Der Autor betrachtet alle Periopen des Sonntags. Stichworte zur Nachhaltigkeit: neue Ordnungen und Veränderungen wagen; lebensfeindliche Konventionen erkennen und unterlaufen; Abschied von Traditionen; Chancen erkennen, auch wenn sie sich anders als erwartet darstellen
Wie verändert sich die Welt, wenn Menschen Gott begegnen? Diese Frage steht im Mittelpunkt, sowohl des evangelischen 12. Sonntags nach Trinitatis als auch des römisch-katholischen 21. Sonntags im Jahreskreis:

"Am 12. Sonntag nach Trinitatis denken wir nach über die Veränderungen, die mit Jesus in diese Welt gekommen sind. Es wird uns deutlich, dass eine neue Zeit angebrochen ist, die aber noch nicht ihre Erfüllung gefunden hat. Darum leben wir in einer Spannung, die uns antreibt, alles zu tun, was dem Kommen des Reiches Gottes dient."   (www.daskirchenjahr.de) - "Das Wort Jesu ist lebendiges und heilendes Wort für den, der an die Person Jesu glaubt und ihm vertraut. Der Unglaube fängt beim Misstrauen an und endet im Verrat. Das Wort Jesu ist Geist und Leben: göttliches Leben für den, der es aufnimmt, in seinem Herzen bewahrt und liebend erfüllt." (Schott Messbuch)

Die Lese- und Predigtexte des Sonntags haben praktisch alle mit solchen Veränderungen zu tun. Lebensgewohnheiten und Lebenszusammenhänge geraten durcheinander oder werden neu geordnet.

Die Problematik einer Rede von göttlichen Ordnungen der Welt

Gerade der deutsche Protestantismus hat mit der Rede von Gott gewollten "Schöpfungsordnungen" schlimme Erfahrungen machen müssen. Es war die Schöpfungsordnungstheologie der Erlanger Schule des 19. Jahrhunderts, die protestantische Theologen so anfällig gemacht hat für die nationalsozialistische Rassenideologie. Die Lesungstexte des heutigen Sonntags machen deutlich, dass Ordnungen immer etwas relatives und damit veränderbar sind. Gegenüber dem Verweis auf biologische oder gottgegebene Grundordnungen des Zusammenlebens ist daher stets theologische Skepsis und Rückfrage angebracht.

Christus relativiert die hergebrachte Ordnung (Eph 5,21-32)

In der römisch-katholischen Lesereihe begegnet mit der sog. "christlichen Haustafel" ein Text aus der Paulusschule, der in der feministischen Theologie eindeutig zu den "texts of terror" gezählt wird, zu den Texten also, die aus der Perspektive einer Emanzipationsbewegung nur "gegen den Strich" gelesen werden können. Dies ist insofern nachvollziehbar, als Eph 5, 21-32 tatsächlich durch die Kirchengeschichte hindurch immer wieder als locus classicus für die Unterordnung der Frau und die theologische Rechtfertigung einer patriarchalen Gesellschaftsordnung gebraucht worden ist.

Vergleicht man die Aussagen des Epheserbriefes allerdings mit den in seiner Zeit allgegenwärtigen Tugend- und Haustafeln, dann wird schnell deutlich, dass selbst dieser Text nicht die Bewahrung der althergebrachten Ordnung, sondern ihre Veränderung im Blick hat. Signifikant anders nämlich ist, dass die hier vorliegende Haustafel streng genommen von der wechselseitigen Unterordnung von Mann und Frau spricht (v.21). Zwar bleiben die Aussagen zunächst im traditionellen Bild, nach dem der Mann das Haupt der Frau ist. Indem der Autor aber diese Beziehung dann mit dem Bild von Christus als dem Haupt der Gemeinde parallelisiert, macht er deutlich, dass diese Überordnung keinen Besitz- oder Herrschaftsanspruch des Mannes gegenüber der Frau bedeuten kann. Vielmehr findet sich in den Versen 25 ff. ein deutlicher Appell an die Männer, der unter Verweis auf die Liebe und absolute Hingabe Christi für die Gemeinde darin gipfelt, dass die Männer die Frauen lieben sollen wie sich selbst. Unter dem gemeinsamen Haupt Christus sind Mann und Frau so letztendlich ebenbürtig und gleichwertig.

Das Lebensfeindliche der tradierten Ordnung wird so auf Christus hin aufgebrochen, ohne dass die Konvention freilich grundsätzlich in Frage gestellt wird.

