Der Autor geht auf alle genannten Pedigtperikopen des Sonntags ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: der Wille Gottes - Einbindung unserer Entscheidungen in einen Gesamtkontext (Mk 3); dem Gott des "technisch Machbaren" nicht unterwürfig opfern (Jer 23); der Verantwortung kann man nicht entfliehen (Gen 3); die Erlösung der Schöpfung beruht auf der Wahrnehmung der Verantwortung (2 Kor 4)
"In Verantwortung vor dem Willen Gottes"

Markus 3,20-35: Den Willen Gottes erfüllen
"Der Mensch in Verantwortung vor dem Willen Gottes", dies ist die gemeinsame Überschrift über allen Bibeltexten zu diesem Sonntag. Den Willen Gottes zu erfüllen, ist auch der Maßstab der Nachfolge Jesu, außerhalb dessen es keinen "geborenen Anspruch" auf die Nähe zu Jesus gibt: "Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter." (Mk 3, 35)

Was aber ist der Wille Gottes?

Ich halte es für gefährlich, bestimmte Schlussfolgerungen, die sich aus wissenschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher oder auch ökologischer Rationalität ergeben, unmittelbar mit dem Willen Gottes zu identifizieren. Rasch kann daraus doktrinäre und intolerante Ideologie entstehen. Es gibt nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine relative Autonomie der weltlichen Sachbereiche, die unabhängig vom Glauben ihre eigene innere Rationalität haben. Aber diese innere Vernünftigkeit ist auf übergeordnete Ziele bezogen: Was ist gut? Was trägt dazu bei, dass Leben gelingt? Was dient der Gerechtigkeit? Was dient der Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen und damit der Zukunft unserer Kinder- und Kindeskinder?

Solche Fragen setzen Wertsetzungen voraus, die ihrerseits eine innere Vernünftigkeit beanspruchen, deren Ursprung und deren Ziele aber nicht mehr in der Reichweite politischer, wissenschaftlicher oder ökonomischer Rationalität liegen. Sie haben ihren Grund und ihr Ziel jenseits unserer selbst. Sie kommen beziehen sich auf einen heilen Urgrund unseres Seins und sind hingeordnet auf ein umfassendes Heil - biblisch: Schalom - des Menschen und der kosmischen Schöpfung.

Diese Fragen sind zuinnerst mit der Frage nach Gott verbunden.

Jeremia 23,16-29: Über Gottes Wille kann nicht verfügt werden
"Bin ich denn ein Gott aus der Nähe - Spruch des Herrn - und nicht vielmehr ein Gott aus der Ferne?" (V. 23). Gott "befindet" sich nicht im Nahbereich unseres Verfügens. Sein Wille ist nicht einfach identisch mit menschlichem Willen. Und vor allem geht das von Gott verheißene und geschenkte Heil nicht in menschlichen Heilsversprechen auf. Falsche Propheten behaupten: "Das Heil ist euch sicher", und wer einfach seinen eigenen Antrieben folgt, dem versprechen sie: "Kein Unheil kommt über euch." (V. 17) Doch woher diese Sicherheit? "Wer hat an den Ratsversammlungen des Herrn teilgenommen, hat ihn gesehen und sein Wort gehört? Wer hat sein Wort vernommen und kann es verkünden?" (V. 18) Träume sind dies statt Gottes Wort (VV. 25 ff.), Stroh statt Korn (V. 28) Ja noch mehr: Es ist Baalsdienst, so wie die Menschen immer schon Gottes Namen im Namen Baals zu verdrängen versuchen (V 27).

