Der Autor betrachtet allgemein in Bezug auf die Pfingstbedeutung das schöpferische Wirken des Geistes. Anschließend präzisiert er seine Überlegungen im Hinblick auf die Textstelle Hes/Ez 37. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Wo sind wir blockierend und wo geben wir Neuem Raum? Gottes Geist unterstützt Neuanfänge und Vielfalt, deren Kanalisierung die praktische Herausforderung in der Gemeinde ist. Weitere Ansätze: aus der Katastrophe (Tschernobyl, Fukushima, Lybien ...) Visionen und Perspektiven entwickeln
Während in den Lesungen des Pfingstsonntags Verheißung und Aussendung des Geistes Gottes im Mittelpunkt standen, konzentrieren sich die Texte des Pfingstmontags auf die Auswirkungen des Geistgeschehens.

Gottes schöpferischer Geist

Für einen Vorschlag zum nachhaltige Predigen ist es wichtig, daran zu erinnern, dass der Geist Gottes seit Anbeginn der Schöpfung am Wirken ist: Es ist Gottes Lebensodem, durch den die Menschen ihr Leben haben (1. Mose/Gen 2,7). Im 104. Psalm kann dieses schöpferische Wirken des Geistes Gottes so verstanden werden, dass das Leben aller Geschöpfe von dem Lebensodem Gottes abhängig ist (Ps 104,29f).

Diese schöpferische Dimension des Geistwirkens steht im Hintergrund des alttestamentlichen Textes der römisch-katholischen Lesereihe, der Vision des Propheten Hesekiel/Ezechiel (Hes/Ez 37,1-14). Die Vision darf dabei natürlich keinesfalls als Hinweis auf eine Auferstehungshoffnung in den Schriften des Alten Testamentes missverstanden werden. Das nämlich würde bedeuten, den Bildgehalt der Vision absolut zu setzen. Vielmehr sieht der Prophet die Menschen seiner Zeit in einer Lebenshaltung gefangen, die sie "wie tot" sein lässt: "Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt und unsere Hoffnung ist verloren und es ist aus mit uns." (Hes/Ez 37,11). Der Prophet beschreibt mit diesen Worten die Stimmung der Menschen im babylonischen Exil: fern von der vertrauten Umgebung, ohne Perspektive auf Rückkehr, in einem ungewohnten und für viele schwierigen Lebensumfeld fühlen sie sich wie tot.

Hesekiel/Ezechiel ist in seiner ganzen Prophetie von der Überzeugung getragen, dass Gott sein Volk nicht verlassen hat, sondern mit dem Volk ins Exil gegangen ist. Dies ist der tiefere Grund für die Vision von Gottes Thronwagen: Im ersten Kapitel des Buches zieht Gott mit seinem Thronwagen dem Volk gleichsam hinterher, im 43. Kapitel wird er mit dem Wagen in den neu errichteten Tempel in Jerusalem einziehen. Ein Neuanfang ist möglich, das ist die Botschaft des Propheten - auch da, wo keine Hoffnung mehr ist. Dieser Neuanfang setzt voraus, dass die Menschen sich bewegen lassen: ihr steinernes Herz wird von Gott durch ein fleischliches Herz ersetzt. Er wird seinen Geist in die Menschen geben, damit sie seine Gebote halten (Hes/Ez 36,26f).

Hier sind Ansatzpunkte für eine nachhaltige Predigt zu suchen:
Wo sind wir wie tot? Wo scheint sich in unserer Gesellschaft heute nichts zu bewegen?
Wo haben wir unser Herz hart gemacht wie Stein, lassen nichts an uns heran?
Wo trauern wir einem Leben hinterher, das es in dieser Form nicht mehr geben wird?

Diese kritische Selbstreflexion ist wichtig, um dann auch die andere Seite der Vision in den Blick nehmen zu können:
Wo sehen wir heute Zeichen neuen Lebens aufbrechen?
Was sind die Herausforderungen, angesichts derer wir um Gottes erneuernden und lebenschaffenden Geist bitten wollen?

Die zentrale Botschaft der Predigt kann sein, dass Gottes Geist auch radikale Neuanfänge möglich macht.

