Die Autorin geht auf den ev. Predigttext und den kath. Evangeliumstext jeweils in der Form eines Predigtvorschlags ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Zusammenhänge einbeziehen, es kommt nicht nur auf die Einzelnen, sondern das gemeinschaftliche Handeln an (1 Kor 7); Sehen-Urteilen-Handeln - im Dienste der Nachhaltigkeit der christl. Botschaft und der Nachfolge Christi (kath.).
1 Kor 7, 29-31

Predigtvorschlag:
Eine Blende geschickt einsetzen. Einen Filter aufschrauben, die Belichtung verändern, Schärfe nehmen, präzise ausleuchten. Fotographie ist Kunst und weit mehr als die Abbildung der Wirklichkeit. Einer der Meister seines Fachs ist Ansel Adams: seine Landschaftsfotografien haben mit der Abbildung der Wirklichkeit nicht viel zu tun: so sieht Welt ausschließlich durch die Linse Ansel Adams´ aus: ein geschwungener Baumstamm- eine Skulptur, der Himmel- ein stahlgraues Relief. Die Faszination liegt in der Verfremdung: unnatürliche wirkende Natur, organisch erscheinende Artefakte.

Wahrnehmung hat einen Randbereich: zum Rand hin wird das Bild unscharf. Der Focus ist eng: wenn eine Mensch stirbt, den Sie lieben, ist alles Trauer. Jeder Moment ist Leere, jede Begegnung schmerzhaft. Es gibt allerdings einen kurzen Moment, der ahnen lässt, dass über den Randbereich hinaus, in der Unschärfe der Jetztzeit, etwas anderes liegt als der Schmerz des Verlustes: Kennen Sie die erste Sekunde nach dem Aufwachen, den Moment zwischen Schlafen und Wachen, die Zehntelsekunde, bevor das Bewußtsein zurückkehrt?

Einen ähnliches Unschärfebereich hat die überschwengliche Freude. Der Tag der Hochzeit etwa lässt sich für Braut und Bräutigam in allen Einzelheiten höchstens im späteren Betrachten der Bilder rekonstruieren. Und wer weiß, was der Abbildung der Wahrheit näher kommt: der eine Moment der überschäumenden Freude, das focusierte, vollkommene und - natürlich subjektive - Glück der Brautleute, oder der distanzierte Blick des außen Stehenden, des Gastes.

Ähnlich eingeschränkt ist sicher auch die Wahrnehmung des Häuslebauers, der mit Blick auf sein monatliches Nettoeinkommen im Vergleich zur Tilgungssumme seines Darlehens jeden Einkauf genau kalkuliert und den Urlaub für das Folgejahr storniert. Ob sein Leben tasächlich bedroht ist, ist mit seinem vorgeschraubten Filter seiner persönlichen Wahrnehmung kaum mehr zu erkennen.
Aber ich sage euch: die Zeit ist kurz. Kein Freudenmoment ist Ewigkeit. Glücklicherweise gilt für die Trauermomente gleiches. Und selbstverständlich gibt es - objektiv betrachtet - außerhalb der Zahlungsverpflichtungen und der Verantwortung für das Eigentum auch andere Lebenswirklichkeiten.

Auch die Zeitwahrnehmung hat einen Unschärfebereich: sind 2 Sekunden kurz? Für einen Atmenzug nicht. Aber für eine Lebensentscheidung?

Der Korintherbrief mahnt zur - derzeit begifflich sehr strapazierten - "Ganzheitlichkeit ". Memento mori: nichts bleibt, wie es ist. Stelle das Immergleiche prinzipiell in Frage. Jeder Moment ist im nächsten Moment schon Vergangenheit. Das ist beängstigend und tröstlich zugleich: keine Zeit kommt ohne unseren Unschärfebereich der Wahrnehmung aus. Jede Zeit ist wahrgenommen Zeit, subjektiv gefärbt und damit nicht alles. Alles ist nur Gott und seine Ewigkeit. Paulus würde missverstanden, wenn man ihm unterstellte, er würde Lethargie, Apathie und Resignation lehren. Nein, Paulus lehrt den scharfen Blick, die neue Blende, den anderen Filter, die gekrümmte Linse. Wer Gott nahe kommen will, der muss Meister einer Kunst werden, der muss lernen, die Unschärfen der Wahnehmung zu focusieren und über den Brennpunkt des Jetzt zu schauen. Paulus geht es um die Aus-Sicht. Nur wer die Kunst beherrscht, die Welt über ihren Rand zu sehen - und zu denken! -, der bekommt eine Ahnung von Gott.

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Vorbemerkung:
Der Predigtentwurf versteht sich als Entwurf und muss insofern um aktuelle Bezüge ergänzt und an die Gemeindesituation angepasst werden.

Bezug zur Nachhaltigkeit:
Das Eintreten für den Schutz von Umwelt und Natur und eine möglichst global gedachte Generationengerechtigkeit setzt nicht nur eine bewusste Lebensweise von Einzelnen, sondern eine kluge Politik, eine starke Lobby und eine gezielte Bündelung von Kräften voraus. Gelingen können Kooperationen dieser Dimension ausschließlich dann, wenn Handlungsoptionen im ständigen Austausch offen gelegt und kritisch geprüft werden. Hierfür ist eine Kultur des Zuhörens, des Austausches und des Reagierens, aber auch die eigene Zurücknahme und Kompromissbereitschaft unabdingbar.

