Bezug: alle Lesungstexte und das Evangelium des Sonntags; Schwerpunkt: Jak 2, 1-11. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Armut und Reichtum in neuer Sicht - gerechtes Miteinander - kindliche Offenheit und Bedürftigkeit - der Blick hinter den Buchstaben des Gesetzes als lebensdienliche Hilfe zum guten, gerechten Miteinander und Grundlage für eine gute, nachhaltige Zukunft.
Eine gute Zukunft - mit kindlicher Offenheit

Er ist einer der beliebtesten Heiligen - Sankt Martin. Konfessionsübergreifend ist er das Sinnbild für einen geworden, der sich der Not der Menschen angenommen und Solidarität gezeigt hat - ganz konkret wie berichtet in der Erzählung von der Begegnung vor den Toren von Amiens mit dem Bettler, mit dem er seinen Mantel geteilt hat.

Es ist schon ein paar Jahre her, da hat sich die Geschichte vom Martinsspiel so weiterentwickelt: Vor der Kirche saß tatsächlich ein Bettler. Ein echter. Kein Schauspieler. Einen Mantel brauchte der nicht. Und zwei Euro in den Hut? Vielleicht. Unsere Tochter - damals drei Jahre alt - hat da ganz unkonventionell reagiert: "Wie heißt der?", hat sie gefragt. Tja, keine Ahnung. Es hat schon etwas Überwindung gekostet, aber weil sie so gedrängt hat und es unbedingt wissen wollte, sind wir hingegangen zu dem verdutzten Bettler und haben ihn also nach seinem Namen gefragt. Gerhard heißt er. Dann noch zwei, drei Sätze. Wie es ihm so geht und wo er noch was zu Essen herbekommt heute. Er hat sich gefreut. Gerhard hat einen Namen und ein Gesicht bekommen.

Nein, die Geschichte hat keine dramatische Wendung mehr. Gerhard sitzt wohl immer noch vor der Kirche, ist arm und allein. Ich bin nicht der Heilige, der ihn aus dieser Situation befreien könnte, den Mantel hat er von der Caritas. Der Sozialstaat hat seinen Lauf genommen. Die Geschichte ist "ganz normal" weiter gegangen. Wie so oft. Wie an so vielen Orten. Da sitzen die Bettler und es kommt kein Sankt Martin. Ich war ja auch keiner. Aber unsere Tochter hat mit ihrer Frage: "Wie heißt du?" doch etwas bewirkt: Sie hat in kindlicher Unbekümmertheit den normalen Gang durchbrochen, das Erwartete, das Übliche. Sie hat dem Bettler Namen und Ansehen gegeben. Ich war als Erwachsener beschämt - und unheimlich stolz auf meine kleine Große.

Und was hat das mit dem Lesungstext von heute - oder gar mit "Nachhaltigkeit" zu tun? Das Thema "Verhalten gegenüber Reichen und Armen" - wie es die Zwischenüberschrift der Bibelstelle formuliert - ist sehr aktuell. Es stellt die Frage, wie wir miteinander leben, wie wir miteinander umgehen, wie wir die Zukunft miteinander gestalten. Was sind unsere Maßstäbe für das, was zählt, was uns in unserem Horizont groß und wichtig erscheint und gesellschaftliche angesehen ist? Wie oft sehen wir herab auf die "Armen"? Haben unterbewusst vielleicht Theorien, wie es dazu gekommen ist, und wie sie es hätten verhindern können. Vielleicht sind wir auch froh, dass wir selbst nicht in der Situation sind. Sehen uns doch - bei aller Klage und allem Lamentieren über unsere Verhältnisse - doch lieber auf der Seite derer, zu denen man gerne sagt: "Setz dich hier auf den guten Platz!" Unterschiede machen wir auch. Unbewusst manchmal, aber beständig. Das Äußere entscheidet. Äußerlichkeiten. Wie bei dem Bettler, der namenlos auf den Stufen vor der Kirche saß, bis er angesprochen wurde, einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte bekam - die er doch schon immer hatte. Es sind Dinge, die Erwachsene oft gar nicht sehen können und wollen, wozu es vielleicht die Unbekümmertheit einer Kinderfrage braucht, wie bei unserer Tochter.

