Der Autor geht auf alle Tagesperikopen ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: auf die echten, unbequemen Propheten hören, nicht auf bezahlte Heilspropheten (Am 7); Energiewende - Verstehen braucht oft Initialzündung (Apg 8); einfach ausgestattet zum Boten des Wandels werden (Mk 6); Lebensstile entwickeln, die Himmel und Erde gerecht werden (Eph 1)
Der alte Streit zwischen Amos und Amazja in Amos 7, 12-15 ist noch heute, ja gerade heute in mehrfacher Weise aktuell.
  1. Amos kündigt epochale Verschiebungen katastrophaler Art an. Er "rüttelt an der Selbstsicherheit der Leute. Wenn sie glauben, Gottes ‚Erwählung' diene ihnen gleichsam als Schutzvorrichtung gegen ... Heimsuchung, so täuschen sie sich gewaltig." (Gradewohl 307, Bd II zu Amos 5). Statt die Warnungen ernst zu nehmen, erstattet der Oberpriester Amazja Anzeige gegen Amos. Ist das heute anders? Sind wir in der Lage und auch willens auf heranziehende Veränderungen angemessen und vor allem rechtzeitig zu reagieren? Oder neigen auch wir dazu, nur auf vermeintliche Heilspropheten zu hören?
  2. Genauer betrachtet: wie ist das Verhältnis von Wahrheit und bezahlten Experten, die sich ihren Auftraggebern verpflichtet sehen? Das ist nicht erst heute spannungsreich. So heißt es etwa schon bei Micha: "So spricht der Herr wider die Propheten, die mein Volk verführen, die da predigen, es werde gut gehen, wenn man ihnen zu fressen gibt; wer ihnen aber nichts ins Maul gibt, dem predigen sie, es werde ein Krieg kommen." (3,5) Heutzutage gibt es bezahlte Auftragsstudien, die entsprechende Positionen untermauern sollen. In anderen Ländern werden Kritiker nicht nur mundtot gemacht, sondern ausgewiesen oder sogar ermordet (wie jene, die sich z.B. gegen illegalen Holzhandel stellen). Auf dieser Linie sind die Worte des Oberpriesters Amazja zu verstehen, die er an Amos richtet: "Gehe weg und flieh ins Land Juda, iß dort dein Brot und weissage daselbst. Aber weissage nicht mehr in Bethel." (V 12+13a). Amos soll also im Ausland "sein Glück und sein Brot suchen, in Beth-El hat er nichts verloren. Amos wehrt sich ... Anders als die Berufspropheten, die dem König nach dem Mund reden und sich dabei ein fettes Einkommen sichern, ist er gerade kein herkömmlicher Prophet." (Gradewohl 306) "Ich bin kein Prophet ..., sondern ich bin ein Hirt, der Maulbeeren züchtet." (V 14) Das gibt ihm seine - auch ökonomische - Unabhängigkeit, ganz der Wahrheit verpflichtet zu sein.
  3. Interessant und wichtig zu wissen: Der alte Streit zwischen Amazja als Vertreter der etablierten Kreise und Amos konnte nicht beigelegt werden. "Durch die Autoritäten, die hinter dem Priester und Propheten hier sichtbar werden, bekommt ihre Begegnung eine über den geschichtlichen Augenblick hinausgehende symptomatisch-typische Bedeutung. Für Amos besteht nicht der geringste Zweifel, wie diese Begegnung von Gottes Macht und menschlicher Gewalt enden muss" (A. Weiser 192, ATD) - in einer Katastrophe, durch welche die mahnenden Worte des Amos bestätigt wurden.
Auch heute sind wir mit bezahlten Ratgebern nicht immer gut beraten - das ist herauszuarbeiten. Zudem kann überlegt werden, wie die Mahnung vor Fehlentwicklungen im Horizont Gottes heutzutage begründbar ist. Zu diesen Fragen bietet der alte Streit zwischen Amos und Amazja einige interessante Anhaltspunkte.


Die Geschichte vom Kämmerer aus Äthiopien, Apostelgeschichte 8, 26-39, beginnt mit dem Hinweis: "Der Engel des Herrn redete zu Philippus". Michael Welker legt in seinem Aufsatz "Über Engel" überzeugend dar: "Der Engel Gottes erscheint inmitten von Komplizierungen, ... er ermöglicht eine Relativierung und Ablösung der alten Realitätswahrnehmung durch eine neue Realitätswahrnehmung, die dann mehr oder weniger direkt zu einer Realitätsveränderung führt." (203) Genau dies wird uns in Apg. 8 in der Gestalt des äthiopischen Finanzministers vor Augen geführt. Am Anfang steht ein Engel, am Ende die Taufe. Es wird davon erzählt, dass es trotz aller Bemühung um Verstehen manchmal einer Initialzündung bedarf. Obwohl der Finanzminister an den heiligen Stätten geweilt hatte, beantwortet er die Frage, ob er verstehe, was er liest, mit den Worten: "Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?" (V31)

In unserer komplexen Welt brauchen und erleben auch wir Initialzündungen, die neues Verstehen ermöglichen. Katastrophen wie das Atomunglück in Fukushima führen selbst bei Spitzenpolitikern zu ganz neuer Wahrnehmung von Risiken. Gottes Geist lässt nicht nur alte Bibelstellen in neuem Licht erscheinen, sondern ermöglicht auch unsere Lebenswelt mit neuen Augen zu sehen, sowohl Chancen als auch Risiken. Es ist reizvoll die Geschichte vom Kämmerer aus Äthiopien darauf hin zu durchdenken - wie sich der Bezug zur Wirklichkeit durch neue Wahrnehmung dramatisch verschieben und als Konsequenz daraus eine erneuerte Lebenshaltung sich manifestieren kann (bis hin zur Energiewende der Bundesregierung).

