Die Autorin betrachtet zunächste ausführlich die ev. Predigtperikope und geht dann kurz auf die Perikopen der kath. Leseordnung ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: nicht alles, was erlaubt ist, dient zum Guten - ein Plädoyer für eine kritische Selbstsicht der vorhandenen Möglichkeiten (1 Kor 6); keine Angst vor der eigenen Stärke, sie gibt Anderen Orientierung, auf die eigene Selbstwirksamkeit vertrauen, nicht die Abhängigkeit anstreben
Evangelischer Predigttext 1 Kor 6, 9-14.(18-20)

Der bekannteste Satz dieses Predigttextes ist sicherlich "Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten." (V. 12). Die Frage, ob man nun hier von Paulus wirklich die Erlaubnis zu allen Taten und Handlungen erhält, wurde und wird viel diskutiert. Norbert Baumert schlägt folgende Übersetzung vor:
"12 ‚Alles steht mir zur Verfügung' - aber nicht: ‚alles hilft'. ‚Alles steht mir zur Verfügung' - aber nicht: ‚über mich persönlich soll verfügt werden von irgendjemandem'. 13 Die Speisen (stehen zur Verfügung) dem Bauch und der Bauch den Speisen; Gott aber macht gewiss diesen und diese unschädlich. Der Leib jedoch (steht zur Verfügung) nicht dem Verkehr mit der Dirne sondern dem Herrn, und der Herr (verfügt über und steht in Beziehung) zu dem Leib. ... 20 ... Lasst also Gottes Herrlichkeit und Glanz in eurem Leibe aufstrahlen!"

Es geht hier Paulus nicht primär darum, dass alles an Handlung erlaubt ist, sondern dass alle Objekte der Welt zur Verfügung stehen. Ich darf damit umgehen. Ich darf sie ausprobieren. Ich darf Fehler machen und erkennen, dass nicht alles hilft.

Damit wird eine interessante Unterscheidung möglich: Ich darf mit den Objekten ausprobieren, aber nicht: Ich darf an Menschen ausprobieren. Auch nicht an mir selbst, meinem Leib, dem Leib anderer. Und auch: Niemand darf über mich verfügen und an mir ausprobieren, ob "etwas" nützt. Wenn ich in den Augen eines anderen zum Objekt werde, ist das wohl eine der schlimmsten Demütigungen, die man erleben kann. Die Grenze ist immer da, wo andere Lebewesen zu Objekten werden. Wenn andere nicht in ihrer Lebendigkeit und Gottebenbildlichkeit wahrgenommen werden.

Die beiden anschaulichsten Beispiele sind für Paulus hier eben das Essen und die Sexualität. Die intensivsten Formen von Einverleiben und nach innen holen. Das kann lebenswichtig und nährend sein - oder auch zerstörerisch, aggressiv und letztlich den Tod des Ver-objektierens sterben lassen.
  • Lebe ich in liebevoller Beziehung mit meinem Leib, meinen Bedürfnissen, meinem Verlangen nach Nahrung, nach Berührung, nach Zärtlichkeit? Oder wird mein Körper für mich selbst zum Objekt, den ich formen und gestalten will - mit Gewalt und Objekt-blick?
  • Wird in der sexuellen Begegnung die oder der andere zum Objekt, das mich befriedigt oder befriedigen soll - oder bemühe ich mich um lebendigen Austausch?
  • Bin ich meinen Bedürfnissen nah ... oder will ich sie beherrschen? Mache ich mich selbst zu meinem eigenen Objekt?
  • Wenn ich meinen Leib Gott zur Verfügung stelle, mich selbst in meinem Körper als Verherrlichung Gottes begreifen lerne ... welche Bilder von mir und meinem Körper könnte ich verabschieden? Was müsste ich alles nicht mehr denken und tun? Zu klein, ungenügend, zu schlaff, zu groß, zu fett, etc. würden jeden Sinn verlieren...

