Der Verfasser betrachtet alle Perikopen der evangelischen und katholischen Leseordnung. Den Evangeliumstext Mk 6, 33-34 betrachtet er gemeinsam mit der anschließenden ersten Brotvermehrung Mk 6, 35-44, da sie theologisch zusammen gehören.
Phil 2, 1-4: Eins in lebendiger Vielfalt

Paulus schreibt seiner Lieblingsgemeinde im griechischen Philippi. Unsere vier Verse sind ein einziger Aufruf, die Einheit der Gemeinde zu wahren: "eines Sinnes" sollen sie sein, "gleiche Liebe" haben, "einmütig und einträchtig" sein, fordert er die Gemeindemitglieder auf (Vers 2). Offenbar bedrohen innere Spaltungen die Gemeinschaft. Es geht wohl um Konflikte aus Eigeninteressen und Gemeinschaftsansprüchen: "Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient" (Verse 3 u. 4).

Die Auseinandersetzungen schaden der Gemeinde - nach innen und außen, sie bedrohen ihre Einheit und ihr lebendiges Zusammenspiel. Und: die Dynamik ihres Wachstums. Denn die innere Einheit, das Einssein der Jünger, das nach außen in die Welt hinausstrahlen soll, ist doch geradezu Voraussetzung, dass die Welt glaubt (Joh 17, 21). Leidenschaftlich ruft deshalb Paulus schon im vorhergehenden Abschnitt seine Brüder und Schwestern auf, als Gemeinde so zu leben, wie es dem Evangelium Jesu Christi entspricht: "Wandelt nur würdig des Evangeliums Christi, damit - ob ich komme und euch sehe oder abwesend von euch höre - ihr in einem Geist steht und einmütig mit uns kämpft für den Glauben des Evangeliums" (Phil 1, 27). Und Vers 1, eine trinitarische Formulierung, in der für den Vater die Liebe steht, konkretisiert dies weiter: Lebt in der Gemeinde das innertrinitarische Liebesspiel Gottes! Seid eines Sinnes, wie es Gott in sich selbst ist: Seid Eins in lebendiger Vielfalt!

Das Wort Demut ist für uns schwierig geworden. Es steckt darin Demütigung, Kleinmachen, Verachtung, ja Selbstverachtung. Das ist damit aber nicht gemeint. Paulus kritisiert Egoismus, Eigennutz, "Ehrgeiz" und "Prahlerei", wie man in der Einheitsübersetzung lesen kann, das hochmütig Sich über andere Setzen. Demut dagegen ist die Haltung, mich in meiner Wahrheit zu sehen, d.h. auch im Kontext meiner Umwelt. Ich muss die Originalität meiner Persönlichkeit wahrnehmen, meine Begabungen und Stärken, die fruchtbar werden wollen in der Gemeinschaft, aber auch meine Grenzen und Schwächen, die auszuhalten oder zu überwinden ich die Hilfe der anderen, der Gemeinschaft brauche. Demut heißt, mich realistisch als Einzel- und Gemeinschaftswesen zu sehen, meine berechtigten Ansprüche wahrzunehmen und meiner Verantwortung für das Ganze meiner Mitwelt, für Mensch und Schöpfung nachzukommen.

Wenn Paulus schreibt, ich solle den andern höher als mich selbst achten, dann meint er nicht, dass der andere über mir steht, sondern, das ich ihm eine Aufmerksamkeit, eine Zuwendung schenke, in der Achtung, ja Nächstenliebe erfahrbar wird. Wenn ich ganz bei mir bin, in meiner Wahrheit stehe, kann ich mich ganz sein lassen, ohne mich zu verlieren, und mich dem anderen öffnen. In diesem Sinne wird der andere für mich das Wichtigste, achte ich ihn höher als mich selbst.

