Der Autor geht auf alle Texte des Sonntags ein, und besonders ausführlich auf die Predigtperikope der evangelischen und die Evangeliumsperikope der katholischen Leseordnung. Stichworte: Besonderheiten des "neuen Bundes" - Wer Schuldhaftes in seinem Handeln findet, findet durch den Neuen Bund in sich auch die Möglichkeit, es besser zu machen (Jer 31). Die von Jesus skizzierten Aufgaben sind wahrzunehmen - gibt es in der (Kirchen-)Gemeinde eine Lücke, eine Aufgabe, die es zu übernehmen gilt (Apg 1)? Gottes Liebe ist eine weitreichende Verpflichtung auch für den Menschen (1 Joh 4). Heilung und Wahrheit sollen im Christentum weiterleben und Früchte tragen (Joh 17).
Jer 31, 31-34

Das Wort vom neuen Bund, das eine gewaltige Geschichte hat, stammt wohl nicht von Jeremia. Der Autor entwickelt hier den Gedanken eines neuen Bundes. Die Bünde, die Gott mit dem Volk zuvor geschlossen hat, sind ihm wohl vertraut.

Der Text bringt zwei ganz neue Aspekte in den Blick: Er spricht einmal von einer endgültigen Sündenvergebung und damit von einer endgültigen Aussöhnung mit Gott (Jer 31, 34); und er hebt zum anderen die Distanz zwischen Gotteswille und Menschenwille auf. Dies drückt er dadurch aus, dass Gott seine heilvolle Wegweisung, die Tora, gleichsam in das Menschenherz "hineinschreibt". Das Herz ist aber der Sitz des Willens des Menschen. Das heißt, dadurch, dass Gott seinen Willen in das Menschenherz hineinschreibt, werden Gotteswille und Menschenwille eins. So übersteigt dieser Bund alle früheren Bünde. Im Herzen der Menschen, noch deutlicher, im Herzen des Menschen, eines jeden, ereignet sich diese Zuwendung Gottes. Von innen heraus prägt Gott, gestaltet neu, und von innen, vom Herzen ereignet sich "Gotteserkenntnis". Ein Bundesverhältnis, das auch im Christentum noch nicht verwirklicht ist. Dieser Neue Bund ist mit Jesus Christus angebrochen. Seine endgültige Vollendung steht allerdings noch aus.

Predigtgedanken zum Jeremia-Text
Zum einen passt hier wunderbar die Geschichte des Gasthauses (s. u.) - Gott, der es nie leid wird, einen Neuanfang mit dem Menschen zu wagen. Wobei der Platz dafür in meinem Herzen sein muss. Denn im letzten geht es um eine neue Welt- und Werteordnung, die ihre Ausrichtung in der Liebe Gottes hat, die verzeihen kann und immer wieder partnerschaftlich neu beginnt. Ein anderer Gedanke der sich daran anschließt, ist die Frage nach Schuld und Sünde. Vielleicht ein Thema, das nicht wirklich "en vogue" ist, weil es sehr schnell ins Schwarz-Weiß-Denken abgleitet, und dann "Schwarzer Peter" gespielt wird. Und wenn man einen Schuldigen hat, soll der es gefälligst wieder in Ordnung bringen. Wir sind ja mittlerweile soweit, dass wir diese Begriffe Schuld und Sünde vermeiden und sie ersetzen durch Begriffe wie: Fehler, Schwächen, Probleme, Defizite, gemeinsame Verantwortlichkeit, Unkenntnis ... Zunächst muss man sicherlich die Frage stellen, was Sünde überhaupt ist, weil der Begriff mittlerweile für alles Mögliche und Unmögliche genutzt wird. Es kann nicht darum gehen, Schuld oder Sünde zuzuweisen, sondern im eigenen Denken und Handeln Schuldhaftes zu finden und zur Versöhnung zu bringen, denn diese Versöhnung ist mir zugesagt. Vielleicht ist die Frage nach der Erbsünde eine Möglichkeit, meine ganz persönliche Verstrickung hinein in die Sündhaftigkeit des Kollektivs wahrzunehmen, und meine Möglichkeiten, an einer neuen Perspektive zu arbeiten. Daneben steht sicherlich auch die individuelle Schuld jedes einzelnen von uns: Desjenigen der eben mal mit dem Auto fährt, wo er eigentlich hätte zu Fuß gehen können, die Bequemlichkeit der "stand-by" Schaltung aller Haushaltsgeräte… Und so muss es in der Konsequenz um ein neues, geändertes Bewusstsein und dann auch Verhalten gehen, im Großen wie im Kleinen.

