Der Autor bezieht in seine Überlegungen zum Feiertag die drei neutestamentlichen Texte der katholischen Leseordnung Mk 15-20, Apg 1, 1-11 und Eph 1, 17-23 ein. Stichworte zum Grundanliegen der Nachhaltigkeit sind: den Lebensweg Jesu als Prototyp eines menschlichen Wandlungs- und Entwicklungsweges zu verstehen; ein "inneres Auge" zu entwickeln für die überwältigende Kraft, mit der der Geist Gottes die Glaubenden ausstattet (Eph 1); diese Geistfülle schon hier und jetzt auszutragen als christliches Zeugnis für Frieden und Versöhnung (Apg 1), sich in christlichem Vertrauen auch mit den abgründigen und lebensfeindlichen Mächten dieser Welt auseinander-zusetzen, um dadurch die je stärkere Macht des Himmels zu bekräftigen (Mk 1).
Eine neue Dynamik zwischen Himmel und Erde

Was liegt zu "Christi Himmelfahrt" näher als über den Himmel nachzudenken und so natürlich auch über die Erde. Vielleicht gerade deshalb, weil dies sonst nicht so oft geschieht, wir so mit uns beschäftigt sind, dass der Himmel erst einmal in weite Ferne rückt. Ein bekannter Philosoph sagt: "Die modernen Menschen sind die ersten, die den Himmel nicht mehr anschauen." Warum? - Vor lauter Erdverbundenheit? Vor lauter Betriebsamkeit, vielleicht auch Egozentrik? Das war nicht immer so. Nicht dass die alten Zeiten grundsätzlich besser waren. Nein - wenn man genau hinschaut und hinhört, dann ist heute vom Himmel sogar häufiger die Rede als etwa noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Das kann man zurzeit nicht nur am Verkaufserfolg bestimmter Bücher ablesen, sondern zum Beispiel auch am Fernsehprogramm. Fernsehserien wie "Um Himmels Willen" stellen dies eindrucksvoll unter Beweis; sie haben hohe Einschaltquoten. Auch kirchliche Sendungen am Himmelfahrtstag berücksichtigen das Interesse vieler an Himmelsthemen. Sie demonstrieren in oft beeindruckenden Bildern aus den Bischofskirchen, etwa dem Aachener oder dem Paderborner Dom, dass der Blick himmelwärts faszinierend ist, wenn man zum Beispiel - wie dies Spezialkameras ermöglichen - genauer in die Gewölbe und Kuppeln dieser monumentalen Kirchen schauen kann. Eine derart nach oben gerichtete Architektur ist ja kein bloßer künstlerischer Selbstzweck, sondern erhebt geradezu den, der da hinaufblickt. Sie will - und das ist wohl noch wichtiger - den Lobpreis der betenden und singenden Gemeinde gleichsam direkt in den Himmel tragen. Ich erinnere mich an eine Sondersendung zu Christi Himmelfahrt mit dem Titel: " . . . und eine Wolke entzog ihn ihren Blicken". Die Sendung ging der Frage nach, warum der Himmel selbst Menschen wichtig ist, für die "Himmelfahrt" nicht unbedingt mehr eine unmittelbare religiöse Bedeutung hat.

Womit wir genau beim Thema sind. Wenn ich mir vorstelle, wie es den Jüngern am Himmelfahrtstag Jesu in Bethanien ergangen sein mag, ich weiß nicht, ob da auch sofort eine religiöse Bedeutung dabei war, als sie so gedankenverloren zum Himmel aufschauten? Selbst wenn das Ganze kein historisches Ereignis, sondern ein eher innerliches, ein geistliches Erlebnis gewesen ist: Was blieb ihnen anderes übrig als sich verlassen zu fühlen, Sehnsucht zu haben, am helllichten Tag ins Träumen zu geraten - und vielleicht gleich eine Bitte, ein Stoßgebet hinterher zu schicken.

