Die Autorin geht auf die katholischen Perikopen des Sonntags ein, vor allem die erste Lesung aus dem Propheten Ezechiel: Wer prophetisch verkündigen will, braucht einen aufrechten Stand, muss über Unbequemes reden und darf sich von Ablehnung nicht schrecken lassen.
Prophetisch reden: aufrecht, unbequem und standfest gegenüber Skeptikern

Prophetie und Ökologie
Die Zeitungen nennen sie manchmal "Öko-Propheten": Menschen, die vor den Folgen von Umweltzerstörung oder den Risiken der Atomkraft warnen. Sie entwerfen Schreckensszenarien für das, was kommen könnte - oder auch Hoffnungsszenarien für das, was stattdessen sein sollte. Oft genug haben sie keinen besonders guten Ruf: "Öko-Propheten gelten nichts im eigenen Land" heißt es da zum Beispiel oder "Öko-Propheten beschwören das Drei-Liter-Auto". Prophetinnen und Propheten hatten schon zu biblischen Zeit keinen leichten Stand. Davon erzählen an diesem Sonntag (kath. / 14. Sonntag im Jahreskreis B) die Lesungen. Jesus selbst wird im Markus-Evangelium von den Menschen in seiner Heimatstadt abgelehnt: "Sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab." Und dem Propheten Ezechiel erklärt Gott gleich bei seiner Berufung, dass er zu Menschen "mit trotzigem Gesicht und harten Herzen" gesendet wird. Was können ökologische Prophetinnen und Propheten heute von denen in der Bibel lernen? Es braucht einen aufrechten Stand. Es gilt, unbequeme Wahrheiten zu verkünden. Und man darf sich nicht beirren und schrecken lassen von der Reaktion der anderen.

Stell dich auf deine Füße!
Bemerkenswert sind die ersten Worte, die der Prophet Ezechiel bei seiner Berufungsvision hört: Stell dich auf deine Füße! Er hatte sich vorher niedergeworfen auf sein Gesicht, aus Furcht und Ehrfurcht vor der Erscheinung Gottes. Dieser Gott aber will erst zu ihm sprechen, wenn der Prophet aufrecht vor ihm steht: "Stell dich auf deine Füße; ich will mit dir reden." Es scheint, als brauche Gott den Menschen nicht zusammengekauert und als "Kriechtier", sondern in seinem ganzen, aufgerichteten, ja göttlichen Menschsein: als "Abbild Gottes", von Anfang an von ihm gesendet in diese Welt, sie zu behüten in seinem Namen, wie es schon die Schöpfungsgeschichte erzählt (vgl. Genesis / 1 Mose 1, 26-28). Dieser Mensch hat einen aufrechten Gang - das ist sein Markenzeichen als Mensch.

Und dieser aufrechte Gang ermöglicht ihm auch manches, was für ihn als Mensch und als Prophet wichtig ist: Er kann weit nach vorne schauen, räumlich und zeitlich. Er kann sehen, was auf ihn und die anderen zukommt, und entsprechend reagieren. Propheten sind besonders gut darin zu erkennen, was die Zukunft bringt. Sie sehen sie nicht einfach voraus, wie Hellseher. Aber weil sie aufrecht stehen und ihre Augen und Herz und Verstand einsetzen, können sie besonders gut abschätzen, was passieren könnte. Der Prophet Ezechiel wird von Gott auch "Wächter Israels" genannt (Ez 3, 17) - er soll über die anderen wachen und sie vor Risiken warnen. Und Menschen, die aufrecht stehen, ist noch etwas Zweites möglich: Sie können rasch reagieren, sich schnell in Bewegung setzen, sie sind flexibel. Wer sitzt oder niederkauert, muss erst aufstehen. Wer schon auf seinen Füßen steht, kann schneller loslaufen, Das ist gut für einen Wächter, der rasch andere warnen möchte. Es ist auch gut für einen Diener, der seinem Herrn immer zu Diensten sein will. Seine Haltung ist nicht das Knien, sondern das Stehen: Der Diener kann rasch loslaufen, um dem Herrn etwas zu holen. Bis in die Gottesdienstsprache spielt dieses dienende Stehen eine Rolle: "Wir danken dir, dass du uns gewürdigt hast, vor dir zu stehen und dir zu dienen." So heißt es im ersten vollständig erhaltenen Eucharistiegebet (Hippolyt von Rom, Traditio Apostolica). Auch, natürlich, weil Christus von den Toten auferstanden ist, spielt das Stehen für die Christen der ersten Jahrhunderte eine besondere Rolle. Aufrecht stehend wollen sie beten. Aber sie befinden sich damit auch in bester Tradition der biblischen Propheten, die sich auf ihre Füße stellen, um Gott zu hören und als seine Diener zu handeln - wie Ezechiel. Wer aufrecht vor Gott steht, der kann außerdem auch noch etwas Weiteres: Er kann auch als aufrechter Mensch zu anderen Menschen reden und mit Rückgrat und mit aufrichtigem Mut Wahrheiten verkünden, auch unbequeme.

Unbequemes verkünden
Propheten verkünden nie Dinge, die sofort und bei allen auf Verständnis oder gar Begeisterung stoßen. In der Regel sprechen sie Wahrheiten aus, die andere nicht hören wollen. Und sie fordern zu etwas auf, was eher unbequem ist und was man nicht gerne tun möchte. Deshalb muss sich der Prophet auf Skepsis und Gegenwehr einstellen. In der Berufung des Propheten Ezechiel spricht Gott das an, noch bevor er überhaupt darauf eingeht, was genau Ezechiel genau verkünden soll. "Sie sind ein widerspenstiges Volk" heißt es da, und: "Das Haus Israel will nicht auf dich hören, es fehlt ihnen der Wille, auf mich zuhören." (Ezechiel 2, 5; 3,7) Der Satz macht auch klar: Wenn der Prophet Ablehnung erfährt, hat dies nichts damit zu tun, dass er selbst das Falsche verkünden oder dass er zu negativ sprechen würde. Die Ablehnung erfährt der Prophet im Namen Gottes. Wenn er unbequeme Wahrheiten im besten Wissen und Gewissen als unbequeme Wahrheiten Gottes verkündet, dann ist widerspenstige Skepsis beim Gegenüber kein Zeichen von falscher, sondern eher von echter Prophetie.