Apg 1, 15-17.20a.c-26

Am heutigen Sonntag, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, wird von der Ergänzung des Apostelkreises berichtet. Die Auslassung der Judaslegende Lk 18 f. kann als hermeneutischer Hinweis verstanden werden: Nicht das konkrete Schicksal der Person Judas interessiert, sondern das ihm zugewiesene "Amt" ist von Bedeutung. Das Amt muss weitergegeben werden, der Kreis der Apostel muss vollzählig sein, da das gesamte Apostelkollegium für die Kirche, die an Pfingsten konstituiert werden wird, nach lukanischem Verständnis grundlegende Bedeutung hat.

1 Joh 4, 11-16

Die Auswahl des Lesungstextes beginnt mit dem V 11 und lässt damit einen Höhepunkt der neutestamentlichen Gotteserkenntnisse aus: nämlich den V 8 "Gott ist die Liebe". Die Begriffe, die sich durch die verbleibenden 6 Verse durchziehen, sind "lieben" und "bleiben" (je 8-mal). In den Versen 14 und 15 kommt das Wort Liebe oder lieben nicht vor, so dass wir eine Dreiteilung des Textes haben:
V 11-13: die aus der geschenkten Gottesliebe resultierende Verpflichtung zur Nächstenliebe V 14-15: Diese Liebe ist die Konsequenz aus der Sendung Jesu und dem Bekenntnis in ihn. V 16 schließt mit dem Bekenntnis in die Liebe Gottes und in dieser Liebe zu leben.

Joh 17, 6a.11b-19

Joh 17 bringt ein großes, feierliches Gebet aus dem Munde Jesu, das er vor den Jüngern, allen vernehmlich, an den Vater richtet. Es ist der Höhepunkt nach den Reden an die Jünger, bevor sich Jesus auf den Weg zur Passion begibt. Joh 17 gliedert sich in mehrere jesuanische Bitten:
1. Jesu Bitte um Verherrlichung, um den Menschen ewiges Leben zu geben (1-5);
2. Begründung der Bitte im Hinblick auf die Jünger (6-11 a);
3. Bitte um Bewahrung der Jünger in Gottes Wesen und um ihre Bewahrung vor dem Bösen (11b-16);
4. Bitte um Heiligung in der Wahrheit (17-19);
5. Bitte um Einheit der Glaubenden (20-23);
6. Abschluss: die Vollendung der Glaubenden (24-26).

Die Leseordnung greift aus Kap. 17 für den 7. Sonntag der Osterzeit außer dem Vers 6b die zwei Bitten um Bewahrung der Jünger in Gottes Wesen, ihre Bewahrung vor dem Bösen und um Heiligung in der Wahrheit heraus. Joh 17, 11b-16 ist sprachlich durch die beiden Imperative "bewahre sie" (V 11b), "heilige sie" (V. 17) sowie durch den Finalsatz "damit sie eins sind wie wir (eins sind)" gegliedert. Inhaltlich bildet dieser Abschnitt eine Einheit, denn die Bitte um Bewahrung, Heiligung und der Wunsch nach Einheit der Jünger fließen in das große Anliegen zusammen: Die von Jesus zurückgelassene Jüngergemeinde soll in dem göttlichen Bereich verharren, der ihr durch Jesus erschlossen wurde, und sie soll gegenüber der Welt in der göttlichen Art wachsen, die Jesus während seiner Erdenzeit durch seine Offenbarung und seine Gemeinschaft in sie hineingelegt hat. Joh 17, 17-19. Diese Bitte um Heiligung vertieft und entfaltet die Bitte um Bewahrung in Gottes Wesen. Das "Wort Gottes" bewirkt Heiligung in der Wahrheit (V. 17b), also ein Einbeziehen in den Bereich Gottes und ein Durchdringen mit der Art und Wesenheit Gottes. Durch die Heiligung sollen die Jünger für ihr Wirken in der Welt gerüstet sein, insofern ihnen das Wort Gottes, das Wahrheit ist, Gottes Wesen überträgt und einsenkt.
(Literaturhinweis: R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium 3. Teil, HThKNT, Freiburg 1975, 189-231.)

