Der Verfasser betrachtet die Bibelstellen der kath. Leseordnung. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Wasserknappheit und Agrarpolitik, Zugang zu Trinkwasser (Jes 35); Achtung und Beachtung der Reichen und der Armen in der Öffentlichkeit, auch durch religiöse Autoritäten (Jak 2); Recht auf Gesundheit - Recht auf Berührung (Mk 7)
Leben in Würde und in Hoffnung - auch in Zeiten des Mangels und der Not. Dieses Grundthema der Bibel beleuchten die Lesungen des 23. Sonntags in reichhaltigen Motiven und Themen: Wasser als Zeichen des Lebens und der Hoffnung aber auch als Hinweis auf das Überlebensrecht der Menschen auf die Grundnahrungsmittel, die Verteilungsgerechtigkeit von reich und arm sowie die ganzheitliche Hilfe in der Krankheit: in den Texten finden Verheißung für uns aber auch Auftrag an uns zusammen.

Jesaja 35, 1-7

Exegetische Hinweise:
Das Buch Jesaja enthält nicht nur Worte des historischen Jesaja aus dem 8. Jahrhundert. Seine Prophetie wurde weiter geschrieben. Das Kapitel 35 ist das inhaltliche Gelenk zwischen dem 1. (Kapitel 1 bis 39) und dem 2. Jesajabuch (Kapitel 40 bis 62). Wahrscheinlich wurde es am Ende des 4. vorchristlichen Jahrhunderts geschrieben. Zu der Zeit sind die Israeliten aus der babylonischen Gefangenschaft heimgekehrt. Dennoch sind viele von ihnen verunsichert. Die Mehrheit lebt über die Welt verstreut und die, die im Land blieben, haben Angst um ihre Existenz: Die vorliegende Perikope entstand unter dem Eindruck der anrückenden Assyrer.

In diese Mutlosigkeit hinein richtet der Verfasser die Verse des Kapitels 35. Er erinnert an die Verheißungen in der babylonischen Gefangenschaft und hebt die Gegenwartsbedeutung der großartigen Aussagen hervor: Eine Wüste, die blüht wie ein Garten; eine Steppe, die jubelt, weil sie blühen kann. Tatsächlich kennen die Menschen der Bibel die Erfahrung, dass da, wo eigentlich nur Sand ist, ein Regenschauer für kurze Zeit alles verwandelt. Da kann dann die Wüste blühen und überall grünt und sprießt es. Das ist die Verheißung: Gerade da, wo alles tot scheint, da wird der Herr Neues schaffen. "Die vom Herrn Befreiten kehren zurück und kommen voll Jubel nach Zion." Jahwe rettet sein Volk und führt es weiter seiner Verheißung entgegen.

Ökologische Relevanz:
Wasser ist auch heute kostbar und das nicht nur im Heiligen Land. Obwohl unser Planet zu mehr als 70 Prozent damit bedeckt ist, wird Wasser zunehmend knapp. Lediglich drei Prozent des Wassers auf der Erde sind trinkbares Süßwasser, und wiederum nur ein Drittel davon ist für die menschliche Nutzung erreichbar! Etwa vier Milliarden Menschen haben bereits heute nur ungenügenden oder keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Das hat viele Gründe: steigende Bevölkerungszahlen, schlechtes Management der Wasservorräte, ökologisch verfehlte Bewässerungslandwirtschaft.

Auf dem UN-Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg setzte man sich 2002 ein ehrgeiziges Ziel: bis zum Jahr 2015 soll die Zahl der Menschen halbiert werden, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser gehört zu den Menschenrechten (UN-Vollversammlung, 28. Juli 2010). Das nimmt uns in die Pflicht, denn Industriestaaten verbrauchen in der Regel zehnmal mehr Wasser als Entwicklungsländer. Die ökologisch verfehlte Bewässerungslandwirtschaft zeigt zudem verheerende Folgen: Im Mittelmeergebiet gibt es jetzt schon leere Stauseen, ausgetrocknete Flüsse und verdorrte Felder. Dennoch wird solche Agrarpolitik oft auch noch durch EU-Subventionen gefördert.

