Der Verfasser der heutigen Predigtanregungen geht auf alle Perikopen des Tages ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Gnade und Umkehr, auch im Sinne von nachhaltiger Entwicklung, bedingen sich (Jes 62), Gott stärkt uns, fordert dann aber den Aufbruch (1 Kön 19); immaterielle Nachhaltigkeit statt Ausbeutung von Natur und Menschen (Eph 4); sein statt haben (Joh 6)
Zum Predigttext Jes 62,6-12:

Gott in den Ohren liegen
Zunächst: die Verheißung gilt dem aus dem Exil zurückkehrenden Volk Israel.

Die Predigttext ist der Text des "Israel-Sonntags". Christliche Vereinnahmung wäre blamabel. Aber auch die Christenheit kann etwas aus dieser Verheißung lernen: Gottes Treue ist größer als sein Zorn über Ungerechtigkeit und Korruption. Dies kommt schon in Gen 9,10 zum Ausdruck in dem Bund, den Gott dort mit der gesamten Menschheit schließt und sich darin selbst zur Nachhaltigkeit verpflichtet.

Eine Predigt über Jes 62,6-12 sollte nicht ohne Erinnerung an den Vers 2 gehalten werden. Wiederherstellung des Volkes auf angestammtem Gebiet, Wiederaufbau eines geplünderten und verwüsteten Landes und Rehabilitation Israels vor der Völkerwelt werden verbunden mit dem Ruf vom Anfang. In Dtn 6,17f, zeitgeschichtlich und situativ dem "Dritten Jesaja" nahe, heißt es sinngemäß: Treue zur Torah und nachhaltiges Wohlergehen stehen in einem Bedingungsverhältnis. (Vgl auch Dtn 7,12ff, Jes 32,15ff, Joh 2,23ff!)

Dass Gott in seiner schöpferischen Treu neue Anfänge ermöglich, ist ein Grund zu großem Dank und zu großer Freude. Aber ohne Umkehr, ohne Metanoia auch im Umgang mit der Natur, wird die Gnade pervertiert.

Wächterin zu sein, ist auch der Kirche Jesu Christi geboten, Gott in den Ohren liegen wie die bittende Witwe, dass er/sie sich uns wieder zuwendet, und gleichzeitig auch das "Wächteramt" im gesellschaftlichen und politischen Bereich wahrzunehmen, wie es in der Tradition der Bekennenden Kirche heißt, sind die zwei Seiten des einen Auftrags.

Zur 1. Lesung 1. Kön 19, 4-8

"…ich bin nicht besser als meine Väter"
Elia, der Priesterschlächter auf dem Karmel, ein Prototyp eines Fundamentalisten, verfällt auf der Flucht vor der rachelüsternen Isebel in einsame Depression. Immerhin nimmt er noch den Schatten eines Ginsterbusches in Anspruch. Aber er wünscht sich den Tod. Er ist am Ende des Lateins wegen der Erkenntnis: "denn ich bin nicht besser als meine Väter." Die Antwort auf seine Depression ist die Aufforderung eines Engels, zu essen - Brot und Wasser zu genießen, um zu neuem Leben zu erwachen und stark für einen neuen Auftrag zu werden. Auch in diesem Text ist Nachhaltigkeit zuerst und zunächst ein Geschenk Gottes, dass wir dankbar annehmen sollen. Bevor wir nachhaltig handeln, muss Gott uns stärken mit seinen guten Gaben und gebieten, das Leben mit allen seinen Schattierungen wieder zu lieben. Elias "Alles oder Nichts"-Phantasie ist mörderisch wie die aller Fundamentalisten. Er handelte, wie aus dem Text ersichtlich, in seinem Schlächteramt nicht im Auftrag und Dienst Gottes. Auch Öko-Fundamentalismus kann nach hinten losgehen, weil Menschen nun einmal Angst vor Fundamentalisten haben.