    Aufmerksamkeit
    Gesegnet seist Du, In deinen Schritten der Achtsamkeit,
    Die dich immer mehr dich selbst werden lassen.

    Gesegnet seist Du, In deiner Aufmerksamkeit
    Aus deiner Mitte heraus | Mitzugestalten an einer zärtlichen Welt.

    Gesegnet seist Du Im Verbinden von Himmel und Erde
    Indem Du in dir selbst Das Helle und das Dunkle verbindest

    Gesegnet seist Du Im Weitersagen der Sehnsucht
    Die dich jeden Tag Das Geschenk des Lebens erfahren lässt.

    Literatur: Norbert Baumann, Sorgen des Seelsorgers, Übersetzung und Auslegung des ersten Korintherbriefes, Würzburg 2007.
    Hilfreich für diesen so bekannten Text sind ungewöhnliche Übersetzungen z.B. Bibel in gerechter Sprache oder die Volx-Bibel (Martin Dreyer).

    Katholisch Lesejahr B: 1. Lesung 2 Kön 4, 42-44, 2. Lesung Eph 4, 1-6, Evangelium Joh 6, 1-15

    Die erste Lesung und das Evangelium erzählen von wunderbaren Speisevermehrungen. Wenn auch altbekannt, der Gedanke, "dass genug da ist, wenn jeder teilt, was er hat", bleibt faszinierend. Und auch dass diese intensiven Momente, in denen Essen und Leben geteilt wird, voll sind von der Anwesenheit Gottes. Aber leider eben auch immer wieder die Erfahrung, dass diese Momente vergänglich sind und dass Jesus sich sofort entzieht, als die Menge ihn zum König machen will. Er verweigert sich, als die Menge ihm die Verantwortung und die Autorität und die Macht in die Schuhe schieben will, die sie doch eben noch selbst unter sich geteilt erfahren hat. Sie wollen sich lieber abhängig machen, als auf ihre Selbstwirksamkeit zu vertrauen - die Jünger wie die Volksmenge stoßen immer wieder an diesen Punkt.

    In einer Kathedrale in Frankreich las ich den Satz: "Die Säulen sind so hoch, damit jeder, der sie sieht, sich immer daran erinnert, zu welcher Größe Gott die Menschen berufen hat." Wenn wir uns doch dauerhaft trauen würden, groß und mächtig zu sein!

    Unsere Angst
    Unsere größte Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind.

    Unsere grösste Angst ist, dass wir über alle Massen stark sind.
    Unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, macht uns am meisten Angst.
    Wir fragen uns, wer bin ich, brilliant, grossartig, talentiert und fabelhaft zu sein.

    Aber eigentlich, wer bist du, dies nicht zu sein?
    Du bist ein Kind Gottes. Dein dich klein machen dient der Welt nicht.
    Nichts ist daran aufgeklärt so zu schrumpfen, dass sich andere in deiner Nähe unsicher fühlen.

    Wir wurden geboren, die uns
    Innewohnende Herrlichkeit Gottes sichtbar zu machen.
    Sie ist nicht nur in einigen von uns, sie ist in uns allen.

    Und wenn wir unser eigenes Licht scheinen lassen,
    geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, das Gleiche zu tun.

    Wenn wir uns von unserer Angst befreien,
    befreit unsere Gegenwart automatisch andere.

    Antrittsrede 1994, Nelson Mandela

  • Dr. Katrin Brockmöller
    Wunderbare Speisevermehrung durch Frieden, Gerechtigkeit …
    Dr. Brockmöller
    (© GTZ/Markus Kirchgessner)
    zurück zur Übersicht (KJ 2011/12)

    Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 8. Sonntag nach Trinitatis /
    17. Sonntag im Jahreskreis | 29.07.12


    evang. Reihe IV:
    1 Kor 6, 9-14.(18-20)
    kath. 1. Lesung:
    2 Kön 4, 42-44
    kath. 2. Lesung:
    Eph 4, 1-6
    kath. Evangelium:
    Joh 6, 1-15