Neben der Erfahrung von dem, was für den Menschen Licht ist, zeigt sich das Wasser als ein Urbild der Bibel überhaupt. Wasser gehört im Orient zur wichtigsten aber auch gesuchten und umkämpften Voraussetzung des Lebens überhaupt. Nicht zuletzt deshalb wurde es in vielen Texten Zeichen für das Leben schlechthin. In der Bibel steht Wasser für Glück und Gesichertheit (Ez 47, 1). In Jer 17, 13 wird Gott als Quell lebendigen Wassers angesprochen. Jesus bezeichnet sich als Quelle des Lebens (Joh 7, 37 f.). Das Wasser der Taufe ist Zeichen neuen Lebens. In der Eucharistie verbinden sich Wasser und Wein. Heute wissen wir: Das menschliche Leben in seiner Evolution kommt aus dem Wasser. Die Wüste dagegen ist in der Bibel nicht nur in ihrer Trockenheit ein für die Menschen gefährlicher Ort und tägliche Bedrängnis und Klimagefahr. In der Bibel ist sie Ort der Vertriebenen oder Verfolgten (Gen 21, 14; 1 Makk 2, 29). Sie kann aber auch Ort der Bewährung werden. Der Kampf um Leben spendendes Wasser war die Herausforderung des biblischen Menschen. Die Hoffnungskraft von Bildern wie "Quelle des Lebens" hat hier ihren Ursprungsort.

Jak 2, 1-5 Verhalten gegenüber Reichen und Armen

Exegetische Hinweise
Der Jakobusbrief, will seine Adressaten nach der Art der alttestamentlichen Weisheitsliteratur ermahnen. Im vorliegenden Abschnitt wendet er sich gegen eine falsche Rücksichtnahme auf Reiche. Dabei nimmt der Verfasser in seiner klaren Sprache kein Blatt vor den Mund: Es gibt keine Gemeinde von Armen und Reichen, es gibt nur die Gemeinde Jesu Christi (1)! Offensichtlich haben Aufseher oder Saalordner die Menschen anders behandelt (3). Aber Gott ist nicht parteiisch, er bietet seine Gnade allen Menschen gleich an.

Die damalige Zeit war stark von sozialen Gegensätzen geprägt: Herkunft, Besitz und Bildung waren maßgeblich für das öffentliche Ansehen. Die Christen dagegen gehörten mehrheitlich der ärmeren Volksschicht an. Deshalb soll es gerade bei ihnen kein besonderes Ansehen auf Grund der Abstammung oder des Besitzes geben.

Nachhaltige Relevanz:
Einer Studie des Institute for Development Economics Research der Universität der Vereinten Nationen zufolge sah die weltweite Vermögensverteilung im Jahr 2000 wie folgt aus: Das reichste Prozent der Weltbevölkerung besaß 40% des Weltvermögens. Die reichsten 10% besaßen zusammen 85% des Weltvermögens. Im Gegensatz dazu besaßen die ärmeren 50% der Weltbevölkerung zusammen nur 1% des weltweiten Vermögens. In der Bundesrepublik Deutschland waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 1998 rund 20 % der Haushalte in Besitz von 71 % des gesamten Bruttogeldvermögens. Wie diese Verteilung zustande kommt lässt gerade auch vor dem Hintergrund der Finanzkrise ab 2007 viele Fragen entstehen nach riskanten Finanzgeschäften wie Hedgefondsanteile, Derivate, Fremdwährungen, Warentermingeschäfte und außerbörsliches Beteiligungskapital.