Gottes Geist schafft Vielfalt

Der Predigttext der evangelischen Predigtreihe - und ähnliche der Text aus Eph 1, der in der römisch-katholischen Lesereihe zu finden ist - nimmt die Fähigkeiten in den Blick, die Menschen durch das Wirken des Geistes haben. Ähnlich wie in der paulinischen Charismenliste in Röm 12 wird auch hier deutlich, dass der Geist Gottes keineswegs Einfalt, sondern Vielfalt wirkt. Eph 1 macht dabei deutlich, dass diese Erwählung der Gläubigen schon vor aller Zeit "im Himmel durch Christus" geschehen ist. Wenn wir uns an die Aussagen über das schöpferische Wirken des Geistes in 1.Mose/Gen 2 und Ps 104 erinnern, dann schwingt in diesen Zeilen die Vorstellung von der Schöpfungsmittlerschaft Christi mit: Der Einhauchung des Lebensodems korrespondiert die vor- und urzeitliche Segnung durch Christus.

Für eine nachhaltige Predigt bieten sich zwei Perspektiven, die in einem gewissen inneren Zusammenhang stehen:
Gottes Geist befähigt Menschen zu ganz unterschiedlichen Ämtern und Diensten. Der Gedanke der Vielfalt der Gaben, Aufgaben und Fähigkeiten kann in den Mittelpunkt der Predigt gestellt werden. Verbunden mit dem Hinweis auf die Segnung und Erwählung aller Gläubigen in und durch Christus vor aller Zeit kann daraus eine Suchbewegung entstehen, welche Aufgaben und Gaben in der Gemeinde vorhanden oder/und nötig sind. Die Predigt kann auf diese Weise dazu beitragen, die Gemeindeglieder zu ermutigen, ihren aktiven Platz in der Gemeinde zu finden bzw. sie für ihre Arbeit in der Gemeinde stärken.
Die zweite Perspektive hängt mit der "Kehrseite" dieser Vielfalt zusammen: Wo es unterschiedliche Gaben und Aufgaben gibt, da gibt es auch unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie der weitere Weg der Gemeinde aussehen soll. Gerade Umweltbeauftragte und andere "Kümmerer" in den Gemeinden leiden oft darunter, dass nicht alle in der Gemeinde oder im Kirchenvorstand/Pfarrgemeinderat den Einsatz für ihr spezielles Anliegen mit der gleichen Vehemenz unterstützen. Indem die Predigt heraus arbeitet, dass Vielfalt eine Gabe des Geistes Gottes ist, kann sie für gegenseitiges Verständnis werben und nach Wegen suchen, wie in und mit dieser Vielfalt von Gaben und Aufgaben das möglich wird, was für den Autor das Ziel aller Bemühungen sein soll: der Aufbau der Gemeinde und die Ehre Jesu Christi.

Predigtvorschlag zu Hes/Ez 37,1-14
(Hinweis: die aktuellen Bezüge sollten ggf. geändert werden)

Tot wie eine Geisterstadt liegen die Häuser da - oder das, was von ihnen übrig geblieben ist. Fenster sind zerschlagen, Türen herausgefallen, Gestrüpp wuchert über die Hauseingänge. Bilder aus Pripjat, der Stadt in der Todeszone des Reaktors von Tschernobyl. Bilder aus dem Dokumentarfilm "Lost Paradise" von Sebastian Heinzel. Bilder, die uns nicht nur in Tschernobyl begegnen: Tot, wie eine Geisterstadt liegen die Häuser da - oder das, was von ihnen übrig geblieben ist. Immer wieder bekommen wir solche Bilder auch aus anderen Orten der Welt zu sehen: wie tot liegen sie da nach Naturkatastrophen, Aufständen oder (Bürger-)Kriegen. Kann an diesen Orten wieder neues Leben entstehen? Die Frage treibt die Menschen um, gerade auch in den Orten, die von so großer Zerstörung betroffen wurden. "Herr, du weißt es", antwortet der Prophet angesichts des Totenfeldes, das vor ihm liegt, auf diese Frage nach dem neuen Leben. Allzu viel Zuversicht lässt sich nicht heraus hören aus diesen Worten, eher Resignation: Wie soll da, wo alles vom Tod gezeichnet ist, noch Neues entstehen können?