In Vers 4 heißt es: "und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient." Die Einheitsübersetzung akzentuiert etwas anders: "Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen." Das Meine ist mir wichtig, und das darf es, muss es sein. Ich muss meine Wahrheit finden und leben. Es geht aber um den Kontext des Ganzen, der Gemeinschaft, in die ich gestellt bin, ohne die ich nicht Mensch sein, Mensch werden kann. Es ist unerlässlich, mich selbst immer im Bezug "auf das, was dem anderen dient" zu sehen. Profan ausgedrückt: Es geht um Rechte und Pflichten! Das Gleichgewicht von Individualinteressen und Gesellschaftsansprüchen, um Personalität und Gemeinwohl, wie es die christliche Gesellschaftslehre ausdrückt.

Paulus benutzt an anderer Stelle für die Gemeinde und ihr vielfältiges Leben und Beziehungsspiel das Bild des Organismus (1 Kor 12, 12-27): Wenn ein Teil leidet, dann leiden die anderen Teile mit. Das bedeutet im heutigen Verstehenshorizont: Menschenwürde und Menschenrechte kommen allen Gliedern der Gesellschaft zu, Menschenwürde und Menschenrechte sind unteilbar!

Freiheit ist immer die Freiheit aller, nicht nur meine Freiheit, sondern auch die Freiheit des anderen. Wenn der andere unfrei ist, ihm Freiheitsrechte vorenthalten werden, ist auch meine Freiheit nicht vollkommen, sondern beschädigt. Solange Freiheit nicht für alle gilt, ist meine immer bedroht. Auch meine Würde ist berührt, wenn der andere entwürdigt wird durch Formen von Gewalt und Verachtung. Es betrifft auch mich, wenn afrikanische Menschen verzweifelt in nicht seetüchtigen, überfüllten Booten über das Meer nach dem "Paradies Europa" flüchten und dabei ihr Leben riskieren, in der Hoffnung, hier Arbeit und Brot zu finden. Es betrifft auch uns - und im demokratischen Verfassungsstaat sind wir dafür verantwortlich -, wie man sie behandelt, als Menschen mit gleicher Würde und gleichen Rechten oder als illegale Kriminelle, die man in Lager wegsperrt, um eine Teilhabe am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben unserer reichen Welt zu verhindern. Es beschädigt auch mein Heimatrecht, meine Religionsfreiheit, wenn Menschen um ihres religiösen Bekenntnisses willen aus ihrer Heimat vertrieben werden. Es betrifft auch mein Recht auf freie Meinungsäußerung und Religionsausübung, wenn Menschen, z.B. Muslime, aufgrund ihres Glaubens diskriminiert werden. Es betrifft auch uns, wenn der Staat Formen des Rassismus ausübt und Menschen, z.B. Sinti und Roma, aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit schikaniert oder - wie in Frankreich - in angebliche Ursprungsländer verschiebt. Und es betrifft uns, wenn wir Menschen das Asylrecht verweigern, sie als "Wirtschaftsflüchtlinge" diffamieren und in ihre Not zurückschicken, damit unser Wohlstand und sozialer Friede aufrecht erhalten werden können. Und es betrifft uns, wenn Menschen aus Bosnien-Herzegowina, die wir während des Balkankrieges in den 90er Jahren aufgenommen, die hier Heimat gefunden und Wurzeln geschlagen haben, wieder in ihre Herkunftsländer zurückschicken, wo sie fremd sind und keine Zukunftsperspektiven haben.

Unsere Gesellschaft ist gespalten. Um meiner Würde willen, um meines Menschseins willen, bin ich aufgerufen, mich für die Überwindung dieser Spaltung einzusetzen, d.h. für die Würde und Menschenrechte des anderen. Das Ausgrenzen von Menschen ist das Gegenteil von Eintracht, von Einheit, von Eines-Sinnes-Sein. Und wir spüren, dass uns das selbst beschädigt, ganz tief, auch in unserer Seele. Wir stehen in der Spur und Nachfolge Jesu, wenn wir gerade den Armen als unseren Bruder sehen, der seine Arme zu uns ausstreckt, auch der Arme am Horn von Afrika, wo derzeit aufgrund einer gewaltigen Dürrekatastrophe und jahrzehntelangem Bürgerkrieg 12 Millionen Menschen hungern und vom Tod bedroht sind.