Zur 2. Lesung Eph 4, 30 - 5, 2

Hingabe in der Nachfolge Jesu Christi ist wie kostbares Parfum - nicht aufdringlich, sondern beschwingend
Zum zeitgeschichtlichen Kontext: der Epheserbrief ist nicht, wie oft behauptet, eine seelsorglich abgewogene Spätschrift, deren Anlass man nicht identifizieren kann, sondern, wie Dr. Eberhard Faust in seiner Dissertation "Pax Christi et Pax Caesaris" minutiös nachgewiesen hat, in jeder Zeile eine Kritik und Gegenansage gegen den augusteischen Kaiserkult, den Vespasian wieder belebte und mit einem blutigen Sieg über die jüdische Ökumene im Reich besiegelte. Das Zentrum des jüdischen Lebens, der Tempel, wurde nach langer Diskussion auf Geheiß des Kaisers aus programmatischen Gründen zerstört. Der Brief ist also mit großer Wahrscheinlichkeit in den 70er Jahren des 1. Jahrhunderts n.Chr. geschrieben worden.

Gegen die Zügellosigkeit und die Habsucht der "heidnischen" Welt (vgl 5, 3-11!) wird zu einem Wandel in Vergebungsbereitschaft, Liebe und Hingabe aufgerufen. Der in den Versen 3-18 enthaltene Lasterkatalog mutet zunächst moralin-sauer und individualethisch an. Habsüchtige (V 5) sind Götzendiener. Diese Thema kommt dann in deutlicher Form in Jak 4 und 5 und in Offb 13,11-18 zum Ausdruck. Es geht um Ausbeutung von Natur und Menschen. Die ökologischen Schäden in der Kaiserzeit durch intensiven Schiffs- und Bergbau waren beträchtlich. Der Grund des Übels liegt im Wahn, selbst Herr der Schöpfung sein zu wollen.

Aber es gibt auch eine immaterielle Nachhaltigkeit, die notwendig zum Erhalt des Lebens ist: Güte, Barmherzigkeit, Vergebungsbereitschaft, Opferbereitschaft in hingabevoller Liebe. Wir wissen, dass diese immaterielle Nachhaltigkeit auch ohne Habsucht und Konsumrausch das Leben lebenswert macht.

Zur Evangeliumslesung Joh 6, 41-51

"Ich bin das Brot des Lebens" oder: "Wes´ Brot ich ess´, des´ Lied ich sing"
Der Evangelist Johannes wird wohl mit Bedacht zur Kennzeichnung der Bedeutung Jesu Christi Metaphern aus unserem Lebensalltag genommen haben: Licht, Tür, Weg, Wahrheit. Hier das Brot, mehr noch als bei uns heute Grundnahrungsmittel im Orient. Die Apostrophierung steht in der Manna-Tradition, überbietet sie aber gleichzeitig. "Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben." Wer sich Christus, das lebendige Brot vom Himmel, einverleibt, hat ewiges Leben, d.h. erfülltes Leben in unentfremdeter Gemeinschaft mit Gott. Durch Christus werden wir im umfassenden und positiven Sinne lebenssatt.

Abgesehen von dieser polemischen Auseinandersetzung, die wir nur durch den gesellschaftlichen Kontext der johanneischen Gemeinden verstehen können (vgl. den Johannes-Kommentar von Klaus Wengst!), ist dieses Not wendende Brot, sei es nun das Manna oder die Hingabe Christi an eine entfremdete Schöpfung, eine unverfügbare Gabe Gottes. Sie steht im Kontrast zur Konsumgesellschaft, die ewiges Leben vermeintlich aus dem Haben zu gewinnen denkt. Nachhaltigkeit auch hier, wie im Epheserbrief, ist ein Leben ohne Gier und Besitzstandswahrung. Nachhaltiges Leben ist Frucht göttlicher Hingabe und menschlicher Dankbarkeit. Sein statt Haben!

Wilfried Neusel, Bonn
Versprechen, Pflicht, Treue und Nachhaltigkeit …
Neusel
(© Wikimedia Commons/Merlin)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 10. Sonntag nach Trinitatis /
19. Sonntag im Jahreskreis | 12.08.12


evang. Reihe IV:
Jes 62, 6-12 od.
Jes Sir 36, 13-19
kath. 1. Lesung:
1 Kön 19, 4-8
kath. 2. Lesung:
Eph 4, 30 - 5, 2
kath. Evangelium:
Joh 6, 41-51