Der Verfasser betrachtet die Textstellen des evangelischen Predigttextes und der 1. kath. Lesung, sowie die Figur Johannes' des Täufers (2. kath. Lesung und Evangelium). Stichworte zur Nachhaltigkeit: Übereinstimmung von Glauben und Handeln, Eingeständnis von Schuld an der ökologischen Krise (1. Joh 1); prophetisches Amt der Kirche (Jer 1; Jes 49), Bußruf, Weltuntergangsprophetie oder Wegweisung zu Christus ? (Lk 1)
Stellung im Kirchenjahr

Der Johannistag fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag. Auch die Evangelische Kirche schlägt ein Proprium für diesen Tag vor (Predigt: Joh 3,22-30) vor, der besonders in lutherischen Gegenden begangen wird. Nach Lk 1,26.36 ist Elisabeth bei der Ankündigung der Geburt Jesu im sechsten Monat schwanger, weshalb der Johannistag kalendarisch der Geburt Jesu, der Heiligen Nacht um eine halbes Jahr vorausgeht. Johannes wird so - von Geburt an - als Ankündiger und Vorläufer Christi gekennzeichnet (vgl. auch Apg 13,25).

Exegetische Hinweise:

Der 1. Joh ist Teil des corpus iohanneum im NT. Auch wenn Joh, 1.-3. Joh nicht vom gleichen Autor stammen, ist ihnen doch eine ähnliche Sprache und Vorstellungswelt gemeinsam, besonders die dualistische Unterscheidung von Licht und Finsternis, Welt und Gott, Leben und Tod, Wahrheit und Irrtum. Sie entstammen sicher einer gemeinsamen theologischen Schule. Hierin spiegeln sich aktuelle Erfahrungen der Trennung von der jüdischen Mutterreligion ebenso wie zunehmender Richtungsstreit innerhalb der Gemeinde. Der 1. Joh ist eher an einen Gemeindeverband in Kleinasien als an eine Einzelgemeinde gerichtet, und beansprucht, die christliche Wahrheit für alle Gemeinden zu entfalten. Er ist auch formal auch kein richtiger Brief, sondern möchte allen Christen die Treue zum christlichen Bekenntnis - in Abwehr aufkommender Irrlehren - und zum richtigen Verhalten in der Gemeinde nach dem Maßstab der Liebe einschärfen.

Der Predigttext lebt von den Gegensatzpaaren Licht - Finsternis, Sünde - Wahrheit. Zugleich warnt er davor, sich als Christ auf der einen, guten Seite zu wähnen: Christen stehen nicht automatisch auf der Seite des Lichtes. Auch sie sündigen und bedürfen der Vergebung Gottes. Christen sollen - und können - gut handeln, weil Gott auf ihrer Seite steht. Das Halten der Gebote, die Ausrichtung auf Gottes Wort ist ein Merkmal der Gemeinschaft mit Gott, nicht deren Voraussetzung.

Sünde ist die grundlegende Störung des Verhältnisses zu Gott, die sich in der Störung des Verhältnisses zum Mitmenschen und zur Mitwelt auswirkt. Sünde ist vom Sünder nicht zu überwinden, der Sünder bleibt auch als von Gott Gerechtfertigter Sünder.

Jer 1, 4-10 und Jes 49, 1-6 beschäftigen sich mit der Berufung von Propheten: Der erste Text bildet nach der Überschrift und (wohl sekundären) Datierung der Verkündigung des Propheten (ab 627 v. Chr.) den programmatischen Auftakt des Jeremiabuches in Form eines Berufungsberichtes mit Einwand (vgl. Jes 6, 5-7; Ex 4, 10) in der 1. Person Singular. Es folgen die beiden Berufungsvisionen des Propheten, die die zeitliche Nähe (1,12) des Gerichtes durch die Invasion der Assyrer (1,14f.) illustrieren. Der Berufungsbericht legitimiert Jeremia für den Leser als authentischen (1,9) und bevollmächtigten (1,10) Zeugen Gottes.