Wir brauchen Versöhnung in unserer Gesellschaft, in der die Achtung eines jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit oberste Maxime ist. Versöhnung ermöglicht "einträchtige Vielfalt", ein Einssein in lebendigem Austausch, der alle geistig, geistlich, menschlich bereichert, mehr Mensch werden lässt. Und die Kirchen müssen hier vorangehen: Wie kann ich am Tisch des Herrn teilhaben, an der Fülle des Lebens Gottes, das Er mir im "Brotbrechen" schenken will, wenn ich andere davon ausschließe?

Jer 23, 1-6 (8): Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen

Zu den messianischen Verheißungen der Propheten gehören ganz zentral soziale und sozialpolitische Perspektiven: Der Name des Messias "Der Herr ist unsere Gerechtigkeit" bezieht sich auf konkrete soziale und politische Missstände im israelitischen Staat zur Zeit Jeremias, die durch den geweissagten Messias überwunden werden. Die Sozialbotschaft oder Soziallehre ist überhaupt Kennzeichen der prophetischen Verkündigung. Es geht immer um den konkreten Menschen, seine konkrete Lebenssituation, in die hinein Jahweh spricht, in die hinein Er sein Leben, seinen Leben schaffenden Geist ergießt: Gott will, dass der Mensch lebt. Eben nicht in einem abstrakten Sinne oder als Jenseitsvertröstung, sondern jetzt, hier und heute, im alltäglichen Alltag. Dort findet das Abenteuer des Glaubens, das Abenteuer der Gottesbegegnung, das Abenteuer der Menschwerdung statt.

Jeremia (*645, gest. nach 587 v.Chr.) klagt vehement das politische und soziale Versagen der israelitischen Machtelite an. Sein Wort gegen die Führungsschicht ist Anklage Jahwehs selbst. Jahweh macht sich zum Anwalt der Armen: "Ihr habt meine Schafe zerstreut und versprengt und habt euch nicht um sie gekümmert. Jetzt ziehe ich euch zur Rechenschaft wegen eurer bösen Taten - Spruch des Herrn. Ich selbst aber sammle den Rest meiner Schafe aus allen Ländern, wohin ich sie versprengt habe. Ich bringe sie zurück auf ihre Weide; sie sollen fruchtbar sein und sich vermehren" (23, 2f). Der Messias wird soziale Gerechtigkeit verwirklichen und - politische Einheit, Identität und Frieden. Im Hintergrund stehen die Ausbeutungssituation in der israelitischen Gesell-schaft und die mit der Deportation nach Babylon 587 v. Chr versuchte Auflösung des jüdischen Volkes. Jahweh wird durch seinen Gesalbten dem Volk wieder Lebensraum verschaffen, einen Ort, eine Heimat schenken. Wie er sie aus dem Sklavenhaus Ägypten heraufgeführt hat, wird er sie auch aus dem Nordland (Babylon) zurückführen und in ihrem Heimatland wohnen lassen (Verse 7 f). Und der "gerechte Spross", der Messias Jahwehs, "wird als König herrschen und weise handeln, für Recht und Gerechtigkeit wird er sorgen im Land. In seinen Tagen wird Juda gerettet werden. Israel kann in Sicherheit wohnen" (Vers 5f). Er wird den Mischpat, das Gottesrecht, durch-setzen. Das Gottesrecht, von dem schon der erste Schriftprophet Amos spricht, "besteht in der Hauptsache aus der göttlichen Sicherung der Menschenwürde und dessen, was wir heute `Men-schenrechte´ nennen. Sie beruhen hier nicht auf innerweltlichen, von Vernunft und Herz erschlos-senen Fundamenten, sondern auf göttlicher Forderung von `Recht und Gerechtigkeit´. In ihm [Jahweh] gründen sie, auf ihn hin zielen sie" (Alfons Deissler).