Texte:
Ist es wahr Herr, dass Du noch heute gern die Gewässer betrachtest, die Winde, das Licht? Trifft es zu, dass Du dir einen Sinn bewahrt hast für Vögel, für Blumen, für Kinder?
 
Wovon ich fest überzeugt bin, ist, dass Du nicht minder gern betrachtest, was unablässig aus den Händen des Menschen hervorgeht, mit dem Du Deine Schöpferkraft teilst.
DOM HELDER CAMARA

Sie sagen:
Wir lieben die Tiere - doch sie sperren sie ein. Sie sagen: Wir lieben die Pflanzen - und pflücken sie. Sie sagen: Wir lieben die Menschen - und töten sie.
Und nun zerstören sie Tiere, Menschen und Pflanzen durch das Atom. Ich wünsche mir, dass sie den Weg des Friedens kennen; aber das Unrecht ist auf ihren Pfaden. Sie gehen auf krummen Wegen und zerstören die Umwelt.
PETRA, ZWÖLF JAHRE

Das Gasthaus
Da war ein wohlhabender Mann. Er wollte den Menschen soviel Gutes wie möglich tun. Er dachte sich folgendes aus: An einem Ort, wo sehr viele Menschen vorbeikamen, wollte er ein Gasthaus einrichten mit allem, was den Menschen gut tut und Freude macht. So richtete er das Gasthaus ein mit gemütlichen Räumen, wärmenden Öfen, Brennmaterial, Beleuchtung; er füllte Vorratsräume mit jeder Art von Lebensmitteln, Gemüse und allen möglichen Erfrischungen; er stellte Betten auf, füllte die Schränke mit vielen unterschiedlichen Kleidungsstücken, mit Unterwäsche und Schuhen - all das in einem so reichen Maß, dass es für eine sehr große Menge von Menschen ausreichen konnte.

Nachdem das alles fertig war, schrieb er eine sehr eindeutige Gebrauchsanweisung für dieses Gasthaus. Darin stand unmissverständlich, wie all die Dinge des Gasthauses benützt werden sollten: Jeder, der in das Gasthaus kam, sollte so lange bleiben dürfen, wie es ihm gut tat; er durfte nach Herzenslust essen und trinken und von allem, was im Gasthaus war, nehmen. Nur eine Bedingung war dabei: Keiner sollte mehr nehmen, als er im Augenblick brauchte; die Gäste sollten sich gegenseitig helfen - und das Gasthaus so verlassen, wie sie es bei ihrer Ankunft vorgefunden hatten. Diese Anweisung nagelte der Mann deutlich sichtbar und allen lesbar an die Tür des Gasthauses; dann zog er sich selbst zurück.

Aber wie es so geht: Die Menschen kamen ins Gasthaus, lasen aber die Anweisung an der Tür nicht. Sie fingen an, alles, was im Haus war, zu benutzen, ohne an ihre Mitmenschen zu denken. Sie versuchten, möglichst viel von den Vorräten für sich selbst zu sammeln und einzustecken, obwohl sie die meisten Dinge gar nicht nötig hatten. Jeder dachte nur an sich selbst. So fingen sie an, sich wegen der Güter, die im Haus waren, zu streiten. Sie fingen an, sich gegenseitig die Dinge zu entreißen - und zerstörten sie dabei. Einige zerstörten die Vorräte sogar in der Absicht, dass die anderen sie nicht bekommen sollten. So zerstörten sie nach und nach alles, was im Gasthaus war. Und dann fingen sie an zu leiden: Sie froren, sie hatten Hunger; sie litten unter dem Unrecht, das sie sich gegenseitig zufügten. Und sie fingen an, über den Gastgeber zu schimpfen: Er hätte zu wenig Vorräte in das Gasthaus gegeben; er hätte Aufseher einsetzen müssen, er hätte allem Gesindel und allen schlechten Leuten erlaubt, ins Gasthaus zu kommen, das Gasthaus habe keinen Herrn und sei ein Unglücksort geworden.