Was aber bedeutet das? Wer ist Baal? Im Alten Testament steht dieser Name für eine Fruchtbarkeitsgottheit, die sich die Menschen in kultischen Ritualen gnädig zu stimmen und gefügig zu machen versuchen - aus Angst vor allfälligen Unbillen der Natur und im Vertrauen auf die Kraft eigener Beschwörungen. Das ist die Ursünde, der Urverstoß gegen das Erste Gebot: "Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen." (Ex 20, 5; Dtn 5, 9) Wer ist Baal heute? Und wem unterwerfen wir uns als absoluter Autorität? Ist es das grenzenlose Vertrauen auf unsere "instrumentelle Vernunft" (trotz der von Habermas und Adorno beschriebenen "Dialektik der Aufklärung"?) Ist es der Wahn, im Namen eines Gottes mit dem Namen "Fortschritt" über alles verfügen zu können: über die elementaren Gesetze der Natur bis hin zur Entfesselung ihrer unvorstellbar zerstörerischen atomaren Gewalt, bis hin zum Verfügen über die Gestalt menschlichen Lebens von allem Anfang an, bis hin auch zum Bejahen und Verwerfen? Was sind die Fruchtbarkeitsgötter, denen wir uns unterwerfen? Die Gleichsetzung des wissenschaftlich Möglichen, des technisch Machbaren und des wirtschaftlich Wünschenswerten mit dem ethisch Vertretbaren? Ist dies alles "alternativlos"? Oder muss es doch geprüft werden im Licht der Frage: Was dient dem Menschen? Was dient der Schöpfung? Stellt die Zusage des göttlichen Schalom die menschlichen Heilsversprechen in Frage? Ja oder nein? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?

Genesis 3,9-15: Der Mensch in Freiheit und Tragik
Woher kommt der "Riss im Sein"? Von jeher hat die Menschen die Frage umgetrieben, warum der Mensch den Menschen den Mitgeschöpfen entfremdet ist; was der Grund dafür ist, Gott den Menschen und die Menschen Gott so unendlich ferne sind. Die so genannten Sündenfallerzählungen versuchen darauf eine Antwort zu geben - nicht als metaphysisch-argumentative Begründung, auch nicht als Darstellung einer Historie. Vielmehr haben sie den Ursprung menschlicher Urerfahrungen in Bildern, im Erzählen von Symbolgeschichten zu ergründen versucht.

Ein zentrales Bild ist dabei der "Baum der Erkenntnis von Gut und Böse". (Gen 2, 17 u. ö.) Diese Erkenntnis ist nichts anderes als die Freiheit, die Möglichkeit, zwischen dem Rechten und dem Falschen zu entscheiden und in sittlicher Verantwortung zu leben. Besteht aber nicht gerade darin die Würde des Menschen, seine Auszeichnung vor allen anderen Geschöpfen? Ist die Freiheit nicht Ausdruck der Gottebenbildlichkeit des Menschen? Und gerade im Vollzug dieser Freiheit kann der Mensch schuldig werden. Ein tragisches Menschenbild - unauflösliches Bild von Größe und Elend (Blaise Pascal)?

Freiheit ist immer konkrete Freiheit, zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Doch sagt uns die Bibel, dass da an den Grenzen unserer Freiheit eine Macht ist, die uns zu verführen kann. Etwas Böses, das da sein muss, damit wir es tun können. Wir wären nicht verführbar, würden wir nicht verführt. Das entzieht sich jeder objektiven Benennung und wird in den herkömmlichen Bildern der Mythologie (Satan, Teufel) eher verfehlt als getroffen. Wir können es nur in Bildern ahnen, die mehr verbergen als enthüllen. Und doch ist die Schlange ein solches für Verführung und Verführbarkeit zugleich. Woher kommt diese Macht? Worin besteht diese Verführung? Ist es die Verabsolutierung menschlicher Autonomie, die Ablösung des Gottesgeschenks der Freiheit von ihren Verantwortungsbezügen zu Gott, zum Menschen, zu den Mitgeschöpfen? Und führt das nicht zu einem Verlust verbindlicher Maßstäbe? Warum soll in einer in ihrer Immanenz gefangenen Welt Liebe besser sein als Hass, Egoismus und Betrug besser als Solidarität und Ehrlichkeit? Ist der Mensch nur sich selbst verantwortlich? Ist er dann aber auch dazu verurteilt, die Last der Folgen seines Tuns alleine zu tragen?