Die Lebensfeindlichkeit von Konventionen durchbrechen

Radikaler geschieht diese Durchbrechung in der Geschichte von der Heilung eines von Geburt an Gelähmten (der evangelische Predigttext Apg 3,1-12). In der antiken Gesellschaft hatte die Armen- und Krankenfürsorge im Vorhof des Tempels ihren festen Platz. Für viele Familien der Unterschicht war ein blindes oder gelähmtes Familienmitglied sogar ein gewisser Segen, weil es der Familie ein sicheres Einkommen durch die Almosengaben am Tempel bescherte. Vermutlich liegen wir daher nicht falsch, wenn wir davon ausgehen, dass es sich bei den Menschen, die den Gelähmten in den Tempelvorhof bringen, um Familienangehörige handelt. Der Mann selber kennt seit seiner Kindheit sicher keine andere Situation: seine Familie bringt ihn zum Tempel, dort bittet er um die Almosengaben der Gläubigen, die diese auch gerne und reichlich geben, und am Abend holt ihn seine Familie wieder nach Hause. Wahrscheinlich fühlt er sich auf diese Weise sogar sehr nützlich für die Familie, da er ja zu einem gesicherten Einkommen beiträgt.

Hierbei handelt es sich übrigens um eine Situation, wie sie durchaus nicht nur in der Antike gegeben war, sondern auch heute noch insbesondere in Ländern der Zweidrittelwelt zu erleben ist. Der preisgekrönte Spielfilm "Slumdog Millionär" schildert in einigen Passagen sehr anschaulich, wie Versehrte zur wertvollen Ware (gemacht) werden. Selbst wenn der Gelähmte von den Werken Jesu und seiner Jünger gehört und Petrus und Johannes als zu diesem Kreis gehörig erkannt hat, kann es also durchaus sein, dass er von ihnen gar nicht mehr will als das für seine Familie und ihn wirtschaftlich willkommene Almosen.

Für Petrus und Johannes aber sind Krankheit und Versehrtheit Dinge, die dem Leben in Fülle entgegen stehen, das Jesus verheißen hat. Für Petrus ist das Almosen daher keine angemessene Haltung dem Gelähmten gegenüber. Die Macht des neuen Lebens, das an Ostern in die Welt gekommen ist, soll nun vielmehr auch an dem Gelähmten sichtbar werden. Für den Mann bedeutet das von einem Moment auf den anderen den kompletten Abschied von allen bis dahin lieb gewordenen Konventionen. Im Gegensatz zu der Heilung des Blindgeborenen im Johannes-Evangelium (Kap. 9) erfahren wir hier nicht, wie die Familie auf die Heilung reagiert. War sie tatsächlich auf den Beitrag zum Lebensunterhalt durch die Almosen angewiesen, so können wir aber durchaus damit rechnen, dass hier das Entsetzen die Freude überwiegt.

Der Gelähmte selber freilich scheint die neuen Perspektiven, die sich ihm durch die Heilung auftun, sehr schnell erfasst zu haben: Mit den Aposteln zusammen läuft er im Tempel umher und lobt die Herrlichkeit Gottes.

Abschied von vertrauten Traditionen - um Gottes und des Lebens der Zukunft willen (Jos 24)

Das Josua-Buch lässt sich als die Geschichte der Volkwerdung Israels beschreiben: der Sklaverei in Ägypten entkommen, nach langer Zeit der Wanderung werden die Menschen im Land jenseits des Jordan sesshaft. Verschiedene Stämme mit verschiedenen Traditionen beginnen, ein Volk zu werden. Unserer Perikope macht deutlich, dass zu den Traditionen dieser Stämme offenbar auch verschiedene Gottheiten gehörten. Exegetisch ist dies ein äußerst interessanter Hinweis darauf, dass die Staatenbildung Israels traditions- und religionsgeschichtlich keineswegs so geradlinig mit dem Exodus aus Ägypten verbunden ist, wie dies in der Endredaktion der geschichtlichen Bücher des alten Testamentes den Anschein hat. Vielmehr war die Exodus-Tradition und mit ihr die Vorstellung von JHWH als dem Befreier wohl stark mit einer Gruppe im neuen Volk bzw. einem der Stämme verbunden.