Predigtgedanken:
Die neutestamentliche Lesung aus dem 1. Johannesbrief lädt geradezu ein, über die Nachhaltigkeit zu predigen:

Die Liebe Gottes, die unser ganzes Handeln bestimmen kann, die Liebe Gottes, die den ganzen Menschen und die ganze Schöpfung umfasst, lässt dem Menschen, der von der Liebe umfangen ist, im letzten keinen anderen Ausweg, als dass er selbst diese Liebe lebt. Die beiden Texte, von Dom Helder Camara und von Petra, passen dazu, erzählen uns davon, dass Gottes Liebe nicht allein der "Krone", sondern seiner ganzen Schöpfung gilt.

Im Johannesbrief heißt es: "Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott, und er bleibt in Gott." Es reicht nicht aus zu sagen: "Jesus ist der Sohn Gottes!" Wir müssen das in unser Leben hineinlassen, und dann muss es Konsequenzen haben in und für unser Leben. Im Umgang miteinander, im Umgang mit der Schöpfung und im Umgang mit mir selber. "Wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns vollendet." Es ist ja beides: Zum einen kann ich in meinem Mitmenschen Gott erkennen und ihm meine Liebe schenken, und zum anderen bekomme ich die Liebe Gottes auch durch meine Mitmenschen geschenkt. Wenn ich meinen Nächsten, meine Nächste liebe, dann sehe ich in Ihm ein Bild Gottes - und das muss Kreise ziehen, darum geht es dann auch im kommenden Pfingstfest, dass mein Tun die anderen ansteckt, begeistert. Wobei mir klar ist, dass nicht ich es bin, der der Geist Gottes ist, sondern der Geist wirkt durch mich, aber eben in der Gemeinschaft und damit in der gemeinsamen Verantwortung aller Geistträger.

Nicht ich bin der Überzeugende. Nicht ich muss es machen wollen. Es ist der heilige Geist, und manches Mal muss ich die Geduld aufbringen, auf diesen Geist zu warten. Meine Verantwortung liegt darin, mich heiligen zu lassen, mich beschenken zu lassen mit dem größten und schönsten Geschenk, das man mir machen kann, mit der unendlichen Liebe. Gott ist radikal, er will mich, er will Sie ganz. Und dann gehe ich durch die Welt weniger als einer, der Gott sucht; ich gehe, weil Gott mich gesucht - und gefunden hat.

Unser Glaube ist nicht eine private Entscheidung von uns. Er ist vielmehr geboren aus Gottes Entschiedenheit für uns. Das Los fiel auf mich, und es ist an mir, zu antworten. Wir stehen zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, Jesus ist im Himmel, aber das, was das Reich Gottes ausmacht, fehlt noch, nämlich der Heilige Geist. Wir stehen oft an diesem Punkt, dass der Geist noch nicht da ist, oder wir meinen, er sei noch nicht da.
Bruno Nebel, Altenkirchen
Gottes Liebe ist - auch - eine Verpflichtung …

20.5.12 Nebel
(© Wolfgang Sauber)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                          20. Mai 12: Exaudi /
7. Sonntag der Osterzeit


evang. Reihe IV:
Jer 31, 31-34
kath. 1. Lesung:
Apg 1, 15-17.20a.c-26
kath. 2. Lesung:
1 Joh 4, 11-16
kath. Evangelium:
Joh 17, 6a.11b-19