Nach biblischen Kriterien und Hinweisen muss sich die Frage nach einer Verteilungsgerechtigkeit stellen. Die Bibel zeigt eine große Skepsis Reichen gegenüber (vgl. Mk 10, 23-26; Lk 6, 24-26; 12, 15.33 f.; 14, 33) und eine "Sympathie" für Arme. Auch mit sogenannten Almosen können sich die Reichen nicht von dieser Skepsis befreien. Die Frage, wie die Reichen zu ihrem Geld kommen und was sie damit tun, wird durchaus gestellt (Jes 5, 8; Jer 5, 27; Am 5, 11; Mi 2, 1 f; 6, 10 f.). Auch wenn Armut als Übel angesehen wird (Spr 6, 9-11) ist Befreiung von Reichtum durchaus förderlich für den Weg hin ins Reich Gottes. Paulus verweist hier auf die Armut Jesu. Dass die Armen von den religiösen Autoritäten gering geachtet wurden, wird in der Bibel als besonderes Skandalon empfunden. Da vor Gott alle Menschen gleich sind, sind sie es auch untereinander - unabhängig von Alter, Geschlecht oder Hautfarbe, von Weltanschauung oder Vergangenheit, von Besitz oder Titel. Der Apostel Paulus bringt das auf die Formel: "Da ist weder Jude noch Grieche, weder Freier noch Sklave, weder Mann noch Frau." Gott bietet seine Gnade allen Menschen gleich an. Eine Gemeinde, in der Reiche mehr gelten als Arme ist nicht die Gemeinde Jesu Christi.

Mk 7, 31-37 Die Heilung eines Taubstummen

Exegetische Hinweise:
Mk 7, 31-37 ist als Erzählung über die Heilung eines tauben und "stummen" Menschen einzigartig im Neuen Testament. Nur Mt 15, 29-31 übernimmt einzelne Bausteine. Auf den ersten Blick ist es eine klassisch antike Wundererzählung: Begegnung zwischen Heiler und Patienten, Absonderung von der Menge, Vorgang des Heilens, Feststellung des Erfolges und am Ende Bewunderung und Beifall.

Die Ortsangabe fällt auf und ist umstritten: Auf dem Weg ans Galliläische Meer ist das Gebiet der Dekapolis, nur über einen ca. 30 km nach Norden führenden Umweg zu erreichen. Aber Jesus hat auf seinen Wanderungen nicht nur genau jenes Land ausgefüllt, das Israel in den Verheißungen des AT zugesprochen wurde (vgl. Jos 13-21). Er scheut auch weder Raum noch Zeit, um auf Menschen zuzugehen. Der Mann, den die Menge zu Jesus bringt, wird als taub und unverständlich redend vorgestellt. Jesus nimmt ihn beiseite, er will ungestört mit ihm kommunizieren: "???' ????? = für sich allein". Die Art und Weise der Heilung fällt auf: Berührung der Ohren mit dem Finger, Berühren der Zunge mit dem Speichel. In keiner anderen Erzählung spielen solche Gesten eine Rolle wie hier. Das Wort Effata schließlich ist mehr als ein Zauberwort eines antiken Wundertäters. Es wird sogar übersetzt: "Werde geöffnet!"

Nachhaltiger Gedanke:
"Gesundheit ist ein Grundrecht des Menschen, unverzichtbar für die Ausübung anderer Menschenrechte. Für jeden Menschen ist der Erhalt des höchsten erreichbaren Standards der Gesundheit förderlich, die ihm für ein Leben in Würde zusteht." So lautet Artikel 12 des UN-Sozialpakts der am 16. Dezember 1966 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen einstimmig verabschiedet wurde. Diese Aussage stützt sich auf die Satzung der 1948 gegründeten WHO (World Health Organization), wo erstmals das "Recht auf Gesundheit" festgeschrieben wurde.

Die Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung sind unter den Nationen immer noch erheblich. In 31 Ländern darunter Südafrika, Botswana, Gabun aber auch in Russland und der Ukraine ist die Lebenserwartung deutlich gesunken. In Afrika und einigen Ländern Asiens stirbt die Mehrheit der Menschen an Infektionskrankheiten: Malaria, Tuberkulose, Aids. Wären die Medikamente nicht so teuer und wäre eine bessere Trinkwasserversorgung möglich, könnte die Lebenserwartung deutlich erhöht werden. Besonders auch die Chancengleichheit (Zugang zu Gesundheitsleistungen unabhängig von Einkommen und Status) ist noch immer in vielen Ländern ein Problem. In Amerika hat das Repräsentantenhaus am 8. November 2009 den Affordable Health Care for America Act verabschiedet, doch der ist nach wie vor hart umstritten.