Schauen wir in der Apostelgeschichte genauer nach: Von Jesus heißt es: "Während er das sagte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben. Eine Wolke nahm ihn auf, sodass sie ihn nicht mehr sehen konnten." (Apg 1, 9) Sicher ist: Was hier passiert, ist kein magischer Akt. Auch keine himmlische Performance. Das Ereignis wäre selbst mit einer Spezialkamera nicht einzufangen gewesen. Wohin Jesus geht - und übrigens auch, woher er gekommen ist - ist für die Augen unsichtbar. Kein ARD-Brennpunkt könnte uns, wenn Jesus heute zum Himmel auffahren würde, Live-Bilder liefern. Ich finde das geradezu beruhigend. Denn die Himmelfahrt Jesu ist ja keine Show, nicht einmal eine Leistung, selbst wenn es Jesus ist, keine Meisterleistung. Denn wenn wir genau nachlesen: Da wird keine Aktion, keine Heldentat Jesu geschildert, sondern ein Versprechen, eine Zusage gegeben: "Ihr werdet mit dem Heiligen Geist erfüllt werden, und dieser Geist wird euch die Kraft geben, überall als meine Zeugen aufzutreten." (Apg 1, 8) Die Erhöhung Jesu ist mit einer Zusage verknüpft; sie ist ein geistliches Geschehen und nur so auch zu verstehen. Der Geist Gottes hebt empor; er wandelt und verwandelt. So wie Jesus im Leiden und Sterben seinen Freunden vorausgeht, so werden auch sie in Bewegung gesetzt und an ihre Grenzen geführt durch den Geist. Und so wie Jesus nicht im Tod bleibt, sondern verwandelt wird zu neuem Leben, so werden auch die, die an ihm hängen, durch den Geist zu neuem Leben auferweckt werden und erhöht werden in eine für die Augen unsichtbare Welt.

Genau dies bestätigt auch der Text des Markusevangeliums, der gerade deshalb, weil er eine spätere redaktionelle Ergänzung des ursprünglich mit Mk 16,8 abbrechenden Originals ist, deutlich macht, dass es sich hier um kein historisch verbrieftes, äußerliches Ereignis handelt: "Nachdem Jesus, der Herr, ihnen dies gesagt hatte, wurde er in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes." (Mk 16, 19) Der Himmel ist kein geografischer Ort, sondern der Herrschaftsbereich Gottes. Jesus ist bei seiner Himmelfahrt nicht irgendwohin in die unfassliche Weite der Geisterwelt entschwunden, sondern zu Gott selbst gegangen. In der Himmelfahrt Jesu vollendet sich sein Weg. Das Himmelfahrtsfest wird ja seit dem 4. Jahrhundert 40 Tage nach Jesu Auferstehung, also Ostern, und neun Tage vor der Ausgießung des Heiligen Geistes, also Pfingsten, gefeiert. 40 Tage waren in der Antike die symbolische Zeitspanne für eine Bewährung. Jesus musste sich 40 Tage in der Wüste bewähren, bevor er öffentlich auftrat. Jetzt muss er sich als Auferstandener 40 Tage bewähren, bevor er in die himmlischen Sphären aufgenommen wird. Christi Himmelfahrt versteht sich also von Ostern und von Pfingsten her. Der Auferstandene, der zum Vater heimkehrt, richtet den Blick der Jünger nach vorne in Richtung Zukunft, besser noch: nach oben auf den Vater im Himmel und auf dessen Verheißung, die sich an Pfingsten erfüllt in der Sendung des Heiligen Geistes.

Die Christen glaubten damals: Der auferstandene Christus habe sich "für uns" bewährt. Er habe unsere Wirklichkeit mit seinem Geist der Versöhnung so durchdrungen, dass unsere Welt und Wirklichkeit jetzt mit dem Himmel verbunden seien. Sie glaubten damit nicht, dass die Welt schon friedlich und versöhnt sei, aber dass Frieden und Versöhnung in ihr möglich sind. Sie glaubten, dass ihre Welt und Wirklichkeit von Christi Geist durchdrungen seien. So wie gedüngter Ackerboden ertragsfähig ist, so ist die von Christi Geist durchdrungene, ja gedüngte Wirklichkeit friedensfähig. Dies ist der Glaube der Christen bis heute: Der von den Toten Auferweckte ist der Anfang der neuen Schöpfung Gottes. Diese Christus-Wirklichkeit transzendiert die historische Gestalt Jesu. Die Erhöhung Christi - und sie ist allein im Glauben zu erfassen - ist qualitativ mehr als das bezeugte Auftreten des historischen Jesus von Nazareth. Er verkörpert den Prototyp des Menschen, die Ganzheit göttlicher und menschlicher Art, einen Menschensohn und zugleich einen Sohn Gottes. In Christus scheint unser wahres ursprüngliches Gesicht auf. Und auch der Prozess unserer Mensch-Werdung ähnelt der Struktur seines Lebensweges: über Inkarnation, Passion hin zur Auferstehung und Erhöhung. So kann die Himmelfahrt Christi als Symbol eigener Wandlung und Erneuerung im Geiste Gottes gedeutet werden.

