Der Autor greift das Stichwort der Erneuerung im Zusammenhang mit der Jubilate-Aufforderung auf und setzt es in unterschiedliche Bezüge zu den Predigtperikopen. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Neues und Veränderungen in der Gemeinde auch zulassen, andererseits wertvolle Strukturen schützen; "die Idee, die dahinter steckt"
Der Mai in aller Fröhlichkeit und Pracht steht vor der Tür. Fliederduft weht durch die Lande. Die Kastanienkerzen recken sich stolz in den Himmel. Es ist eine Wonne. Alle Jahre wieder. Und auch die Kirchenjahreszeit lockt zum Jubilieren. Zwischen dem Fest der Auferstehung und der Ausgießung des Geistes sind viele Kirchen reich geschmückt, von fröhlichen (Oster-) Liedern erfüllt und nicht nur zu Konfirmation und Firmung gut besucht. Was gestern noch alt schien, leuchtet heute ganz neu. Manches hat sich verändert in den letzten Wochen. Wer Augen hat, das Frühlingsgrün zu schmecken und Ohren, das Hallelujah zu kosten, wird schnell einfallen wollen ins Jubilieren der Schöpfung, in den Lobpreis des Schöpfers, ins Thema des Sonntags: Jubilate! "Jauchzet Gott, alle Lande!" (Psalm 66,1 - Antiphon des Sonntags)

"Neu werden" ist das zentrale Motiv der biblischen Texte. Zwischen Osterhoffnung und Pfingstfeuer das neue Aufblühen in der Natur bewundern und selbst aufblühen und neu werden. Das Samenkorn, das zu Karfreitag in die Erde gelegt wurde (Johannes 14), trägt neue Frucht. Vielleicht wäre es gut, im Gottesdienst statt einer Ansprache Blumen auszuteilen und diese mit ihrer Pracht das Neuwerden und Gottloben darstellen lassen. Wer das nicht tut, könnte zum Predigtschreiben einen duftenden Strauß auf dem Tisch stehen haben. Sie haben es verdient! Und ihre Hörerinnen und Hörer auch.

"Neu werden" - das wünschen sich Menschen in den unterschiedlichsten Situationen. Nicht selten ist dagegen auch der Wunsch anzutreffen, dass alles beim Alten bleiben und sich das Leben in den gewohnten und bewährten Bahnen entwickeln möge. Beides hat seine Wahrheit und könnte in der Predigt spannungsvoll in Beziehung gesetzt werden. Da ließe sich viel erzählen. Zum Beispiel von Veränderungen in der Gemeinde, den damit verbundenen Chancen und Risiken: neue Anfangszeiten für den Sonntagsgottesdienst, ein neue Form für die Seniorenarbeit, die Neueinstellung eines Mitarbeitenden, das Gewinnen neuer Sponsoren,... Themen, bei denen sich gemeindeleitende Gremien (und nicht nur diese) schnell heiße Diskussionen liefern. Zumal das Neuwerden ja in Veränderungsdebatten, auf Synoden und im kleinen Kreis immer wieder gefordert wird. Besonders in Augenblicken, in denen die Stimmung nicht so prächtig ist wie in der gegenwärtigen Festzeit. Die gute Nachricht der für den Sonntag vorgegebenen Texte wird differenziert dazu Stellung nehmen. Das Bild des Hirten (Joh 10) lädt vielleicht eher zum Bewahren, Behüten, Beschützen ein. Wird eher auf die Stärkung der bisherigen Strukturen und der in ihnen versammelten Herde aus sein. Die scharfe Dialektik des Paulus (2 Kor 4) zeigt dagegen vielleicht eher Alternativen auf und hilft, diese gegeneinander zu profilieren und Mut zu machen, sich zu erneuern.

"Neu werden" ist dabei in der biblischen Überlieferung mit ganz unterschiedlichen Bildern verknüpft. Ein Motivstrang betont die Loslösung vom Alten. In mächtigen Worten wird Jesu Sieg verkündet. Oder die Verdammung alles Schlechten im Gericht. Alt und Neu wird dabei (wie in dem Text aus dem Korintherbrief) positiv und negativ konnotiert gegenübergestellt. Die Pointe lautet hier: Gott hat Macht über alles und setzt seinen guten Plan (auch mit Gewalt gegen das Böse) durch. Der andere Motivstrang betont die Kontinuität zwischen dem, was ist/ war und dem, was sein wird / sein soll. Hier geht es eher um Verwandlung. Darum, dass wir von Gott mit Kraft ausgestattet werden, neu zu sein. Paulus schreibt: Mit Christus sterben und leben wir, in Christus sind wir eine neue Kreatur. Die Idee, die dahintersteht, leuchtet in 1 Joh 3 auf. Als Gottes Kinder wird (an) uns offenbar werden, was wir heute schon sind.