Jes 49,1-6, das zweite der sog. Gottesknechtlieder, greift auf die vorgeburtliche Berufung zum Propheten zurück (49,1). Der Gottesknecht blickt aber selbst schon auf seine Verkündigung zurück. Den (vermeintlichen) Misserfolg (49,4) seiner Mission beantwortet Gott mit einer Ausweitung seines Auftrags auf die ganze (Heiden)welt (49,6). Die Identität des Gottesknechtes bleibt dunkel: Ist der Knecht Israel (Vers 3), ein sonst namenloser Prophet, Deuterojesaja selbst ("ich"), oder ein Davidide, unter dessen Herrschaft sich das Volk aus der babylonischen Gefangenschaft wieder in Judäa sammeln soll? Die bittere Erfahrung der Gottesferne im babylonischen Exil (597 bzw. 587 bis 538 v. Chr.) schlägt beim zweiten Jesaja um in das Vertrauen auf das weltweite Geschichtshandeln Gottes, die Hoffnung auf die Rückkehr des Volkes in Frieden und Gerechtigkeit und in das Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer und Herren der Welt.

Ankündigung und Geburt des Täufers Lk 1, 5-17; 57-66.80 gehören in die Vorgeschichte des lukanischen Doppelwerkes: Der Evangelist zeichnet den Täufer als Vorgänger und Ankündiger Jesu. Dazu werden die Ereignisse vor der und um die Geburt beider Figuren verschränkt: (1, 5-25 Johannes; 1, 26-38 Jesus; 1, 39-45 Johannes "trifft" Jesus; 1, 46-56 Jesus; 1, 57-80 Johannes). Lukas signalisiert dem Leser zu Beginn seines Evangeliums: In dieser Geschichte geschieht Entscheidendes, die Wende der Zeiten, das in der Tora verheißene Eingreifen Gottes ist da. Besonders die lyrischen Texte, die die Erzählung durchwirken (Lk 1, 46-56.67-79;2,29-32), interpretieren das Geschehen als heilgeschichtliche Wendepunkte: Gott erhöht den Niedrigen und Schwachen (1,52), kommt seinem Volk Israel zu Hilfe (1, 54f.68-73), ja, bringt aller Welt, auch den Heiden, Erlösung (2,30-32). Johannes der Täufer hat in diesem heilsgeschichtlichen Plan seinen festen Platz.

Homiletische Zugänge

Wenn Umweltthemen in der Kirche zur Sprache kommen, sollten sich Predigerinnen und Prediger vor drei Fallen hüten, in die auch Propheten (einschließlich Johannes der Täufer) zu tappen drohten:

Erstens, sich für zu klein und unbedeutend zu halten, um Position zu beziehen und den Zusammenhang von Glaube und Nachhaltigkeit zur Sprache zu bringen. "Ach Herr, ich tauge nicht zu predigen" (Jer 1, 6): Falsche Bescheidenheit und Feigheit lässt Gott nicht gelten. Nachhaltigkeit ist nur nachhaltig, wenn alle gesellschaftliche Gruppen, also auch die Diener am Wort, das Ihre zu ihr beitragen.

Zweitens, die Hörerinnen und Hörer in Grund und Boden zu kritisieren und in langen Moralpredigten das moderne Sündenregister wider die Vergehen gegen die Schöpfung zu eröffnen. Fragen der Nachhaltigkeit sind komplex und bunt und selten nur schwarz und weiß, und nur Wenige stehen bei ihnen eindeutig auf der Seite des Lichtes (1 Joh 1, 8), während die anderen zu den Bösen, Verdammten und Unbußfertigen gehören.

Drittens lauert die Versuchung, die ökonomische und ökologische Krise unserer Gesellschaft zur Ouvertüre der Endzeit zu machen und in erwartungsvolle Passivität zu verfallen vor dem heraufziehenden Gericht Gottes. Das millionenfache "Die Axt ist den Bäumen schon an die Wurzel gelegt" (Lk 3, 9) in den Regenwäldern eignet sich nicht als Vorzeichen für Gottes baldiges Eingreifen!

