert Hoffnung schöpft, dem kann ein unvernünftig großer Wurf für die Schöpfung auch gelingen. Mit dem Schöpfer als Gegenüber kommt Bewegung in die festgefahrenen und erstarrten Prozesse, die für das Leben förderlich sind.

Gehen einer oder einem erst im Wunder des zum Glauben Kommens die Augen auf, dann nicht nur für den Schöpfer, der den Blinden das Augenlicht verleiht, sondern auch für die am Boden liegende Schöpfung, die nun ebenfalls von Jesus zurück ins Leben gerufen wird. Im zweiten Markusschluss lässt Jesus das Evangelium der ganzen Schöpfung (Markus 16,15) verkünden.
Klaus-Peter Lüdke

Literatur:
Georg Fischer Jeremia 26-52, HThK AT, Freiburg u.a. 2005.
Otfried Hofius, Sühne und Versöhnung, in: Paulusstudien, Tübingen 1989.
August Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9/2, Göttingen/Zürich 131991.
Gefangenschaft findet ihr Ende als Anbruch des Reiches Gottes inmitten der gefallenen Welt …
Luedke
(© Christof Krackhardt/Brot für die Welt)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 21. Sonntag nach Trinitatis /
30. Sonntag im Jahreskreis | 28.10.12


evang. Reihe IV:
Jer 29, 1.4-7.10-14
kath. 1. Lesung:
Jer 31, 7-9
kath. 2. Lesung:
Hebr 5, 1-6
kath. Evangelium:
Mk 10, 46-52