Je nach theologischer Überzeugung, persönlicher Stimmung und den Themen, die gerade dran sind, wird vielleicht die eine oder andere Vision vom "Neuwerden" in der Predigt bevorzugt werden. Spannend wäre es aber, genau die andere auf ihr Wahrheitsmoment für das diesjährige Jubelfest am 3. Sonntag nach Ostern hin abzuklopfen. Was könnten Sonntagsgottesdienst oder Seniorengruppe gewinnen und verlieren, wenn sie diesen oder jenen Weg zur Veränderung einschlagen würden? Und wie wäre es, wenn sie entgegen des Sonntagsmottos "alt blieben"? Braucht Afghanistan oder die Reichtumsverteilung in Deutschland eher ein "Neuwerden" mit Verdammung des Alten? Oder wäre auch eine Verwandlung konkret vorstellbar? Was könnte für's Offenbarwerden meiner Gotteskindschaft demnächst bei mir neu werden? Oder bei Frau Müller oder Herrn Schmidt? Selbst würde ich wahrscheinlich nicht zu so eindeutigen Aussagen wie die drei Bibeltexte zum Sonntag kommen. Das könnte Kleinmut sein. Oder dem Geheimnis im Wort Gottes Raum lassen.

Unabhängig davon, wie neu ich es mir wünsche und wie anders Gott von uns träumt, ist es ein Gutes, das Neugewordene zu bestaunen. Das neue, andere und nachhaltigere Leben kann mit diesem Staunen anfangen. Über Großes und Kleines. Über den vielbesungenen Mandelzweig (EG.EKHN 613), der sich in Blüten wiegt, gemeinsam mit allem, was kräucht und fleucht (EG 509). Gleichwohl schwingt hier nicht nur die Freude über die Verwandlung und Überwindung des kraftlosen Spätwinters und des grauen Novembers mit - beides scheint im Augenblick ewig lang her zu sein. Wer jetzt Gott lobt, weiß, dass der Herbst wiederkommt. Dass im Schöpfungsplan ein baldiges Ende dieser Blüten vorgesehen ist, dass auch die Tiere sterben und verwesen werden.

Vor diesem Hintergrund scheinen die Wünsche, neu zu werden, als eitle Unterfangen unter der Sonne. Und das sind sie wohl auch gar nicht so selten. Trotzdem und gerade ist die Erinnerung an die biblischen Visionen vom Anders- und Neuwerden für Kirche und Gemeinde, für Einzelne und die Gesellschaft lebenswichtig. Nicht nur, wenn es um nachhaltigere Entwicklung, ökologisches Denken oder fairen Handel geht. Die Welt in der wir leben, der Alltag, mit dem wir uns arrangieren, die Dinge, die wir gestalten - sie sind noch nicht alles. Einer bleibt bei der Herde, auch wenn der Wolf kommt (Joh 10). Die Trübsal ist zeitlich, während die Herrlichkeit ewig währt (2 Kor 4). Wir werden ihm gleich sein und ihn sehen, wie er ist (1 Joh 3). Nur einmal im Jahr ist Frühling samt Ostern und Pfingsten. Manchmal liegt Klage statt Jubel auf der Zunge. Nicht immer hat man blühende Blumen vor der Nase. Aber das Neuwerden lässt sich oft gar nicht verhindern. Mal bewusst gestaltet, mal erzwungen. Möge es von dem gesegnet sein, der auch das Alte geschaffen hat.
Johannes Merkel, Dreieichenhain


Literatur:
Dorothee Sölle: Es muß doch mehr als alles geben
Gerd Theißen: Die Religion der ersten Christen
Martin Nicol: Weg im Geheimnis
Jubilate …!

29.4.12 Merkel
(© MEV)
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4. Sonntag der Osterzeit


evang. Reihe IV:
2 Kor 4, 16-18
kath. 1. Lesung:
Apg 4, 8-12
kath. 2. Lesung:
1 Joh 3, 1-2
kath. Evangelium:
Joh 10, 11-18