Der Autor geht auf alle Predigtperikopen ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: der Geist der Jüngerschaft und der Nachfolge als Motivation für Nachhaltigkeit; Ungehorsam gegen gesellschaftlichen Konsens, streitbar sein, sich im Gestalten der Welt nicht verlieren: das Woher und Wohin - die "Senkrechte" - beachten
Die evangelische und die katholische Leseordnung treffen sich in der Frage der Kreuzesnachfolge. Bitte lesen Sie auch die Ausführungen zu den Texten der katholischen Leseordnung.

Gal 5, 25-26; 6, 1-3.7-10

Der Text ist das Ende von Gal 5,13-26, dem Abschnitt vom Wirken des Heiligen Geistes und verbindet das mit Gal 6,1-10. Die ausgelassenen Verse 4-6 sprechen von der Verantwortung eines jeden für sich selber und mahnen zur Bescheidenheit - und von der Unterhaltspflicht des Schüler des Wortes für seinen Lehrer. Gal 5,25 - 6,3 ermahnen dazu, einander mit Respekt und Wohlwollen zu begegnen.

Die Möglichkeit, selber versucht zu werden und sich selber zu überschätzen, sind eine Gefahr. Die Einladung zur Kreuzesnachfolge hat hier eine soziale Komponente. In V 24, der nicht zum Predigttext gehört, ist die Rede davon, dass die, die zu Christus gehören, ihr Fleisch, ihr Leidenschaften und Begierden gekreuzigt haben. Das ist eine Spiritualisierung der Kreuzigung. Jetzt geht es darum, dass die Last des anderen zu tragen das Gesetz Christi erfüllt. So wie Kreuzigung den ganzen Menschen tötet, fordert dieser respektvolle Umgang mit dem Anderen die Jüngerin und den Jünger Jesu ganz. Und dieses Verhalten ist wie eine Saat, die aufgehen wird. Die VV 7-10 beschreiben, dass das Tun der Menschen Konsequenzen hat und sich, auch wenn zuerst auf die Geschwister im Glauben, auf alle Menschen erstrecken soll. Unser Tun jetzt hat Ewigkeitswert.

Hinführung zu den Texten der katholischen Leseordnung

Wenn Sie zustimmen, dass der Einsatz für Nachhaltigkeit aus dem Geist der Jüngerschaft motiviert sein kann, können die heutigen Texte helfen, die entstehenden Schwierigkeiten in diesem Geist zu begegnen. Dabei geht es in den Texten weniger um das konkrete Wie als um die zugrunde liegende Haltung und die Gemeinschaft mit Jesus Christus.

Die Evangelien ab dem 24. Sonntag sprechen von den Erlebnissen auf dem Weg nach Jerusalem. Sie bereiten auf den Kreuzestod Jesu vor und sprechen von den Herausforderungen der Nachfolge. Die erste Lesung ist auf das Evangelium abgestimmt und ist dem dritten Gottesknechtlied entnommen. Die zweite Lesung ist vom 22. Sonntag bis zum 26. Sonntag dem Jakobusbrief entnommen. An diesem Sonntag kann ein innerer Bezug herausgearbeitet werden unter der Frage, wie Glaube und Werke bedeutsam sind für die Nachfolge. Im Tagesgebet heißt es: "Gib, dass wir dir mit ganzen Herzen dienen und die Macht deiner Liebe an uns erfahren."

Jes 50, 5-9a
Der Lesungstext stammt aus dem dritten Gottesknechtlied. Die Leseordnung verzichtet auf V4 und die zweite Hälfte von Vers 9. Durch das Fehlen von V4 wird die erste Lesung um den Aspekt gebracht, dass der Gottesknecht durch sein Wort andere stärkt. V9b spricht von der Hoffnung des unschuldigen Gerechten, dessen Gegner vergehen. Das Weglassen betont das Vertrauen: "Gott, der Herr, wird mir helfen."

Der Gottesknecht hört auf Gottes Wort und hält den Widerstand aus, dem er begegnet. Er hofft auf Gottes Gericht, in dem er freigesprochen wird, und lädt dazu ein, mit ihm zu streiten, sich mit seinen Positionen auseinander zu setzen. Die Gestalt des Gottesknechtes wird im Buch Jesaja nicht identifiziert und wird in der jüdischen und christlichen Tradition aufgenommen als Bild für eine einzelne Person wie auch für die Armen des Volkes Gottes. Die ersten Christen haben die Gottesknechtlieder auf Jesus Christus hin gelesen und mit ihnen seinen Auftrag und sein Leiden verstanden.