An Äußerlichkeiten prallt so viel ab. Wir machen uns nicht die Mühe, hinter die Fassade zu blicken: Wieso Armut auch in unserer Nachbarschaft ein Thema ist, vielleicht sogar im engeren Bekanntenkreis. Wieso sich das Schicksal einer Gesellschaft am Umgang mit den Schwachen und Schwächsten zeigt. Wieso der Ausgleich zwischen "arm" und "reich" ein Thema ist, das mehr über unsere Zukunft entscheidet als wir vielleicht wahrhaben wollen.

Es ist immer noch ein Tabuthema, über das man nicht gerne spricht, zumindest nicht, wenn man selbst betroffen sein könnte. Es hat einen Makel. Da blickt man lieber auf andere, denen es noch schlechter geht - und grenzt sich ab von ihnen. Wo ist da Solidarität? Dieses große Wort, das sich leicht sagt, aber doch so weit weg ist. Solidarität - wenn, dann bitte nur aus "sicherer Distanz", im Sinne einer "Übernächsten-Liebe", die im Anonymen bleibt. Aber wo ist die Solidarität, wenn sie vor der eigenen Haustür gefragt ist? Wenn sie uns förmlich zum Stolperstein wird, weil wir ihrem Bedürfnis ganz konkret auf unserem Weg begegnen? Weil ein Bettler auf den Stufen vor der Kirche sitzt...

Der Jakobusbrief kehrt die Verhältnisse um, die wir kennen: "Hat Gott nicht die Armen in der Welt auserwählt, um sie durch den Glauben reich und zu Erben des Königreichs zu machen, das er denen verheißen hat, die ihn lieben?" Da zeigt sich, worauf es wirklich ankommt.

Der Jakobusbrief meint zunächst die materiell Armen: Sie merken ihre Bedürftigkeit und können so aber auch offen bleiben, empfänglich für das, was sie von anderen bekommen. So bleibt der "Arme" auch offen für das Geschenk Gottes. Wer sich in diesem Sinn als "arm" - also bedürftig - erweist; wer vertraut, als wenn alles von Gott abhängt und doch so handelt, als wenn alles von ihm selbst abhinge, wie es der heilige Ignatius formuliert: Der wird zum wahrhaft Reichen, wenn auch nach ganz anderen Maßstäben als jene, die unsere Welt bestimmen. Und so können wir, die wir uns gerne auf der Seite der "Reichen" sehen, unsere eigene "Armut" erkennen, dass wir nämlich noch viel lernen müssen von denen, die scheinbar nichts haben. Dass sie uns viel geben können, obwohl sie materiell arm sind.

Und "arm" ist nicht immer nur eine Frage des fehlenden materiellen Reichtums. Arm ist zum Beispiel auch, wer beziehungslos lebt, wer sich isoliert, mit wem man nichts zu tun haben will: Da hilft auch der materielle Reichtum nichts mehr, wenn man keine echten Freunde hat. Wer sich mit allerlei irdischem Hab und Gut umgibt, in Saus und Braus lebt und das auf Kosten anderer, der "lästert den hohen Namen" (Jak 2,7), weil er sich selbst zum Macher und Könner und Allein-Schaffer erhebt. Und doch bleibt er einsam, ist gerade er letztlich der Arme, an dem alles vorbeigeht, der das Eigentliche eben gerade nicht besitzen kann. Er bleibt in allem materiellen Reichtum arm, weil ihm der nachhaltige Reichtum fehlt: das, worauf es letztlich ankommt und was bleibt.

Nachhaltiger Reichtum ist mehr als Geld und Gold. Wer sich beschenken lässt von Gottes Reichtum, braucht diese vergänglichen Schätze nicht mehr. Nachhaltiger Reichtum meint Beziehung und Freundschaft, meint Orientierung und Sinn, meint Lebensfreude und Zukunftschancen, meint Solidarität und Partnerschaft, meint Vertrauen und Zuversicht. Das sind Güter, die nicht mit Geld zu kaufen sind und nicht von materieller Armut ausgelöscht werden können. Wer also ist der wirklich Arme, wer der Reiche?

