Die Autorin geht auf alle genannten Bibelstellen ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Segen als Aspekt von Nachhaltigkeit, "richtige" Weltsicht (Eph 1); der Bund zwischen Gott und Mensch koppelt Vergangenheit und Zukunft untrennbar zusammen, Chance und Pflicht des Erbes erkennen (Dtn 4, Röm 8); die Mächte enttarnen und benennen, die uns in den Griff bekommen wollen (Mt 28)
Epheser 1, 3-14

Exegetische Überlegungen
Der in der Evangelischen Kirche vorgeschlagene Predigttext des Trinitatis-Sonntags betont in besonderer Weise den liturgischen Akzent, der den gesamten Epheserbrief prägt. Der Brief entstand im ausgehenden 1. Jahrhundert, in dem zum einen die innere Einheit der neu gegründeten christlichen Gemeinden geformt werden sollte, in dem zum anderen aber auch die christliche Lebensführung beschrieben sein sollte. Dabei nimmt der Verfasser immer wieder Texte und Gestaltungselemente auf, die aus christlichen Gottesdiensten stammen könnten oder aber zur Verwendung in der liturgischen Praxis gedacht sind. So auch im vorgeschlagenen Text Epheser 1, 3-14: Diese Einleitung in den Brief ist überschrieben "Lobpreis Gottes für die Erlösung durch Christus" und enthält im Wesentlichen ein umfangreiches Bekenntnis zu Gott, der uns von allem Anfang an erwählt hat, der uns erlöst und uns zu Erben einsetzt, der uns sein Eigentum sein lässt. Diese Geschichte Gottes mit uns Menschen ist Anlass zu Lob, das in Vers 3 und in Vers 14 den Rahmen für den gesamten Text benennt.

Der Absatz "soll die Grundstimmung der Dankbarkeit und Demut, der Freude und des Vertrauens schaffen." (Rudolf Schnackenburg: Der Brief an die Epheser, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, Neukirchen-Vluyn 1982, S. 67) Diese Dankbarkeit, Demut, Freude und Vertrauen erwachsen aus der Vergewisserung einer großartigen Geschichte: "ein einziger Segen Gottes, den er an uns in Jesus Christus erfüllt." (Schnackenburg, S. 66) Der so entstandene Lobpreis - in einem einzigen Satz zur Hymne geworden - ist ein Echo auf Gottes Heilshandeln, darum stehen Aussagen über die Vergangenheit auch in direktem Zusammenhang mit Aussagen über die Zukunft, darum hängt die Erinnerung an frühere Segenstaten Gottes eng mit der Erwartung kommender Verheißung zusammen. Das Zentrum dieses Welt- und Geschichtsverständnisses ist Jesus Christus selbst, er hält Gott und Mensch, Himmel und Erde zusammen. Nur weil wir hinein genommen sind in die Gemeinschaft mit Jesus Christus sind wir auch hinein genommen in das Gnadengeschehen und Erben des Segens: "Er macht gewiss, stiftet im Glauben Identität. Wer sich als erwählt geliebt glaubt, bekommt wieder eine Würde. Wer seinen Platz in der Schöpfung und bei Gott weiß, hat wieder eine Orientierung. Im Segen werden Beschädigungen in einem schwieriger werdenden Leben ausgeglichen, der Segen bleibt ein unaufgebbarer Schatz, er kann nicht zurückgenommen werden." (Wilfried Lenzen. In: Gottesdienstpraxis. 4. Perikopenreihe Band 3. Gütersloh, 2006.)