Gott ist Gerechtigkeit. Das ist Auftrag an uns. Denn Gott braucht unsere Hände, um sein Recht aufzurichten. "Wenn viele Millionen Menschen der Macht- und Geldsucht einer kleinen privilegierten Klasse geopfert und ihrer Menschenwürde und Menschenrechte beraubt werden, dann ist ein solches System ... in sich eine zum Himmel schreiende Sünde. Nicht nur, wer sie `tut´, sondern auch wer sie duldet, lädt eine schwere Verantwortung vor Gott auf sich" (Alfons Deissler). Eine gerechte Weltwirtschaftsordnung bleibt die große Herausforderung globaler Politik. Eine Steuer auf Spekulationsgewinne (Transaktionssteuer) wäre ein Anfang für mehr weltweite Gerechtigkeit in Wirtschaft, Handel und Geldverkehr.

30 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Aus wirtschaftlicher Not oder weil sie vertrie-ben wurden. Heimat ist ein Menschenrecht, Vertreibung "himmelschreiendes Unrecht". Wir Deutschen wissen das aus eigener Erfahrung. Wir sind Täter und Opfer zugleich. Gerade das Unrecht der Vertreibungen im Krieg und nach 1945 und das damit verbundene unermessliche Leid sind uns in den vergangenen Jahren öffentlich ins Bewusstsein gerückt. Wir haben aber auch die Vertreibungen auf dem Balkan in den 90er Jahren erlebt oder erleben sie jetzt in Somalia durch die islamistischen Milizen und den Hunger, Christen flüchten vor Verfolgungen im Irak, in Indien, in Nigeria und anderswo.

Der Einsatz für das Heimatrecht der Menschen kann auch so aussehen, dass wir Menschen, Migranten, eine neue Heimat bei uns ermöglichen. Das setzt eine Atmosphäre des Willkommens voraus, vor allem das Interesse an den Menschen, die zu uns kommen, und ihrer Kultur. Das schließt den konkreten Einsatz für das Asylrecht einzelner Menschen wie auch eine Reform unserer Asyl- und Einbürgerungsgesetzgebung ein.

Es besteht die Gefahr, dass neue Grenzen innerhalb Europas aufgerichtet werden (Dänemark, Ungarn), die Freizügigkeit und Freiheit bedrohen. Die Kirchen sollten sich nicht damit abfinden, sondern ihre Stimme deutlich erheben, wenn sich neue Formen der Ausgrenzung in den Ländern Europas politisch durchsetzen (Anwachsen der Rechtsparteien!). Jesus hat Menschen gesammelt, nicht ausgeschlossen!

Wer, wenn nicht die Kirchen, ist beauftragt, sich für die einzusetzen, die sich "fürchten und ängstigen", damit sie "nicht mehr verloren gehen" (s. Vers 4)?

Eph 2, 13-18: Er machte die beiden zu einem

Zentraler Satz unserer Perikope ist Vers 14: "Denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder." Vers 15 spricht davon, dass Jesus die beiden Gruppen, Juden und Heiden, in seiner Person durch die Aufhebung des jüdischen Gesetzes "zu einem neuen Menschen" gemacht hat. "Er stiftete Frieden und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet" (Verse 15 f). Beide, Juden wie Heiden, haben nun "in dem einen Geist [Jesu Christi] Zugang zum Vater".

Wenn wir in dem "einzigen Leib" die Kirche sehen, die der "Leib Christi" ist, dann ist sie der Ort, in dem die Spaltung der Menschheit aufgehoben ist. Jesus Christus stiftete in sich den Frieden unter den Menschen (s. Lk 2,14). "In der Kirche gibt es keine Ausländer", sagte einmal ein Kardinal. Das ist zumindest täglicher Auftrag, d.h. Kirche ist Instrument zur Überwindung der Spaltung der Menschheit. Sie ist eine Kontrastgesellschaft aus allen Völkern, die Vision einer Weltgemeinschaft, einer Menschheitsgemeinschaft. Oder: Kirche ist das sichtbare Zeichen dafür, dass Spaltung unter den Menschen aufgehoben werden kann, dass Frieden unter den Menschen möglich ist und keine Utopie.