Wir Christen in Mitteleuropa sind heute keinen körperlichen Nachstellungen ausgesetzt. Aber unsere Situation in der postmodernen Gesellschaft ist nicht minder gefährdet. Wir leben in einer Gesellschaft, die eine große Beliebigkeit auszuhalten scheint. Wir erleben Entsolidarisierung angesichts zunehmender Ungerechtigkeit in der eigenen Gesellschaft wie in der global vernetzten Menschheit. Wir erleben, dass ein konsequentes Leben aus Gottes Wort belächelt wird. Es gibt Christen, die aus dem Hören auf Gottes heraus bewusst zivilen Ungehorsam wagen und den gesellschaftlichen Konsens übertreten, weil sie sich vor allem Gott gegenüber verantworten wollen. Wo und wie sprechen wir mit anderen über das, was uns trägt? Wie streitfähig und streitbar sind wir?

Jak 2, 14-18
Der Jakobusbrief macht die Mitchristen, denen es am Nötigsten fehlt, an Kleidung und Nahrung, zum Ernstfall des Glaubens. Glaube, der nicht zum konkreten Handeln führt, ist ein toter Glaube.

Mk 8, 27-35
Die Perikope besteht aus drei Teilen. Zum einen aus dem Messiasbekenntnis und der Ankündigung des Leidens (V 27-32a). Dann aus der Zurechtweisung des Petrus (V 32b.33). Dann kommt eine Ansprache an die Volksmenge und die Jünger (V 34-35), die mit hoher Sicherheit eine Sammlung von Jesusworten ist, die im Evangelium auch noch die Verse 8,36 - 9,1 umfasst.

In Mt 10, 38 ist die Kreuzesnachfolge die uneingeschränkte Bedingung für die Jüngerschaft Jesu. Hier bei Markus werden in V 35 das Kreuz und das Evangelium parallel gesetzt: Wer das Leben um Jesu und des Evangeliums willen verliert, wird es retten. Damit hat die Nachfolge Jesu einen Wert in sich und ist Ausdruck der Jüngerschaft. Die Gefahr des Martyriums war für die Gemeinde des Markus eine Realität. In der Folge wird der Spruch von der Kreuzesnachfolge auf die eigene Situation angewandt und die Herausforderungen und Nöte des Christseins mit dem Kreuztragen in Verbindung gebracht (Vgl. die Übersicht über die Wirkungsgeschichte bei Joachim Gnilka: Das Evangelium nach Markus (EKK II/2). Braunschweig und Neukirchen-Vluyn, dritte, durchgesehene Auflage 1989, S. 28 f).

Ein erster Zugang zu der Kreuzesnachfolge:

Bei Christian de Chergé, Prior der Mönche von Tibhirine, den der ein oder andere aus dem Kinofilm "von Menschen und Göttern" kennen mag, habe ich eine interessante Beschreibung der Kreuzesnachfolge gefunden (Christian Salenson: Den Brunnen tiefer graben. Meditieren mit Christian de Chergé. München, 2010, S. 35-41): Ein muslimischer, sufistischer Freund habe ihm erzählt, dass er vielleicht drei Kreuze sehe, wenn er auf Jesus am Kreuz sehe. Er sehe den liebenden Jesus, der die ganze Welt umarmen wolle. Diese Liebe sei tief in jedem Menschen angelegt. Dieses Kreuz komme von Gott. Das zweite Kreuz sei das Hinrichtungswerkzeug: "... das Werkzeug verstellter, verunstalteter Liebe, Instrument eines Hasses, der das Zeichen des Lebens erstarren lässt und zugrunde richtet." (S.35) Das dritte Kreuz sei "… das Kreuz der Anstrengung, mit der wir uns von dem hinteren Kreuz distanzieren, uns frei machen von dem Kreuz des Bösen und der Sünde, um uns am vorderne festzumachen: am Kreuz der gewinnenden Liebe". (S. 36)

Aus christlicher Sicht dürfen wir den Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung mit diesem Kreuz der Anstrengung verbinden.

Ein zweiter Zugang zu der Kreuzesnachfolge:

In unserem Körper ist gleichsam die Kreuzesform angelegt. Die Horizontale, unsere Hände und Arme, stehen für unsere Fähigkeit, Beziehung zu gestalten, für unser Gestalten der Welt, in der wir leben. Und wir erleben die Gefahr, darin aufzugehen, an uns selber vorbeizuleben und uns zu verlieren. Da ist es wichtig, auch die Senkrechte zu leben. Um uns selbst zu wissen: Unsere Wurzeln, unsere Fähigkeiten und Grenzen. Und so geerdet uns auszuspannen zum Himmel: Gott in unser Leben einzubeziehen.
Georg Strüder
… das Kreuz der Anstrengung, mit der wir uns distanzieren, uns frei machen …
Strueder
(© MEV)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 15. Sonntag nach Trinitatis /
24. Sonntag im Jahreskreis | 16.09.12


evang. Reihe IV:
Gal 5, 25-26; 6, 1-3.7-10
kath. 1. Lesung:
Jes 50, 5-9a
kath. 2. Lesung:
Jak 2, 14-18
kath. Evangelium:
Mk 8, 27-35