Der Autor geht auf beide ev. Predigttexte und die kath. 2. Lesung ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: die Verantwortung für die Schöpfung als implizite Botschaft der Nachhaltigkeit, hier auch: Gerechtigkeit (Jes 49); Lebensmittelskandale, reine und unreine Nahrung (ethisch unrein?) (1 Tim 4); Vermarktung des Menschen, Rolle der Kirchen (Jak 5)
Zum Sonntag

Der 30. September 2012 kann von seiner Stellung im Kirchenjahr entweder als 17. Sonntag nach Trinitatis (26. Sonntag im Kirchenjahr) oder aber als Erntedankfest gefeiert werden.

17. Sonntag nach Trinitatis Jes 49, 1-6

Der Predigttext aus dem 49. Kapitel des Propheten Jesaja ist auch als zweites der vier so genannten Gottesknechtslieder bekannt. Dieser Knecht JHWHs wird als von Gott gesalbter Beauftragter dargestellt, der die Gerechtigkeit Gottes zu allen Völkern bringen wird. Im christlichen Bereich wurden diese Prophezeiungen auf Jesus bezogen und daher christologisch interpretiert. Diese christliche Vereinnahmung des tief im Judentum verwurzelten Gottesknechts in der Predigt zu thematisieren könnte durchaus lohnend sein, denn dadurch eröffnet sich die Chance, den Text neu und anders zu lesen und wahrzunehmen.

In diesem Text wird eine Berufung verkündet. Einer, der sich zu etwas berufen fühlt, ringt um Aufmerksamkeit und er versucht, seinen Anspruch zu legitimieren. Seine Botschaft ist eine Heilsbotschaft, die weit über das Volk Israel hinaus gehen wird. Allen soll sie gelten, selbst den Heiden am Ende der Welt. Worin dieses Heil besteht wird in dieser Textpassage nicht näher erläutert. Dem Gottesknecht geht es erst einmal darum, als Botschafter Gottes wahrgenommen zu werden.

Die Bezüge zur Nachhaltigkeitsfrage können bei diesem Text schwerlich inhaltlicher Natur sein, aber strukturell gibt es durchaus Berührungspunkte. Auch wer "nachhaltig predigen" will, tritt mit einem bestimmten Anspruch und einem bestimmten Anliegen auf. Nämlich mit dem Anspruch, dass die christliche Botschaft implizit eine Botschaft der Nachhaltigkeit beeinhaltet und dass deshalb zur christlichen Verantwortung immer auch die Verantwortung für die uns anvertraute Schöpfung gehört. Für diese Botschaft soll Aufmerksamkeit geweckt werden und wie Jesaja wird sich jeder, der so predigt nach der Legitimität dieser Botschaft fragen lassen müssen.

Aus der christologischen Sicht auf den Gottesknecht fällt es schwer, Bezüge zur Nachhaltigkeit zu finden. Der christlich interpretierte Gottesknecht ist eine apokalyptische Figur, der das nahe Gottesreich verkündet. Wer aber in Dimensionen einer greifbar nahen Parusie denkt und handelt, hat wenig übrig für Gedanken der Nachhaltigkeit. Wozu soll man etwas für eine Zukunft erhalten, die man gar nicht mehr in dieser Welt erwartet?

Der jüdische Gottesknecht dagegen ist eine sehr viel weniger apokalyptische Gestalt. Er ist vor allem mit dem Recht und der Gerechtigkeit Gottes verknüpft, die durch ihn Gestalt annehmen wird. Diese Gerechtigkeit ist aber keine jenseitige, mit dem jüngsten Gericht verknüpfe Gerechtigkeit, wie sie im Christentum oft verstanden wurde, sondern eine ganz weltliche, gesellschaftlich gedachte Gerechtigkeit. Es geht Jesaja um das Ende der Unterdrückung, um Trost und Zuversicht und eine neue Freiheit, also um nicht weniger als eine völlig neue Weltordnung. Damit hat die jüdische Tradition der Gottesknechtsauslegung einen sehr viel stärkeren Bezug zur Frage der Nachhaltigkeit als die christologisch-apokalyptische Interpretation.

Erntedankfest 1 Tim 4, 4-5

Das Erntedankfest hat an sich den Bezug zur Nachhaltigkeit bereits in sich. Der Begriff "Nachhaltigkeit" entstammt ja der Forstwirtschaft, die damit eine auf Erhalt und Bewahrung angelegte wirtschaftliche Nutzung der Natur beschreibt. Die Versorgung mit den Gütern des täglichen Bedarfs, vor allem den Grundnahrungsmitteln ist das Kernthema des Erntedankfestes. In einer Gesellschaft, die immer weniger Bezug zur Landwirtschaft hat, hat das Erntedankfest in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung eingebüßt. Wie abhängig wir alle dennoch von landwirtschaftlichen Erzeugnissen sind, wird uns vor allem an den mit unschöner Regelmäßigkeit wiederkehrenden Lebensmittelskandalen deutlich. Dioxin, EHEC, Gammelfleisch, um nur einige zu nennen. Wenn es überhaupt einen Sonntag im Jahr gibt, an dem Nachhaltigkeit die Kernbotschaft des Sonntags darstellt, dann ist es sicherlich an Erntedank der Fall.