Sind wir in der Lage, Initialzündungen, die zu einer veränderten Sicht von Wirklichkeit führen, theologisch zu deuten? Oder begreifen wir Wirklichkeit und Neuorientierung heute so völlig anders, dass uns die Rede vom Engel als gottgewirktem Anstoß verwehrt zu sein scheint? Führen wir die Anstöße zu verändertem Wirklichkeitsverständnis nur auf Katastrophen wie die in Fukushima zurück? Oder hat der Bundeskanzlerin für die Energiewende vielleicht auch ein Engel zur Seite gestanden?... Welker sagt ja "der Engel Gottes … ermöglicht ... eine neue Realitätswahrnehmung".(203)

Zu verdeutlichen ist, dass Gott nicht nur den Kämmerer zu einem erneuerten Umgang mit der Wirklichkeit ruft, sondern auch uns. Das hat sich z.B. in der Art zu zeigen, wie wir mit der Schöpfung umgehen, etwa mit Wasser als einem Bestandteil der Taufe. Ich denke, auch wir brauchen manchmal einen Engel Gottes, der uns die Augen öffnet, z.B. für die Kostbarkeit von reinem Wasser, das schon heute in vielen Ländern der Erde knapp ist.


Die Jünger werden uns in Mk 6, 7-13 als Boten des Wandels und der Erneuerung beschrieben, die ganz einfach ausgerüstet sind, die Buße und Umkehr predigen, böse Geister austreiben, Kranke salben und gesund machen. Das ist eine interessante Kombination, auch für die heutige Zeit:
  1. Einen einfachen Lebensstil zu pflegen, der sich auf das erforderliche zu konzentrieren sucht.
  2. Der Aufruf zur Erneuerung der Gesinnung, um in einer begrenzten Welt nicht nach immer mehr zu verlangen, sondern bewusst aus Gottes Güte zu leben.
  3. Statt krankmachenden, bösen Geistern Raum zu geben (z.B. sich vom ‚Dämon' Stress in die Enge treiben zu lassen), eine gesunde und ausgewogene Lebenshaltung zu pflegen. Dazu gehört, sich in Pausen und Gebetszeiten einzuüben, die Seele auch mal ‚baumeln' zu lassen und phasenweise ganz einfach zu leben.


In Eph 1, 3-14 geht es um einen Lebensstil, der Gott gemäß ist. Versiegelt mit dem Heiligen Geist (V 13) sollen wir heilig und untadelig vor ihm sein (V 4).

Heißt das in Konsequenz, sich von der Welt fern zu halten, auf eine wahre Heimat im fernen Himmel zu hoffen? Die Einheit von Himmel und Erde ist von der Kirche allzu oft zerrissen worden (vgl. dazu den sehr lesenswerten Beitrag von N.T. Wright "Jesus is coming. Plant a Tree!").

Der biblische Text leitet nicht zur Weltflucht an. Im Gegenteil. In Christus wird "alles zusammengefasst" (V 10), das ganze All, Himmel und Erde. Für uns heißt das, wieder zu lernen, Himmel und Erde zusammen zu denken - den Himmel nicht auf Kosten der Erde, die Erde nicht ohne den Himmel. Da wir durch Christus Erben von Himmel und Erde sind, haben wir einen Lebensstil zu entwickeln, der beidem, sowohl dem Himmel als auch der Erde angemessen ist. Der Heilige Geist ist als Unterpfand zugleich auch das Pfund mit dem wir zu wuchern haben, der uns anleitet "zum Lob seiner Herrlichkeit"   (V 12) zu leben - als planetarische Gemeinschaft, in der sich Frieden und Gerechtigkeit küssen.
Andreas Krone, Nidderau

Literatur:
Gradwohl, R.: Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd II, Stuttgart 1987
Weiser, A.: Das Alte Testament Deutsch, Göttingen 19797
Welker, M.: Über Engel, in: Jahrbuch für biblische Theologie Bd II, 1987 Der eine Gott der beiden Testamente, Neukirchen
Wright, N. T.: Jesus is coming. Plant a Tree!, in: The Green Bible, New York 2008
Ein einfaches Leben leben - leichter gesagt als getan …
Krone
(© Vittecoq/MISEREOR)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 6. Sonntag nach Trinitatis /
15. Sonntag im Jahreskreis | 15.07.12


evang. Reihe IV:
Apg 8, 26-39
kath. 1. Lesung:
Am 7, 12-15
kath. 2. Lesung:
Eph 1, 3-14
kath. Evangelium:
Mk 6, 7-13