Beide, Juden wie Heiden, haben nach dem Epheserbrief gleichen Zugang zum Vater. Juden haben aufgrund des ersten Bundes keine Vorrechte gegenüber den Heiden, den "Spätberufenen". Diese sind gleich Gestellte, gleich Berufene, von Gott gleich Geliebte. So gibt es auch unter den Christen keine, die näher am Ohr Gottes sind als andere, oder welche, die "die Fernen", und welche, die "die Nahen" sind. Alle Getauften haben "in dem einen Geist Zugang zum Vater" (Vers 18). Ökumene, die eine "Einheit in versöhnter Verschiedenheit" lebt, entspricht dem Bild des Epheserbriefes, sie lebt, was er den "neuen Menschen" nennt, die Menschheit, die vereinigt in Christus ganz eins ist mit dem Vater. Und eine solche Einheit wird zum Urgrund, dass die Welt glaubt (Joh 17, 21).

In Christus wird die Feindschaft auch zwischen den Religionen überwunden. Gott begegnet mir in allen Religionen. Das Gespräch der Religionen fördert nicht nur Verständnis füreinander, sondern bereichert auch gegenseitig. Es schafft so wiederum eine grundlegende Einheit zwischen den An-gehörigen der verschiedenen religiösen Bekenntnisse und einen Frieden, der auf Achtung und Respekt beruht. Der auf einem wahren Dialog beruhende Frieden zwischen den Weltreligionen ist wesentliche Voraussetzung für einen dauerhaften Weltfrieden (Hans Küng).

Mk 6, 30-34 und 35-44: Wort und Brot - Das Wunder der Verwandlung unserer Armut

Die Speisung der 5000 ist ein sogenanntes Überbietungswunder. Es "überbietet" das Wunder des Elischa in 2 Kön 4, 42-44, wo der Prophet 20 Gerstenbrote 100 Männern vorsetzen lässt: "und sie aßen und ließen noch übrig" (Vers 44). Die größeren Dimensionen des markinischen Wunders (fünf Brote, zwei Fische für allein 5000 Männer) sind eine Aussage über Jesus: Hier ist mehr als ein Prophet!

Ein wichtiger Zug, teilt uns Vers 34 des Evangeliums mit: Jesus "hatte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange." Obwohl er sich mit seinen Jüngern zurückziehen wollte, um allein zu sein (Vers 31), wendet er sich ganz den herbeiströmen-den Menschen zu und gibt ihnen, weil er Mitleid mit ihnen hatte und ihre Not, ihren Hunger nach Leben wahrnimmt, das, was sie brauchen: Sein Wort und das Brot. Beides gehört zusammen, bei-des nährt, beides brauchen wir zu einem gelingenden Leben.

Kein Wort ist ihm zu viel. Er schenkt hier, wie später das Brot, im Überfluss. Und wie später, als die Brotreste in 12 Körben gesammelt werden, keine Brotkrume verloren geht, geht auch kein Wort Jesu verloren; die Menschen hören ihm zu und bewahren es in ihrem Herzen.

Der Auftrag Jesu an die Jünger: "Gebt ihr ihnen zu essen", ist Auftrag an die Kirche und Auftrag an uns: Seht die Not der Menschen und gebt ihnen, was sie brauchen: Wort und Brot, aber auch Heimat, Gemeinschaft, Arbeit, Zukunftsperspektiven - Sinn! Ein Brot, das wirklich nährt und wirklich satt macht. Die Jünger sind die Vermittler, und heute sind wir es, Vermittler des Lebens, das Gott mit uns teilt. In dem sie dies tun, konstituieren sie Kirche, immer wieder neu: im "Brotbrechen", im Teilen des Lebens wird Kirche. Symbol dafür sind die 12 Körbe, die das neue Gottesvolk darstellen: Es hat das Lebensbrot in sich und es hat es in Fülle für alle und für alle Zeit. Die Kirche ist diejenige, die durch die Zeit das Leben, d.i. das Evangelium, aus Gottes Hand empfängt und austeilt.