Die Internationale Atomenergiebehörde hat zum 20. Jahrestag von Tschernobyl darauf hingewiesen, dass in der Evakuierungszone um den Reaktor ein einmaliges Biotop mit völlig neuen Lebensräumen für viele Tier- und Pflanzenarten entstanden sind. Ein fast zynischer Hinweis angesichts des Leides, das dieser Reaktor über Tausende von Menschen gebracht hat. Kann neues Leben im Nordosten Japans entstehen, kann neues Leben entstehen in den vernichteten Städten Lybiens? "Herr, du allein weißt es.", das war in den letzten Wochen wohl oft auch für uns die erste Antwort, wenn wir uns diese Frage gestellt haben. Und dann konnte und kann man auf den zweiten Blick tatsächlich inmitten der Trümmer neues Leben entdecken: da ist die Frau, die selber alles verloren hat, aber in Sendai durch die Straßen zieht und alte Menschen versorgt, die sich geweigert haben, ihre Häuser zu verlassen und in die Notunterkünfte zu ziehen. Da sind Menschen in den belagerten Städten Lybiens, die ihre wenigen Vorräte miteinander teilen, da sind Zeichen eines neuen Lybiens in der Rebellen-Hochburg Bengasi.

Wird die Welt fähig sein, dieses Mal aus den Katastrophen zu lernen und einen wirklichen Politikwechsel herbei zu führen? Einen Wechsel hin zu einem weltweiten Miteinander, das von Respekt und Anerkennung, von verantwortlichem Umgang mit der Schöpfung und allen Geschöpfen geprägt ist? "Herr, du allein weißt es.", mögen manche stöhnen, die sich daran erinnern, wie wenig wir durch Tschernobyl oder den Fall des World Trade Centers gelernt haben.

In der Vision des Ezechiel wird dieses neue Leben möglich: Gott selbst sendet seinen Lebensodem, durch den aus den verdorrten Knochen auf dem Leichenfeld wieder neue Menschen werden, Zeichen der Auferstehung inmitten des Todes. In der Osternacht hat Gott aller Welt vor Augen geführt, dass seine Liebe zum Leben und zu uns Menschen stärker ist als alle Mächte des Todes. Der Prophet Ezechiel nimmt diese große Verheißung in seinem Bild vorweg. An Ostern geschieht das Unglaublich, das Unverstellbare: mitten aus dem Tod entsteht neues Leben. Wir sehen die Zeichen des neuen Lebens in Sendai, wir sehen die Zeichen des neuen Lebens in Bengasi, wir sehen sie in den politischen Diskussionen dieser Tage bei uns. Hoffen wir darauf, dass es Gottes Geist ist, der sie bewirkt, hoffen wir, dass Gottes Geist ihnen Kraft gibt und sie wachsen lässt gegen alle Kräfte des Todes.

Frère Roger Schutz, der Gründer der ökumenischen Gemeinschaft in Taizé, hat einmal gesagt: "Wir wissen nicht, wie oft der Lauf der Weltgeschichte schon dadurch geändert wurde, dass viele einzelne Menschen überall auf der Welt wider alle Hoffnung die Hoffnung nicht aufgaben." Die Vision des Ezechiel und die Zeichen des neuen Lebens inmitten des Todes, sie Geschichten der Hoffnung, die uns in unserer Hoffnung stärken können. Lassen Sie uns von unserer Hoffnung erzählen, lassen Sie uns andere für unsere Vision einer neuen Welt begeistern. In der Vision des Ezechiel ist es Gott selber, der dieses neue Leben schafft - aber der Prophet schaut nicht tatenlos zu. Er muss selber aktiv werden, er ist es, der den Lebensodem Gottes auf die Totengebeine herabruft. Zweimal muss er rufen, bis diese wirklich zu neuen Menschen geworden sind. Ein Mal allein reicht nicht. Lassen Sie es uns also rufen, hier in dieser Kirche, aber auch außen in unserer Gesellschaft: Komm, heiliger Geist, erneure deine ganze Schöpfung und mach' neu das Angesicht der Erde! Amen.
Wolfgang Schürger
Neuen Ideen Raum geben …

28.5.12 Dr. Schürger
(© Claus Völker)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                  28. Mai 12: Pfingstmontag

evang. Reihe IV:
Eph 4, 11-15 (16)
kath. 1. Lesung:
Apg 8, 1b.4.14-17
oder Ez 37, 1-14
kath. 2. Lesung:
Eph 1, 3a.4a.13-19a
kath. Evangelium:
Lk 10, 21-24