Das stellt die gängige Ordnung auf den Kopf. Das erfordert ein Umdenken. Und das ist auch das Leitmotiv der anderen Lesungstexte dieses Sonntags: Gottes Ordnung ist eine andere als die, die Menschen sich auferlegen. Gottes Ordnung hilft zum Leben in Fülle und knechtet nicht wie Gesetze, die dazu missbraucht werden können, andere zu unterdrücken, um selbst gut da zu stehen. Wenn jeder nur das macht, was er für richtig und für sich hilfreich empfindet, bleiben gerade die Armen und Schwachen auf der Strecke. Deshalb ist es gut, wenn es Richtlinien und Orientierungspunkte gibt, die sich aus den Erfahrungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens entwickelt haben - und die einmal als Grundrechte festgeschrieben wurden, auch zum Schutz gegen Unterdrückung.

Doch für ein gedeihliches Miteinander auf Zukunft hin, für nachhaltiges Zusammenleben, braucht es auch den Blick auf den Geist hinter den Bestimmungen. Wer sich nur am Buchstaben festhält, hat nicht nur den Sinn verkannt, sondern kann die Hilfestellungen sogar ins Gegenteil verkehren: In ein kleinliches Auslegen, das gerade zur Unterdrückung und Ungerechtigkeit führt. Das Markusevangelium von der Ehescheidung verdeutlicht das: Hartherzig und kleinlich legen die Pharisäer das Gesetz aus. Sie halten sich an Details auf, an Äußerlichkeiten. Und sehen gar nicht den Sinn hinter dem Gesetz: das verantwortliche Handeln füreinander nämlich, das die Familie, ja die Gesellschaft, zusammenhält. Die Bibel beschreibt Gottes Treue zu den Menschen, seine Liebe zu ihnen, die ihnen ein "Leben in Fülle" (vgl. Joh 10, 10) ermöglichen will. So ist die gute Ehe ein Garant der Verlässlichkeit und Treue, des Vertrauens und Miteinanders. Dieses Miteinander ermöglicht den nachhaltigen Fortbestand der Menschheit. In ihr ist die Zukunft angelegt. Das will die Bibel verdeutlichen und verkennt doch nicht, dass die Menschen in ihrer Kleinlichkeit und Hartherzigkeit oft andere Dinge in den Vordergrund rücken, die diesem guten Miteinander im Weg stehen. Deshalb braucht es Ordnungen und Gesetze.

Aber auch heute gibt es manche, die sich gern kleinlich und kleinkariert an Vorschriften festhalten und sie anderen auferlegen; es gibt welche, die lieber päpstlicher als der Papst sind - und so nicht merken, wie unbarmherzig und eng sie werden. Dann ist es auch weit her mit der Barmherzigkeit, die Gott nahe kommt. Denn das wäre der viel anstrengendere Weg. Wer den anderen großherzig einen Spielraum zugesteht, wie es Gottes Liebe den Menschen als verantwortete Freiheit ermöglicht, und nicht nur an den Buchstaben von Vorschriften klebt, der muss selbst viel überzeugter von der Durchsetzungskraft der guten Sache sein; der muss den Sinn hinter den Buchstaben entdecken und erkennen wollen, statt sich hinter den Buchstaben zu verstecken. Dieser alternative Weg der Freiheit und Barmherzigkeit ist nicht leicht. Er ist nichts für schwache Geister. Aber es ist der Weg Gottes. "Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht." (Jak 2,13) Und "Gott ist größer als unser Herz." (1 Joh 3,20)

Vielleicht braucht es dazu einmal mehr den kindlich-einfachen Blick, der das scheinbar Unabänderliche, das Eingefahrene und Bestehende hinterfragt; der den Blick hinter die Fassade wagt und bereit ist, davon zu lernen und umzudenken; der das Herz weitet und nicht in ängstlicher Enge die Zukunft verbaut. Ein gutes Beispiel gibt Jesus selbst, wie das Evangelium berichtet: "Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen", sagt er. Es braucht also die Offenheit und Unvoreingenommenheit der Kinder, die in ihrer Bedürftigkeit zu Beschenkten werden können. Eine demütige Haltung, die nachhaltig wirkt: Sie öffnet den Weg für eine gute Zukunft.
Dr. Michael Kinnen
Wie wir miteinander umgehen und die Zukunft miteinander gestalten …
DrKinnen
(© Jonathan McIntosh)
zurück zur Übersicht (KJ 2011/12)

Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 18. Sonntag nach Trinitatis /
27. Sonntag im Jahreskreis | 7.10.12


evang. Reihe IV:
Jak 2, 1-13
kath. 1. Lesung:
Gen 2, 18-24
kath. 2. Lesung:
Hebr 2, 9-11
kath. Evangelium:
Mk 10, 2-16