Die Autorin geht auf die ev. Predigtperikope und den Text zur 1. kath. Lesung ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: gewalttätige Auseinandersetzung im Umgang mit dem Bruder; Prinzipien des Umgangs mit Gewalt, Überwindung archetypischer Muster (1 Gen 4); die Gebote als Rahmen für wahre freiheitliche Verantwortung, Wurzeln des Sozialstaats (Dtn 4)
Gen 4,1-16a - EKD-Reihe IV

Exegetisches
Die Verse 6 und 7 gehören nicht zum ursprünglichen Bestand der Geschichte und verändern die Aussage des Textes in eine bestimmte Richtung, die dem Rest des Textes nicht entspricht. Darum gehe ich auf deren besondere Intention nicht ein.

Vorbemerkungen
Die sog. Urgeschichten in Gen 1-12 haben das "ur" nicht nur deswegen im Namen, weil sie uralt sind, sondern weil sie auch menschliche Urerfahrungen schlechthin zum Ausdruck bringen. D.h. bei den Geschichten um die Erschaffung der Welt, von Adam und Eva, von Kain und Abel, von Noah und dem Turmbau zu Babel werden auch wir heute mit der abgründigen Realität unserer Welt konfrontiert, die oft mit dem Menschsein zu tun hat, aber auch mit einem Gott, der den Menschen so sein lässt und in seinen Reaktionen schon fast menschlich scheint.

Manche Theologen neigen dazu, Gewalttexte in der Bibel zu übersehen, weil sie nicht zu unserem Bild vom liebenden Gott zu passen scheinen. Die gefährliche und theologisch falsche Gegenüberstellung vom rächenden Gott des 1. Testaments und des liebenden Gottes des 2. Testaments kann zum Glück als Geschichte gesehen werden. Grundfrage bleibt: Wie gehen wir mit gewalttätigen Geschichten in der Bibel um?

Gedanken zur Nachhaltigkeit - mit Gewalt umgehen lernen
Der Theologe Jürgen Ebach hat sich ausführlich mit diesem Thema beschäftigt und sagt: Wenn wir davon ausgehen, dass die Bibel etwas mit der Realität der Menschen zu tun hat, dann darf auch die Realität der Gewalt nicht ausgeblendet werden.1) Die Gefahr besteht, bei Gewaltbeschreibungen als Darstellung von Faktizität diese als Norm zu verstehen. D.h. die Gewalt wird beschrieben, weil sie aus der menschlichen Wirklichkeit nicht ausgeblendet werden kann, diese Beschreibung darf aber nicht so missverstanden werden, dass sie die Gewalt als normativ voraussetzt oder gar als etwas Gottgewolltes gesehen wird. "Die Unterscheidung von Norm und Realität erweist sich für die biblischen Gewalttexte als grundlegend."2)

Die Geschichte von Kain und Abel erzählt von Gewalt, wie wir sie auch heute noch kennen, auch den Mord unter Geschwistern. Sie kann so dazu anregen, über das eigene Gewaltverhalten nachzudenken. Noch einmal Ebach: "Die Geschichte von Kain und Abel enthält viele Lehren über die Gewalt. Sie wird nicht nur nicht gebilligt, sondern wir werden darauf aufmerksam gemacht, wie sehr wir alle von eben der Gewalt profitieren, die wir doch moralisch ablehnen."3)

Interessant ist auch die Beobachtung, dass der Brudermord eine archetypische Geschichte der menschlichen Kultur zu sein scheint, wenn auch die Gründung eines des größten Reichs der Welt (Rom) Folge eines Brudermords ist.4) Wie oft ist eine gewaltsame Auseinandersetzung der Beginn von etwas Bedeutsamen, in vielen Fällen der Zivilisation. Scheinen wir Menschen keinen anderen Weg zu kennen?

Es geht in Gen 4,1-16 nicht um den einen Menschen Kain, sondern um die Menschen schlechthin. Darum ist sie in der Beschreibung der Realität ein Spiegel, in dem sich jeder einzelne erkennen kann.5)

Dtn 4,1-2.6-8 - kath. 1. Lesung

Exegetisches
  • Zusammenhang von Freiheit und Tora: "Die Mitzwot sind nicht Gängelung, sie sind die Kehrseite der physischen Befreiung, sind Freiheit."6)
  • Unterscheidung von Chukkim (Satzungen) und Mischpatim (Rechtsordnungen): "In Vers 5 (wie auch schon in Vers 1) wird zwischen zwei Formen von Gesetzen unterschieden: Chukkim (Satzungen) und Mischpatim (Rechtsordnungen). Gemäß jüdischer Interpretation sind diese Begriffe nicht synonym zu verwenden. Mischpatim umfasst diejenigen Gebote, die logisch und auch rational hergeleitet werden könnten. Anders verhält es sich mit den Chukkim. Dies sind jene Gebote, die keinen rationalen Grund haben und die wir nur deshalb befolgen, weil der Ewige sie uns geboten hat."7)
  • Kontextuelle Einordnung: Das Volk Israel hat seine lange Wüstenwanderung hinter sich, das gelobte Land liegt vor ihnen. Für dieses neue Leben, ein Leben in Freiheit und in der Liebe Gottes, schärft Mose seinem Volk die Wohltaten der Gebote und des Gesetzes ein. Es wird so etwas wie sein Vermächtnis, denn er selber wird nicht mit in das gelobte Land kommen. Aber durch die Gebote Gottes gibt er dem Volk Israel eine Orientierung für das zukünftige Leben.