Predigtentwurf Mk 10, 35-45

Der Menschensohn - ein Diener aller.
Jesus, der Handwerkersohn ohne einen starken Familienclan im Rücken, der einfache Mann, der, der sich den Schwachen, den Blinden, den Armen und Gelähmten zu wandte: Ja sicher: ein Diener.

Aber: der Aufrührer, der Starke, der Jesus, der die Massen begeisterte, der Gründer einer Weltreligion: ein Diener?

Sollte ein Diener nicht demütig sein? Erscheint er nicht eher gebeugt und schwach, loyal und beflissen, statt provokativ, stark und selbstbewusst? Jesus war sicher kein dienstbarer Geist, der still und heimlich tat, was ihm aufgetragen war. Er blieb nicht in der Deckung, sondern stand unnachgiebig - unter Umständen auch in der Schusslinie. Dieses Selbstbewusstsein, das so gar nicht zu einem Diener zu passen scheint, brachte ihn schließlich ans Kreuz.

Dienen also als Nachfolge Jesu?

Jesus sagt den Zebedäussöhnen klipp und klar: ihr könnt euch das Himmelreich nicht mit Kelch und Kreuz erkaufen. Und eure Bitte richtet ihr an den Falschen: ich habe keine Vollmacht. Macht, die einzig legitime und wortwörtliche Voll-Macht, hat alleine Gott. Nichts desto trotz zeichnet sich Jesus durch seine charismatische Autorität aus. Autorität ist legitimierte Macht. Keine Macht, die auf Zwang fußt oder auf Belohnung, auf Wissen oder einen Informationsvorschuss. Auctoritas meint die Würde, das Ansehen des Staatsmannes, ursprünglich der römischen Senatoren, deren Ratschläge juristische Grauzonen abdeckten. Würde und Ansehen - seine Autorität also - begründen auch die Stellung Jesu im Kreis seiner Jünger. Er hat sie nicht aufgrund eines Titels, sondern aufgrund seines Auftretens und seines besonderen Verhältnisses zu Gott, das die Jünger spüren.

Jesus geht es nicht darum, den Zebadäussöhnen einen Wunsch abzuschlagen, sie bloß zu stellen vor den Freunden. Die Freunde reagieren trotzdem ärgerlich: wer wagt es, Jesus zu bitten wie ein trotziges Kind, das "ich will!" sagt und mit dem Fuß aufstampft? Die Freunde verstehen die Bitte als Angriff auf Jesu Autorität.

Jesus hingegen nicht. Er nimmt die Bitte zum Anlass, sein Herzensanliegen deutlich zu machen: Will ich machen, agieren, in Aktion sein? Oder will ich dienen, reagieren, auf Bedürfnisse eingehen? Das innerliche, möglicherweise zaghafte "Ja" zur ersten Option macht deutlich, wie schwer der Verzicht auf Macht fällt. Macht heißt machen, Aktion. Wer will das nicht?

Und gerade weil der Hang zur Macht so groß ist in uns wirbt Jesus entschieden für das Gegenteil. Reaktion, das Dienen, hat ungeahnte Stärken.

Sehen- Urteilen- Handeln.

Die oft zitierte Methode geht zurück auf die Lehre Kardinal Joseph Cardijns (1882-1967) und beschreibt eine Ethik des Handelns. Für jede Handlung gilt: zuerst schauen, was ist. Wo stecken ungeahnte Kräfte, wo sind Ressourcen, wo liegen Probleme. Die Kunst besteht darin, komplexe Handlungen als Fülle von Optionen zu begreifen und nicht im ersten Moment einen ganzen Komplex zu verdammen oder überschwenglich zu loben. Der genaue Blick auf die Dinge schützt vor Pauschalurteilen und schafft ein Klima, in dem alle Beteiligten zum Wohle des Ganzen miteinander agieren können. Das Urteil fällt erst nach genauem Abwägen und unter Berücksichtigung aller Handlungsoptionen. Eine daraus folgende Handlung verspricht größtmöglichen Erfolg und gleichzeitig sensiblem Umgang der beteiligten Partner mit einander.

Dienen meint Reaktion statt Aktion und Autorität statt Macht. Jesus lehrt das sensible Abwägen der Möglichkeiten, die Reaktion auf alles, was als Unrecht wahrgenommen wird und stellt sich gegen jede Art von Machtmissbrauch, die eben diese Optionen ausschließt.

Dienende Nachfolge Jesu bedeutet genau das: Sehen - Urteilen - Handeln.
Katharina Goldinger
Blende richtig einstellen - kluge Politik, starke Lobby und gezielte Bündelung von Kräften …
Goldinger
(© Y-PR)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 20. Sonntag nach Trinitatis /
29. Sonntag im Jahreskreis | 14.10.12


evang. Reihe IV:
1 Kor 7, 29-31
kath. 1. Lesung:
Jes 53, 10-11
kath. 2. Lesung:
Hebr 4, 14-16
kath. Evangelium:
Mk 10, 35-45