Nach christlicher Auffassung ist Jesus sowohl Gott als auch voll und ganz Mensch, aber ein Mensch, der das Göttliche voll und ganz erfahren hat. Weil er ganz Mensch ist, dürfen wir auch bei ihm einen menschlichen Entwicklungsprozess annehmen. Man kann sagen, dass auch Jesus alle Stadien, Aspekte und Ausfaltungen eines menschlichen Wandlungs- und Entwicklungsprozesses durchlebt hat, Phasen, Durchgänge und Stationen einer inneren Entwicklung, die nicht ohne Folgen blieben. Wer den Weg wie Jesus gehen will, macht folglich Erfahrungen, die anders sind als alles Bisherige, Erfahrungen, die ihm so wertvoll und wichtig sind, dass er ihnen nachgehen muss. Er löst sich von seiner sozialen Umgebung und deren Erwartungen; es begegnen ihm bisher unbekannte dunkle Mächte und Möglichkeiten, die ihn an Abgründe und in bedrohliche Auseinandersetzungen zwingen, an deren Ende aber seine ihm eigene Bestimmung steht. Die Bewältigung dieser Auseinandersetzungen sind innere Vorgänge. In der biblischen Erzählweise werden solche Prozesse nach außen verlagert und symbolisch inszeniert. Es sind dann konkrete Menschen, Situationen und Ereignisse, die für innere Abläufe stehen. Himmel, Himmelfahrt und Heiliger Geist sind Bilder für innere Zustände, die mit Frieden, Gottesnähe, erfülltem Dasein, Sinn und Vollendung umschrieben werden können.

Diese Auffassung vermittelt auch der Epheserbrief, wenn der Apostel Paulus für seine Gemeinde den Geist Christi erbittet, der ihr "das innere Auge" (Eph 1, 18) öffnen möge, damit sie sieht, welche Hoffnung Gottes Geist ihnen gegeben und zu welch großartigem Ziel er sie berufen habe: "Er lasse euch erkennen, (…) zu welcher Herrlichkeit er euch in der Gemeinschaft der heiligen Engel bestimmt hat. Ihr sollt begreifen, wie überwältigend groß die Kraft ist, mit der er an uns, den Glaubenden, wirkt." (V. 18f) Auferstehung, Himmelfahrt und Geistsendung stehen für eine neue Dynamik zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch. Der Himmel ist nicht entrückt, in weiter Ferne, irgendwo über den Wolken oder in den Sternen. Die Himmelfahrt Jesu löst ein, wofür er selbst in der Öffentlichkeit vom ersten Tag an eingetreten ist: das Reich Gottes ist nahe, zum Greifen nahe. Richtet eure Aufmerksamkeit neu aus. Nicht nur auf das, was ihr sehen und direkt einsehen, messen, überprüfen, euch verdienen könnt. Gottes Gegenwart ist ein Geschenk, Geistesgegenwart ein Geschenk des Himmels: "Es ist dieselbe gewaltige Kraft, mit der er [der Geist Gottes] an Christus gewirkt hat, als er ihn vom Tod auferweckte und in der himmlischen Welt an seine rechte Seite setzte. Dort thront jetzt Christus über allen unsichtbaren Mächten und Gewalten, über allem, was irgend Rang und Namen hat, in dieser Welt und auch in der kommenden." (Mk 16, 19b-21) Deshalb gibt es auch für uns schon hier und heute ein Stück Himmel auf Erden.

Ludger Verst, Wolfhagen
Wechselseitige Verbindungen zwischen Himmel und Erde - zukunftsfähig …!
17.5.12 Verst
(© Wikimedia Commons/Maxgreene)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B         17. Mai 12: Christi Himmelfahrt

evang. Reihe IV:
Offb 1, 4-8
kath. 1. Lesung:
Apg 1, 1-11
kath. 2. Lesung:
Eph 1, 17-23 oder
Eph 4, 1-13
kath. Evangelium:
Mk 16, 15-20