Im ersten Brief an Timotheus geht Paulus speziell auf die Frage ein, ob es legitim ist, dass die Religion die Schöpfung Gottes in rein und unrein einteilt. Diese Einteilung finden wir in vielen Religionen. Das Verbot von Schweinefleisch im Islam, die Heiligung der Kuh im Hinduismus, koscher und nicht koscher im Judentum. Paulus verwirft das alles und gibt alles genießbare zum Genuss frei. Der Unterschied zwischen Schöpfer und Schöpfung wird hier strikt ernst genommen.

Was heißt das heute? Ist das, was Paulus hier sagt ein Freibrief dafür, dass Genuss in jedem Fall erlaubt ist? Wie halten wir es mit Fleisch aus industrieller Tierhaltung für die Tiere unter unwürdigen Bedingungen gehalten und zum Schlachten teilweise durch halb Europa transportiert werden? Wie steht es mit gentechnisch veränderten Pflanzen, deren Wechselwirkungen mit andern Pflanzen innerhalb eines Ökosystems kaum getestet sind? Gibt es nicht Speisen, bei denen wir uns zwar nicht aus Gründen spiritueller Reinheit aber aus Gründen christlich verantwortungsvoller Ethik enthalten müssten? Auch hier scheint zu gelten, dass nicht alles, was erlaubt ist deshalb schon gut sein muss.


    Von den drei katholischen Lesungen bietet vor allem die zweite Lesung Anknüpfungspunkte zur Nachhaltigkeit.
Lesung 2 Jak 5, 1-6

Der Wohlstand ist äußerst ungleich verteilt unter den Menschen - das ist seit jeher eine Binsenweisheit, mit der sich viele abgefunden zu haben scheinen. Die großen Utopien von der Gleichheit aller Menschen sind in ihren realen geschichtlichen Ausprägungen alle an sich selbst gescheitert. Zum Kapitalismus scheint es keine ernsthaften Alternativen mehr zu geben und politisch kann man bestenfalls versuchen, die Märkte so zu regulieren, dass noch der Mensch die Märkte beherrscht und nicht mehr der Markt die Menschen. Dass dieser Versuch mehr und mehr zur Sysiphosaufgabe geworden ist, zeigen die Entwicklungen der letzten Jahre deutlich. Die Bemühungen vieler Politiker, die kleinen und großen Finanz-, Wirtschafts-, Banken- und Währungskrisen unter Kontrolle zu halten wirken oft genug wie Don Quichotes Kampf gegen Windmühlen.

Alles - selbst der Mensch selbst - steht in der Gefahr zur Ware zu werden und auf seinen Marktwert reduziert zu werden. In etlichen Bereichen ist diese Vermarktung des Menschen längst vollzogen. Wie immer gibt es dabei Gewinner und Verlierer - die einen leiden, die andern profitieren. Ungleichheit, soziale Spannungen, Neid und Missgunst sind die Folgen - ganz egal, welche geschichtliche Epoche der Menschheit man betrachtet - und die Kirche stand dabei allzu oft auf der Seite der Profiteure - insofern ist sie von der Mahnung des Lesungstextes auch selbst betroffen.

Die Schelte der Reichen ist kein Phänomen unserer Tage. Schon im Alten Testament finden wir sie bei Amos und auch im Neuen Testament im Brief des Jakobus. Diese Texte verweigern sich einer Gewöhnung an Unrecht. Dabei geht es primär aber nicht um eine Kritik am Reichtum der Reichen, sondern um Kritik am Umgang der Reichen mit den Armen. Gerechtigkeit meint hier nicht Gleichheit, sondern dem andern gerecht zu werden, in der Anerkennung seiner Lebensbedürfnisse.

Gerechtigkeit beinhaltet daher den Verzicht auf Ausbeutung. Reichtum ist nicht per se etwas schlechtes, aber er wird dann anstößig, wenn er auf Kosten des Mitmenschen erwirtschaftet wird.
Dirk Reschke
Wie halten wir es mit Fleisch aus industrieller Tierhaltung und den Risiken der Gentechnik …?
Reschke
(© Wikimedia Commons/Dr. Meierhofer)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 17. Sonntag nach Trinitatis /
Erntedank / 26. Sonntag im Jahreskreis | 30.09.12


evang. Reihe IV:
17. So. n. T.: Jes 49, 1-6
Erntedank:  1 Tim 4, 4-5
kath. 1. Lesung:
Num 11, 25-29
kath. 2. Lesung:
Jak 5, 1-6
kath. Evangelium:
Mk 9, 38-43.45.47-48