Auch in Deutschland, das 1833 seine erste gesetzliche Krankenversicherung einführte, haben wir im Gesundheitswesen eine dramatische Entwicklung: Kostenexplosion, steigende Wartezeiten, bis an die Grenze und darüber hinaus arbeitende Ärzte, Ärztinnen und ein überlastetes Pflegepersonal... Oft wird behauptet, wir erwarten zu viel. Doch Deutschland steht weltweit nicht etwa auf der Spitze der WHO-Rangordnung der Gesundheitssysteme sondern erst auf Platz 25.

Was ist der kranke oder alte Mensch Wert an Zeit, Zuwendung und Geld? Jesus scheut weder Entfernung noch Zeit, um für einen Menschen da zu sein. Denn im Gebiet der Dekapolis (etwa 30 km Umweg auf seiner Wanderung) bringt man einen Taubstummen zu ihm und bittet ihn, er möge ihn berühren. Für "heilen" wird hier "Hand auflegen" oder "berühren" gesagt. "Er möge ihn berühren!" Das ist eine ganzheitliche Anfrage und sucht mehr als nur nach bestimmten Medikamenten oder nach einer Apparatemedizin, so hilfreich die auch sein kann. Die Erzählung spricht für das Recht des kranken Menschen auf die ihm gemäße Zuwendung und Achtung.

Vor dem Hintergrund von Fragen, wem welche Behandlung und wie viel Zeit zur Verfügung stehe, gibt Jesus ein klares Zeichen. Er nimmt den Taubstummen beiseite. Er verzichtet auf jede publicity und Öffentlichkeitsarbeit, auf jeden Vorteil für sich und seine Botschaft, er sieht nur sein Gegenüber! Und er will keinen Gewinn für sein Handeln: "redet nicht darüber!" Statt dessen berührt er den Mann. Berührung kann berühren, Jesus geht es bei der Heilung von Kranken um die ganzheitliche Wahrnehmung des Menschen. Effata: Öffne dich, sprich, sag' aus, was um dich ist. Wir als Kirche sind gerufen, für die, die keine Stimme haben, das auszusprechen, was gesagt sein muss. Auch das ist ein Entstummen, ein Effata...
Georg Lorleberg

1) Finger, Katharina u.a.: Wasser zum Leben, Website von 3sat 19.3.2008, aufgerufen am 29.6.11.
2) vgl. dazu: Lindenmayer, Jakob: Dreckiges Geschäft in Slums, Website der tägliche Web-Zeitung der ETH Zürich: http://web.ethlife.ethz.ch/articles/tages/slum.html; Website der EAWAG-Abteilung für Wasser und Siedlungshygiene in Entwicklungsländern (SANDEC): www.sandec.eawaq.ch.
3) Website der UNU-WIDER, Katajanokanlaituri 6 B FI-00160 Helsinki: http://www.wider.unu.edu/events/past-events/2006-events/en_GB/05-12-2006/.
4) Auswärtiges Amt: Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte vom 19. Dezember 1966, Abdruck auf der website des AA:
http://www.auswaertiges-amt.de/cae/servlet/contentblob/360806/publicationFile/3618/IntSozialpakt.pdf .
Menschenwürde ist nicht an Reichtümer oder Technologie gekoppelt …!
Lorleberg
(© GTZ/Robert Heine)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 14. Sonntag nach Trinitatis /
23. Sonntag im Jahreskreis | 9.09.12


evang. Reihe IV:
1 Thess 1, 2-10
kath. 1. Lesung:
Jes 35, 4-7a
kath. 2. Lesung:
Jak 2, 1-5
kath. Evangelium:
Mk 7, 31-37