Jesus lässt die Menschen sich setzen in Gruppen zu hundert und zu fünfzig (Vers 40). Diese Ordnung erinnert an die Lagerordnung des Exodusmarsches (Ex 18, 21.25). Hier findet eine Stärkung auf dem Weg in das endzeitliche gelobte Land statt, in das Land, nach dem wir uns sehnen und das wir noch nicht kennen, in das Land der großen Freiheit Gottes, wo Leben in Fülle ist. Die Menschen setzen sich "ins grüne Gras". Mit Vers 34 erinnert das Bild an Psalm 23: "Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser" (Ps 23, 1f). Das Bild des Marsches für den Lebensweg des einzelnen, aber auch für das ganze Gottesvolk gehört zum Psalm 23: "Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir ..." Und Gott deckt "mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde" (Vers 5). Mit Güte und Huld begleitet er mich "mein Leben lang" bis zum endzeitlichen Mahl im "Haus des Herrn", in dem ich wohnen darf für lange Zeit (Vers 6).

Eugen Drewermann nennt die Speisung der 5000 das Wunder der Verwandlung unserer Armut. Ausgangspunkt für ihn ist das Mitleid, das sich im Vertrauen auf Gott wagt, ohne zu rechnen. So kann aus dem wenigen, das ich habe, aus fünf Broten, viel, ja Überfluss, Lebensfülle werden - 12 Körbe voll. Es geht immer um das miteinander Teilen des Lebens. Wenn ich das, was ich von dem anderen erhalte, ihm als Segen zurückgebe, dann mehrt sich das Leben in uns, zwischen uns, für uns. So kann sich unsere Armut in den Segen des Himmels verwandeln. Und selbst die nach uns kommenden Generationen haben Teil daran, denn die Segensfülle geben wir weiter.

Und das meint Eucharistie: Wir geben uns Gott in die Hände im Wissen, dass wir nur wenig besitzen, und erheben unsere Augen zum Himmel, um unser Dasein als Segen zurück zu empfangen. Im "Anschein des Äußeren", im Brot, tritt Gott in unser Leben. "Wir leben, und die Macht des Todes wird gebrochen sein im Zeichen des Brotes, das sich vermehrt, sobald wie es wagen, einander uns selber zu schenken … Dieses Brotbrechen findet statt, wenn wir die Not der Menschen wahrnehmen und das, was wir haben, mit ihnen teilen" (E. Drewermann). Und es reicht für alle. Wenn wir dazu beitragen, dass Menschen leben, z.B. in Ostafrika, dann wächst auch das Leben bei uns.

Thomas Bettinger, Landstuhl

Quellen:
Alfons Deissler: Dann wirst du Gott erkennen - Die Grundbotschaft der Propheten; Freiburg i.Br. 1987
Karl Kertelge: Markusevangelium, in: Die Neue Echter Bibel, Kommentar zum Neuen Testament mit der Einheitsübersetzung, Bd. 2, Würzburg 1994 (20002)
Eugen Drewermann: Bilder von Erlösung - Das Markus-Evangelium, Erster Teil: 1,1 bis 9,13, Olten und Freiburg i.Br. 1987
Freiheit ist Freiheit aller. Auch meine Würde ist berührt, wenn der andere entwürdigt wird …
Bettinger
(© PH1 Robert R. McRill)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 7. Sonntag nach Trinitatis /
16. Sonntag im Jahreskreis | 22.07.12


evang. Reihe IV:
Phil 2, 1-4
kath. 1. Lesung:
Jer 23, 1-6
kath. 2. Lesung:
Eph 2, 13-18
kath. Evangelium:
Mk 6, 30-34