Der Autor betrachtet alle Bibelstellen des Sonntags. Stichworte zur Nachhaltigkeit: die richtige Sprache finden, um die christlichen Wurzeln der Nachhaltigkeit zu vermitteln (1 Kor 14); gegen die "Zwänge" der Wirtschaft ökologische Zusammenhänge leben (Ez 17); den scheinbar "wichtigen" Moment entmachten (2 Kor 5); weise Automatismen der Schöpfung (Mk 4)
Der 2. Sonntag nach Trinitatis

Wir stehen zu Beginn der langen "ungeprägten" Zeit nach Trinitatis: es sind nicht die großen Feste, die uns die Themen in den Schoß fallen lassen, sondern es geht darum, wie die Saat des Evangeliums aufgeht und im Leben der Gemeinde wächst und Früchte trägt. Das schafft Probleme. Es geht nicht um das Volltönende, sondern um das manchmal beschwerliche Klein-Klein des Alltags, in dem das Volltönende durch unser irritiertes und zaghaftes Plärren überhört zu werden droht.

Der Sonntag steht unter dem "Heilandsruf" (Mt 11,28) - der klingt sehr einladend und wohltuend, aber aus den Lesungen merkt man sogleich, dass es damit so seine Tücken hat. Es gibt sehr freundliche und generöse Einladungen, denen keiner folgen will (Lk 14, 15-24). Ebenso lernen wir über uns, dass wir fern waren, nur Gäste und Fremdlinge, nun aber Bürger und Gottes Hausgenossen (Eph 2, 17-22). Es geht darum, wie wir den Ruf in die Gemeinde hören und an den Grenzen leben: uns verweigern oder voll dabei sind, sozial und geistlich teilhaben oder uns sträuben. Die Trennlinien zwischen beiden Polen sind oft nicht klar, da wir simul justus et peccator sind. Wie sind wir in der Gemeinde und wie kommunizieren wir nach außen und nach innen?

1 Kor 14,1-3.20-25: Das richtige Wort finden

"Zungenrede", die Glossolalie, wird uns als Thema angeboten. Sie ist ein ekstatisches Phänomen, zumeist unverständlich. Für die Predigt ergibt sich daraus das Problem, dass vielen Gemeindegliedern die Sache des Textes gar nicht bekannt ist oder sie sich über dieses kommunikative Fragezeichen keine Gedanken machen müssen. Die Predigt droht, mit Paulus an dieser Stelle etwas zu diskutieren, was nur in pfingstlerischen Gemeinden ein Problem sein könnte.

Es steht aber zu befürchten, dass es solche "Glossolalie" trotzdem auch heute noch gibt: Otto Walkes hat es unnachahmlich in seinem "Wort zum Sonntag" und seiner Auslegung des Liedes "Theo, wir fahr'n nach Lodz" (http://www.youtube.com/watch?v=_AXHzqGWPH4) zum Ausdruck gebracht. Sätze wie "Nun, was wollen uns diese Worte sagen?" oder "Aber um welchen Theo handelt es sich? Ist es nicht auch jener Theo in uns allen?" lassen den Sprecher sofort als Pastor erkennbar werden - solche Plattitüden sind ein echtes Alleinstellungsmerkmal kirchliches Redens.

Auch wenn sicher heute kaum noch jemand genau so redet, hat kirchliche Sprache immer noch ihren Slang: unsere liturgische Sprache ist zweifellos sehr "richtig", bewährt und erprobt, aber wird von den meisten Menschen als nahezu unverständlich, museal, verschroben und lebensfremd wahrgenommen. Nicht sehr viel anders verhält es sich mit kirchlichen Verlautbarungen: auch sie werden zuweilen als lebensfern, distanziert, altmodisch in Gedankenführung und Sprache erlebt. Jedenfalls sind sie selten als literarischer Genuss, lebensfroh, praxisorientiert oder einladend bekannt. Bonmots oder Aphorismen gehen aus solchen Texten selten hervor.

Paulus plädiert für eine andere Sprache: Worte der Offenbarung, der Erkenntnis, der Prophetie oder der Lehre" (14,6). Ziel ist, dass wir die Gemeinde aufbauen und wir alles reichlich haben (14,12). Wenn geredet wird, dann mit Verstand (14,15), alles andere ist "Unordnung" - das Gegenteil davon ist "Frieden" (14,33)!

Wenn wir "Nachhaltigkeit predigen" wollen, dann geht es auch um eine Besinnung darauf, wie wir reden. Nach innen und nach außen. Bildung für Nachhaltigkeit will als pädagogisches Konzept nicht allein die Analysekompetenz befördern, sondern auch die Gestaltungskompetenz. Wenn wir so reden, dass die begriffliche Rede in nebulösen Wörtern versinkt, dann liegt der Verdacht nahe, dass wir die Analysekompetenz nicht haben oder aber bewusst den Nebel wählen, um nicht Stellung beziehen zu müssen. Den bedrängenden Problemen der Welt dient beides nicht - und es entspricht nicht dem Evangelium, das von Klarheit gekennzeichnet sein sollte und das Ja Gottes zu Mensch und Schöpfung nahe bringen will. Das Evangelium duldet keinen "undeutlichen Ton" (14,8) - das rüstet niemanden und erbaut nicht.

