Der Autor betrachtet alle Predigtperikopen des Tages. Stichworte zur Nachhaltigkeit: in Zeiten der Anfechtung am Gebet festhalten, Erschütterungen zur Entwicklung von Perspektiven nutzen (Beispiel Atompolitik), zu einem befreiten Leben übergehen (Apg 16); eingreifen, Wachstum (Weinstock) mit Bedacht fördern, in Rückbindung an Gott die Fülle erleben (Joh 15); Einheit von Wort und Tat (1 Joh 3); wie Diskurse gelingen können (Apg 9)
Vorüberlegungen zum Sonntag Kantate

Singen ist eine der wichtigsten und wenn wir Kleinkinder beobachten auch eine der ersten Lebensäußerungen des Menschen. Schön, dass wir in unseren Gottesdiensten singen. Am Sonntag Kantate pflegen wir es ganz bewusst. Wir singen zum Lob unseres Schöpfers. Singen und Loben geht nicht ohne Atmen. Wer gut atmet singt leichter. Singen belebt Leib und Seele. Singen ist Ausdruck unserer Lebensfreude. Singen fördert unsere Gesundheit an Leib und Seele.

Mögliche Lieder:
Gott gab uns Atem / Ich lobe meinen Gott, von ganzem Herzen / Laudato si (wo es passt, vor allem mit Kindern immer noch beglückend) / Geh aus mein Herz

Ein Gedicht
Mein Atem geht - Was will er sagen?
Vielleicht: Schau! Hör! Reich! Schmeck! Greif! Lebe!
Vielleicht: Gott atmet in dir mehr als du selbst.
Und auch: In allen Menschen, Tieren, Pflanzen atmet Er
Wie in dir.
Und so: Freude den Sinnen! Lust den Geschöpfen! Friede den Seelen! ...
Kurt Marti (nach EG S.921)

... Singt und feiert Kantate (Zusatz für diesen Sonntag)

Apg 16, 23-34

Die Gegensätze des Textes:
Lebenszerstörerisch: Die Boten der neuen Idee haben die bestehende Ordnung durcheinandergebracht, vor allem bringen sie die Einflussreichen um ihr Geschäft. Und wo es um's Geld geht, hört der Spaß auf. Die Boten der Wahrheit werden geschlagen, ins innerste Gefängnis verbracht und in den Block gesteckt.

Lebensfördernd - nachhaltig: Zur mitternächtlichen Stunde beten Paulus und Silas und loben Gott. Eigentlich scheint es dafür nicht wirklich einen Grund zu geben. Wir können uns durch sie an ein Geheimnis erinnern lassen. Sie halten auch im Gefängnis an der Gebetsgewohnheit fest. Sie sind damit zum Vorbild für unzählige Menschen geworden, die gerade in ihrer größten Not Kraft und Hilfe durch ihr Vertrauen auf Gott bekamen. Nicht selten sind es dann die Schätze unserer Vorfahren im Glauben, die uns durch Gebete oder Liedstrophen tragen. "Gerade in Stunden äußerster Anfechtung kommt es darauf an, dass wir aus dem Verfangensein in den eigenen Nöten herauskommen und in den Raum der Glaubenserfahrung der ganzen Kirche eintreten." Es ist der Schatz der uns vermutlich immer wieder viel zu wenig bewusst ist: "Im Gebet der Kirche umschließt uns etwas, was mehr ist als unser eigenes äußeres und inneres Erleben und Empfinden." (Voigt 1, 231) Das Bedürfnis von vielen z.B. nach "Kloster auf Zeit" spiegelt etwas von der Sehnsucht nach Spiritualität, die uns im Alltag abhanden gekommen ist. Gut, wenn wir immer wieder Gelegenheiten suchen und finden, allein oder in Gruppen, in denen wir das einüben können. Gut, wenn wir einander Hilfestellungen und Angebote zum Beten geben.

Die Folgen
Lebenszerstörerisch: Angst und Entsetzen führen zur Verzweiflung. Der Gefängniswärter möchte seinem Leben ein Ende setzen.

Lebensfördernd: Was wären wir in Not und Verzweiflung ohne die anderen? Die Anrede durch das Du (Paulus) schützt vor Selbstzerstörung.

Das Erdbeben ist hier mehrdeutig:
Eine zerstörerisch, angst-machende Naturgewalt unterbricht das Leben, die Grundmauern der Lebensbehinderung (Gefängnis) werden erschüttert, durch die Bedrohung entsteht zugleich Raum für neues Leben, für Befreiung. Wer weiß, was wir vor dem Sonntag Kantate 2012 an Erschütterungen zu bedenken haben. Und wir wollen und dürfen nicht verharmlosen, welche Schrecken und welches Leid z.B. Naturkatastrophen immer wieder für Menschen oder Gesellschaften bedeuten. Und auch wenn wir es immer wieder nicht wahrhaben wollen, oft brauchen wir Menschen wohl das Erschrecken, dass uns zum Umdenken motiviert. Die Antizipation des möglichen Unheils ist keine beliebte Aufgabe, die von der Mehrheit einer Gesellschaft aufgenommen wird. Die Vision von den "blühenden Landschaften" hören wir lieber als den Hinweis auf mühevolle Wegstrecken zum Ziel. Das Erdbeben 2011, das 1000fachen Tod und nicht absehbare Folgen durch die Katastrophe von Fukushima gebracht hat, war vielleicht das Beben, das erst das Fühlen, dann das Denken und schließlich das Handeln so nachhaltig bestimmt hat, dass es eine Wende in der Atompolitik in Gang gesetzt hat, hoffentlich weltweit. Dass wir gleichzeitig gigantische Anstrengungen unternehmen müssen, um auch den CO2-Ausstoss zu reduzieren, ist in unserem persönlichen, gesellschaftlichen und politischem Denken und Handeln immer noch zu wenig angekommen.