Das überfordert den Menschen. Und er fühlt sich nackt und ausgeliefert. Deshalb schiebt er die Verantwortung gerne ab. Der Mann sagt: Die Frau war's. Diese behauptet: Die Schlange war's. Doch kann niemand seinem Teil der Verantwortung entfliehen. Und dennoch bleibt an den Grenzen unserer Freiheit eine unheimliche Macht der Verführung: Geheimnis des Bösen, mysterium iniquitatis. Und es bleibt am Ende auch die Angst vor Gott - nicht als Sündenangst und Gewissensqual, wie frühere religiöse Erziehung uns oft das Gottesbild verdorben haben, sondern als eine abgründige Existenzangst. Und dennoch: Der Mensch, der in der Wahrnehmung seiner Freiheit schuldig wird - ist er nicht auch ein tragisches Wesen? Kennen wir das nicht: schuldhafte Unschuld und schuldlose Schuld? Und ist dieser oft so tragische Mensch nicht schließlich des Erbarmens Gottes mehr würdig als seines Zornes (Paul Ricœur)?

2. Korintherbrief 4, 13-15: Verheißenes Heil für die ganze Schöpfung
Der Abschnitt aus 2 Kor spricht von der Leidensgemeinschaft des Apostels mit Christus, die aber auch Gemeinschaft mit ihm in der Auferstehung bedeutet - als Hoffnung, als Gewissheit. Voraus geht eine Beschreibung des Lebensumstände des Paulus: "Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben ...", wir werden gehetzt ...," wir werden niedergestreckt". "Wohin wir auch kommen, immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib ..." (2 Kor 4, 8-10) Dies betrifft die persönliche Existenz des Paulus. Ist es aber nicht auch das Schicksal der gesamten Schöpfung? An anderem Ort sagt Paulus: "Wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt." (Röm 8, 22)

Aber diese Worte des Apostels sind kein Ausdruck der Resignation oder Verzweiflung. Im Gegenteil, sie bieten jeweils Gelegenheit, eine unfassbare Hoffnung zur Sprache zu bringen. "Weiter sehen als wir sind" (Huub Oosterhuis), dieses Wort ist die große Klammer. Wir starren nicht auf vergängliche Sichtbare, sondern auf ewig Unvergängliche (V. 18). Das gilt für die persönliche Kreuzeserfahrung: "...und wir finden doch noch Raum"; "wir verzweifeln dennoch nicht"; "... wir sind doch nicht verlassen"; "…wir werden doch nicht vernichtet". (2 Kor 4,8-9). Ja: "Wohin wir auch kommen, immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird." (V. 10) Deshalb steht "der kleinen Last unserer gegenwärtigen Not" in "maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit" gegenüber (V.11) Und anderer Stelle: "Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll." (Röm 8,18)

Diese Hoffnung ist begründet in der Auferstehung Jesu Christi. Sie macht, dass im Tod Leben erfahrbar wird - ja dass die tödliche Hingabe des Einen zum Leben für andere wird (vgl. 2 Kor 4, 12). Gilt diese Hoffnung auch für die geschundene Schöpfung? Ja, sagt Paulus: "Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes." (Röm 8, 22) Das ist eine großartige Vision, die Mensch und Schöpfung gilt. Der Mensch hat kein exklusives Anrecht auf Erlösung, sondern an seiner Erlösung sollen die Mitgeschöpfe, die Natur, der gesamte Kosmos teilhaben. Das entpflichtet den Menschen nicht von seiner Verantwortung, dass der heilende Wille Gottes jetzt schon Gestalt werden kann. Es entlastet ihn aber auch davon, dieses Heil, diesen umfassenden Schalom von Mensch und Schöpfung selbst schaffen und leisten zu müssen. Dieses Vertrauen auf den in aller tödlichen Verstrickung Leben schaffenden Gott kann die ideologische Verkrampfung lösen und eine große Freiheit schenken.

Paulus beschreibt diese Hoffnung auf das eschatologische Heil so: "Wir wissen, wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel." (2 Kor 5,1) An anderem Ort im Neuen Testament lesen wir dazu: "Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu." (Offb 21, 3-5)

Dr. Thomas Broch
Richtig, falsch: Die Freiheit zu entscheiden …
Dr. Broch
(© Wikimedia Commons/von Lucas Cranach)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 1. Sonntag nach Trinitatis /
10. Sonntag im Jahreskreis | 10.06.12


evang. Reihe IV:
Jer 23, 16-29
kath. 1. Lesung:
Gen 3, 9-15
kath. 2. Lesung:
2 Kor 4, 13 - 5, 1
kath. Evangelium:
Mk 3, 20-35