Könnte man nun denken, das alles liefe auf eine politische Ansprache hinaus, die mit Sachkenntnis und sprachlicher Raffinesse vorgetragen werden sollte, erfährt man hier, dass uns als Kirche das Evangelium selbst in ein solches Konzept hineingrätscht: am Ende wird offenbar, was in den Herzen verborgen ist, und wir bekennen, dass Gott wahrhaftig unter uns ist (14,25). Der Skandal des Evangeliums ist, dass es aufschließt, uns als Sünder enttarnt und als Glaubende beschenkt. Es sagt, was Sache Gottes ist. Es befreit uns, die Dinge beim Namen zu nennen. Es malt Bilder von einer anderen Welt und einem Leben als Hausgenossen Gottes.

Ez 17,22-24: "… und ich führe es aus"

Ein Heilswort, das ebenfalls in den ersten, von Gerichtsworten geprägten Teil des Ezechiel-Buches grätscht: nach den verwirrenden, menschlichen Pflanz- und Zucht-Eskapaden des 17. Kapitels wird hier das Subjekt gewechselt, denn es heißt "So spricht Gott, der Herr: Ich selbst …". Der Text beschreibt die Agri-Kultur Gottes. Vorschnelle Allegorisierungen und Gleichnisauslegungen sollten hier nicht sein, vielmehr lohnt es sich, Gott bei seiner Wirtschaft zuzuschauen und zu bewundern, um was es denn geht. Zweige grünen, Früchte wachsen, Vögel werden Gäste. Leben treibt aus, ökologische Zusammenhänge und Gesellschaft werden möglich. Am Ende erkennen alle Bäume, dass "ich der HERR bin". Die Welt Gottes wird von der ganzen Schöpfung erlebt.

Lohnt sich der Stress, die ganze Arbeit gegen die Zwänge von Wirtschaft und Weltpolitik, die wie Naturgesetze gelten? Ja, denn was einst uns zum Unglück wucherte, wird verdorren, anderes aufkeimen. Oder wie es der 1. Petrusbrief sagt (5,5): "Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade".

2. Kor 5,6-10: "als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende"

Ebenso lädt Paulus ein, den Moment zu entmachten: wohl sind wir "fern vom Herrn in der Fremde", also an strikte Begrenzungen gebunden. Unser Schicksal ist das aber nicht. Wir laufen im Glauben voraus an unser Ende und glauben von dort die Welt. Wir betrachten sie auch, aber steigen über sie hinweg, sehen Potentiale und Zukunft bei Gott. Wir stieren nicht mehr wie paralysiert auf Sachzwänge und lassen uns nicht wie Erdklöße in die gewünschte Form pressen, sondern suchen Gott "zu gefallen, ob wir daheim oder in der Fremde sind". Wir erinnern uns, wer uns als Erdkloß geformt hat. Wir bringen das Offenbare in die Debatte, das wir glauben, aber noch nicht sehen. So geben wir Gott die Ehre und seinem Geist den Raum, der ein neues Sein aufschließt.

Mk 4,26-34: "… und der Mann weiß nicht, wie"

Wir lieben das Automatische. Es ist fast ein Symbol unserer Zeit und erleichtert die Arbeit. Damit meinen wir aber nur, was wir zuvor so eingerichtet haben: automatisch passiert bei uns nichts, was wir nicht wollen. Wenn unsere automatischen Sicherungen nicht greifen - wie in Fukushima -, dann reden wir von "Unglück" oder "höherer Gewalt".

Hier wird der Blick auf andere Automatismen gelenkt: "Die Erde bringt von selbst (automatisch) ihre Frucht". Wir nennen das natürliche Zusammenhänge, aber wir glauben und loben dahinter den Schöpfer, der uns in seine eigenen Automatismen eingebettet hat. Wir sind allem voran Beschenkte und Begabte, so dass trotz aller Erkenntnis über biologische und ackerbauliche Zusammenhänge auch heute gesagt werden kann: "… und der Mann weiß nicht, wie".

Vor diesen Zusammenhängen stehen wir aber nicht nur als Zuschauer, die ergeben einem Spektakel Gottes zuschauen. Der kleine Anfang - senfkorngleich - lohnt und ihm sind große Zweige verheißen. Manchmal kann man wohl klagen wie Angelus Silesius: "Gott, weil er groß ist, / gibt am liebsten große Gaben, / ach, dass wir Armen / nur so kleine Herzen haben." Als Bebauer und Bewahrer der Schöpfung ist es an uns, die richtige Saat auszusäen und dann den Automatismen Gottes hegend und pflegend Raum zu gewähren.
Dr. Thomas Schaack
Es geht darum, dass die Saat des Evangeliums aufgeht und im Leben jetzt Früchte trägt …
Dr. Schaack
(© MEV)











































































Dr. Schaack: Weizen
Anderes keimt auf: Kornfeld mit Kornblumen
(© Dr. Schaack)

















Dr. Schaack: Bauer - Amsterdam
Verzierung an einem Amsterdamer Wohnhaus
(© Dr. Schaack)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 2. Sonntag nach Trinitatis /
11. Sonntag im Jahreskreis | 17.06.12


evang. Reihe IV:
1 Kor 14, 1-3. 20-25
kath. 1. Lesung:
Ez 17, 22-24
kath. 2. Lesung:
2 Kor 5, 6-10
kath. Evangelium:
Mk 4, 26-34