Erschrecken und Bewahrung öffnet für eine neue Lebensperspektive:
Was muss, was kann ich für ein gutes, ein bewahrtes Leben tun? Das heilsame Erschrecken und die tröstende Bewahrung führen zur Suche nach einem beständigen Leben: was kann, was muss ich dafür tun? Dieser Bibelabschnitt könnte dafür ein Hinweis sein. In kürzester Form hören wir, was nachhaltiges Leben begründen kann: Geschichten erzählen, miteinander essen und trinken, und die Taufe feiern als Zeichen für neues und befreites Leben.

Joh 15, 1-8

Hier geht es um Beständigkeit, um's Dranbleiben, um Glaubenstreue. Interessanterweise geht es nicht um Qualität, sondern "nur" um Quantität. Dies widerspricht eher unserer Auffassung von nachhaltigem Wachstum. Vielleicht geht es aber auch schlicht darum, dass da etwas wächst, etwas Neues entsteht, und die Frage, ob es das Beste, das Schönste, das Schnellste, das Mächtigste ist, stellt sich eben genau nicht. Dies wäre dann tatsächlich ein Gegenentwurf zu unserer Zeit.

Der Weinbauer entspricht dem Schöpfungsauftrag von Gen2,15: bauen und bewahren. Er bewahrt nicht nur, er greift auch ein. Um die Früchte zu fördern und zu stärken greift er in die Natur ein. Triebe ohne Früchte werden entfernt, damit Platz entsteht für das, was wachsen soll. Gezielte Förderung bedeutet Rückschnitt in Maßen.

Zentrale Aussage ist aber die Rückbindung an die Kraftquelle des Lebens: Im Bild: Ohne Verbindung zur Natur gibt es keine Früchte. In der Sache: Ohne Verbindung zum Urgrund allen Lebens gibt es keine Entwicklung. Nachhaltige Entwicklung, nachhaltiges Leben gibt es nur, wenn die Relation stimmt, wenn wir in der Beziehung bleiben. Was für die Natur gilt, gilt auch für uns Menschen: Leben wird sich nur entwickeln, wenn die Relation stimmt. Teile in der Gemeinschaft, die sich von den anderen isolieren wollen, oder meinen sie seien etwas ganz besonderes sind genauso verloren, wie diejenigen, die sich von der Quelle des Lebens lossagen wollen. "Das Bild vom Weinstock und den Reben ist die Aufhebung des auf sich selbst gestellten, sich selbst gehörigen Menschen" (Doerne,27). Oder anders gesagt, "es gibt nur eine Lebensweise, die Gott entspricht: sich der ‚schlechthinnigen Abhängigkeit' oder, evangelischer formuliert, des unverdienten und unverdienbaren Beschenkt- und Getragenwerdens zu freuen." (Voigt 2, 249)

Mit dem Bild des Weinstocks öffnet Jesus uns einen Zugang zu der guten Seite des Lebens. Die Früchte des Weinstocks stehen nicht für Askese oder Jammertal, hier geht es um Lebensfreude und Fülle. Eine Fülle, die nicht nur für uns oder unsere Gemeinschaft oder unsere Kirche gilt. Wenn wir die Früchte der Reben weiterdenken bis zur Mahlgemeinschaft und uns dazuhin an das Gleichnis vom großen Abendmahl (Lk14, 15-22) erinnern lassen, dann wird da immer auch unsere Sehnsucht nach der gelingenden Gemeinschaft der Kinder Gottes präsent - weltweiten als Christenheit und darüber hinaus. Diese Gemeinschaft lebt von der Fülle her und will allen Anteil geben und wenn es nur das tägliche Brot wäre. Für viele wäre das schon viel mehr, als sie derzeit haben. Mein Reichtum und meine Fülle ist nicht (nur) für mich, sondern vor allem für die anderen.

1 Joh 3, 18-24

Zunächst erscheinen die Gegensatzpaare: Wort und Zunge, Tat und Wahrheit. Wer aus der Wahrheit, wer von Gott her lebt, der sucht nach der Einheit von Wort und Tat, wer versucht, sich an der Wahrheit, an Gottes Wahrheit, zu orientieren, versucht ein glaubwürdiges Leben, das beides zusammen halten will: Wort und Tat. Aber wir wissen, dass uns dies oft nicht gelingt. Dann dürfen wir dennoch darauf vertrauen, dass Gott unser Herz tröstet.

Apg 9, 26-31 Paulus in Jersualem

Der Diskurs mit den Griechen misslingt. Es gibt Zeiten, in denen es besser ist, Konflikten aus dem Wege zu gehen. Manchmal müssen wir warten, bis die Zeit reif ist. Wie gelingen Diskurse, die weiter führen? Wir brauchen Fürsprecher, Menschen, die einen einführen, manchmal geht es alleine gar nicht. Dies zu beachten hilft bisweilen, Kräfte zu sparen.

Romeo Edel, Esslingen


Literatur:
Voigt 1: Gottfried Voigt, Die Himmlische Berufung, Berlin 1987²
Voigt 2: Gottfried Voigt, Der Schmale Weg, Berlin 1984²
Martin Doerne, Siehe ich sende euch, 1935
Die Rückbindung an die Kraftquelle des Lebens lässt Freude und Fülle entstehen …
6.5.12 Edel
(© Claudia Ehry)
zurück zur Übersicht (KJ 2011/12)

Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                             6. Mai 12: Kantate /
5. Sonntag der Osterzeit


evang. Reihe IV:
Apg 16, 23-34
kath. 1. Lesung:
Apg 9, 26-31
kath. 2. Lesung:
1 Joh 3, 18-24
kath. Evangelium:
Joh 15, 1-8