Josua macht sich daher am Ende seines Wirkens noch einmal zum Anwalt dieser Exodus-Tradition: In der Erfahrung von Sklaverei und Befreiung erst sei das Volk zu dem geworden, was es heute ist, an dieser Erinnerung müsse der junge Staat festhalten, wenn seine Zukunft gelingen soll. Mit dieser Erfahrung des Exodus ist aber JHWH als der Befreier unmittelbar verbunden, so dass die Exodus-Tradition als "Leitkultur" anzunehmen für Josua notwendigerweise auch bedeutet, JHWH als den einzigen Gott zu bekennen.

Anders als in der "Leitkultur"-Debatte der vergangenen Jahre fordert Josua aber nicht einfach ein ultimatives Bekenntnis zu dieser Exodus-Leitkultur. Er fordert "nur" eine klare Entscheidung - und weist in den Zeilen nach unserer Perikope auf die Risiken, Nebenwirkungen und Konflikte hin, die mit solch einem "clash of cultures" verbunden sein können.

Wenn wir der - zweifelsohne wieder im Sinne der Endredaktion der Geschichtsbücher "geschönten" - Argumentation des Textes folgen, dann wenden sich die in Sichem versammelten Stämme von den Göttern ihrer Väter ab und dem JHWH-Glauben zu, weil sich Exodus-Tradition und JHWH-Glaube in den Zeiten der Staatswerdung bewährt haben: "JHWH, unser Gott, hat uns und unsere Väter aus Ägyptenland geführt, aus der Knechtschaft, und hat vor unseren Augen diese großen Zeichen getan und uns behütet auf dem ganzen Wege (…)." (v.17). Mit dieser Erfahrung, die von nun an als kollektive Erfahrung und Erinnerung des ganzen Volkes weiter gegeben wird, verbindet sich die Hoffnung, dass JHWHs Schutz auch in Zukunft erhalten bleibt.

In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche - wie sie mit der Staatswerdung Israels gegeben sind - braucht es offenbar eine starke kollektive Identität oder starke kollektive Grundüberzeugungen, um diese Umbrüche gestalten und bewältigen zu können. In den USA hat sich in diesem Zusammenhang über lange Zeit das Phänomen der "civil religion" herausgebildet: kollektive, quasi-religiöse Grundüberzeugungen, die über Rassen- und Religionsgrenzen hinaus die kollektive Identität "Amerika" begründen. In Deutschland haben wir nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima erlebt, wie sich die starke kollektive Grundüberzeugung in der Bevölkerung gebildet hat, dass die (Rest-)Risiken der Atomkraft kollektiv und individuell nicht zu verantworten sind. Nur so konnte der beschleunigte Ausstieg aus der Nutzung der Atomkraft, wie er ja bereits Anfang des Jahrtausends einmal beschlossen war, nun gesellschaftlich umgesetzt werden.

Strukturen der Nachhaltigkeit finden

Mit dem Ende des fossilen Zeitalters sind Umbrüche verbunden, deren Reichweite wir bis jetzt oft noch gar nicht abschließend beurteilen können. Menschen sind verunsichert darüber, wie die Zukunft aussehen wird, Menschen haben Angst, liebgewonnene Gewohnheiten aufzugeben und Neues zu wagen.

Die Texte des Sonntags können jeder auf seine Weise dazu anregen, über Strukturen der Nachhaltigkeit nachzudenken: Rahmenbedingungen und Formen des Zusammenlebens, die lebenswertes Leben für alle Geschöpfe auch in Zukunft ermöglichen. Ziel der Predigt sollte dabei sein, jeweils die Chancen deutlich zu machen, die in der Veränderung liegen. JHWH, der Befreier und Gott allen Lebens hat durch alle Zeiten hindurch dazu beigetragen, dass Leben gelingt und eine gute Zukunft hat. Als Christinnen und Christen können wir Veränderungen in der Zuversicht gestalten, dass dies auch heute noch gilt.
Wolfgang Schürger
Es braucht starke Grundüberzeugungen zum Abschied von vertrauten Traditionen …
Dr. Schürger
(© Wikimedia Commons /Chrischerf)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 12. Sonntag nach Trinitatis /
21. Sonntag im Jahreskreis | 26.08.12


evang. Reihe IV:
Apg 3, 1-10.(11-12)
kath. 1. Lesung:
Jos 24, 1-2a.15-17.18b
kath. 2. Lesung:
Eph 5, 21-32
kath. Evangelium:
Joh 6, 60-69