    Text für Israel
    Der vorliegende Text ist ein Text an Israel, das Volk Gottes. Damit sind wir als Christinnen und Christen zunächst nicht gemeint. Wir haben eine Position als Zuschauer, als Zuhörer: Wir stehen neben dem Volk Israel und staunen mit den Völkern, die über Israel sagen: Was für ein herrliches Volk (V. 7), voll von weisen und verständigen Menschen (V. 6), die so gerechte Ordnungen und Gebote, die die Tora haben (V. 8). "In dieser Spannung zwischen Distanz und Nähe, zwischen den uns fremden jüdischen Wurzeln und unserem Dazugehören durch Jesus Christus (Eph 2,19) bewegen wir uns."8)

    Doch indem wir diesen Text nicht einfach vereinnahmen oder ihn gar als "Gesetzesreligion" abtun, können wir durch ein respektvolles Danebenstehen den Text neu entdecken.

    Nachhaltigkeit: Verantwortung übernehmen
    "Und nun höre, Israel, die Gebote und Rechte, die ich euch lehre, dass ihr sie tun sollt, au dass ihr lebt (...)" (V. 1) Diese Aufforderung an Israel ist von Gott nicht dazu gedacht, die Israeliten klein zu halten und ihnen ihre eigene Unvollkommenheit und Gottesbedürftigkeit vor Augen zu halten, sondern sie sind der Weg zum Leben, zu einem Leben, in dem der eine für die andere Verantwortung übernimmt, um Gottes Gerechtigkeit wirken zu lassen. Die Tora "spricht zu Erwachsenen, die (...) Verantwortung übernehmen für ihr Leben und Handeln. Verwundert können wir feststellen, dass die Gebote der Tora Gottes nichts mit Unfreiheit und Stress zu tun haben. Im Gegenteil: Sie sind hilfreiche Orientierung im Alltag, Weisung Gottes zu einem Leben in Freiheit, zu einem Verhalten, das durch Liebe und Gerechtigkeit im Umgang mit anderen gekennzeichnet ist. Wo die Schwachen einer Gesellschaft nicht auf herablassende Mildtätigkeit angewiesen sind, sondern zu ihrem Recht kommen, das ihnen von Gott aus zusteht. Wo es einen regulären Schuldenerlass gibt, damit über beide Ohren Verschuldete die reale Chance auf einen Neuanfang haben. Wer weiß schon, dass Errungenschaften wie die Menschenrechte, das Recht auf Asyl oder der moderne Sozialstaat in der Tora vorgebildet sind?!"9)

    Anne-Kathrin Kurse stellt weiter kritisch fest: "Hier öffnet sich eine Dimension, die in unserem christlichen Denken deutlich zu kurz kommt. Anders als die weitgehende Individualisierung des Glaubens in christlicher Frömmigkeit suspendiert die Tora nicht von ethischen Entscheidungen, die die Gemeinschaft, die Gesellschaft, politische Fragen betreffen. (...) Glaube hat mit Gemeinschaft, mit Gerechtigkeit und mit Liebe zum anderen zu tun.10)

    Und so ähnlich wie bei den 10 Geboten vor den konkreten Einzelgeboten die "Überschrift" steht: "Ich bin der der HERR, dein Gott" (Ex 20,2), und damit die Grundvoraussetzung geschaffen ist, den Geboten Sinn zu geben, genauso konsekutiv erwachsen die Gebote und das Gesetz in diesem Text aus der Nähe Gottes (V. 7). Gott ist seinem Volk nah - und deswegen kann und will es seine Gebote halten. Genauso wie das Volk Israel können auch wir uns von Gottes Liebe, für uns in Christus zum Greifen nah gekommen, zu einem Leben in der Gemeindeschaft in Liebe und Gerechtigkeit anstecken lassen. Mut zur Verantwortung!

  • Merle Vokkert

    1) Vgl. Jürgen Ebach, Nicht den Frieden, sondern das Schwert!?, Dokument: BIB_004_1764, 2. Ökumenischer Kirchentag München 2010, S. 3.
    2) Ebd., S. 3.
    3) Ebd., S. 8.
    4) Vgl. ebd., S. 8.
    5) Vgl. Urgeschichten. Oekumenischer Arbeitskreis Bibel, in: Bibelarbeit in der Gemeinde, Band 5, Zürich, Köln 1985, S. 118.
    6) Jonah Sievers, in: Staunen über die Tora. Arbeitshilfe zum Israelsonntag 2011,Texte 27, S. 8.
    7) Ebd., S. 8.
    8) Anne-Kathrin Kruse, in: Staunen über die Tora. Arbeitshilfe zum Israelsonntag 2011,Texte 27, S. 26.
    9) Ebd., S. 22.
    10) Ebd., S. 22.
    Wie sehr wir alle von der Gewalt profitieren, die wir doch moralisch ablehnen …
    Vokkert
    (© Wikimedia Commons)
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    Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 13. Sonntag nach Trinitatis /
    22. Sonntag im Jahreskreis | 2.09.12


    evang. Reihe IV:
    1 Mose 4, 1-16a
    kath. 1. Lesung:
    Dtn 4, 1-2.6-8
    kath. 2. Lesung:
    Jak 1, 17-18.21b-22.27
    kath. Evangelium:
    Mk 7, 1-8.14-15.21-23