Die Propheten des Alten Testamentes müssen in der Regel dem König und dem Volk vorhalten, dass sie von Gottes Weg abgewichen sind. Sie beten die falschen Götter an und handeln schlecht und unsozial gegenüber ihren Mitmenschen. Der Prophet soll im Namen Gottes warnen: "Seiner Sünde wegen wird er sterben." (Ezechiel 3,20) Aber er soll auch den Ausweg und die Alternative verkünden: Wenn das Volk sein Handeln ändert, wenn es wieder auf Gottes Weg zurückkehrt und gerecht und gut handelt, dann ist das besser für die Zukunft: "Wenn du aber den Gerechten davor warnst zu sündigen, und er sündigt nicht, dann wird er am Leben bleiben, weil er gewarnt wurde." (Ezechiel 3, 21) Der Prophet soll die Menschen im Namen Gottes davon überzeugen, dass es besser für ihn ist, sein Handeln zu ändern. Aber die Menschen lassen sich meist nicht gerne davon überzeugen. Den "Öko-Propheten" heute ergeht es nicht selten ähnlich wie einem Ezechiel vor zweieinhalb tausend Jahren: Die Menschen lassen sich nicht gerne vorhalten, dass ihr Handeln katastrophale Folgen haben könnte - dass sich das Klima ändern, es Fluten geben könnte, dass Atomunfälle möglich sind. Sie hören nicht gerne solche Katastrophenszenarien. Und sie ändern auch nicht gerne ihr Verhalten, wenn es erst einmal Mühe kostet und teurer wird. Weniger Auto fahren, teureren Strom und teureres Essen kaufen: Das sind unbequeme Forderungen.

Du aber fürchte dich nicht!
Du aber, Menschensohn, fürchte dich nicht! Das sagt Gott dem Propheten, den er auf die Füße stellt und zum widerspenstigen Volk sendet. In den Versen, die der Lesung folgen, macht Gott dem Ezechiel immer wieder Mut: "Fürchte dich nicht vor ihnen! Hab keine Angst vor ihren Worten, und erschrick nicht vor ihrem Blick!" (Ezechiel 2, 6-7; 3,9) Vermutlich will Gott auch deswegen, dass der Prophet aufrecht steht: Weil er sich gegenüber anderen Menschen nicht klein machen soll, sondern berufen ist, aufrecht und mutig seine Wahrheiten zu verkünden. Er soll den Menschen dabei in die Augen sehen - und ihren Blicken stand halten. Und wenn sie mit Worten über ihn herziehen und ihn angreifen, soll er sich nicht einschüchtern lassen. Auch von Jesus erzählt das Markus-Evangelium: Er ließ sich nicht schrecken von der Ablehnung, die ihm entgegengebracht wird, ausgerechnet in seiner Heimat. Er reagiert gelassen und distanziert: "Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie," sagt er. Jesus wird nicht ausfallend gegenüber den Gegnern seiner Prophetie, aber er hält auch nicht einfach den Mund. Er steht zu der Botschaft, die er zu verkünden hat, und er bleibt bei seinen unbequemen Wahrheiten. Selbst, wenn er damit etwas riskiert.

Für "Öko-Prophetinnen und -propheten" in unseren Breiten bedeutet "Fürchte dich nicht!": Wenn ich mich für Gottes Schöpfung engagiere, muss ich es aushalten, lächerlich gemacht oder abgelehnt zu werden. Ich darf nicht einfach nur auf Zustimmung und Sympathie aus sein. Ich soll aufrecht und mutig für das einstehen, was ich im Sinne der Bibel für richtig halte, egal, wie die Reaktionen sind. Es gibt aber auch "Öko-Prophetinnen und -propheten" in anderen Ländern, für die dieses "Fürchte dich nicht!" noch viel mehr bedeutet: Sie riskieren Leib und Leben, wenn sie sich für die Schöpfung engagieren. Ein südamerikanischer Bischof etwa wie Erwin Kräutler wird mit dem Tod bedroht, weil er sich gegen ein gigantisches Staudammprojekt in seiner brasilianischen Diözese wendet. Die brasilianische Umweltaktivistin und Ordensschwester Dorothy Stang wurde 2005 ermordet, weil sie sich entschieden gegen die Abholzung des Regenwalds eingesetzt hatte. Propheten wie Ezechiel und der Gottessohn Jesus lehren, wie Prophetinnen und Propheten Gottes sein sollen: aufrecht, unbequem, furchtlos. Ich kann mich auch inspirieren lassen von solchen Prophetinnen und Propheten für Gottes Schöpfung heute, die in seiner Nachfolge handeln.

Beate Hirt, Mainz
Menschen lassen sich nicht gerne vorhalten, dass ihr Handeln Folgen haben könnte …
Hirt
(© Brot für die Welt)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 5. Sonntag nach Trinitatis /
14. Sonntag im Jahreskreis | 8.07.12


evang. Reihe IV:
1 Mose 12, 1-4
kath. 1. Lesung:
Ez 1, 28b - 2, 5
kath. 2. Lesung:
2 Kor 12, 7-10
kath. Evangelium:
Mk 6, 1b-6