1. Joh 1,5-2,6

Der 1. Joh stellt nüchtern fest, dass auch Christen Sünder sind (1,8). Auch wir haben Teil an der Bedrohung der natürlichen Lebensgrundlagen, auch wir sind in Sachzwänge eingebunden, die Gottes gute Schöpfung in Gefahr bringen. Auch für uns gilt, dass das Gottesverhältnis (Sünde) gestört ist und dass wir dieses Verhältnis aus eigener Kraft nicht in Ordnung bringen können. Wir sind auf Gottes Eingreifen angewiesen. Wir können unsere Schuld eingestehen und bekennen (1,9). Gott hat eingegriffen durch seinen Sohn (2,2). Im Vertrauen auf dieses Eingreifen aber, werden wir frei zum Handeln. Denn ein wiederhergestelltes Verhältnis zu Gott, dem Schöpfer, kann auch unsere Einstellung zur Schöpfung und den Geschöpfen verändern. Diese Versöhnung soll sich, so der Verfasser des 1. Joh, durchaus im Tun auswirken.

Der Text gibt keine unmittelbaren Hinweise zum konkreten nachhaltigen Umgang mit der Schöpfung, zu Gerechtigkeit und Frieden, die Predigt könnte aber grundsätzliche Fragen zum Thema Nachhaltigkeit anschneiden:
  • Unser Schwanken zwischen Aktivismus ("Wir müssen die Welt retten!" - Wir können sie - als Sünder - nicht retten… und müssen es auch nicht) und passiver Resignation ("Wir können ja eh nichts tun!" - Wir können - und sollen als Kinder Gottes - eine Menge tun). Gott schenkt einen gesunden Realismus sowohl für unser Fehlverhalten und die Grenzen unseres Tuns als auch für unsere Verantwortung und unsere Möglichkeiten.
  • Der Zusammenhang von christlichem Glaube und dem Eintreten für die Schöpfung. Für den 1. Joh wirkt sich ein Leben mit Gott, das Leben im Licht, in der Liebe zum Mitmenschen - und sicherlich auch zur Schöpfung - aus (1. Joh 1.6; 2.4). Glaube ohne Taten ist ebenso fruchtlos wie Handeln ohne Ziel und Orientierung. Das Eintreten für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ist kein politisches Programm, sondern die Konsequenz aus unserem Vertrauen auf Gott, den Schöpfer und Herrn der Welt.
  • Befreiung durch Schuldbekenntnis. Nachhaltigkeit ist nicht nur auf Zukunft gerichtet. Ein neuer, nachhaltiger Umgang mit der Schöpfung, eine solidarische Gestaltung unseres Zusammenlebens geht einher mit der vorbehaltlosen Analyse der Vergangenheit (1. Joh 1,9). Ein Neuanfang ist nur möglich, wo die bislang falschen Wege erkannt, ausgesprochen und vor Gott gebracht werden. Dabei geht es nicht um eine moralische Abrechnung, sondern um die Befreiung zu neuem Handeln.