Assoziationen
Segen ist nachhaltig! In diesem Lobpreis wird reflektiert, was es bedeutet, ein Erbe anzutreten und eine Erbschaft so zu verwalten, dass auch die Kinder und deren Erben noch davon zehren können. Für solch nachhaltig wirkenden Segen wird Gott gedankt. Segen bewirkt Dankbarkeit, Erlösung bewirkt Erneuerung und die Erfahrung der Gnade bewirkt Sehnsucht nach Gottes Verheißung: Für unsere Zeit und unsere Welt sind diese Zusammenhänge keinesfalls selbstverständlich! Erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass Lebensressourcen nicht unendlich sind und darum der Bewahrung bedürfen. Erst allmählich wächst Einsicht, dass Gottes gute Gaben - Wasser, Energie, Wertstoffe aller Art… - geschützt sein wollen vor Ausbeutung und ungerechter Verteilung. Was damals in einem großen Lied des Lobs hymnisch erklang, muss sich bei uns als Lebensmaxime erst einmal wieder durchsetzen. Heute scheinen andere Maxime zu gelten: Sünden der Vergangenheit interessieren nicht, zukünftige Lasten werden links liegen gelassen, Freiheit ist die Freiheit des Einzigen und Befreiung keine gesellschaftspolitische Größe. Wie gut und heilsam wäre es, wenn sich dem gegenüber wieder alte Erkenntnisse durchsetzen könnten: Wir brauchen wieder das Wissen um den Zusammenhang der Weltgeschichte, wir brauchen wieder ein neues Verantwortungsgefühl für unser gegenwärtiges Tun und Lassen, damit wir unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder nicht ausblenden aus dem alltäglichen Geschehen, wir brauchen eine Weltsicht, in der die guten Gaben Gottes als Geschenk wahrgenommen werden und nicht als selbstverständliche Lebensqualität, in der Demut, Dankbarkeit und Lob Raum haben.

Deuteronomium 4, 32-34 und 39-40

Exegetische Überlegungen
Auch dieser Text stellt uns als Gottesdienstbesucherinnen und -besucher in die große Geschichte Gottes mit den Menschen: Im Mittelpunkt steht das Verhältnis Gottes zu Israel. Eingebettet in den Kontext von 5 Mose 4, 25-40 wird betont, dass Gottes Bund mit Israel nicht vergeblich gewesen sein kann. Erinnert wird an die Wunder und Zeichen, an die Erfahrungen der Väter und Mütter sowie all die Spuren der Liebe und Fürsorge Gottes in der Geschichte Israels. In Vers 40 wird die Ausrichtung dieser Erinnerungen deutlich: Wenn du heute Recht und Gebot hältst, wird es dir und deinen Kindern nach dir wohl gehen!

Assoziationen
Gottes Bund wirkt nachhaltig! Der Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Zukunft liegt auf der Hand, genauer gesagt in der Hand derjenigen, die genau hinhören: Wer sich erinnert und aus den Erinnerungen Glauben lebendig werden lässt und wer heute nach den aktuellen Geboten Gottes für das alltägliche Leben fragt, wird wiederum Zukunft gewinnen und Leben in Fülle. Der Bund zwischen Gott und Mensch erinnert uns an unsere Verpflichtung: Die Erde zu bebauen und sie zu bewahren, Recht und Gerechtigkeit zu üben.

Römer 8, 14-17

Exegetische Überlegungen
In den Kapiteln 6 bis 8 des Römerbriefes wird beschrieben, wie Rechtfertigung im christlichen Leben wirkt. Wenn Menschen die Kraft des Geistes in Anspruch nehmen, sind sie in der Lage, ihr Leben auf Gott zu beziehen und sich für gerechtes und Leben schaffendes Tun zu entscheiden. Vor diesem Hintergrund reflektieren die Verse 8, 14 bis 17 die Möglichkeiten, die uns durch den Geist als Kinder Gottes - genauer gesagt als Erben Jesu Christi - gegeben sind.