    Jer 1,4-10; Jes 49,1-6

    Die Berufung des Jeremia und das zweite Gottesknechtslied erinnern daran, wie Gott Menschen in die Pflicht nimmt. Sicher bestehen die Gemeinden nicht (nur) aus Propheten, wir sind weder Jeremia noch der Gottesknecht. Aber wer, wenn nicht wir, richtet in dieser Welt Gottes Wort aus, bei allen Diskussionen und Mehrdeutigkeiten, in aller Anfechtung und Schwäche? Die Kirche hat auch ein prophetisches Amt. Demut - "Ich bin zu jung" (oder zu schwach) - und die Erfahrung von Frust - "Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz" (Jes 49,4) - gehören dazu. Wenn Jesus seine Jüngerinnen und Jünger als "Licht der Welt" (Mt 5,14) bezeichnet, setzt er sie wie den Gottesknecht ("Licht der Heiden", Jes 49,6) gleichsam zu Prophetinnen und Propheten ein, dessen Auftrag globale Ausmaße hat ("bis an die Enden der Welt"). Auch wir werden von Gott in Dienst genommen - auch wenn es um Nachhaltigkeit und die Erhaltung der Schöpfung geht. Die Texte Jer 1, 4-10; Jes 49, 1-6 thematisieren also wiederum nicht direkt Nachhaltigkeit, verweisen aber grundsätzlich auf unsere Verantwortung der Welt gegenüber. Mitten in der Erfahrung von Fremdheit, Ohnmacht und religiösem Desinteresse eröffnet sich für den Gottesknecht in Jes 49 die Gewissheit, dass Gott treu ist und sein Handeln global ist. Diese Erfahrung des babylonischen Exils kann für die heutigen Predigthörerinnen und -hörer Trost und Motivation sein, sich für Gottes Schöpfung und die Mitmenschen in Nah und Fern einzusetzen.

    Lk 1,5-17; Lk 1,57-66.80

    Die Ankündigung und die Geburt des Täufers
    Auch die Texte zum Tag der Geburt des Heiligen Johannes des Täufers, Lk 1, 5-17.57-66.80 lassen sich stärker in den Kontext von grundsätzlichen Fragen nach unserer Stellung zur Nachhaltigkeit als zu Einzelfragen bei diesem Thema stellen: Johannes der Täufer tritt als Umkehr- und Bußprediger auf, der seine Hörer zu einem radikalen Wandel aufruft (Lk 3, 8a.9). Die Versuchung ist groß, als Prediger in seine Rolle zu schlüpfen und die Alternative Buße als radikale, sozial-ökologische Umgestaltung der Gesellschaft oder Gericht in Form der Klimakatastrophe aufzumachen. Diese Alternative aber wird weder Johannes selbst noch Jesus gerecht. Lukas unterstreicht mit den Texten Lk 1, 5-17.57-66.80 ja, dass Johannes der Täufer Teil des großen Heilplanes Gottes ist, mit dem er die Welt retten will. Sein Evangelium bleibt bei der Ankündigung des Gerichts durch Johannes nicht stehen, sondern Johannes ist der Wegbereiter Christi. Die Botschaft des Täufers, an die Jesus anknüpft, lautet ja: Buße, Sinneswandel, griechisch: metanoia, d.h. Absehen von sich selbst, seiner Herkunft, seiner Geschichte und seinen religiösen Leistungen, Aufsehen auf Gott, "Wahr-Nehmung" seiner Gnade (Lk 1, 59-63: ganz gegen die Tradition erhält das Kind den Namen "Johannes", d.h. "Gott ist gnädig") und seiner Ankunft in die Welt. Das erst eröffnet - ganz im Sinne des 1. Joh - eine Verhaltensänderung, die zur Heilung der Beziehung zum Mitmenschen und zum Mitgeschöpf führt. Gott steht zu seinem Plan und will Heil für die Welt. Er ruft uns auf, an diesem Plan mitzuwirken und uns in Dienst und Zeugnis seines Heils zu stellen. In diesem Sinne auch wir Hörerinnen und Hörer der Predigt des Johannes.
  • Markus Schäfer
    Johannis deutet die Möglichkeit der Umkehr an: Sünde ist Störung des Verhältnisses zu Gott …
    Schäfer
    (© Wikimedia Commons/EPO)
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    Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 3. Sonntag nach Trinitatis /
    12. Sonntag im Jahreskreis / Geb. Hl. Joh. der Täufer | 24.06.12


    evang. Reihe IV:
    1 Joh 1, 5 - 2, 6
    kath. 1. Lesung:
    Vorabend: Jer 1, 4-10
    Am Tag: Jes 49, 1-6
    kath. 2. Lesung:
    V.: 1 Petr 1, 8-12
    T.: Apg 13, 16.22-26
    kath. Evangelium:
    V.: Lk 1, 5-17
    T.: Lk 1, 57-66.80