Assoziationen
Gottes Geist ist ein nachhaltiges Erbe!
Er schenkt uns kein Spezialwissen darüber, wie diese Welt funktioniert und wie wir in schwierigen Situationen zu entscheiden haben. Aber er gibt uns Einblicke in die Möglichkeiten der neuen Schöpfung, die Gott in Jesus Christus geschaffen hat. Und er gibt uns die Möglichkeit, daran Anteil zu haben. Im Leiden und in der Herrlichkeit, wie es in Römer 8 heißt. Interessant ist schon, dass wir es hier wiederum mit einem juristischen Begriff zu tun haben. Ein Erbvertrag regelt, wer wem was vererbt und oftmals darüber hinaus auch noch, wie mit dem Erbgut umgegangen werden soll. Auch der Bund Gottes mit den Menschen, wie er im Deuteronomium beschrieben ist, enthält solche rechtlichen Komponenten. Wie ein Bund besiegelt wird und rechtlich Hand und Fuß hat, so wird auch ein Erbe rechtmäßig angetreten und enthält Konsequenzen, an die sich die Vertragspartner binden. Gott bindet sich an seine Menschen und wir - als Kinder Gottes durch seinen Geist beschenkt und durch Jesus Christus zu Erben geworden - wissen, dass damit Verantwortung verbunden ist. Die Verantwortung, die es bedeutet, mit dem Erbteil gut umzugehen, es nicht dem Verfall auszusetzen, es nicht zu verprassen und zu gefährden - es eben nachhaltig zu pflegen und zu bewahren.

Matthäus 28, 16-20

Exegetische Überlegungen
Auch hier wird die Gegenwart und die Zukunft dieser Erde in den Blick genommen: Dies ist fester Bestandteil des Jesus-Worts, das aus der Beschreibung seiner Vollmacht (Vers 18b) aus dem Sendungsauftrag (Vers 19b bis 20a) und der Verheißung (Vers 20b) besteht. Es entsteht der "Eindruck einer allgemein gültigen Grundsatzerklärung des Auferstandenen". (Ulrich Lutz, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament. Das Evangelium nach Matthäus, Mt 26-28, Neukirchen-Vluyn, S. 429). Der ursprünglich so genannte Missionsbefehl ist inzwischen in unseren Gottesdiensten auch als Taufbefehl bekannt und wird innerhalb der Liturgien beim Taufgeschehen erinnert.

Interessant ist das Wort "Exosia" in Vers 18: Das von Luther mit "Gewalt" übersetzte Wort bedeutet eigentlich "Macht" und beschreibt hier auch den Macht- und Einflussbereich dessen, in den wir als getaufte Kinder Gottes eingetreten sind. Neben dieser Macht zählt keine andere Macht mehr. Natürlich klingt an dieser Stelle sofort die Barmer Theologische Erklärung im Ohr, die mit der Betonung der Herrschaft Jesu Christi betont hat, dass wir nunmehr keinen anderen Mächten unterworfen sind.

Assoziationen
Die Taufe ist ein nachhaltiger Herrschaftswechsel!
Gott gibt uns Anteil an seinem Namen, nach dem wir nun benannt sind. Er liebt uns und braucht uns als seine Kinder, die das festhalten können, was er uns gegeben hat. Für uns bedeutet das heute auch, die Mächte, die uns und die Gesetzmäßigkeiten dieser Welt in den Griff bekommen wollen, zu enttarnen und zu identifizieren als das, was sie sind: machtlose Versuche, unser Konsumieren und Denken, unser Leben mit all seinen Facetten in den Griff zu bekommen.

Impulse für die Predigt

Die Texte dieses Sonntags sind von Gedanken zum Bund durchzogen, der zwischen Gott und Mensch verlässliche Beziehungen schafft, und vom Erbe, das nachhaltiger Pflege bedarf und mit dem Auftrag der Bewahrung verbunden ist. Wir werden an den Auftrag erinnert, Menschen für die froh machende Botschaft zu gewinnen und sie mit den Regeln des neuen Machtbereichs bekannt zu machen, in dem Unbarmherzigkeit, Gedankenlosigkeit und kurzfristiges Denken keinen Platz haben. All unser Erinnern aber mündet in den großen Lobpreis Gottes, wie er im Epheserbrief erklingt und uns heute erneut auf die Zunge gelegt wird.
Beate Heßler
Eine Weltsicht, in der die guten Gaben Gottes als Geschenk wahrgenommen werden …
Heßler
(© Wikimedia Commons/NASA/Harrison Schmitt)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B         Trinitatis / Dreifaltigkeitssonntag | 3.06.12

evang. Reihe IV:
Eph 1, 3-14
kath. 1. Lesung:
Dtn 4, 32-34.39-40
kath. 2. Lesung:
Röm 8, 14-17
kath. Evangelium:
Mt 28, 16-20